Das Speakers Corner war ein berühmtes, mit viktorianischen Eisenzäunen gesicherter Teil des londoner Hyde-Parks. Es war der bekannte Teil der englischen Diskussionskultur, dass sie zwar in einer konstitutionellen Mornachie lebten, aber der Brite die Freiheit genoss sich mitten in London auf eine Holzkiste zu stellen und alles zu erzählen, was ihm gerade auf dem Herzen lag.
Heute war jedoch wenig los. Es nieselte leicht und niemand verspürte den Drang sich Luft zu machen über die Regierung, die Queen und die schon wieder gestiegenen Fahrpreise der U-Bahn.
Severus Snape stand mitten in diesem Heiligtum britischer Diskursfindung und wartete im Nieselregen. Er hatte eine Wollmütze auf dem Kopf und zog den Kragen seines Mantels dichter an sich, während er unter einem Baum stand. Er sah auf seine Armbanduhr. Wie immer kam Dumbledore zu spät. Für den Schulleiter war Zeit schon immer relativ gewesen. Vielleicht lag es auch an seinem Alter. Nach 150 Jahren kam es auf eine Stunde mehr oder weniger auch nicht mehr drauf an.
Severus hatte heute Morgen durch Fawkes eine Aufforderung erhalten ihn zu treffen. Er hatte keine Ahnung worum es ging. Albus legte nicht besonders viel Wert darauf ihn in seine Pläne einzuweihen. Severus hatte nur zur Stelle zu sein, wen er ihn verlangte. Fast so als sei er wieder bei den Todessern.
Schließlich vernahm er ein leises pflop neben sich. Severus drehte sich um und erblickte Dumbledore. Der Schulleiter trug einen langen, schwarzen Mantel, Anzug und Krawatte. Auf seinem Kopf saß sein alter Herrenhut. Wäre sein langer, weißer Bart nicht gewesen hätte er perfekt in die londoner Geschäftigkeit gepasst.
„Was ist so wichtig?", fragte Severus mürrisch, ohne ihn zu begrüßen. Er hatte ihn schließlich über eine Stunde im Regen warten lassen.
„Wir beide machen einen Ausflug.", antwortete Albus im Plauderton.
„Ach, wie schön.", knurrte Severus.
Dumbledore hielt ihm die Hand hin.
„Jetzt machen Sie schon.", sagte Albus.
Severus griff zögerlich nach der Hand des Schulleiters. Hoffentlich hielt sie keiner für ein Päärchen.
Sie apparierten und einen Augenblick später tauchten sie vor dem Tor einer Villa wieder auf. Severus ließ Albus' Hand los.
Am Tor pragte ein goldenes Schild auf dem in schwarzen Lettern stand:
Damocles Belby Sanatorium
Mitglied der St. Mungos Gesellschaft
„Moment mal, das ist 'ne Psychiatrie.", sagte Severus.
„Scharfsinnig wie immer.", kommentierte Albus kühl.
Dumbledore öffnete das Tor und sie gingen hindurch.
Die Villa war ein alter Jugendstilbau mit einer ausgedehnten Grünanlage, die von hohen Mauern umgeben war. Severus machte es stutzig, dass das obere Ende der Mauer mit Stacheldraht gesichert war. Auf ihn wirkte das mehr wie ein Gefängnis, denn ein Krankenhaus.
„Was tun wir hier?", fragte Severus.
„Wir besuchen einen alten Freund."
Severus steckte die Hände in seine Manteltaschen und trabte Dumbledore zum Eingang hinterher. Er war sich ziemlich sicher, dass es keiner seiner Freunde sein konnte. Davon gab nicht besonders viele und keiner von ihnen war in einer Psychiatrie für Magier.
Sie durchschritten das große Eichenportal und betraten die Villa. Der Eingangsbereich war mit schwarz-weiß karierten Marmor ausgelegt. An der Rezeption saß ein Pfleger in einem weißen Kittel. Er war in einen Artikel des Tagespropheten vertief.
