Kapitel 2 : „Cirque du Freak"

An der Abendkasse war nicht viel los.

Ein Pärchen wollte vor ihr ein Ticket kaufen. Nervös zerknüllten sie den Flyer, denn nur wenn man einen solchen vorzeigen konnte, war man berechtigt, Tickets für den Cirque du Freak zu erwerben. In dem kleinen Kassenhäuschen saß einer der Kleinen Leute, das Gesicht komplett unter einer Kapuze verborgen, und schnappte nach dem Geld und dem Flyer, den das Pärchen ihnen hinhielt. Die Frau quiekte auf vor Schreck.

Gillian lächelte still in sich hinein.

Dies war bereits Teil der Show. Als das Pärchen durch den Vorhang in das Zirkuszelt ging, waren sie schon eingeschüchtert und voller Erwartung auf die Nummern.

Gillian trat vor an das Kassenhäuschen und schob dem Kleinen Mann Geldscheine und den Flyer hin.

Der Kleine Mann schob sie wortlos zurück.

Ärgerlich schob Gillian ihm die Scheine wieder hin: "Mach schon. Gib mir ein Ticket."

Der Kleine Mann schüttelte wortlos den Kopf und schob Geld und Flyer zu ihr zurück.

„Was soll das?", fragte Gillian. Sie starrte auf das Gesicht das hinter einer Kapuze verborgen war. Sie glaubte hinter dem Stoff ein paar Augen grün funkeln zu sehen.

„Willst du mehr Geld?". Gillian griff in ihre Tasche und kramte ein paar mehr Scheine hervor.

Wieder lehnte der Kleine Mann es ab, und schüttelte den Kopf.

„Du kleiner Scheißer! Verkauf mir jetzt gefälligst ein Ticket!", zischte Gillian, da fiel ein großer Schatten auf sie und eine tiefe Stimme sagte: „Nana, wir wollen doch nicht das Personal beschimpfen!"

Gillian erstarrte.

Sie erkannte die Stimme sofort. Es war Mr Tall, der Zirkusdirektor. Eigentlich hatte sie vorgehabt, unbemerkt in die Vorstellung zu schlüpfen, doch das war wohl nun nicht mehr möglich. Langsam drehte sie sich um, und sah zu dem Riesen auf.

„Verzeihung. Aber das Personal weigert sich, mir ein Ticket zu verkaufen."

Mr Talls riesige Gestalt überragte die kleine Gillian und sein schiefes Gesicht grinste zu ihr herunter.

„Selbstverständlich. Alte Freunde brauchen kein Ticket." Sein langer Arm langte an ihr vorbei und schob den Vorhang zum Zirkuszelt beiseite.

Gillian lächelte verlegen, und schlüpfte in das Innere.

Ihre Augen hatten sich sofort an das schummerige Licht gewöhnt und sie schlüpfte schnell auf einen der hinteren Plätze, darauf bedacht, von niemandem gesehen zu werden.

Die Gäste unterhielten sich im geflüsterten Ton und rutschten aufgeregt auf ihren Sitzen, und Gillian konnte es ihnen nicht verübeln.

Auch sie war aufgeregt.

Sie spürte, wie ihre Handinnenflächen feucht wurden und ihr Herz schneller anfing zu pochen, als das Licht ganz heruntergedimmt wurde und die Fanfaren ertönten.

Mein Gott, Gillian…reiß dich zusammen, schalt sie sich selbst. Aufgeregt wie damals, vor ihrer ersten Show…

Mr Tall betrat die Bühne und die Menge verstummte bei seinem imposanten Anblick.

Er kündete den ersten Künstler an, und Gillian registrierte nur am Rande, dass nicht der Wolfsmann die Vorstellung eröffnete wie sonst immer.

Ein Darsteller nach dem nächsten betrat die Bühne und führte seine Kunststückchen vor, doch Gillian war kaum bei der Sache.

Zwar überkam sie ein heimeliges Gefühl, wenn sie in die vertrauten Gesichter der Freaks schaute und sie lächelte jedes Mal über dieses Wiedersehen nach langer Zeit.

Aber es gab nur einen Darsteller, den sie wirklich sehen wollte.

Einen, der ihr Herz vor Aufregung schneller schlagen ließ, und der bewirkte, dass sie nach jeder Nummer an den Lippen von Mr Tall hing, in der Hoffnung, dass er endlich den ersehnten Künstler vorstellte.

Gillian rieb sich die feuchten Hände am Rock ab, und versuchte nicht zu zappeln.

