Yo! Da bin ich wieder mit einem neuen Kapitel meiner Experiment-Story! Viel Vergnügen, und falls ihr Zeit habt, lasst ein paar Worte da…
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Alice blickte aus gesenkten Augenlidern zu ihrem Gegenüber hoch, während sie genussvoll an ihrem Kaffee nippte. Das braune Getränk, mit viel Milch und Zucker gesüßt, hinterließ einen angenehmen Nachgeschmack auf ihrer Zunge, und sie fühlte sich in der Gegenwart des Anderen deutlich entspannter. Sie saßen in einem kleinen Café nicht weit von der Schule entfernt, von der sie Antonio abgeholt hatte.
Antonio saß zurückgelehnt beobachtete sie unverhohlen, ehrliche Neugier war ihm ins Gesicht geschrieben. Er sagte nichts; die Stille war ein wenig ungewohnt, aber nicht unangenehm.
Nach einer Weile richtete er sich auf und sagte in gut gelauntem Tonfall: „Nun, ich mache den Anfang, ja? Jeder erzählt etwas von sich. Also, ich bin Antonio Carriedo-…" „Als ob ich das nicht wüsste…", murmelte die Belgierin dazwischen. Der junge Mann fuhr fort, als ob er nichts gehört hätte. „Ich bin fünfundzwanzig, komme ursprünglich aus Spanien, wohne mit Lovino Vargas in einem Haus am anderen Ende der Stadt, und ich liebe Tomaten, Siestas und intelligente Konversationen." Er lächelte ihr zu. „Jetzt sind Sie an der Reihe."
„Okay. Ich bin Alice Stevens, ich bin zweiundzwanzig Jahre alt, bin gebürtige Belgierin, ich habe einen Bruder, der mit mir zusammen wohnt, und ich mag meinen Job, Kinder und, äh, Rätsel." Der Spanier hob eine Augenbraue und grinste. „Sie lieben Rätsel? Vielleicht hätten Sie Detektivin werden sollen! Wäre das nichts für Sie?" „Nein, als Lehrerin ist das Leben doch etwas entspannter", wehrte Alice ab.
Antonio kam gleich mit der nächsten Frage. „Sie sagten, Sie wohnen mit Ihrem Bruder zusammen? Ist das nicht etwas unpraktisch, wenn sie mit einem Date nach Hause kommen und…" Er zwinkerte ihr zu. Die junge Frau stotterte. „N-nein, wie kommen sie denn darauf? Um ehrlich zu sein, ist das… mein erstes Date. Ich hatte noch nie viele Gelegenheiten, mich mit jemandem zu verabreden. Wissen Sie, mein Bruder…" Sie zögerte. Dann beugte sie sich vor und sagte eindringlich: „Ich halte sie für einen vertrauenswürdigen Mann, Herr Carriedo, sonst würde ich das hier nicht verraten. Aber wenn Sie vorhaben, sich weiterhin mit mir zu treffen, dann müssen Sie das Risiko kennen, das sie hier eingehen. Ich hoffe, Sie glauben mir das, was ich gleich sagen werde, denn alles ist hundertprozentig wahr. Mein Bruder-…"
„Nennen Sie mich doch bitte Antonio."
„Antonio. Gut, ich merke es mir. Also, mein Bruder Maarten… Nein, ich muss anders anfangen." Sie senkte die Stimme zu einem Flüstern. „Es gibt Dinge auf dieser Welt, die man sich nicht immer erklären kann, wissen Sie. Dinge, die so verrückt sind, dass sie keiner glauben würde, der sie nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Und Maarten arbeitet für eine Agentur, die sich mit solchen Dingen beschäftigt."
Interessiert beugte sich der der Spanier vor. „Was für Dinge?", fragte er ebenso leise zurück. Alice öffnete den Mund, dann zögerte sie. Schließlich schüttelte sie den Kopf. „Ich bezweifle, dass Sie mir das glauben würden. Wenn Sie wirklich an mir interessiert sind, dann finden Sie es allein heraus. Das ist ein Rätsel für Sie. Einen schönen Tag noch." Damit stand sie auf und ging schnellen Schrittes aus dem Café.
