Ich bewunderte die Häuser, an denen wir vorbeifuhren, während ich beinahe Gideons Hand zerquetschte. Es war ein ganz anderes Gefühl, durch die Zeit zu reisen, jetzt, wo der Graf besiegt und das Blut der anderen Zeitreisen nicht mehr wichtig war. Wir würden Lucy und Paul besuchen, um ihnen die frohe Botschaft zu überbringen, dass sie sich nun keine Sorgen mehr um uns machen brauchten – der Gedanke, dass die beiden meine Eltern waren, passte irgendwie immer noch nicht. Mein Leben lang hatte ich bei Grace verbracht, hatte zusammen mit Caroline und Nick gespielt und jetzt sollten alle nicht mehr das für mich sein, was sie immer für mich waren? Lucy kannte ich nur von Fotos und von Paul wusste ich sogar noch weniger. Ob ich die beiden je wirklich als Mum und Dad ansehen könnte …
»Gwenny? Los, wir müssen aussteigen.« Gideon drückte sanft meine Hand und zog mich aus meinen verwirrenden Gedanken. Ich blinzelte ihn verwirrt an, realisierte jedoch im nächsten Moment, dass wir vor einem großen Haus standen, in dem meine Eltern lebten. Ich nickte und Gideon half mir aus der Kutsche, sonst wäre ich mit dem langen Rock bestimmt auf die Nase gefallen.
Ich hob den dunkelblauen Stoff ein wenig an, um die Treppen zur Haustür zu erklimmen, was wirklich gar nicht so einfach war, wenn man in ein Kleid eingepackt ist, das einen ungefähr so einquetschte wie eine Sardinendose.
Bei aller Liebe, Madam Rossini hatte sich zwar mal wieder selbst übertroffen, aber das wunderschöne Kleid lag so eng an meinem Körper, dass ich Angst hatte, man könnte bei der kleinsten Bewegung irgendwo ein komisches Röllchen entdecken, wenn ich nicht dauerhaft den Bauch einzog.
Während ich noch immer mit den verschiedenen Schichten aus blauem Stoff kämpfte, hatte Gideon bereits an der Tür geklopft. Er drehte sich kurz zu mir um, versuchte, sein Lachen mit einem Husten zu tarnen und zog mich zu ihm auf die nächste Stufe. Er grinste mich an und musterte mich kurz, dann zuckte er mit den Schultern und wandte sich ab.
Ich trat ihm heftig auf den Fuß und er jaulte auf.
»Wofür war das denn?«, zischte er, aber bevor ich antworten konnte, wurde die Tür geöffnet. Eine sehr schmale Frau, vielleicht nur ein paar Jahre älter als ich, stand vor uns und musterte uns kurz.
»Wir möchten zu Mr und Mrs Bernhard«, sagte Gideon neben mir, und ich bewunderte, wie schnell er sich wieder gefangen hatte, auch wenn er mir darauf einen komischen Blick zuwarf. Die Frau nickte und verschwand in einen Raum, der an den Flur grenzte, nachdem sie uns hereingebeten hatte.
»Du lachst mich aus. Ich hab's ganz genau gesehen«, flüsterte ich wütend, als sie verschwunden war. Gideon hüstelte und grunzte etwas Unverständliches.
»Dich würde ich mal gerne in einem Kleid sehen.«, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen, als die Tür, durch die vor ein paar Sekunden die Frau verschwunden war, wieder aufschwang. Ich konnte nicht einmal mehr »Hallo!« rufen, da schlangen sich schon zwei zierliche Arme um meinen Körper.
Lucy drückte mich kurz, aber fest, an sich und trat dann einen Schritt zurück. Ihre warmen Hände lagen auf meinen Oberarmen und sie musste zu mir hochsehen, da ich einen Kopf größer war als sie. Ich grinste sie leicht verunsichert an, da sprudelten schon die ersten Sätze aus ihrem Mund. »Oh Gott, Gwenny! Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Aber dir geht es gut, das ist die Hauptsache!«
»Ja, mir geht's gut. Es ist vorbei.«, versicherte ich ihr und konnte nicht verhindern, dass ich genau wie sie einen erleichterten Seufzer ausstieß. Lucy erwiderte nichts, sondern stürzte sich auf Gideon und fiel auch ihm in die Arme. Mein Freund guckte etwas verdutzt, legte dann aber auch vorsichtig die Arme um sie und drückte sie kurz.
