2.Kapitel: Der Beginn...
„Kai!...He Kai!...KAI!" Immer lauter werdend rief jemand seinen Namen, doch der Graublauhaarige dachte nicht daran aufzuwachen. Sein Gegenüber musste schmunzeln, da Kai sonst nie so tief schlief. Sacht hob er den Schlafenden an und legte ihn in sein Bett. Leicht verwundert, das jener durch diese Aktion auch nicht wach geworden ist, legte er sich zu ihm und bettete seinen Kopf auf den Brustkorb des anderen. Der ruhige und gleichmäßige Rhythmus von Herzschlag und Atem hatte eine einschläfernde Wirkung auf den Rothaarigen. Er vergaß ganz warum er eigentlich zu seinem Teamkollegen wollte und driftete langsam, seine Wärmequelle an sich ziehend, in einen schlafähnlichen Zustand.
Dieser hielt jedoch nicht lange an, denn unter seinen Kopf begann sich nun der Körper des Jüngeren zu bewegen. Etwas verwirrt darüber das er auf einmal in seinem Bett lag und noch dazu mit einem leichten Gewicht auf der Brust, wachte Kai endlich auf.
„Was machst du hier?" Doch anstatt eine Antwort zu erhalten, wurde er durch ein „Shhh..." und einen Finger auf seinen Lippen zum schweigen gebracht. Sanft drückte Tala den halb Aufgerichteten zurück ins Kissen und verwickelte ihn in einen zärtlichen Zungenkuss. Für einen kurzen Augenblick vergaßen sie alles um sich herum. Ihre Ängste, ihre Sorgen und Gedanken. Jetzt zählten nur sie. In dem Moment als Tala beschloss Kai von seinem doch recht lästigen Shirt befreien zu wollen, klopfte es an die Tür. Es war Bryan, der anscheinend der Meinung war die Beiden an das Training erinnern zu müssen.
Argh.. wieso ausgerechnet jetzt?! Kaum merklich seufzte der Ältere genervt. Kai hingegen atmete etwas erleichtert aus. Für einen kurzen Augenblick dachte er es wäre Balkov oder gar Voltaire gewesen. Diese hätten aber garantiert nicht geklopft, da war sich Kai sicher.
„Sie sind also geschäftlich Unterwegs und haben Sayoi die Leitung übergeben." Wiederholte Kai monoton und kürzer gefasst das eben Gehörte. Sie waren gerade auf dem weg von der Dusche zu den Trainingsräumen, als ihnen der Abteiarzt, Sayoi Ushizaki, entgegen kam und den Graublauhaarigen lächelnd einen „Guten Morgen
Kai-kun" wünschte. „Du hättest echt Schauspieler, anstatt Arzt werden sollen!" war die einzigste Reaktion Kais auf sein Gegenüber. Und genau das war der Grund warum er dem Schwarzhaarigen nicht über den Weg traute. „Wie geht es deinem Arm Tala-kun?" erkundigte sich der Schwarzhaarige. „Besser!" Es genügte nur ein kurzer Blickwechsel der zwei jungen Russen und Kai verstand, das Boris dem Rothaarigen noch einen so schnell nicht vergesslichen Abend beschert hatte. Verärgert musterte Kai den Verband am linken Oberarm des Teamchefs. Dieser elende Balkov!
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zu dem, für die Demolition Boys vorgesehenen, Trainingsraum. Es lief alles seinen gewohnten Gang, bis auf die Tatsache, das die Jungen etwas entspannter wirkten. Inmitten der Trainingseinheit rief Dr. Ushizaki Kai zu sich. „Was?" fragte dieser kurz und in einem unverkennbar gereizten Ton. Im Gegensatz zu sonst sah Sayoi den kleineren mit ernster Miene an. Irrte sich der Graublauhaarige oder konnte er sogar Besorgnis in den dunkelgrünen Augen des jungen Arztes sehen? „Kai-kun komm bitte nach dem Training mit in mein Behandlungszimmer!" Dies war keine Bitte, sondern schon fast ein Befehl, so durchdringend wie ihn Sayoi ansah. Nach einer kurzen Pause des Schweigens fuhr dieser fort. „Ich möchte mit dir reden und mir deine Schulter ansehen!" Er deutete auf die rechte obere Körperhälfte des Graublauhaarigen. Wieso meine Schulter? Mit der ist doch nichts! Und worüber will er überhaupt mit mir reden? Er war verwirrt, aber wie fast immer lies Kai sich nichts anmerken.