Antonios Neugier war nun vollends geweckt. Was mochte es mit dem Bruder dieser Frau auf sich haben?
Derweil verwünschte Alice sich und ihre Arglosigkeit in der Gegenwart von jungen Männern, die so offenkundig Interesse an ihr zeigten. Hätte sie doch bloß nicht mit ihrem Bruder angefangen! Was, wenn Herr Carriedo-… Antonio sie jetzt für übergeschnappt hielt? Oder für jemanden, der verzweifelt versuchte, geheimnisvoll zu wirken, obwohl sie in Wirklichkeit eine öde Persönlichkeit besaß? Oder noch schlimmer… wenn er tatsächlich anfing, Informationen zu sammeln, und sich selbst damit in Gefahr brachte? Sie würde ihn bei ihrem nächsten Date einfach davon abbringen. Moment… hatte sie gerade über eine zweite Verabredung nachgedacht?
Doch sie konnte sich des Lächelns nicht erwehren, das ihr Gesicht in Beschlag nahm, sobald sie an Antonio dachte. Das ist ja richtig ernst mit uns beiden, dachte sie sich im Stillen und hoffte, dass es dem Spanier genauso ging wie ihr. Diese Gefühle waren so schnell bei ihr entstanden, dass sie noch keine Zeit gehabt hatte, darüber nachzudenken, doch Antonio hatte etwas an sich, das sie zu ihm hinzog, das sie dazu trieb, ihm blind zu vertrauen.
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~Drei Wochen und einige Dates später~
Ihr Bruder kam zum ersten Mal darauf zu sprechen, nachdem sie wieder einmal etwas später von ihrer Arbeit nach Hause gekommen war und sich auf die Vorbereitung ihres gemeinsamen Abendessens gestürzt hatte. Sie war gerade dabei, eine Gurke von ihrer grünen Schale zu befreien, als Maarten am Türrahmen lehnte. Erstaunt drehte sie sich zu ihm um. „Hey! Ich dachte, du wärst noch mindestens eine Stunde unterwegs."
„Eigentlich habe ich mir heute freigenommen. Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit auffällig fröhlich wirkst, irgendwie… lebendiger als sonst. Ist irgendetwas Besonderes passiert?" Alice sah ihn angenehm überrascht an. Ihr Bruder kümmerte sich wirklich um sie. „Ja… ja, ich denke, du solltest es auch irgendwann erfahren. Ich…" Sie kicherte und kramte in einer Küchenschublade nach einem Messer, um das grüne längliche Gemüse in Scheibchen zu schneiden. „Ich treffe mich seit ein paar Wochen mit einem Mann. Er-…"
„Woah, warte. Du willst sagen, du… du hast jemanden kennen gelernt und mir nichts von ihm erzählt? Er könnte gefährlich sein! Bist du sicher, dass er dich nicht ausnutzt? Behandelt er dich gut? Habt ihr schon… du weißt schon?"
Das Messer klackerte, als es auf dem Fußboden aufprallte. „Maarten!" Alice beugte sich vor, um das Küchenutensil aufzuheben. „Keine Sorge. Er behandelt mich gut. Mehr als das, er ist zuvorkommend, interessiert und überaus höflich. Und wir haben noch nicht…" Sie errötete heftig. „Was geht dich das überhaupt an? Ich weiß es zu schätzen, wenn dir auch wichtig ist, was mit mir geschieht, aber ich bin eine erwachsene Frau! Ich kann auf mich aufpassen. Antonio ist einfach… eine Abwechslung, verstehst du? Ich glaube, er ist das, was mir die ganze Zeit über gefehlt hat."
„Antonio."
„Ja, das ist sein Name."
Der Supernatural Hunter seufzte und ergab sich. „Wenn du ihn so toll findest, warum stellst du ihn mir nicht auch einmal vor? Ich werde sicher ein produktives Gespräch mit ihm führen können." Misstrauisch sah ihn seine Schwester an. „Aber zieh bloß nicht deine Beschützer-Nummer ab, okay? Er ist mir wichtig." „Natürlich, ganz wie ihr wünscht, Prinzessin", grinste er, schnappte sich ein Gurkenscheibchen und stopfte es sich in den Mund. Sie verpasste seiner Hand einen spielerischen Klaps. „Du kannst ja wohl noch fünf Minuten warten, bis das Essen fertig ist." Sie überlegte kurz, dann fragte sie: „Wäre es in Ordnung, wenn ich ihn morgen zum Abendessen einlade? Dann kannst du ihn auch kennenlernen. Meinst du, du schaffst es rechtzeitig?"
