Kapitel 2

+#+#+#

Obwohl es keinen Fall gab und Castle wusste, dass sie viel Zeit mit der Prozessvorbereitung verbrachte, kam er aufs Revier und saß mit den Jungs herum. Sie waren auch seien Ausrede.

Zwei Tage nach dem letzten dummen Kommentar von Richard hatte sich Kate entschieden, ein anderes Kostüm, welches sie am Vorabend erstanden hatte, zu tragen. Es war dunkelblau, taillierter geschnitten, der Rock ebenso kurz wie der letzte. Wieso sollte sie ihre langen, wohlgeformten Beine verstecken?

Am Morgen hatte sich Kate entschieden, flache Schuhe anzuziehen, aus einer Laune heraus. Nicht ihre üblichen „I'll kick your ass"- Highheels, die manche nur als „Fuck me"-Stöckelschuhe bezeichneten. Aber sie mochte die Absätze, sie machten sie größer, brachten sie mit beinahe jedem Polizistin und vor allem Verdächtigen in Augenhöhe, Frauen dominierte sie eher.

Manchmal gab es einfach Tage, die nach kurzen Schuhen verlangten, besonders wenn man Nächtens nicht gut geschlafen hat, wenn man Rückenschmerzen hatte oder die passende Zeit im Monat war. Dieses Mal traf das erste zu.

Ihr Fehler war es allerdings gewesen, Strümpfe an diesem Tag anzuziehen, die selbsthaltend waren und sobald sie eine unbedachte Bewegung machte, die Spitze preisgaben, die sie an ihren Oberschenkeln hielten.

Sie setzte sich auf ihren Stuhl, nachdem sie sich selbst eine Tasse Kaffee gemacht hatte. Als Rick das Büro betreten hatte, hatte er sie gegrüßt und dann hatte er nicht seinen Stuhl besetzt sondern sich zu Esposito und Ryan gesellt, sie keines zweiten Blickes gewürdigt. Sie hörte nur seine Stimme und das Lachen der Jungs und es schmerzte sie innerlich, dass er sich so verhielt.

Zwei Berichte hatte sie noch abzufassen, bevor sie abermals gegen Mittag zu Gericht aufbrechen würde und immer hatte er noch keinen Satz mit ihr gewechselt.

So stand Kate auf und ging mit ihrer abermals leeren Tasse in Richtung Kaffeemaschine .Als sie die Dampfdüse für die Milch aufdrehte, strömte ihr die heiße Luft entgegen. Und sie verbrannte sich die Hand, schrie kurz auf bevor sie rasch zum Waschbecken eilte und ihr Hand darunter hielt.

Ein Blick durch die großen Glasfenster ließen sie bemerken, dass er sich nicht einmal bewegt hatte, seine Augen nicht einmal annähernd in ihr Richtung hatte wandern lassen.

Ob sie die Welt noch verstand? Nein. Sie verstand sie eindeutig nicht mehr. Es gab Zeiten, in denen er nicht aufhören konnte, sie anzufassen, ihr Blicke zuwarf und mit ihr flirtete, auch wenn es vollkommen unangebracht war. Es gab Zeiten, in denen sie eine Rolle in seinem Leben eingenommen hatte. Und was war passiert? Hatte sie zu lange gewartet?

Irgendwann stand er neben ihr und wartete darauf, dass sie die Kaffeemaschine verließ, das konnte sie seinem Gesicht entnehmen.

Als sie schließlich mit der dampfenden Tasse Kaffee an ihrem Schreibtisch saß und einen Blick in Richtung Pausenraum warf, fragte sie sich laut, wieso sie sich all dies die letzten Jahre angetan habe. Bereits nach einem Jahr war es nicht mehr um die Bücher gegangen, nicht mehr um Inspiration – zumindest hatte sie dies so empfunden. Sobald er konnte, hatte er ihre Privatsphäre verletzt, sie berührt, wenn es nicht notwendig war, näher an ihrer Seite gestanden, obwohl er wusste, dass er dies nicht sollte. Jedem Mann, mit dem sie ausging und der sie von der Arbeit abholte, hatte er den passenden Blick zugeworfen und irgendwann hatte all das aufgehört. Irgendwann hatte sie keine Männer mehr gebeten, sie abzuholen, sie darum gebeten, wenn dann unten auf sie zu warten.

Schließlich wiederholte sie, auf ihre verbrannte Hand starrend: „Wieso habe ich es mir angetan?" Es war eher ein Murmeln, so dass es niemand recht verstehen konnte. Als sie ihre Beine unter dem Tisch übereinander schlug, wurde die Spitze ihrer Strümpfe sichtbar und Rick kam gerade mit einer Tasse Kaffee an ihrem Schreibtisch vorbei.

