Überleben ist alles

Wiedersehen

Eines Sommertags beschloss er, wieder einmal einen Spaziergang zu machen. Er hatte kein besonderes Ziel sondern ging einfach so durch die Gassen, bis er zu der gigantischen Baustelle kam, an der die Oper entstehen sollte. Er war schon ein paar Mal dort gewesen, wie auch andere schaulustige Pariser Bürger, hatte das Abstecken des Geländes gesehen und konnte sich nicht vorstellen, wie so ein gigantisches Bauwerk errichtet werden sollte. Diesmal standen nicht nur Schaulustige Passanten an einer Absperrung sondern waren Arbeiter und einige offiziell aussehende Herren auf dem Gelände zusammengelaufen. Neugierig näherte er sich der Baustelle.

Dann sah er etwas, was ihn zunächst an seinem Verstand zweifeln ließ: Auf der Baustelle, bei der Gruppe der offiziell aussehenden Männer, stand ein Mann in abgenutztem Arbeitergewand, der heftig gestikulierte und offenbar etwas zu erklären versuchte - dieser Mann trug eine Maske! Die Maske war aus Baumwolle und an einigen Stellen gelblich-verschmutzt, aber es war eindeutig eine Stoffmaske. Der Daroga rieb sich die Augen, aber der Mann mit der Maske war immer noch da. Nun konnte er seine Neugierde nicht mehr zurückhalten sondern kletterte über die Absperrung und ging zu der Gruppe der Arbeiter, die interessiert zusahen. "Was ist denn los?" fragte der Daroga einen der Arbeiter, der zufällig dastand. Er wusste schon lang, dass die meisten Menschen nur so drauf brannten, den neuesten Tratsch loszuwerden und er auf seine freundlichen Fragen meist Antworten bekam. Der Arbeiter zuckte mit den Schultern: "Meister Erik schimpft sich wieder quer durchs zoologische Wörterbuch." Ein anderer Arbeiter sagte: "Den schwanzlosen Affen hat er heute noch gar nicht gebraucht. Glaubst du, kommt der noch?" worauf ein anderer sagte: "Ich wette zwei Glas Wein, dass er das Wochenende wieder im Arrest verbringen wird wegen Beamtenbeleidigung. Sein Anwalt verdient sich an ihm eine goldene Nase."

Nun erst fiel auf, dass der Daroga ja gar nicht zu den Arbeitern gehörte. "Du bist neu hier", meinte einer der Männer. "Äh... nicht wirklich", gab der Daroga zurück, da er nicht lügen wollte, "Ich wollte mit... Meister Erik reden." "O, du suchst Arbeit? Meister Erik sucht ständig Leute, es gibt zwei Sorten von Arbeitern: die einen kommen gut mit ihm aus, die anderen sind nach einer Woche wieder weg. Viel Glück, Kumpel."

Langsam näherte sich Nadir der Gruppe Menschen. Nun konnte er trotz Baustellenlärms deutlich hören, was Erik von sich gab. Offenbar hatte Erik sich in Wut geredet und schrie gerade einen der Herren im eleganten Anzug an: "Und wie stellen Sie sich das vor? Wie sollen wir mit billigeren Materialien ein besseres Ergebnis erzielen? Wer ist auf diese absurde Idee gekommen? Ein impotenter Otter? Welcher hirnlose Nacktmull erledigt da die Denkarbeit? Wieviel von dem Budget geht für die Bestechung von schlappschwänzigen Gibbons drauf?" Nadir hörte, wie die Arbeiter hinter ihm sich freuten, weil einer anscheinend die Wette gewonnen hatte, dass der schlappschwänzige Gibbon wieder vorkommen würde. Erik schimpfte weiter: "Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, ein Kamel hätte Ihnen ins Hirn gespuckt!"

Ein anderer Baumeister mischte sich ein: "Erik, mäßigen Sie sich! Auch wenn Sie jetzt im Konjunktiv schimpfen, wie oft wollen Sie noch Geldstrafen oder Arreststrafen wegen Beamtenbeleidigung riskieren?" "Ach Sie, Sie sind ja genauso hohlköpfig wie diese Korinthenkacker! Bringen Sie erst mal Ordnung in Ihre Arbeit, wenn Sie ständig Abweichungen vom Plan haben, kann ich nicht planmäßig aufbauen! Da - sehen Sies? Da! Und da auch! Der sieht es nicht! Kaufen Sie sich eine Brille, Sie Blindschleiche! Sie würden einen Elefanten übersehen, wenn er auf Ihrem Fuß steht! Sie... Sie Maulwurf Sie!" Der andere Baumeister nahm es erstaunlich gelassen.

