Die Hölle in dir
Teil 2
~sss~
Dieses schreckliche, schmerzvolle Ziehen, als die Ketten den restlichen Schwung seines Falls voll abfingen und in der grausamen Endlosigkeit der Hölle laut rasselten und klirrten, verursachte ihm brennende Übelkeit.
Wieder zurück – schoss es ihm immer und immer wieder durch seinen Kopf.
Zurück …
Und dieses Mal gab es kein Entkommen.
...
Bittere Magensäure stieg Deans Hals hoch und mühsam versuchte er sich zu beherrschen, nur aus der Angst heraus, was passieren würde, wenn er sich übergeben müsste in der Position, in der er sich gerade befand.
Nicht, dass er das nicht genau wusste - nein … aber zum Teufel, er wollte das nicht noch einmal durchmachen! Langsames Ersticken war eine wirklich üble Sache.
Dann begann er sie zu hören, als sich der Nebel in seinem Kopf zu lichten begann; die Schreie der anderen, den Donner, den ohrenbetäubenden Lärm.
Er fing an, die Dinge um sich herum wieder genauer wahrzunehmen; die Blitze, die sich in wilden, wütenden Wellen um ihn herum entluden, er fühlte die rostigen Ketten mit ihren Haken, die sich tief durch sein Fleisch bohrten, an ihm zogen, ihn fast in der Mitte zerrissen und wusste, er war verloren.
Er war zurück in der Hölle und niemand beachtete sein Schreien, denn er war nur eine Stimme; eine von unendlich vielen.
Plötzlich kam alles wieder, die gesamte Flut seiner vergangenen Qualen - wie ein Schlag mit dem Kopf gegen die Wand, nur, dass dieses Mal keine erbarmende Ohnmacht und Vergessen auf ihn warteten, sondern nur dunkle, düstere Erinnerungen an unendlich lange Pein.
Mit voller Wucht hämmerten die Bilder auf ihn ein; die Erinnerungen, Gedanken und Gefühle wollten ihm schier die Schädeldecke vom Kopf sprengen.
Das war seine ganz persönliche Hölle … die Einsamkeit, umgeben von Tausenden und doch so unendlich alleine - der Schmerz, die immer wiederkehrenden, schrecklichen Bilder der Menschen in seinem Leben, Menschen, die eine Bedeutung für ihn hatten. Menschen, die seinetwegen litten.
Menschen, die er liebte.
Alles kam wieder, jeder Tag, jede Minute und jede einzelne Sekunde der letzten vierzig Jahre strömten auf ihn ein, ließen ihn sich aufbäumen in einem unglaublichen Anflug von Entsetzen, ließen die Ketten noch tiefere Wunden an seinem Körper entstehen und entrissen seiner Kehle mehrere hilflose Laute.
Töne der Qual und Angst … so viele Bilder, Eindrücke und Visionen.
Wie konnte er das vergessen haben? Wie konnte er diese Bilder so verdrängen? Wie war es möglich, dass er all dies die Jahre überlebt hatte, ohne wahnsinnig zu werden?
Er war gefangen in einem Strudel aus boshaften Vorstellungen, die in seinem Kopf umherwaberten und immer neue Gemälde des Grauens entstehen ließen.
Bilder von Sam, wie er schreiend um Hilfe flehte, während ihm Dämonen ein qualvolles Ende bereiten, ihn Stück für Stück in Fetzen rissen.
Sein kleiner Bruder, ohne den Schutz des Großen, ohne die so selbstverständliche Rückendeckung: Völlig verloren im grausamen Alltag als Jäger … ohne Schutz, ohne ihn - hilflos.
Dann eine Szene, wie Dean sie kaum ertragen konnte; Bilder seines Vaters, Bilder des Horrors, den sie ihm in der Hölle angetan hatten: Blut, Schreie und endlose Folter, alles bereitwillig akzeptiert und ertragen, für seinen ältesten Sohn … Dean … den Namen, den John Winchester in seinem Martyrium immer und immer wieder ausstieß.
Ein Opfer aus Liebe, bezahlt mit den Qualen in der Unendlichkeit der Hölle.
Dann wieder andere Bildfetzen - in einem stetig wechselnden Rhythmus.
Wieder Sam, der Jüngere so hilflos, verloren und einsam, mit dem zerstörten Körper seines leblosen Bruders in den Armen, den er fest an sich gedrückt hielt, sich sachte hin und her wiegend, in dem verzweifelten Versuch, das Geschehene zu ignorieren und geschüttelt von einem herzzerreißenden Schluchzen.
Ein Aufruhr der Gefühle tobte durch Deans Bewusstsein; er wusste, was jetzt kommen würde, er wollte es nicht, er wollte das nicht sehen, wollte es nicht erleben … und hatte doch keine andere Wahl.
Feuer …
Flammen züngelten um ihn herum, streckten ihre brennenden Klauen nach dem kleinen Jungen aus, der in der Tür stand und nicht begreifen konnte, was er sah.
