A/N: Seit 01.01.2013 ist die Reihenfolge der Englischen Version angepasst, und Kapitel 2 und 4 haben die Plätze gewechselt.


Er, der Monster erschlägt, ist notwendigerweise schrecklicher als jedes Monster, nicht wahr? Wie sonst könnten die Monster ihn fürchten?

Das Wort 'Parade' hatte für das vierjährige Kind bisher keine Bedeutung gehabt. Es war jedoch ein Wort, das er nun zu begreifen begann, während Begriffe wie 'Amtsantrittszeremonie' und 'Sektorengouverneur' beliebige Silbenstränge blieben, die geradewegs über seinen Kopf hinwegsegelten. Parade bedeutete Aufregung, seltsame Kleider, schubsende Menschenmengen – selbst auf dem Lieblingsbalkon seiner Tante; bedeutete zahllose neue und wundervolle, erschreckende, faszinierende Anblicke und Geräusche.

Die Truppen in ihren makellosen Marschformationen glitzerten in der Sonne und waren daher faszinierend – aber nur sehr kurzfristig. Die Geher in all ihrer bedrohlichen Majestät waren offensichtlich "Hunde!" und lösten eine etwas hitzige Diskussion aus, was solch ein großes – und metallisches – Vieh wohl essen mochte oder nicht; und Nein, er konnte keinen bekommen, nicht einmal einen kleinen, da blieb seine Mutter eisern. Die Staffel TIEs, die röhrend über den Himmel zogen, brachten das Kind bei ihrem ersten Überflug zum Weinen, aber er winkte ihnen mit Begeisterungsschreien nach, als sie sich schließlich zurück zu den Sternen erhoben. Als all diese grimmige Pracht weiter gezogen oder zum Stillstand gekommen war, erwartete der kleine Junge, dass jetzt etwas noch Eindrucksvolleres folgen würde. Er war zutiefst enttäuscht, als ein ziemlich normal aussehender Mann auf einem nahe gelegenen Podest anfing zu reden und zu reden und einfach nicht mehr aufhören wollte.

In der verzweifelten Suche nach etwas, irgendetwas, das interessanter war als der redende Mann, lehnte sich der Vierjährige so weit nach vorne, wie der festen Griff seiner Mutter es erlaubte, und sah sich um. Die Nachmittagssonne warf lange Schatten über den Platz, und einer davon kroch langsam auf die Tribüne vor dem Gouverneurspalast zu. Genau genommen lag ein Stück Schatten schon auf dem rückwärtigen Teil der Tribüne, dachte der Junge, bis ein plötzlicher Windstoß nicht nur die Banner zum flattern brachte, die von jeder erdenklichen Oberfläche hingen, sondern auch dieses lose Stück Schatten. Er sah genauer hin. Etwas Riesiges und Bedrohliches stand dort, eine vage humanoide Gestalt, hochgewachsen und düster, mit einem schwarzen Mantel, der sich hinter ihr blähte wie finstere Schwingen. Die große Kreatur machte dem kleinen Kind Angst.

"Ist das ein Monster?", fragte er in eingeschüchtertem Flüsterton, und wies auf das ominöse, zum Leben erwachte Stück Schatten.

Seine Mutter sah geschockt aus und fing an zu stottern, aber sein Onkel Jufa, ein Mann den der Junge selten zu Gesicht bekam, lachte auf eine unfreundliche Art und sagte: "Ein Monster? Verdammt richtig, er ist ein Monster; das Monster, das alle anderen Monster davonjagt."

Für den kleinen Jungen ergab das perfekten Sinn. Monster waren furchteinflößend, da war es nur folgerichtig, dass sie nur vor etwas Angst hatten, das noch fürchterlicher war.

Oo oo oo oo oo oO

Stark aufgekratzt, aber gleichzeitig übermüdet von all der Aufregung des Tages, wurde das Kind am Abend zeitig ins Bett geschickt. Er wusste es besser, als sich mit seiner Mutter anzulegen, wenn sie diesen gewissen Ausdruck im Gesicht hatte, und das Beste was er seinem Kindermädchen abschwatzen konnte, war, sich aus seinem Lieblingsbuch Geschichten vorlesen zu lassen, wenn er dafür ohne Gegenwehr in seinen Schlafanzug stieg. Obwohl er eifrig das Gegenteil beteuerte, war der Vierjährige eingeschlafen, ehe die erste Geschichte auch nur halb zu Ende war.