„Klar, Schwesterchen. Ich bin schon gespannt auf diesen… Antonio."
Der nächste Abend kam für Alice viel zu schnell, und sie konnte sich nicht entscheiden, welches Gefühl in ihr vorherrschte: Nervosität oder Vorfreude. Einerseits würde ihr Bruder Antonio endlich treffen, und sie würde sich bestimmt besser fühlen, wenn sie ihr Familien- und ihr… Liebesleben vereinbaren konnte. Hoffentlich mochte ihr Bruder den Spanier. Doch andererseits war Maarten sehr wählerisch, was die Personen anging, die ihr nahe standen.
Die Lehrerin sauste von einem Raum zum anderen, zupfte hier ein Kissen glatt, rückte dort eine Topfpflanze zwei Zentimeter zur Seite, nur um anschließend in der Küche nachzusehen, ob ihr Bruder den Salat nicht aus Versehen hatte anbrennen lassen. Auch nachdem Maarten ihr hoch und heilig versichert hatte, dass er es niemals schaffen würde, einen Salat anbrennen zu lassen, ließ sie sich nicht beruhigen. „Und wenn er nicht kommt? Vielleicht ist ihm etwas dazwischen gekommen? Mein Gott, wahrscheinlich hat er es vergessen!"
„Jetzt setz dich für einen Moment hin und atme tief durch. Alice, wenn er diesen Termin vergessen hat, dann ist er den ganzen Aufwand nicht einmal annähernd wert. Glaub mir, wenn es ihm ernst ist, dann wird er kommen. Schließlich-…" Ein Läuten der Türglocke unterbrach seine Beruhigungsversuche, und er nickte aufmunternd. „Siehst du, das ist er bestimmt."
Seine Schwester eilte zur Tür und riss sie förmlich auf. Ihr Kiefer klappte herunter, als ihre Augen den Mann erfassten, der lässig am Türrahmen lehnte. Antonio sah umwerfend aus in seinem schwarzen Anzug mit einer smaragdgrünen Krawatte und dem blütenweißen Hemd, das die leichte Bräunung seiner glatten Haut unterstrich. Er lächelte und ließ seine Zähne blitzen. „Guten Abend, meine Dame. Ich habe gehört, Sie warten heute Abend auf ihren Partner? Tja, es tut mir leid, er wird nicht kommen können, also müssen Sie mit mir vorlieb nehmen."
Alice schüttelte den Kopf. „Scherzkeks", kicherte sie und gab ihm einen leichten Kuss auf die linke Wange. „Ich bin so froh, dass du gekommen bist. Komm mit, ich stell dir meinen Bruder vor." Sie zog ihn ins Wohnzimmer, wo Maarten schon bereit stand und eine förmliche Miene aufgesetzt hatte.
„Antonio, das ist mein Bruder Maarten. Maarten, das ist Antonio Carriedo, mein Freund."
Maarten streckte eine Hand aus, die sogleich von dem Spanier ergriffen und einmal gedrückt wurde. Dabei ließ er Antonio keine Sekunde aus den Augen. Der unbewegte Blick brachte Antonio etwas aus dem Konzept, und er wandte sich wenig später ab, um die Wohnung der beiden zu bewundern. „Oh, es ist wundervoll hier. Ihr beiden habt wirklich einen guten Geschmack, was eure Wohnausstattung betrifft."
„Alice."
„Wie bitte?"
„Alice hat unsere Wohnung eingerichtet. Sie ist diejenige mit dem guten Geschmack von uns." Die Worte waren steif gesagt, fast automatisch; Maarten hatte sich nicht vom Fleck gerührt und starrte den Gast immer noch an, als hätte er ein Rätsel vor sich, das er verzweifelt zu lösen versuchte. Ein Rätsel, wie Maarten für den Spanier war. Antonio war sich nicht sicher, aber er fühlte sich zunehmend unwohler.