Matsch für Matsch gewann er. Sie lenkten ihn ein wenig ab und seine rubinroten Augen strahlten eine unbändige Kampfeslust aus, als er Tala im letzten Spiel gegenüberstand.
Für einen kurzen Augenblick spürte Kai ein Ziehen in seiner rechten Schulter beim Start, doch dachte er sich nichts weiter dabei und startete seinen Blade. Das Matsch dauerte einige Zeit länger als die vorherigen. Doch zum Schluss verließen Beide die Bey-Arena als Sieger. „Komm nachher unbedingt zu mir! Wir müssen was wichtiges besprechen!" hauchte Tala dem Kleineren noch zu, bevor die einzelnen Teammitglieder in ihren Zimmern verschwanden.
In Gedanken wieder am gestrigen Abend angekommen, lief Kai dem 25-jährigen hinterher. Gerade darüber nachdenkend wie er überhaupt an die gut bewachten Akten der Blader kommen sollte, hörte er die Tür zum Behandlungszimmer hinter sich zu gehen. Erst die leicht befehlerische Stimme des Älteren holte ihn komplett in die Realität zurück. „Setzt dich und mach dein Oberkörper frei!." Kurz widmete sich der Schwarzhaarige schriftlichen Dingen zu, während Kai, sehr ungern, tat wie ihm befohlen.
Nun saß er dort und beobachtete jede Bewegung des Arztes kontrollierend und missbilligend. „Ich kann dir helfen..." Kai zuckte unter dem Druck der Hand an seiner Schulter zusammen und wollte etwas sagen, doch Sayoi lies sich nicht unterbrechen und redete unbeirrt weiter. „...an die Akten zukommen. Ich werde die Kapuzenträger ablenken, solang kannst du ungestört die Informationen suchen die du brauchst..." „Woher?.. Wieso..?..." Dieser junge Mann hatte es geschafft in nur 10 Sekunden Kai aus der Fassung zu bringen. „Lass mich bitte aussprechen. Ich wollte mit Voltaire über euer Training reden und habe so durch Zufall das Gespräch mitbekommen. In dem Moment habe ich für mich selber den Entschluss gefasst euch endgültig hier raus zu holen und dir zu helfen. Ich kann einfach nicht länger mit ansehen wie sie euch quälen!" Während er sprach tastete er weiter die Schulter des Jüngeren ab, der ihn mit einem undefinierbaren Blick ansah. „Dann wollen die anderen und Tala mit deiner Hilfe aus dieser Hölle hier fliehen, wenn ich dich richtig verstanden habe." Er sprach leise, aber Sayoi verstand ihn trotzdem gut. „Ja." Er wandte sich zu einer Schublade seines Tisches und suchte etwas. Darüber wollte Tala also mit mir reden! Man merkte das es unter dem graublauen Haar begann zu arbeiten. Konnten sie wirklich dem Abteiarzt vertrauen? Sehr oft hatte dieser ihnen schon aus heiklen Situationen geholfen. Ein paar mal haben sie ihn sogar mit Balkov reden hören, nur in diesen Momenten war er wie ausgewechselt. Gab keinerlei Emotionen preis. Log sogar Boris und seinen Großvater an, um einige der malträtierten Jungen zu schützen. Die meisten hatten, wie auch die Demolition Boys, ein schon fast freundschaftliches Verhältnis zu Sayoi aufgebaut. Und wie es schien, ohne jegliche Kenntnisnahme seitens der Abteileiter. Etwas kühles auf seiner rechten Schulter holte Kai aus seinen Überlegungen zurück. „Was..." weiter kam er nicht denn just in diesem Augenblick begann der ältere wieder mit reden und verband dabei die Schulter. „Du musst dir beim Aufprall gestern auf den Boden die Schulter verrenkt haben. Halt sie einfach in den nächsten 48 Stunden so ruhig wie möglich, dann kannst du deinen Blade auch wieder vernünftig starten, aber so wie ich dich kenne hast du wahrscheinlich noch nicht einmal mit bekommen das etwas damit nicht