Dumbledore räusperte sich. Der Pfleger sah auf.
„Guten Tag, wir sind hier, um jemanden abzuholen."
„Name?", fragte der Mann gelangweilt.
„Remus Lupin.", antwortete Albus.
Severus zog die Augenbrauen hoch. Er hatte sich doch bestimmt verhört?!
Der Pfleger kramte nach einem großen Buch und blätterte darin herum.
„Ah ja, liegt im L-Trakt. Durch das Gitter und dann rechts. Gar nicht zu verfehlen."
Albus nickte und sie gingen durch die Gittertür am anderen Ende des Raums. Der Flur führte sie durch weiße, sterile Gänge. Die äußeren Fenster waren vergittert und es gab Sicherheitspersonal mit Schlagstöcken, die weiße Lederrüstungen trugen. Severus bekam ein ungutes Gefühl.
Schließlich landeten sie vor einer Tür mit dem rot umrandeten Buchstaben L. An der Eingangstür war ein Schild angebracht.
Lykanthrophiestation
Anweisungen des Sicherheitspersonals ist immer Folge zu leisten!
Die Station dahinter war ebenso steril wie der Rest des Krankenhauses. An der Rezeption saß eine Schwester hinter einer hölzernen Theke. Dahinter lag der Flur mit Bänken und Stühlen für die Patienten. Es gab einen Tisch mit einer Blumenvase in der ein einsames Blümschen verwelkte.
Im vorbeigehen spähte Severus in eines der Zimmer. Innen befanden sich keine normalen Betten, sondern Liegen mit Lederriemen, um die Patienten zu fixieren. Erleichterte man so einem Werwolf sein verfluchtes Dasein? Indem man ihn einsperrte und ankettete? Severus hatte da so seine Zweifel.
„Entschuldigen Sie.", sagte Albus an die Schwester hinter der Theke gewandt. „Wir möchte gerne jemanden abholen. Er heißt Remus Lupin."
„Wir haben Sie erwartet.", antwortete die Schwester. „Ich zeige Ihnen sein Zimmer."
Sie folgten der Schwester zu einem Zimmer an dessen Tür ein Klemmbrett angebracht war.
R.J. Lupin
Lykanthroph Stufe 3
Behandelnder Arzt Dr. Charlsteen
Severus atmete tief durch, bevor er mit Dumbledore das Zimmer betrat. Er hatte Lupin fast 15 Jahre lang nicht gesehen. Seit ihrer Schulzeit war viel passiert, dennoch war er nervös. Er wusste nicht, was passieren würde, wenn sie sich wieder begegneten.
Lupin stand vor dem vergitterten Fenster seines Zimmers und blickte nach draußen. Er trug ein weißes Hemd und Hosenträger, die seine ausgewaschene, Jeans festhielten. An seinen Füßen trug er ein paar abgetragene Chucks.
Auf der Liege stand sein Koffer bereit, ebenso wie ein verschlissenes, braunes Tweet-Jackett.
Als sie eintraten wandte er sich um. Sein braunes Haar hatte einige, graue Strähnen, obwohl er kaum älter war als Severus. Zudem trug er Koteletten und einen Kinnbart. Sein Gesicht war von zahlreichen, alten und neuen Narben gezeichnet. Severus stutzte als er bemerkte, dass Lupin eine Fliege trug. Eine Fliege? Ernsthaft?
Severus erinnerte er mehr an seinen alten Uni-Professor denn an den Jungen, den er aus Hogwarts kannte und der immer mit James Potter und Sirius Black herumgehangen hatte.
„Remus.", begrüßte Dumbledore Lupin schlicht.
Der wandte sich um und blickte müde von dem Schulleiter zu Severus. Er zeigte keine sichtbare Reaktion auf ihn, sondern gab Dumbledore die Hand.
„Ist alles bereit?", fragte Dumbledore.
„Ja." Lupin nickte. Sein Blick blieb einmal mehr an Severus hängen. „Weiß er es schon?"