Er wurde von der Belgierin erlöst, die ihrem Bruder warnend in die Seite stieß. „Benimm dich", zischte sie. „Du hast es versprochen!" Maarten zuckte leicht zusammen und blinzelte ein paar Mal. „Entschuldigen Sie, ich war wohl etwas abgelenkt." Dann räusperte er sich. „Sie sind also Antonio. Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Behandeln Sie sie anständig, ja?"
„Maarten!", jammerte Alice, während Antonio feierlich die rechte Hand hob und schwor, er würde alles in seiner Macht stehende tun, um sie glücklich zu machen. Der Supernatural Hunter nickte skeptisch; er schien noch nicht vollends überzeugt zu sein. Irgendetwas an Antonio machte ihn stutzig. Aber er würde sich um seiner Schwester willen nichts anmerken lassen.
Das Abendessen verlief entspannt, und die beiden jungen Männer unterhielten sich problemlos, während die Belgierin sich zurückhielt und die Gerichte organisierte. Der Wein hatte Antonio die Zunge gelöst; redselig plauderte er mit Maarten über seinen (fiktiven) Beruf, er beschrieb sein erstes Treffen mit Alice immer ausführlicher. Währenddessen nutzte der potentielle Niederländer die Gelegenheit, seinen ahnungslosen Gesprächspartner zu studieren. Ein Detail machte ihn stutzig, etwas im Grunde genommen völlig Unbedeutendes, aber er hatte gelernt, auch scheinbaren Nichtigkeiten nachzugehen. Doch er fragte nicht nach in der Absicht, der Sache selbst auf den Grund zu gehen.
Erleichtert schloss Alice die Tür hinter Antonio, nachdem der Spanier abgelehnt hatte, sich von ihr nach Hause fahren zu lassen. „Und? Was sagst du?" Maarten winkte zerstreut ab. Er war in Gedanken immer noch bei der Analyse ihres Gastes. „Sei vorsichtig, das ist alles. Es gibt seltsame Menschen in der Welt." Das entnervte Schnauben seiner Schwester überhörte er völlig, als er plötzlich den Geistesblitz hatte, nach dem er so verzweifelt gesucht hatte.
„Mach´s gut, Schwesterherz. Ich muss noch kurz weg."
„Aber-… wo willst du hin? Warte!"
Diese Frage hätte sie sich sparen können, denn ihr Bruder hatte in Windeseile denselben Weg genommen wie Antonio. Zur Tür hinaus.
oOo oOo oOo
Düstere Regale umsäumten den kleinen, von einer einzelnen Lampe beleuchteten Bereich, der Rest des Raumes lag im Dunkeln. Maartens Schritte hallten von den Wänden wieder; die Gestalt vor ihm warf ihm einen langen Schatten entgegen.
Sein Informant stand vornüber gebeugt an einem breiten, schlichten Schreibtisch und blätterte durch diverse Papiere, während er sich die elegante Brille immer wieder den geraden Nasenrücken hochschob. Er drehte sich nicht einmal um, als Maarten keuchend neben ihm zum Stehen kam. „Eduard!", japste er, während er sich die Seiten hielt. Im Stillen beschloss er, an seiner Kondition zu arbeiten. Unwirsch winkte Eduard ab.
„Du hast mir nicht gerade viel Zeit gelassen, um dir dein Material zu beschaffen!", beschwerte er sich. „Es fehlen noch wichtige Details über-…"
„Der Job ist mir gerade völlig egal!", schnarrte Maarten ungeduldig. „Es ist wichtig! Ich brauche Infos über… wie hieß er noch gleich? Carriedo! Antonio Carriedo, Spanier, zwischen zwanzig und dreißig Jahren alt. Meinst du, damit kannst du etwas anfangen?"
Ein skeptischer Blick seines blondhaarigen Informanten gab ihm die Antwort.
„Klasse!" Der Supernatural Hunter klopfte Eduard anerkennend auf die Schulter. „Bis morgen!"
„M-m-m-morgen? Aber…" Doch da war sein Auftraggeber schon verschwunden.
Der Estländer seufzte. „Also morgen."