Allerdings war er eine Stunde vor Mitternacht bereits wieder wach. Der Raum lag größtenteils im Dunkeln und das Kind drückte seinen Lieblingsstoffwookiee enger an sich. Jedes Mal wenn sie Onkel und Tante besuchten, wurde die Familie im selben Trakt in einem Seitenflügel des Palasts untergebracht, also hatte er schon früher in diesem Zimmer geschlafen, aber er mochte es ganz und gar nicht. Es gab hier Unmengen an finsteren Nischen und unbekannten Möbelstücken, die alle wie dafür geschaffen waren, Monstern im Dunkeln Unterschlupf zu bieten. Sein Kindermädchen schlief zwar auch im selben Raum, er konnte sogar ihr leises Schnarchen hören, aber die alte Irem war zur Monsterabwehr denkbar ungeeignet, weil sie standhaft leugnete, dass sie überhaupt existierten.

Das Kind grub sich tiefer unter seine Decke und wünschte sich seine Taschenlampe dabei zu haben, denn schließlich war Licht das einzige, wovor sich Monster fürchteten.

Dann setzte er sich abrupt auf. Das stimmte so nicht mehr, oder? An genau diesem Nachmittag hatte er etwas – oder jemanden? das Kind war sich da nicht so sicher – gesehen, vor dem sogar Monster Angst hatten.

Ehe die Monster seinen Plan erraten und von unter dem Bett nach ihm schnappen konnten – und ehe sein Kindermädchen aufwachte, was den Plan ebenso gründlich ruiniert hätte – war der Vierjährige durch die Tür geschlüpft und trottete auf bloßen Füßen geräuschlos durch den beleuchteten Korridor davon.

Musik und Gelächter drangen schwach vom Hauptflügel herüber, und der kleine Junge folgte den Klängen. Es kam ihm nicht in den Sinn, dass 'das Monster, das alle anderen Monster davonjagt' sich nicht unter den lachenden Feiernden befinden mochte.

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Binnen kurzem stieß er jedoch auf ein unerwartetes Hindernis. Sturmtruppen patrouillierten den Gang, dem er vorgehabt hatte zu folgen, und obwohl er alt genug war, um zu wissen, dass es sich dabei nicht um Schneemänner handelte (auf mysteriöse Weise zum Leben erwacht), wie einer seiner Spielkameraden sie nannte, so war er doch auch alt genug, um zu begreifen, dass die weißgepanzerten Männer ihn aller Wahrscheinlichkeit nach zurück ins Bett schicken würden. Er duckte sich in eine reich verzierte Nische und dachte stirnrunzelnd nach.

Die Gartenseite! Im Gegensatz zu den Balkonen auf der Vorderseite des Palasts, waren die Balkone auf der Gartenseite in einem durchgängigen Stück gebaut und wurden nur durch kunstvoll verzierte Trennwände unterteilt. Wie er bei seinem letzten Besuch herausgefunden hatte, konnten die Trennwände umgangen werden, indem man sich auf der einen Seite durch das Geländer zwängte – zu verschnörkelt um jemandem seiner Größe viel in den Weg zu stellen – sich außen an der Trennwand vorbeihangelte und auf der anderen Seite wieder nach innen kroch. Sein Kindermädchen hatte fast einen Herzanfall erlitten, als sie ihn auf halbem Weg durchs Geländer erwischt hatte, sechs Stockwerke über der Erde, und hatte ihm strengstens verboten, das je wieder zu versuchen. Aber sie hatte nichts davon gesagt, von einem Balkon zum nächsten zu klettern. Und außerdem waren das hier besondere Umstände, entschied der Junge.

Wie er gehofft hatte, gab es auf den inneren Balkonen keine Wachen, und so kam er ohne Zwischenfall an den Großen Ballsaal heran. Er war gerade dabei, in den letzten der unbeleuchteten Balkone zu klettern, als etwas im Schatten ihn anfauchte. Das Kind erstarrte. Einen Augenblick lang herrschte Stille, dann ertönte ein weiteres Fauchen und dann kam einer der Schatten auf ihn zu, mit im Dunkel rot glühenden Lichtern. Im ersten Schrecken wich der kleine Junge zurück, aber hinter ihn war nichts als leere Luft. Wild nach einem Halt jenseits seiner Reichweite greifend, fiel er mit einem Japsen nach hinten, zu geschockt um auch nur zu schreien.

Ein fester Griff hielt seinen Fall auf, er wurde über das Geländer gehievt und dann packte ihn eine riesige Faust am Schlafanzugvorderteil. An dieser Reihenfolge war irgendwas verkehrt, das war dem Kind klar, aber dann machten sich alle klaren Gedanken aus dem Staub, denn 'das Monster, das alle anderen Monster davonjagt' starrte auf ihn herunter. Sein genialer Plan kam ihm plötzlich viel weniger genial vor. Was wenn das Monster kleine Jungs auffraß, so wie die Krayt-Drachen, von denen ihm sein Kindermädchen erzählt hatte?

"Ich fresse keine kleinen Jungs", grollte eine Stimme, so tief und nahe, dass er sie bis in seine Knochen vibrieren spüren konnte.

Dem Jungen fiel die Kinnlade runter. Das Monster konnte Gedanken lesen!