Unglaubliche Hitze, ein Sog, der ihn in den Raum zog, zum Feuer hin, den Blick nicht lösen
könnend, von dem hilflosen und angstverzerrten Gesicht seiner Mutter.
„Mommy?"
Er sah sich selbst als Jungen, sah das Geschehen durch die Augen des kleinen Kindes, das er gewesen war.
Die Wärme auf seinen Armen und in seinem Gesicht wurde zu einem Brennen, das Brennen wurde zu Schmerz, den auch die flehenden Blicke zu seiner Mutter nicht lindern konnte.
Schreckensstarr sah sie ihrem kleinen Sohn entgegen.
„Hilf mir – bitte!"
„Dean!"
Völlig gefangen von der grausamen und unwirklichen Szene im Kinderzimmer, musste dieser mit ansehen, wie die Frau, die ihm das Leben schenkte, die alles für ihn bedeutete, in einem Inferno aus Feuer qualvoll um ihr Leben kämpfte und es schließlich verlor; er musste die Schreie hören und die Hitze spüren, die sie restlos verbrannte, wie letztendlich auch ihn.
„NEEEEEIN!"
Die tödliche Hitze, die seine Haut versenkte, wurde schwächer und die Bilder begannen sich zu verändern …
Dean stand nun neben seinem Bruder, während sie ihrem Vater gemeinsam die letzte Ehre erwiesen. Er konnte es kaum ertragen, wieder mit anzusehen, wie ihm die Flammen das nahmen, was zu ihm gehört hatte, was immer an seiner Seite gewesen war, sein ganzes Leben lang … die Flammen nahmen den letzten Teil von Sams und seiner Familie, alles, was noch übrig war, den einzigen Menschen, den er neben seinem Bruder bedingungslos liebte … ihren Vater.
Schweigend sahen sie dem beständigen Nagen der Flammen an dem Holz und dem darauf aufgebahrten Körper zu, als der Scheiterhaufen plötzlich leicht in sich zusammensackte und der Leichnam ins Rutschen geriet.
Kein Horrorfilm hätte schlimmer sein können, als das Bild, was sich dem Ältesten jetzt bot: Der Kopf seines Vaters war zur Seite gekippt und das halb verkohle Leichentuch gab den Blick auf Teile seines Gesichtes und vor allem seine weit geöffneten, trüb-glasigen Augen frei, die Dean nun vorwurfsvoll direkt anzusehen schienen.
Pures Entsetzen ließ ihn laut aufschreien und schnell mehrere Schritte rückwärts stolpern. Außer sich vor Grauen suchte er den Blick seines jüngeren Bruders, nur um auf eiskalte, gelbe Augen zu treffen, die ihm aus einem durch und durch wutverzerrten Gesicht entgegen sahen.
„Du solltest brennen, nicht er! Du warst es, der sterben sollte!"
Blanker Horror schüttelte Deans Körper und er war nicht fähig, das zitternde Beben zu unterdrücken, das in ihm aufstieg und ihn bis in das Innerste seiner Knochen packte. Er wusste genau, dass dies eine neue Welle des Schmerzes bedeuten würde, Dank der furchtbaren Haken, die sich in seinem Körper befanden, aber er konnte es nicht stoppen – jeder noch so kleine Bildfetzen ließ ihn erneut hilflos, wie einen Fisch am Haken, zappeln.
Es sollte aufhören, sie konnten alles mit ihm machen – mit Schmerz kannte er sich aus, den konnte man ertragen, den konnte man versuchen zu ignorieren, aber diese Bilder …
‚Oh bitte, lasst es aufhören …'
Heiße Tränen stahlen sich hervor und hinterließen ihre Spuren in dem von Erschöpfung, Blut und Schweiß gezeichneten Gesicht.
Immer wieder neue Bilder …
Emotionen …
Bobby, der sich, im Sumpf der Trauer um den jungen Mann, den er fast als seinen Sohn betrachtete, mit Alkohol zu Tode trank.
Schuldgefühle …
Und wieder Flammen …
Er sah Jessica, die gefangen an der Schlafzimmerdecke hing. Er hörte Sams Rufe nach ihr, sah das Entsetzen und den Unglauben in den Augen des Jüngeren, der das Geschehen nicht begreifen konnte. Musste mit ansehen, wie Sam einfach kampflos aufgab und zusammen mit seiner Freundin qualvoll verbrannte, auf genau die gleiche Weise wie schon damals ihre Mutter …
Cassie, die ihn auslachte, ihn beschimpfte und zurückwies, die ihm sagte, er sei es nicht wert, geliebt zu werden. Die erste Frau, zu der er in seinem Leben jemals wirklich ehrlich gewesen war, der er sich fast ganz geöffnet hatte, lachte ihn aus für das, was er war, schickte ihn fort und verachtete ihn.
