"Das ist doch wohl jetzt ein Scherz!" Ungläubig starrte Teresa Lisbon auf den rechten Hinterreifen ihres Wagens. "Das kann doch nicht wahr sein!"
Vor drei Minuten hatte sie einen Ruf erhalten, ihr Team bearbeitete einen neuen Fall. Rigsby und Cho befanden sich bereits auf dem Weg, waren beide doch gerade zur Mittagspause außer Haus gewesen. Blieben nur noch sie und ihr neuer Schatten Patrick Jane, der lässig am nächsten Pfeiler lehnte und sichtlich amüsiert den platten Reifen betrachtete.
"Statt da herumzustehen, könnten Sie mir helfen, Jane!" Teresa konnte im Moment nicht anders als den attraktiven Mann mit den blonden Locken anzugiften wie die wohl schlimmste Zickenkönigin der ganzen Welt.
Die Welt hatte sich heute nämlich einnehmlich gegen sie verschworen: Erst hatte ihr Wecker nicht geklingelt, dann war einer ihrer Schuhe offenbar ausgerwandert in das weit entfernte Land der verschwundenen Schuhe. Ihr Privatwagen war über Nacht dermaßen zugeparkt worden, daß sie wirklich nicht damit fahren konnte. Und zu guter Letzt hatte auch noch die teameigene Kaffeemaschine ihren Dienst für immer und ewig eingestellt.
Und die ganze, wirklich die gesamte Zeit über, hatte sie das breite Grinsen von Patrick Jane vor Augen gehabt - genau so wie er jetzt eben grinste.
Jetzt hob der ehemalige Mentalist die gut manikürten (und er wollte ihr allen Ernstes erzählen, er sei auf das Geld angewiesen, das er beim CBI verdiente?) Hände und verzog das Gesicht zu einer Miene purer Unschuld.
"Wie soll ich Ihnen denn helfen können, Agent Lisbon?" fragte er. "Ich könnte den Automobilclub anrufen."
Teresa stemmte die Hände in die Hüften. "Ihr Männer könnt doch sonst immer alles. Also könnten Sie auch den Reifen wechseln. Eine Werkstatt kann ich immer noch selbst informieren."
Jane neigte leicht den Kopf und betrachtete sie nachdenklich. "Es gibt unter der männlichen wie weiblichen Bevölkerung sogenannte Praktiker und im Gegensatz dazu eben auch Theoretiker", belehrte er sie mit einem gewissen Schalk im Blick. "Was das Thema Autoreparatur angeht, bin ich schlicht ein Theoretiker, denn ich habe nicht die leiseste Ahnung. Dagegen weiß ich, und das ist parktisches Wissen, daß wir noch einen Wagen zur Verfügung haben." Und plötzlich, scheinbar ohne daß er sich bewegt hatte, baumelte ein Schlüssel zwischen Daumen und Zeigefinger seiner Hand.
Teresa runzelte die Stirn. "Mit Ihrem Wagen?"
In dieser vorsintflutlichen Karosse? Wobei ... dieses alte französische Model reizte sie schon irgendwie. Sie hatte über diese Automarke einige Gerüchte gehört.
Jane lächelte wieder. "Wollen wir?" Er bot ihr tatsächlich seinen Arm!
Teresa atmete tief durch, dann nickte sie, auch wenn da eine vehemente kleine Stimme in ihrem Hinterkopf blieb. Irgendwas war da in Bezug auf Patrick Jane und seinen Oldtimer. Irgendetwas sollte sie darüber wissen ...
"Also?" Jane strahlte sie an wie ein Teenager, der seine Begleitung zum Abschlußball ausführen wollte.
Teresa nickte, trat an seine Seite und übersah sehr auffällig seinen ebenso auffälligen Arm.
Auf Janes Wange wuchs ein Grübchen, als sie Seite an Seite hinübergingen zur Parkbucht, in der sein alter Citroen geparkt war, doch er äußerte sich nicht zu ihrer stillen Weigerung.
Statt dessen schloß er die Beifahrertür auf und hielt ihr selbige sehr galant, damit sie einsteigen konnte.
"Vielleicht wäre es besser, wenn ich fahren würde", schlug Teresa etwas hilflos vor.
"Mein Wagen, meine Regeln - ich fahre."
War da eine kleine Warnung, die in seinen Augen glomm? Wirkte das Lächeln nicht mit einem Mal etwas gezwungen?
Mit einem deutlich schlechten Gefühl in ihrem Magen stieg Teresa endlich ein, ließ es zu, daß Jane die Tür zuschlug und um den Wagen herumging, um selbst einzusteigen.
"Bereit?" fragte er schließlich und warf ihr einen weiteren seiner Kleiner-Junge-Blicke zu. "Bitte anschnallen, meine Dame. Nächster Halt: unser neuer Tatort."
Als er den Zündschlüssel drehte, erwachte eine übergroße Raubkatze zum Leben. Teresa fühlte, wie der Motor vibrierte vor Kraft. Dann gab Jane langsam Gas - und mit einem lauten Fauchen setzte der Wagen zurück, aus der Parklücke heraus.
"Guter Gott!" Eilig gelang es Teresa, beide Hände auf die vordere Ablage zu stützen, ehe die Schwerkraft sie nach vorn ziehen konnte.