Severus stuzte und fragte sich einmal mehr was hier eigentlich vor sich ging.
„Was weiß ich schon?", fragte er.
Albus holte eine Ausgabe des Tagespropheten aus seiner Manteltasche und drückte sie Severus in die Hand. Auf der Titelseite pragte das Fahndungsfoto eines alten Bekannten: Sirius Black.
Haben Sie diesen Zauberer gesehen?, fragte die Schlagzeile erstaunlich sachlich.
„Moment, was ist hier los?", fragte Severus. „Albus, ich verstehe nicht, was ..."
„Sirius Black ist aus Askaban entkommen.", kam Lupin dem Schulleiter zuvor. „Ließt du keine Zeitung?"
„Hatte in den letzten Wochen viel um die Ohren.", antwortete Severus.
In der Tat. Nach dem Ende des Schuljahrs hatte er viel worum er sich kümmern musste. Den ganzen Ärger mit der Kammer des Schreckens hatte er Albus überlassen, aber entgegen aller hartnäckigen Gerüchte besaß Severus Snape auch noch ein Privatleben und einen heiklen Versicherungsfall seitdem einige Vampire beschlossen sein Haus in Bristol in die Luft zu sprengen. Um die Welt der Magier hatte er sich kaum gekümmert. Seiner Meinung nach hatte sein Leben genug Baustellen.
„Das Ministerium ist in höchster Alarmbereitschaft. Remus hat sich bereit erklärt uns zu helfen.", erklärte Dumbledore.
„Uns?", fragte Severus. Das hatte Albus mal wieder nicht in einem Brief schreiben können!
„Ich stelle Remus als Lehrer ein."
Severus zog die Augenbraunen nach oben.
„Ich halte das nicht für Ihre genialste Idee.", kommentierte er.
„Severus ...", wollte Dumbledore schon anfangen ihn zu belehren, doch er fiel ihm ins Wort.
„Er ist ein Werwolf. Warum ist er wohl hier? Wohl kaum, weil er sich so gut im Griff hat."
„Sie habe ich doch auch eingestellt.", bemerkte Albus lapidar.
„Ja, das haben Sie und das obwohl ich nach meiner eigenen Einschätzung absolut ungeeignet bin. Das ist aber nicht der Punkt. Ich verwandle mich bei Vollmond nicht in einen großen, bösen Wolf, der Leute zerfleischt!", entgegnete Severus.
„Wenn es wegen dem Vorfall ist ...", unterbrach Lupin.
Severus schnaufte geräuschvoll. Das war ja nun schon ewig her. Und darum ging es ihm auch gar nicht.
„Es geht hier nicht um uralte Geschichten aus unserer dumme-Jungen-Phase. Es geht darum, dass er eine Gefahr für sich selbst und andere ist.", sagte Severus.
„Und du kannst das einschätzen?", fragte Lupin.
„Zumindest weiß ich, dass es nicht gut ausgehen wird, wenn ein Werwolf Kinder unterrichtet."
„Ach, und bei einem verurteilten Todesser ist das wohl besser?" Lupin reagierte gefasst, doch Severus spürte wie der alte Groll in ihnen beiden wieder hochkam. Uralte Geschichten, tatsächlich.
„Ich hab meine Strafe abgesessen und neige wenigstens nicht dazu einmal im Monat dem Wahnsinn zu verfallen."
Dumbledore stellte sich zwischen sie, bevor ihr Wortgefecht die Chance hatte zu eskalieren.
„Hört auf, alle beide! Es geht hier nicht um eure Streitigkeiten! Wenn Black wieder draußen ist, dann brauche ich Sie beide und zwar bei Verstand und nicht als streitendes Ehepaar!"
Severus verschränkte die Arme vor der Brust. Das konnte ja heiter werden.
„Remus, kommen Sie mit. Es wird Zeit, dass Sie hier raus kommen."