„Oh …heute entzücken wir mit anderen Reizen", kommentierte Rick im Vorbeigehen.

Verwundert über dieses Statement blickte Kate auf und abermals fragte sie sich, wieso. Wieso war er plötzlich so anders?

Doch bevor sie mit einem passenden Kommentar kontern konnte, erklärte er den Jungs laut genug, dass sie es auch hören konnte, dass sein Lunch-Date bereits hier wäre und als Kate in Richtung Lift blickte, sah sie eine blonde Frau, vielleicht war sie bereits 25 Jahre alt, vielleicht auch nicht. Der Rock war kurz und aus schwarzem Leder, das Top pink und tief ausgeschnitten, sodass beinahe ihr halber Busen herausfiel.

„Jackie", begrüßte Castle sie laut genug, sodass jeder sie hören konnte.

„Rickie-Boy", kommentierte sie mit ihrer hohen Stimme, die einen texanischen Akzent aufwies.

#+#+#

Als sie an diesem Abend zuhause saß, das zweite Glas Rotwein anstarrte, ließ sie die letzten Wochen, Monate Revue passieren.

„Wie konnte alles so schief gehen?", fragte sie sich und ging mit dem Glas in der Hand ins Badezimmer, begann die Badewanne volllaufen zu lassen. Sie zündete Kerzen an, schüttete etwas Badesalz mit Rosenextrakt in das Wasser, drehte Jazz-Musik auf. Kate musste ihren Kopf freibekommen, sie musste wieder in der Lage sein, einen klaren Gedanken zu fassen, zudem sie morgen vor Gericht aussagen würde.

Doch sobald sie im Wasser lag, musste sie an den Tag zurückdenken, an dem er sie aus ihrem Apartment gerettet hatte, als es explodiert war. An die Wochen, die sie danach bei ihm wohnte und in ihrem Gästezimmer keine Badewanne hatte, so hatte er ihr erlaubt, die seine zu verwenden. Natürlich auch die Nächte, die sie in der Badewanne verbracht hatte, eines seiner Bücher lesend, meist mit einem Glas Wein, derselben Musik und so in das Buch vertieft, dass sie sich oftmals vorstellte, selbst Nikki zu sein und in ihrer Lesewelt sah Rook genauso aus wie Rick, und wenn es dann zu einer hitzigen Szene kam, hatte sie mehr als einmal die Augen geschlossen und sich alles bildlich vorgestellt, bildlicher als sonst und es war wie ein Film vor ihrem geistigen Auge abgelaufen. Nicht nur einmal hatte sie in der Nacht dann davon geträumt, von Rook, von Rick. Von all dem, was er mit ihr machen würde. Von all dem, was sie mit ihm machen würde. Nicht immer waren es Szenen, die sie gelesen hatte, manchmal waren es einfach welche, die ihrer Fantasie entsprungen waren.

Alles das nun zu verlieren, war zu viel für sie. Zu viele Jahre hatte sie damit verbracht, ihre Mauer, die sie nach dem Tod ihrer Mutter sorgfältig um sich errichtet hatte, niederbrechen zu lassen. Er war der erste Mann gewesen, der wirklich wusste, was damals passiert war und Interesse dabei hatte, ihr bei der Lösung des Falls zu helfen.

Auf der anderen Seite war er es, der sie immer wieder daran erinnerte, der immer wieder nachbohrte und es schmerzhafter erscheinen ließ, Wunden wieder aufbrach. Doch hatte sich Kate daran gewöhnt, hatte sich daran gewöhnt, ihn in ihre Privatsphäre zu lassen.

Doch vielleicht hatte sie zu lange gebraucht, hatte ihn nicht merken lassen, dass sie Gefühle für ihn hatte. Vielleicht hatte sie zu lange gewartet, wie Lanie gemeint hatte, vielleicht hatte sie ihre Chance vergeben und sollte nun erwachsen genug sein, um mit den Konsequenzen leben zu können.

Doch hatte sie zu viel investiert, zu viel gegeben – für ihre Verhältnisse.

Kampflos aufgeben, gehörte nicht zu ihren Eigenschaften, nicht bei Rick, nicht nach all dem, was sie gemeinsam erlebt hatten. Nicht nach all dem, was sie ihm über sich offenbart hatte.

Vielleicht sollte sie sich ein Limit setzen, bevor sie sich vor all den Menschen, die ihr etwas bedeuteten, komplett lächerlich machten.

Als sie Musik verstummte, stieg sie aus dem Wasser und richtete sich ihre Kleidung für den nächsten Tag her – ein Etuikleid in dunkelblau, einfach und klassisch. Perfekt für ihren Auftritt bei Gericht.

+#+#+

Ende Kapitel 2

#+#+#