»Danke«, wisperte sie ganz leise. Ich war mir sicher, dass das eigentlich nur für seine Ohren bestimmt war, aber ich hörte es trotzdem. »Danke, dass du sie beschützt hast.«
Gideon räusperte sich. »Eigentlich habe ich gar nichts gemacht.«
Ich drehte mich zu ihm um und verdrehte die Augen. »Ja, du hast dich nur abknallen lassen.«, sagte ich und trat dann aus dem Flur.
Ich hatte es Gideon nicht erzählt, aber in meinen schlimmsten Träumen sah ich ihn immer noch so vor mir, von lauter Schusswunden durchlöchert, blutend und blass, wie er an der Wand zu Boden rutschte und eine lange Blutspur hinterließ, während das Leben langsam aus ihm wich. Und wie er liegen blieb.
Ich erschauderte und ging schnell zu Paul – meinem Dad –, um ihn zu begrüßen. Es war auch irgendwie komisch, ihn zu umarmen, aber auch schön. Wenn ich so daran dachte, war das Gefühl, plötzlich wieder einen Dad zu haben, wirklich komisch. Nicholas war gestorben als ich sieben war, und jetzt, mit sechzehn, hatte ich auf einmal noch einen Vater – meinen richtigen Vater. Manchmal hatte ich das Gefühl, mein Kopf müsse platzen, denn die ganzen Verwandtschaften verstand ich immer noch nicht ganz.
»Hallo, Gwendolyn«, begrüßte er mich leise und bugsierte mich in einen der einladenden Sessel in der Mitte des Raumes, während das Hausmädchen, das uns die Tür geöffnet hatte, zu mir kam und mir Tee anbot.
»Ja, danke.«, sagte ich lächelnd und nahm ihr die Tasse ab, die sie mir kurz darauf reichte. Inzwischen waren auch Lucy und Gideon in den Raum gekommen. Gideon lehnte sich an die Lehne rechts von mir und legte eine Hand auf meine Schulter, während Lucy und Paul sich nebeneinander auf das Sofa uns gegenüber setzten. Pauls Arm lag um Lucys Schultern, seine andere Hand lag in ihren. Ich konnte gar nicht anders, als sie anzulächeln, als ich sie so verliebt sah. Die Beiden erwiderten mein Lächeln und wir hätten wohl ewig so rumgesessen und uns angelächelt, wenn Gideon sich nicht geräuspert hätte. Er fing an, zu erzählen, was passiert war, nachdem er hier bei Lucy und Paul dieses Zeug getrunken hatte, was aus dem Chronografen gekommen war, und ich war ihm dankbar, dass er sich nicht an Details aufhielt, denn es wäre unerträglich, nochmal – und diesmal mit seinen Worten – zu erleben, wie Mr Withman, beziehungsweise der Graf von Saint Germain, auf ihn geschossen hatte. Unwillkürlich griff ich nach seiner Hand und drückte sie.
Lucy sah mich mit Tränen in den Augen an. »Ich bin so froh, dass es euch beiden gut geht. So etwas mit zu erleben …« Sie ließ den Satz in der Luft hängen.
»Lucy …« Paul drückte sie ein wenig fester an sich, und mein Blick flog zu ihrer Hand, die leicht über ihren Bauch strich.
Lucy fing meinen Blick ein und lächelte plötzlich, wobei das ein ziemlich bizarres Bild abgab, da die Tränen nun ungehalten ihre Wangen hinunter liefen. Ich riss die Augen auf und stand schon neben den Beiden, bevor ich überhaupt darüber nachgedacht hatte.
»Hey…«, sage ich leise und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Paul strich vorsichtig über meine Hand und lächelte mich an.
»Wir wollen dir etwas sagen, Gwen«
Erst nach den Worten wurde mir klar, dass Lucy vor Glück die Tränen über die Wangen liefen, und nicht, weil sie von dem, was wir ihr erzählt hatten, so geschockt war. Ganz langsam nahm sie meine Hand von ihrer Schulter und legte sie auf ihren Bauch. Ihre Körperwärme war auch unter dem dicken Kleid deutlich zu spüren, genauso wie die kleine Wölbung unter dem Stoff. Ich blickte auf meine Hand, dann verwundert zu meinen Eltern und wieder zurück. So ging das immer weiter, bis ich plötzlich etwas Nasses auf meinen Wangen fühlte und in Lucys Arme gezogen wurde.