Mit einer eleganten Drehung schaltete Jane in den Vorwärtsgang, ließ im scheinbar gleichen Moment sowohl Gas wie auch Kupplung kommen, jedenfalls stand der Wagen nicht einmal für eine Millisekunde, ehe er geradezu nach vorn schoß und Teresa in ihren Sitz preßte.
Mit einem Quietschen der Reifen setzte das Schlachtschiff aus Frankreich um die Kurve, während der Fahrer weiter beschleunigte.
"Sind Sie denn irre?" entfuhr es ihr.
Jane warf ihr einen irritierten Blick zu. "Warum?"
Der Ausgang des Parkhauses näherte sich mit Riesenschritten - und mit diesem Ausgang näherte sich mindestens ebenso schnell die rot-weiß lackierte Schranke.
Teresas Augen wurden groß. Vor ihrem inneren Auge erschien die nächste Szene: Wie der Wagen gegen eben jene Schranke prallte und sie, ganz hollywoodlike, abtrennte. Metall würde sich verbiegen, vielleicht sogar die Frontscheibe zersplittern. Möglicherweise würde der Motor beschädigt. Ganz zu schweigen von den Ärger, den sie beide bekommen würden ...
Doch irgendwie gelang es Jane, ebenfalls wieder ohne anzuhalten, seinen Parkausweis so punktgenau in den richtigen Schlitz zu stecken, daß die Schranke sich gerade noch rechtzeitig öffnete, um sie durchzulassen.
Teresa rutschte tiefer in ihren Sitz hinein.
Jane fuhr, gelinde gesagt, wie ein verhinderter Indy-Pilot. Der Wagen, dieses ausländische Schlachtschiff, lag zugegeben gut auf der Straße, die sie benutzten, um zum nächsten Freeway zu gelangen. Was dann allerdings geschehen würde, wagte Teresa sich gar nicht vorzustellen.
"Es gibt Regeln für den Straßenverkehr", wagte sie endllich zu bemerken, nachdem sie wohl zum tausendsten Mal das imaginäre Bremspedal auf der Beifahrerseite benutzt hatte.
Jane warf ihr einen Blick zu.
"Sehen Sie auf die Straße!"
"Okay ..."
Erneut fühlte sie seinen Blick auf sich.
Himmel, wollte dieser Kerl sie denn beide umbringen?
An der nächsten Kreuzung nahm er die Kurve mit soviel Schwung, daß Teresa froh war, angeschnallt zu sein.
"Alles in Ordnung bei Ihnen?" fragte Jane nach einer Weile.
Teresa kämpfte mit ihrem frühen Mittagessen, während der Straßenrand an ihr vorübersauste.
"Sie sehen nicht sonderlich gut aus, wissen Sie?" fuhr Jane fort.
"Konzentrieren Sie sich aufs Fahren", brachte Teresa irgendwie hervor. Vor ihrem geistigen Auge konnte sie sehen, wie er abschließend mit den Schultern zuckte.
Die Auffahrt zum Freeway.
Teresa sank immer weiter in ihrem Sitz zusammen, machte sich immer kleiner in der Hoffnung, so diesem Alptraum entkommen zu können.
Womit hatte sie denn nur diesen Fahrer verdient? Patrick Jane fuhr, gelinde gesagt, wie er lebte: Ohne Rücksicht. Sein Fuß schien geradezu mit dem Gaspedal verwachsen zu sein.
"Sie fahren zu schnell", wagte sie zu bemerken, nachdem ein Blick auf das Tachometer ihr genau dies mitgeteilt hatte.
Jane hob die ihr zugewandte Braue. "Ich fahre schnell genug", antwortete er.
DAS tat er definitiv nicht!
"Hier sind nur 70 erlaubt", fuhr sie fort und erntete einen weiteren spöttischen Blick.
"Und?"
"Sie fahren über einhundert!"
Wieder wuchs das Grübchen auf seiner Wange.
"Das ist ..."
"Kilometer, Lisbon. Dieser Wagen hat ein Kilometer-Tachometer." Jane warf ihr wieder einen seiner Blicke zu, unter denen sie regelmäßig erschauderte.
Kilometer?
"Ich glaube, Sie haben ein Problem mit Ihrer Wahrnehmung. Ich fahre nicht anders als Sie", fuhr Jane fort, mit diesem Unterton in der Stimme, der ihr tiefstes Inneres vibrieren ließ.
"Habe ich nicht!"
Ja, es mußte die Tatsache sein, daß sie sich vor zwei Tagen über seine Art lustig gemacht hatte. Jetzt mußte sie Buße leisten dafür, daß sie ihn offensichtlich geärgert hatte.
"Doch, haben Sie."
"Habe ich nicht!"
Jane seufzte und warf ihr den nächsten Blick zu. Pure Vergebung sprach aus diesem. "Wollen Sie das jetzt wirklich den ganzen Weg bis nach ... Wohin müssen wir eigentlich? ... durchhalten?"
Und erst da ging Teresa auf, daß sie sich gerade tatsächlich höchst kindisch benahm.
Jane seufzte und bog in die nächste Parkbucht am Rande des Freeways. "Und da Sie so davon überzeugt sind ... Fahren Sie."
Irgendwie hatte sie dennoch das Gefühl, nicht sie hatte gewonnen, als sie beide die Plätze tauschten ...