Wie ein verliebter Teenager, dachte sie. Sie lachte über sich selbst. Und dachte dann, dass es doch wunderschön sei, noch immer so zu empfinden.

Wie damals, als sie drei Nächte hintereinander in die Show gegangen war, nur um diesen einen Mann zu sehen.

Larten Crepsley.

Gillian fuhr zusammen, als Hans Hände sich verbeugte und Mr Tall wieder die Bühne betrat, um mit tiefer Stimme einen Höhepunkt anzukündigen: „Die unglaubliche, einzigartige, tödliche MADAM OCTA!"

Gillians Herz hüpfte vor Freude bis in ihren Hals.

Sie registrierte noch verwundert, dass nur Madam Octa und nicht wie sonst Larten Crepsley angekündigt worden war, und reckte den Hals, um besser sehen zu können. Sie erwartete den Vampirmeister hinter dem Vorhang hervor flitten zu sehen, was das Publikum immer überrascht aufstöhnen ließ.

Doch es war nicht Larten Crepsley, der die Bühne betrat.

Es war ein Junge in einem abgetragenen dunklen Anzug, der mit dem Käfig mit der Spinne im Arm nach vorne in das Scheinwerferlicht trat.

Darren Shan.

Gillian erkannte den Assistenten des Vampirs sofort wieder. Er hatte sich kaum verändert. Sechs Jahre waren vergangen, und Darren Shan hätte schon längst zu einem jungen Mann herangewachsen sein sollen. Wenn er ein normaler Junge gewesen wäre.

Doch Darren Shan war ein Halbvampir und sah höchstens ein Jahr älter aus als damals.

Gillian betrachtete ihn fasziniert. Er hatte sich verändert. Wenn auch kaum körperlich. Aus dem linkischen Jungen war ein ruhiger, souveräner Darsteller geworden, der mit einstudierter Lässigkeit dem Publikum erklärte, wie selten, gefährlich und äußerst giftig die Spinne Madam Octa war, bevor er sie aus dem Käfig holte.

Darren ließ die Spinne auf sich herumkrabbeln, griff zur Flöte und begann mit seiner Dressur.

Fasziniert beobachtete Gillian, wie Madam Octa Kunststückchen vollführte, die nur Larten Crepsley gewagt hatte, mit dem unberechenbaren Tier zu vollbringen.

Der Junge konnte tatsächlich gut mit Spinnen umgehen.

Aber wo war Larten?

Enttäuscht begriff Gillian, dass Darren die Nummer alleine vorführen würde. Der Vampirmeister würde nicht auf der Bühne erscheinen.

Warum nicht?

War er etwa gar nicht im Cirque du Freak?

Zu der Enttäuschung gesellte sich Sorge. Was, wenn ihm etwas zugestoßen war?

Gillian hatte immer geglaubt, sie würde es wissen, wenn etwas ihrem Meister geschehen würde. Trotz all der Zeit, die sie sich nicht gesehen hatten, und all der Entfernung, die zwischen ihnen gelegen hatte, hatte sie sich doch stets mit ihm verbunden gefühlt.

Hatte sie sich getäuscht?

Gillian bereute, sich in die Vorstellung geschlichen zu haben.

Sie hätte gleich nach dem Vampir fragen sollen. Warum hatte Mr Tall nichts zu ihr gesagt?

Gillian sprang von ihrem Sitz auf und huschte an dem Publikum, das gebannt dem Geschehen auf der Bühne folgte, vorbei, und schlüpfte hinter die Bühne.

Sie nickte Cormac Limbs zu, der schon bereit stand, um als Nächstes aufzutreten und der sie überrascht anstarrte.

Er sagte aber nichts, und nervös wartete Gillian ab, bis Darren Shan seine Nummer beendet hatte, und unter tosendem Applaus die Bühne verließ.

Kaum dass er die Seitenbühne betreten hatte, packte sie ihn am Arm und zog ihn zu sich: "Darren!"

Darren zuckte zusammen und hätte fast den Käfig mit der Spinne fallen gelassen.

Gillian gab ihm einen Moment sich zu sammeln, auch wenn sie ihn am liebsten sofort mit Fragen bestürmt hätte.

„Gill…Gillian?", stotterte er verblüfft.

Gillian nickte und lächelte ihn an.

„Was…Was machst du denn hier?"

Das Publikum brach in Schreie aus, als Cormac Limbs auf der Bühne zweifelsohne eine seiner Gliedmassen verlor, und es war schwer Darrens Worte zu verstehen.

