Kapitel 2
Seit drei Tagen ist Tobias nicht in der Schule gewesen. Ich trage seine Bücher die ganze Zeit mit mir herum, um sie ihm bei der nächsten Gelegenheit zurückgeben zu können. Auch heute starre ich wieder auf seinen leeren Platz in der Schulkantine.
Caleb und Susan stehen noch immer in der Schlange an der Essensausgabe; Robert lässt sich jeden Tag eine neue Ausrede einfallen, warum er nicht mit uns essen kann. Bisher konnte keiner von uns zu ihn durchdringen und herausfinden, was eigentlich mit ihm los ist.
Wieder sehe ich zu dem Tisch, an dem Tobias normalerweise sitzt. Gerade habe ich die Hoffnung aufgegeben, ihn heute vielleicht zu sehen, da taucht er doch auf. Er sieht müde und erschöpft aus. Er isst nichts zum Mittag und vertieft sich stattdessen in eines seiner Schulbücher.
Ich blicke zu Caleb und Susan. Sie sind fast an der Kasse. Hektisch nehme ich mein Tablett mit dem fast unberührten Mittagessen und bringe es zur Geschirrrückgabe. Jetzt sind Caleb und Susan an der Reihe und bezahlen. Ich schleiche mich eilig hinter ihre Rücken entlang und gehe schließlich zielstrebig auf Tobias zu.
Meine Hände umklammern seine Bücher und ich klinge nervös, als ich vor seinem Tisch stehen bleibe und ihn begrüße: "Hi."
Tobias sieht zu mir auf. Er mustert mich finster und schweigt.
"Ich habe noch deine Bücher," versuche ich zu erklären, warum ich ihn so einfach anspreche. Ohne ein Wort nimmt er sie entgegen und legt sie neben sich auf dem Tisch. Dann sieht er mich wieder fragend an.
Unsicher ziehe ich mir die viel zu langen Ärmel meiner grauen Strickjacke weit über die Finger. Jetzt, wo ich seine Bücher nicht mehr halte, weiß ich nicht wohin mit meinen Händen. Caleb und Susan kommen mir wieder in den Sinn und ich möchte es vermeiden, dass sie vielleicht doch bemerken, wie ich mit Tobias spreche. Deshalb setzte ich mich schutzsuchend auf dem Stuhl ihm gegenüber.
"Warst du krank?" erkundige ich mich und versuche so unbeschwert wie möglich zu klingen.
Tobias starrt mich sekundenlang an, bevor er mich fragt: "Was willst du?"
Sein Ton ist kalt, genau wie der Blick mit dem er mich fixiert. Ich kann diesem Blick nicht standhalten und sehe auf die Hände in meinem Schoß. Ich schlucke bevor ich leise antworte: "Ich hab mich nur gewundert, wo du gesteckt hast."
Als ich wieder aufblicke, ist seine fast schon versteinerte Miene von gerade eben plötzlich verschwunden. Das tiefe Blau seiner Augen wirkt wärmer.
Ich verliere mich augenblicklich in den Details seines Gesichts. Seine Wimpern sind lang und schwungvoll gebogen. Seine Nase ist etwas zu lang, bildet aber einen interessanten Kontrast zu seinen hohen Wangenknochen. Er ist einen Hauch zu blass und hat dunkle Ringe unter den Augen.
Jetzt ist es Tobias, der meinem Blick nicht standhalten kann.
"Lass mich in Ruhe, OK?" sagt er ohne mich anzusehen. "Es ist ... besser so." Fast habe ich den Eindruck, eine gewisse Traurigkeit in seiner Stimme zu hören.
Die Ablehnung verletzt mich und lässt mich mit Trotz reagieren: "Wow, du bist sehr unhöflich, selbst für einen Altruan. Ich meine, wir sind nicht gerade dafür bekannt, die herzlichsten Menschen zu sein, aber du ... Ich bin übrigens Beatrice. Und ein einfaches Danke dafür, dass ich dir deine Bücher wieder mitgebracht habe, hätte schon gereicht."
Tobias blickt verwundert auf. Ich funkele ihn wütend an.
"Danke," sagt er schließlich, wenn auch widerwillig.
"Gern geschehen," antworte ich und bemerke, wie mein Ärger allmählich wieder verraucht. Tobias sieht mich wieder schweigend an. Es ist wirklich nicht leicht, mit ihm ins Gespräch zu kommen.
"Nach den Regeln der Höflichkeit, müsstest du mir jetzt eigentlich noch deinen Namen verraten," helfe ich ihm schmunzelnd auf die Sprünge.
"Ich habe dir bereits gesagt, dass ich eigentlich gern in Ruhe gelassen werden würde," sagt er leise und richtet seinen Blick dabei auf den Tisch.
"Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du unglaublich unnahbar bist," platzt es aus mir heraus.
Er hebt seinen Blick wieder und sieht mich durch seine dunklen, dichten Wimpern an. In meinem Magen beginnt es nervös zu kribbeln, als endlich ein kleines Lächeln seine Lippen umspielt.
"Dasselbe Mädchen, dass mir gerade gesagt hat, ich wäre unhöflich."
Der unerwartete Sarkasmus in seiner Antwort lässt mich kurz auflachen. Dann sehen wir uns sekundenlang lächelnd in die Augen bis er schließlich sagt: "Tobias! Mein Name ist Tobias."