"Das kann ich. Aber wer hat Dich gelehrt, mich ein Monster zu nennen, Junge?"

"Cool!", entfuhr es dem Vierjährigen. Dann fiel ihm auf, dass man ihm eine Frage gestellt hatte, und weil seine Mutter und sein Kindermädchen ihr Bestes getan hatten, ihm Manieren beizubringen, bemühte er sich, sie richtig zu beantworten.

"Jufa hat gesagt, Du wärst das Monster, das alle anderen Monster davonjagt, und ich dachte... ichdachteDukönntestdieMonste r in meinemSchlafzimmerdavonjagen ." Von Angesicht zu, äh, Brustkasten mit dem Monster klang das überhaupt nicht mehr nach einem tollen Plan. "Tut mir leid, Sir", fügte er prophylaktisch hinzu.

Da war ein wirklich seltsames Geräusch. Dann ein Fauchen. Dann ein anderes seltsames Geräusch, ein bisschen wie ein ersticktes Lachen und ein Fauchen gleichzeitig. Und noch ein Fauchen. Das Fauchen war nicht gegen ihn gerichtet, begriff der Junge, das war einfach etwas, dass das Monster die ganze Zeit über tat. Was Sinn machte, denn es war ein furchteinflößendes Geräusch, und man konnte sich ja nie sicher sein, dass nicht noch irgendwo andere Monster in den Schatten lauerten, wenn man sie nicht ständig davonjagte.

"Also schön", drang das tiefe Grollen durch seine Überlegungen, "lass uns ein paar Monster jagen gehen." Und dann klemmte ihn das Monster – es hatte ihm nicht gesagt, dass er es irgendwie anders nennen sollte, oder? – fest unter einen Arm… und sprang oben aufs Geländer.

"Cool!", hatte das Kind kaum Zeit zu denken, geschweige denn laut zu wiederholen, ehe die hochgewachsene Gestalt einen weiteren Sprung machte, dieses Mal über den Teil der Trennwand hinweg, die über das Geländer hinausragte. Auf diese unglaublich Art und Weise brachten sie die Gartenbalkone schnell hinter sich, und der Vierjährige erinnerte sich gerade noch rechtzeitig, dass sein Kindermädchen ja noch in seinem Raum schlief, ehe der schwere Tritt des Monsters sie aufweckte. Auf seine geflüsterte Warnung hin winkte die schwarzbehandschuhte Hand auf eine seltsame Art in Richtung auf Irems Bett, ehe ihm verkündet wurde, "sie wird bis zum Morgen nicht aufwachen."

Nachdem nun dieses Detail geklärt war, setzte das Monster den kleinen Jungen auf seinem Bett ab, ehe es etwas metallisches in seine Hand rief und daraus eine zischende rote Flamme entzündete, die länger war als der Vierjährige selbst. Das Kind sah mit vor Erstaunen offenem Mund zu, wie das Monster die blutrote Flamme im Raum herum schwang und durch sämtliche Schatten schnitt, die eventuell einem Monster als Versteck hätten dienen können, ehe es die Flamme wieder verschwinden ließ und den Raum für nun und für immer als monsterfrei erklärte.

Der kleine Junge bezweifelte diese Aussage nicht für eine Sekunde.

Die schwarzbehandschuhte Faust, fast ebenso groß wie der Kopf des Vierjährigen, berührte für einen Augenblick seine Stirn, kühl und überraschend sanft.

„Schlaf jetzt, Junge, und hab nie wieder Angst vor Monstern in der Dunkelheit", grollte die tiefe Stimme, und das Kind war eingeschlafen, ehe sein Kopf auf dem Kissen aufkam.

Oo oo oo oo oo oO

Viele Jahre später dachte die alte Irem zurück, und machte den Tag, an dem der Junge, den mehr sie aufgezogen hatte als seine eigene Mutter, absolut furchtlos geworden war, wann auch immer Dunkelheit oder seltsame Kreaturen im Spiel waren, als den fest, an dem sie unerklärlicherweise beim Erwachen einen leichten Geruch nach Ozon festgestellt hatte. Die sich daraus ergebenden Tollkühnheiten hatten sie über die Jahre viele graue Haare gekostet.

Während sie zusah wie ihr früheres Ziehkind, nun ein junger Mann, mit einem Lächeln auf den Lippen an Bord eines Schiffes ging, das dazu bestimmt war die Unbekannten Zonen zu erforschen, fragte sie sich, nicht zum ersten Mal, was ihm dieses unerschütterlicher Selbstvertrauen gegeben hatte. Ihr einziger Hinweis waren ein paar kryptische Worte, ausgesprochen vor fast einem Jahrzehnt und seitdem wohl schon längst vergessen, dass das einzige Ding, das schrecklicher war als jedes Monster, sein Freund sei.