»Wir wissen, dass es komisch für dich ist, uns als deine Eltern anzusehen, wo du doch dein ganzes Leben bei Grace verbracht hast … aber wir wollten dir mitteilen, dass du ein Geschwisterchen bekommst«
Lucys Lächeln war so strahlend, dass ich ein gerührtes Schluchzen nicht unterdrücken konnte. Ja, ich hatte mit Nick und Caroline zwei wunderbare Geschwister – aber als die beiden zur Welt gekommen waren, war ich selbst noch klein und konnte mich dementsprechend auch nicht an die Zeit erinnern, als die beiden durch unser Wohnzimmer gekrabbelt waren.
Jetzt bekam ich ein weiteres Geschwisterchen … und konnte alles miterleben! Ich strich vorsichtig über Lucys gewölbten Bauch und lächelte sie an.
»Das ist toll«, hauchte ich. Lucy drückte mir einen Kuss auf die Wange und schaute mich schüchtern an. Ich grinste sie und Paul an. Die Zeit verging rasend schnell, was ich erst merkte, als Gideon mir auf die Schulter tippte.
»Ich will diesen intimen Moment wirklich nicht zerstören, aber wir springen in zwanzig Minuten zurück, und wir müssen noch zurück nach Temple.«
Ich war traurig, dass wir jetzt schon weg mussten, aber ich nickte und akzeptierte die Tatsache, dass ich die Beiden erst morgen wiedersehen würde. Wir verabschiedeten uns von meinen Eltern und versprachen, so bald wie möglich wieder zu kommen. Während ich Lucy an mich drückte, sah ich, wie Gideon und Paul aus einem Nebenzimmer kamen.
Darüber hätte ich mir nicht weiter Gedanken gemacht, wenn Paul Gideon nicht noch einen warnenden Blick zugeworfen hätte. Etwas verwirrt löste ich mich von meiner Mutter und folgte Gideon aus der Tür.
Auf dem Weg nach Temple schwieg er, und als die Stille langsam unangenehm wurde, fragte ich: »Warum guckst du so?«
Gideon sah mich fragend an. »Wie gucke ich denn?«
»Als ob du Kopfschmerzen hättest. Über was denkst du nach, Gideon?« Ich sah ihn mit schief gelegtem Kopf an. »Was haben die Beiden zu dir gesagt, als ihr allein in einem Raum wart?«
Gideon schwieg eine Weile, und als ich mich wegdrehte, weil ich nicht mehr glaubte, eine Antwort zu bekommen, sagte er: »Lucy hat mir gedankt, dass ich dir das Leben gerettet habe. Als ob du es nicht ohne mich geschafft hättest.« Er schnaufte. »Und sie hat meine Arme abgetastet, als würde sie nach Knochenbrüchen suchen.« Ich sah, wie sich seine Mundwinkel nach oben zogen und ich erwiderte das Grinsen.
»Und Paul?«, fragte ich weiter.
Gideons Gesicht verdüsterte sich leicht. »Dein Vater hat mir gedroht, mich eigenhändig umzubringen, falls ich dich verletze oder ihn zum Großvater mache, bevor ich sein Schwiegersohn bin.«
Ich schaue ihn einen Moment sprachlos an. Dann breche ich in schallendes Gelächter aus.
Gideon sieht mich irritiert und angesäuert an. »Ich finde es nicht lustig, dass er mir zutraut, dass ich dich verletzte oder dich einfach so sitzen lasse«
Ich grinse ihn an und drücke ihm einen Kuss auf die Lippen. »Gideon, das kannst du Paul nicht übel nehmen. Ich meine, ich weiß nicht, wie Väter sich so verhalten, meiner ist gestorben als ich sieben war … ich meine, Nicholas, aber ist ja grade auch nicht wichtig. Jedenfalls, Väter haben halt diesen Beschützerinstinkt drauf. Damit musst du wohl leben.«
Ich kicherte, was eigentlich ziemlich untypisch für mich war. Gideon stieg aus dem für diese Zeit modernen Auto und hielt mir grimmig die Tür auf. »Nun, Miss Sheperd, Sie haben Recht. Damit werde ich wohl klar kommen müssen.« Mit einem Schwung zog er mich aus dem Wagen und küsste mich stürmisch. »Und weißt du warum?«
»Ich denke schon«, keuchte ich atemlos gegen seine Lippen.
Ich spürte, wie er grinste. »Ja, genau. Weil ich dich liebe«