stimmt!" Das hatte gesessen. Für nur wenige Sekunden schaute Kai sein Gegenüber ungläubig an. Konnte sich keinen Reim darauf bilden, warum, der junge Mann ihn so gut kennen will. Sie begegneten sich vor 2 Monaten das erste mal, also zu dem Zeitpunkt als Kai wieder in die Abtei zurückkehren musste. Nicht gerade eine lange Zeit um jemanden gut kennen zu wollen , dachte sich der 16-jährige Russe. Schweigen. Kai hatte seine Fassung wieder gefunden und mit dieser eine Entscheidung. Während er sich sein Shirt überzog gab er dem Größeren zu verstehen, was er von seinen Angebot hielt. „Ich nehme deine Hilfe an!" Damit verschwand er aus dem Raum und machte sich auf den Weg zu Talas Zimmer. Siegessicher grinste der junge Arzt in sich hinein und widmete sich wieder dem schriftlichen Teil seiner Arbeit zu.
Noch immer in Gedanken sich selbst eine Schellend, lief Kai die Gänge entlang. Warum habe ich seine Hilfe angenommen? Ich vertraue ihm noch nicht einmal! Dazu hätten wir auch allen Grund. Sayoi kann verdammt gut schauspielern, dazu stellt sich noch die Frage WIE er uns hier eigentlich rausholen will. Ist das etwa eine Falle? Das würde zumindest das überstürzte Verschwinden der zwei Alten ein wenig mehr erklären.
Mit langsamen Schritten näherte sich Kai, mit seinen rubinroten Augen die Tür fixierend, seinem Ziel. Er hielt es nicht mal für nötig vorher anzuklopfen, dem entsprechend fiel auch die Reaktion aus. 8, in verschiedenen Farben glänzend, Opale blickten ihn todbringend an. Doch nur ein paar, saphirblaue, Augen strahlten schon fast Freude und Erleichterung aus, als diese erkannten, wer dort eben eingetreten war. Nicht etwa die Tatsache das die anderen Demolition Boys anwesend waren verwunderte den Graublauhaarigen. Nein, es war eher die Begebenheit das sie auf den Boden saßen und einen leichten Kreis bildeten. In der Mitte lagen Papiere ausgebreitet und erst auf den 2. oder 3. Blick erkannte Kai das es sich um Lage- und Baupläne der Abtei handelte. Zur Überraschung aller setzte sich Kai zu ihnen auf den Boden, direkt neben Tala, zeigte jedoch keinerlei Gefühlsregungen. Schloss einfach die Augen und schien abzuwarten, ob und wer anfing mit reden. Wie eine Klinge durch stach, nach Minuten der Stille, Kais Stimme die Luft. „Macht was ihr wollt! Umstimmen kann ich euch eh nicht mehr! Aber nennt mir dafür nur einen vernünftigen Grund, warum wir ihm vertrauen sollten?!" Spencer, Bryan und Ian glaubten sich verhört zu haben. Ihnen vielen auf Anhieb so einige Argumente, die für den Abteiarzt sprachen, ein. Berichteten den Graublauhaarigen im ruhigen Ton, das was der Halbrusse für sie alle schon, während er weg war, getan oder sogar erreicht hatte. Ebenfalls erläuterten sie dem desinteressiert Wirkenden, das sie unbedingt den schnellsten Weg aus diesem Gebäude finden müssten. Doch das Wann und Wie schien der Arzt noch nicht bedacht zu haben, denn darüber fiel kein einziges Wort in den Aufzählungen der Teamkollegen. Sie merkten auch schon bald, das sie mit ihrer Argumentation und den bisherigen Informationen nur noch mehr das Misstrauen in ihrem Teamkollegen auslösten. Dieser widmete sich auch schon wieder ganz seinen eigenen Gedanken. Tala hörte sich das ganze unbeteiligt an. Er schien der einzigste zu sein dem es auffiel das Kai mit Gedanken ganz wo anders war und dem Gespräch kaum folgte. Er beschloss die anderen aus seinem Zimmer zu dirigieren und noch einmal mit dem Kleineren unter vier Augen zu reden.