Derweil eilte Maarten durch das nächtliche Szenario der schlafenden Stadt. Ihm war sehr daran gelegen, schnell wieder nach Hause zu kommen; er traute der männlichen Hälfte des glücklichen Paares nicht. Einen konkreten Verdacht hatte er noch nicht vorzuweisen, außerdem wusste er nicht genau, was ihn zu diesem Misstrauen verleitet hatte. War es der geschmeidige Gang, äußerst ungewöhnlich für einen scheinbar so jungen Menschen? War es der Ausdruck in seinen Augen, die von einem Alter zeugten, das die Anzahl seiner Lebensjahre weit übertraf? Doch das, was ihm sofort aufgefallen war, hätten neunundneunzig Prozent der menschlichen Rasse übersehen.
Der Krawattenknoten.
Der Supernatural Hunter besaß eine ungewöhnlich feine Beobachtungsgabe sowie ein ausgezeichnetes Gedächtnis, das er bei seinen Aufträgen zum Einsatz brachte, bevor der gefährliche Teil begann. Sein Sinn für Details und seine Neugier wappneten ihn stets gegen unangenehme Überraschungen; er wandte seine Fähigkeiten mittlerweile unbewusst und kontinuierlich an. Als er demzufolge die Aufmachung des Mannes inspiziert hatte, war er augenblicklich in höchster Bereitschaft gewesen.
Er hatte den eigentümlich verschlungenen Knoten erst ein einziges Mal gesehen: Am Hals eines Vampirs, den er Monate zuvor ausfindig gemacht hatte. Diese Kreatur hatte seine Jugend laut Eduards Recherche im zwanzigsten Jahrhundert verbracht, indem diese Weise populär gewesen war. Maarten glaubte nicht, dass er auch nur einen einzigen Menschen seines Alters finden würde, der einen perfekten Onassis-Knoten fabrizierte. Wie also hatte Antonio sich diesen Trick angeeignet?
Es gab nicht viele Möglichkeiten, die eine logische und rationale Erklärung zuließen. Erstens: Antonio hatte die Art des Knotenbindens aus irgendeinem Buch oder Internetartikel kopiert, weil er originell sein wollte. Doch Maarten tippte auf die zweite Möglichkeit. Es passte alles zusammen. Die raubtierhafte Gang, diese alten Augen, das Wissen von Dingen, die Jahrhunderte zurücklagen, die außergewöhnlich glänzenden Zähne. Ein Vampir.
Oder er hat einfach nur einen sehr guten Zahnarzt. Maarten grinste für einen Moment, dann traf ihn die Erkenntnis. Seine Schwester traf sich mit einem Vampir.
Oh Gott, er steckte in der Klemme.
Natürlich konnte er Alice nicht in die Nähe des potentiellen Blutsaugers lassen, doch sie würde ihm nie verzeihen, wenn er dem Parasiten auf den Zahn fühlte! Der einzige Grund, warum er Alice jetzt nicht sofort verbieten würde, Antonio weiterhin zu treffen, war, dass sie immer noch am Leben war. Es war untypisch für einen Vampir, sein Opfer nicht direkt zu töten; daher vermutete Maarten, dass der Spanier (falls die spanische Herkunft nicht auch ein Fragment des Lügennetzes war) ein anderes Ziel verfolgte. War sie ein Werkzeug für ihn, um an etwas anderes zu kommen?
Vielleicht… vielleicht hatten sie seine wahre Identität herausgefunden und jemanden geschickt, um den berühmten Supernatural Hunter ein für alle Mal auszuschalten?
Oder er spielte nur mit ihr. Er ließ seinen Charme spielen und umgarnte sie, wickelte sie ein, bis sie sich in besagtem Netz verfangen hatte wie ein Schmetterling, der in die Falle einer hungrigen Spinne geflattert war. Und nachdem er dann seinen Spaß mit ihr gehabt hatte, würde er…
Zähneknirschend brachte er sich wieder unter Kontrolle und eilte den dunklen Pfad entlang. Er würde die Ergebnisse abwarten müssen, die Eduard momentan für ihn sammelte. Wenn die Informationen seine These untermauerten, dann gab es nur Eines für ihn zu tun. Er-
Er duckte sich reflexartig; ein schwarzer Schatten sauste über ihn hinweg und prallte gegen eine steinerne Fassade. Im nächsten Augenblick hatte der Supernatural Hunter seine Waffe gezogen und auf die reglose Gestalt gerichtet, die auf dem Boden ausgestreckt lag und sich nicht von der Stelle bewegte.