Remus Lupin taxierte Severus abschätzend und nahm seinen Koffer und sein Jackett vom Bett. Sie gingen wieder nach vorn. Dumbledore zeichnete die Krankenhausdokumente ab. Offenbar hatte er selbst dafür gesorgt, dass Lupin entlassen wurde. Severus trottete den beiden mit etwas Abstand hinterher.
Er war nicht direkt wütend, aber es wurmte Severus, dass Albus ihn mal wieder nicht in seine großen Pläne eingeweiht hatte. Wie sollte er eigentlich ein Auge auf Potter haben, wenn Dumbledore immer quer schoss? Ein Werwolf in Hogwarts und Sirius Black auf freien Fuß machten ihm die Arbeit nicht gerade leichter.
„Und wie geht es jetzt weiter?", fragte Severus als sie wieder an der frischen Luft waren.
„Das Ministerium hat die Großfahndung ausgerufen und es gibt die Einschätzung, dass Sirius Black sich auf die Suche nach Harry Potter machen wird. Des weiteren wurden Dementoren in alle größeren Einrichtungen entsandt."
Severus blieb stehen.
„Heißt das etwa ...?", fragte er.
„Ja, Severus, genau das heißt es. Die Dementoren kommen nach Hogwarts.", antwortete Dumbledore. „Ich beordere Sie mit sofortiger Wirkung zurück nach Hogwarts. Remus habe ich für eine andere Aufgabe vorgesehen. Sie müssen jedoch beide ein Auge auf den Jungen haben. Ich habe bereits Arthur und andere Leute vom alten Orden kontaktiert. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass Sirius Black, sollte es zum Äußersten kommen, nicht in seine Reichweite kommt."
„Glauben Sie diese Geschichte, die man sich über ihn erzählt?", fragte Severus. „Dass er Pettigrew getötet hat?"
„Wenn die Presse das sagt wird es wohl stimmen müssen.", bemerkte Lupin grimmig.
„Glauben Sie es denn?", fragte Albus.
„Ich glaube, dass etwas an der Sache faul ist. Niemand entkommt aus Askaban.", antwortete Severus.
„Scheinbar doch.", sagte Dumbledore.
Severus wusste nicht, was er von alldem halten sollte. Von dem schnellen Treffen, davon dass sie Lupin holten und davon, dass Black nach so langer Zeit aus einem Gefängnis entkommen konnte, dass man bekannter Maßen nur auf richterlichen Beschluss oder im Leichensack verließ. Severus hatte dort selbst eingesessen. Er wusste, was es hieß in Askaban zu sitzen. Das Sicherheitssystem war unüberwindbar und sollte es trotz aller Unwahrscheinlichkeiten jemand an Zäunen, Stacheldraht, Wachen, Hunden und Dementoren vorbei schaffen, dann war da immer noch die Strömung. Das Gefängnis lag auf einer Insel vor der Küste, die von einer mörderischen Strömung heimgesucht wurde. Man konnte nicht einfach ans Festland schwimmen. Die Felsen waren messerscharf. Die Strömung brutal. Selbst Schiffe hatten es dort schwer. Es war unmöglich das zu überleben.
„Jemand muss ihm geholfen haben.", sagte Severus.
„Spekulation.", antwortete Dumbledore.
„Ich war selbst in Askaban. Diese Insel verlässt niemand lebend. Wenn Sie also mehr wissen, dann sollten Sie damit herausrücken!"
„Ich weiß nicht mehr als Sie und die Zeitungen. Das ist ja gerade das Problem.", antwortete der Schulleiter.
Severus behielt seine Zweifel für sich. In den letzten zwei Jahren war zu viel passiert. Er fragte sich hin und wieder, ob er Albus noch vertrauen konnte. Der alte Magier pokerte gern und hoch und es interessierte ihn nur wenig, ob er dabei vielleicht die Leben anderer mit in den Abgrund riss.
Sie stoppten gemeinsam an der Straße.
„Severus, ich sehe Sie in Hogwarts.", sagte Dumbledore und apparierte zusammen mit Lupin.
Severus Snape blieb im Nieselregen zurück.