Ungeduldig zerrte sie den Jungen am Arm nach draußen.

Darren leistete keinen Widerstand, er war viel zu überrascht.

Frische Luft schlug ihnen entgegen, und draußen standen der Assistent und die ehemalige Schülerin Larten Crepsleys sich unter einem funkelnden Sternehimmel gegenüber.

„Hallo Darren", sagte Gillian, bemüht ruhig zu bleiben.

„Hallo. Meister Crepsley hat gar nichts davon gesagt, dass du hier bist!"

Dann war er also hier!

Auf Gillians Gesicht breitete sich ein Lächeln aus: „Er weiß auch nichts davon."

„Ach so." Darren starrte sie an.

„Ich wollte ihn überraschen", versuchte Gillian ihr Verhalten zu erklären. Doch das war nicht ganz die Wahrheit. In Wahrheit hatte sie Angst, ihrem alten Meister gegenüber zu treten.

„Tolle Nummer. Du warst super eben auf der Bühne."

Darren lächelte erfreut. „Danke."

Er hob Octas Käfig ein wenig und sah zärtlich zu der Spinne.

Gillian sah ebenfalls zu ihr. Sie war gar nicht erfreut, das eklige Vieh wiederzusehen. Wie alt wollte diese Spinne eigentlich werden?

„Also, du trittst jetzt mit Octa auf?", fragte Gillian möglichst beiläufig.

Darren nickte stolz. „Meißtens. Meister Crepsley überlässt mir die Show. Ich glaube, es macht ihm keinen sonderlichen Spaß mehr."

Gillian runzelte die Stirn. Das klang nicht gut. Die Show war immer das einzige gewesen, was ihn hatte lebendig werden lassen.

Sie schluckte, bevor sie die nächste Frage stellte, die ihr auf der Seele brannte: "Wie…wie geht es ihm?"

Darren zuckte die Schultern. Er sah auf seine Schuhe. „Ganz gut."

Gillian betrachtete den Halbvampir. Er war kaum gewachsen, hatte aber an Muskeln zugelegt. Dennoch… er schien sich verändert zu haben. Er hatte etwas von seiner Unschuld verloren, die er noch gehabt hatte, als sie ihn das letzte Mal verließ.

Natürlich…durchfuhr es sie. Er trank jetzt Blut!

Damals hatte er sich geweigert, menschliches Blut zu trinken. Doch inzwischen tat er es wohl. Sonst würde er nicht mehr leben.

Darren Shan sah dünn und blass aus, er hatte Ringe unter den Augen, doch Gillian sah sofort, dass jemand mit Make up nachgeholfen hatte, um ihm ein noch düsteres und unheimlicheres Aussehen zu verleihen.

Der schwarze abgetragene Anzug, den er trug, verstärkte noch den Eindruck.

„Schönes Outfit", neckte Gillian ihn.

Darren grinste. „Das ist der Anzug, in dem ich beerdigt wurde. Madam Truska findet, es gibt der ganzen Nummer etwas Unheimliches."

Gillian lachte leise. „Ja, das tut es."

Darren hatte also dazugelernt. Sie zweifelte nicht daran, dass er sich gut um die Belange des Vampirs gekümmert hatte, in den letzten Jahren. Und doch… als Darren gesagt hatte, es gehe Larten „Ganz gut", da war etwas mitgeschwungen. Er hatte nicht ganz die Wahrheit gesagt.

Larten Crepsley trat nicht mehr auf.

Gillian krampfte sich der Magen zusammen.

Etwas war eingetreten, was sie die ganze Zeit befürchtet hatte.

Etwas, dass ihr schmerzlich in Erinnerung rief, dass sie nicht so lange hätte weg bleiben sollen.

Der alte Vampir hatte keine Freude mehr am Leben.

Das schlechte Gewissen umspülte sie wie kaltes Wasser.

Er hätte mich gebraucht.

Ich war viel zu lange weg.

Gillian räusperte sich: "Nun Darren Shan. Würdest du bitte deinem Herrn und Meister unterrichten, dass ich hier bin und ihn zu sehen wünsche? Ich warte in Mr Talls Wohnwagen auf ihn."

Überrascht über den plötzlichen steifen Ton, nickte Darren nur. „Ok."

Und er stapfte davon an den Zelten vorbei, Madam Octas Käfig unter dem Arm und die Sterne funkelten über ihm.

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