„Dachtest du etwa, du könntest es mit mir aufnehmen? Hast du allen Ernstes geglaubt, du könntest mich verfolgen, ohne erwischt zu werden, Blutsauger?", spottete er giftig und entsicherte die mit einer Silberkugel geladene Pistole. Entgegen aller Märchen und Fabeln wurde Silber nicht nur mit Werwölfen fertig.
„Noch irgendwelche letzten Worte, bevor ich dich ins Jenseits befördere?"
Die Figur zischte und rappelte sich mit unmenschlicher Geschwindigkeit auf, bevor sie auf Maarten zu raste, Fangzähne spitz und Augen von leuchtend roten Schlieren durchzogen, die sich dem Mann in seine Netzhaut brannten, als er den Abzug betätigte. Die Wucht des Schusses durchschlug die Brust des Anderen und schleuderte die Kreatur abermals zurück. Ein ersticktes Seufzen ertönte, dann Stille.
Der Supernatural Hunter wagte sich vor, um sich von seinem Erfolg zu überzeugen. Je näher er kam, desto deutlicher konnte er die Gestalt erkennen. Haare in der Farbe von Zartbitterschokolade, die Augen geschlossen, schlanker, sehniger Körper, fahle Haut mit einem Hauch von Bräunung. Eine seltsame, vom Kopf abstehende Locke. Ähnlichkeit bestand, aber es war eindeutig nicht Antonio.
Da der Vampir ganz offensichtlich nicht mehr am Leben war, setzte Maarten seinen Weg fort. Er war froh, dass er in der fortgeschrittenen Dunkelheit sofort ins Herz getroffen hatte, denn die Silberkugel war seine letzte gewesen. Es hätte auch ganz anders ausgehen können.
„So ein verdammter Mist! Wenn er gewusst hat, wer ich bin, dann… Vielleicht muss ich Eduard bei Gelegenheit fragen, ob er Infos über mich weitergegeben hat! Ich hätte meinen Informanten früher wechseln sollen…"
Weil er seinen Blick die ganze Zeit über nach vorne richtete, bemerkte er nicht mehr, wie die Ohren des Wesens bei jedem Wort zuckten. Schlanke Finger krümmten sich. Als er im dunstigen Nebel verschwand, konnte der Vampir ein Husten nicht mehr zurückhalten. Er würgte einen Schwall Blut und Magensäure hervor, bevor er mit zitternden Händen nach dem Loch tastete, das der Jäger in seine Brust geschossen hatte, wenige Zentimeter unter seinem Herzen. Etwas versetzt, und er hätte die Nacht nicht überlebt. Einen Aufschrei mühsam unterdrückend, förderte er das Geschoss zu Tage. Blut quoll aus der Wunde, aber da Vampire äußerst zäh waren, würde er keine dauerhafte Beeinträchtigung davontragen.
Der Schmerz übermannte ihn. Die blutverschmierte Kugel kollerte über den Boden, prallte gegen einen blechernen Gegenstand und erzeugte einen klaren Ton, den der Italiener kaum noch hörte. Verbissen bemühte er sich, bei Bewusstsein zu bleiben.
Lovino wusste nicht, wie lange er schon in seinem eigenen Blut gelegen hatte. Er drohte den Kampf gegen seine Verletzungen zu verlieren, als eine Stimme von direkt über ihm ihn aus seiner Trance riss. Blinzelnd versuchte er, seine Augen auf die Person zu fokussieren, doch es gelang ihm nicht.
„Du siehst ziemlich angeschlagen aus, Kleiner. Aber keine Sorge, ich rette dich!"
Wirklich? Was hätte Lovino nicht alles dafür gegeben, jetzt aufspringen und dem Mann seine Finger um den Hals legen zu können. Der aufwallende Ärger verlangte ihm zu viel Energie ab, und mit einem letzten Grollen verlor er endgültig das Bewusstsein.
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To be continued…