Mehr Eindrücke …
Flackernde Bildfetzen …
Henrikson, dessen Anklage laut in seinem Kopf hallte; brüllte ihm seine Schuldigkeit entgegen, zeigten ihm die Bilder, die er nie sehen wollte … zeigte ihm, das langsame Sterben der Menschen aus der Polizeistation in Colorado, die als lebendiges Spielzeug von Lilith gedient hatten.
Und immer wieder Sam.
Sein Bruder, leidend, hilflos und einsam.
Aber fast schlimmer waren die anderen Bilder von ihm …
Die Furcht, die mit ihnen kam …
Sam, unberechenbar, ein Werkzeug des Bösen, geprägt durch das dämonische Geschenk seiner Kindertage.
Samuel Winchester als seelenloser, gelbäugiger Killer, der es genoss, anderen Schaden zuzufügen und seinen Bruder schmorend in der Hölle zu wissen.
Das sollte aufhören, bitte machte doch jemand, dass es aufhörte!
Er konnte das alles nicht noch einmal ertragen, einmal vierzig Jahre waren lange genug gewesen …
'Bitte!'
„SAAAM!"
Aber es gab kein Erbarmen, pausenlos hagelten die Eindrücke auf ihn ein, quälten seine Seele und bereiteten ihm dadurch Schmerzen in jeder Faser seines Körpers.
Immer wieder loderten Flammen vor seinem inneren Auge auf - es schien, als ob sie ihn verhöhnen wollten, die Feuer der Hölle, die er selber in dieser Art nicht ertragen musste, suchten all die Menschen heim, die ihm etwas bedeuteten.
Ein erstickter Laut entrang sich seiner wunden, vom vielen Schreien und Rufen heiseren Kehle, als er schließlich losließ, bereit, seinen Widerstand aufzugeben, sich brechen zu lassen und sich seinem Schicksal zu ergeben.
Langsam begann er, sich Stück für Stück zurückzuziehen, die imaginären Türen zu seinem Geist zu verschließen und sich in der hintersten Ecke seiner selbst vor dem Horror der Hölle zu verstecken.
Dean Winchester wollte nicht mehr kämpfen, hatte keine Kraft mehr und keine Hoffnung, diesem furchtbaren Ort ein zweites Mal zu entkommen.
‚Sam, halte durch -… ich kann es nicht mehr … es tut mir so leid. '
Gnädige Dunkelheit begann ihn langsam zu umgeben, trübte seine Sicht immer weiter, ließ ihn davondriften und die Dinge in seinem Kopf nur noch schemenhaft erscheinen, gestaltlos.
Erlösende Finsternis …
Traumlose Schwärze …
Endlich.
Ein plötzlicher Ruck durchfuhr Dean und riss ihn zurück, aus dieser so lange ersehnten, beginnenden Bewusstlosigkeit.
‚Nein! Bitte nicht … ! '
Pures Adrenalin schoss durch seine Venen, weckte ihn auf und bereitete ihn vor, auf die nächste Runde der körperlichen und seelischen Qualen.
Doch statt der erwarteten grausamen Bilder und Schreie war da nur Stille …
Ein leises Ticken …
Das vertraute Geräusch seiner Armbanduhr drang immer weiter in sein Bewusstsein.
Noch niemals vorher hatte dieser Ton einen so lieblichen und so wundervoll beruhigenden Klang für ihn gehabt.
Tick … Tack …
Langsam, ganz langsam begannen die Synapsen in seinem Kopf alles wieder in die richtigen Bahnen zu lenken und ihre Funktionen aufzunehmen.
Dean begann das Unglaubliche zu realisieren … es zu begreifen: Er war frei – entkommen, ein zweites Mal.
Babum …
Auf dem Boden liegend, den Körper halb schützend zusammengerollt, klärte sich allmählich sein schreckensstarrer Blick und er nahm die Dinge um sich herum wieder wahr: Das kleine Zimmer mit den roten Wänden, die Bibel und den toten Sheriff, der im Nebenraum lag.
Keine Lilith.
Keine Stimmen.
Völlig Fassungslos sah er an sich herunter und suchte vergeblich nach den Haken und Ketten in seinem Fleisch, die er trotz alledem noch immer leicht zu spüren glaubte.
Vergeblich.
Da war einfach nur er selbst – Dean – lebend …
Immer noch in der schnellen Abfolge der Ereignisse gefangen, holte er tief Luft, füllte seine Lungen mit sauberer, halbwegs frischer Luft und atmete dann zitternd wieder aus.
Was für ein tolles Gefühl.
Frei …
Gott sei Dank.
~sss~
~sss~
Anmerkung:
Nur um keine Verwirrung aufkommen zu lassen, ich habe mal nachgerechnet, Dean war exakt 18 Sekunden ohne Herzschlag – quasi tot, das wären für ihn erneut höllische 35 Minuten als Spießbraten gewesen ;)