Kurz nachdem sich die Tür schloss, wandte sich der Rotschopf zu dem immer noch am Bodensitzenden. „Was ist mit dir los Kai?" Er machte eine kurze Pause um seine Gedanken zu sammeln und fuhr, in einem für ihn ungewohnt sanften Ton fort. „Dich beschäftigt doch etwas? Und das hat anscheinend nicht unbedingt etwas mit Sayoi zu tun." Mit wenigen Schritten stand er hinter Kai und beugte sich zu ihm runter, umarmte ihn. „Du musst nicht darüber reden, wenn du nicht willst!" Der Kleinere schmiegte sich an ihn und schien für einen Moment lang zu überlegen. Gab jedoch kein Laut von sich. Genoss lediglich die Wärme die Talas Körper ausstrahlte. Noch ein wenig mehr den Jüngeren an sich ziehend, wechselte Tala das Thema, da er keine Antwort mehr seitens Kai erwartete. „Ich bitte dich Kai, so schwer es dir auch fällt, vertrau ihm! Ich hatte auch meine Zweifel, aber er hat uns und vor allem dich vor dem Schlimmsten bewahrt. Wäre er nicht gewesen, hätten Balkov und Voltaire keine Gnade mit dir gehabt und dich nur noch in den Laboren behalten, als Rache das du sie angeblich verraten hast." Jetzt rührte sich der Körper in der Umarmung des Älteren etwas. „Definiere Verrat!" Eine unangenehme Pause entstand. Jedoch lies Kai Tala nicht zur Antwort kommen. „ Die einzigsten die ich verraten habe, sind die Bladebreakers! Tala ich habe ihnen nicht gesagt warum ich in Russland bleibe, sie denken ich habe sie wegen euch verlassen." Tala wusste nicht was er davon halten sollte. Kai hatte keinerlei Ausdruck in seiner Stimme gehabt, doch er war sich sicher, das es dem Graublauhaarigen in irgendeiner Hinsicht ernst war. Noch eine ganze Weile saßen sie so da. Gingen ihren eigenen Gedanken nach. Und trotzdem wurde Tala das Gefühl nicht los, das Kai noch etwas gänzlich anderes bedrückte. Ein Blick mit seinen saphirblau funkelnden Augen auf seinen Kleinen, wie er ihn gern in Gedanken nannte, reichte aus um festzustellen, das jener eingeschlafen war. Und zum zweiten mal an diesem Tage hob er ihn auf seine Arme und trug den Schlafenden ohne ihn aufzuwecken in sein Bett. Leicht Seufzend legte sich der Rotschopf zu dem Jüngeren und schlief auch schon bald, mit Kai in den Armen, ein.
Durch ein ziehen in seiner rechten Schulterhälfte wachte Kai auf. Jemand hatte absichtlich eine Hand auf die verbundene Stelle gelegt und rüttelte leicht daran. Gerade als er sich Lautstark beklagen wollte was das überhaupt soll, wurde ihm der Mund zugehalten. „Pssst!...Komm mit Kai-kun und versuch Tala-kun nicht zu wecken!" Geschickt befreite sich der junge Russe aus der Umklammerung des Rothaarigen und folgte der im dunkeln zu erkennenden Silhouette. Kai musste nicht lange überlegen um Stimme und Schatten einer bestimmten Person zu zuordnen.