In diesem Moment mischte sich ein kleiner Herr in Arbeitskleidung ein, den Nadir nach einer Weile als den Architekten Garnier erkannte. "Haben wir uns alle wieder beruhigt?" fragte er genervt, "Sie auch, Erik? Ja? Gut, dann können wir ja unsere Baubesprechung fortsetzen." Erik murmelte irgendetwas vor sich hin, blieb nun aber ruhig, dann bemerkte er, dass sich eine ganze Traube von Arbeitern eingefunden hatte, um neugierig zuzusehen. "Was steht ihr da rum und haltet Maulaffen feil? Sofort zurück an die Arbeit, sonst..." Was immer er hatte sagen wollen, blieb ihm im Hals stecken, als er eine vertraute Gestalt neben den Arbeitern stehen sah. "Da... Da...roga?" fragte Erik verblüfft. Nadir nickte und lächelte.

Im nächsten Moment rannte Erik auf ihn zu, die Baubesprechung war ihm völlig entfallen, es gab nur noch seinen Freund, den er schon für tot gehalten hatte. Nadir befürchtete einen Augenblick, Erik würde ihn umrennen und umarmen, aber Erik blieb dicht vor ihm stehen, ohne ihn zu berühren. "Daroga, du lebst", flüsterte Erik, "Gott sei Dank!" Bevor Nadir antworten konnte, rief Garnier: "Erik, wir warten auf Sie!" Erik stand da, wie erstarrt. Dann riss er sich zusammen und sagte: "Ich komme gleich - eine Minute, ja?" packte den Daroga am Arm und zog in in eine Mauernische.

"Daroga, ich bin ja so froh, dich gesund wiederzusehen!" begann Erik und Nadir zweifelte nicht an Eriks aufrichtiger Freude. Er breitete die Arme aus, ein einfaches Signal, dass Erik ihn auch umarmen dürfte, wenn er das wollte, aber Erik berührte ihn nicht. "Ich freue mich auch, dich zu sehen", antwortete der Daroga und ergriff nun die Initiative, indem er Erik an sich drückte, wie man eben einen Freund umarmt, den man lange nicht gesehen hat. Erik ließ es sich gefallen, blieb aber unbeweglich stehen. "Ich würde wirklich gern länger mit dir reden, aber ich muss zurück, die warten auf mich", sagte Erik bedauernd und schob seinen Freund auf Armlänge von sich weg. "Natürlich, geh nur. Erik - wann können wir uns treffen? Wo?" Nadir wollte sicherheitshalber gleich ein Treffen ausmachen, bevor sie sich trennten, da er befürchtete, Erik wieder aus den Augen zu verlieren.

"Um fünf Uhr, hier?" schlug Erik vor und Nadir, der ja sowieso nichts vor hatte, war einverstanden. Dann sah er, wie Erik zu den anderen zurücklief. "Entschuldigen sie bitte, meine Herren, jetzt bin ich wieder bei Ihnen und Sie haben meine volle Aufmerksamkeit", sagte Erik mit einer leichten Verbeugung. "Wer war das?" fragte Garnier mit unverhohlener Neugierde. "Ein Freund, den ich vor Jahren aus den Augen verloren habe", antwortete Erik ehrlich, "Ich musste ihn einfach begrüßen und bitte um Ihre Nachsicht." Erstaunlich für den Daroga, Erik so höflich und kooperativ zu sehen. Er freute sich schon sehr auf das Treffen mit Erik am Abend und verließ nun die Baustelle, um niemandem im Weg zu stehen.

Um fünf Uhr stand der Daroga pünktlich bei der Baustelle, nur Erik war nirgendwo zu sehen. Nadir Khan blieb stehen, es konnte ja etwas auf der Baustelle geschehen sein, was Erik aufhielt. Gegen halb sieben am Abend erschienen Erik und Garnier sowie drei weitere Baumeister, sie diskutierten heftig, wer schuld war, dass irgendetwas nicht geklappt hatte. "ICH habe gleich gesagt, dass das so nicht funktioniert", beharrte Erik und ein anderer gab genervt zurück: "Ja, Sie hatten mal wieder Recht, ja, schon gut, WIR HABEN ES VERSTANDEN und jetzt lassen Sie es gut sein!" "Ja, Erik, es reicht", sagte Garnier, "Wir sollten lieber überlegen, wie wir das wieder ausbessern. Vorschläge?" "Wir sollten eine Nacht darüber schlafen", schlug einer der Baumeister vor, "Wir hatten alle einen harten Tag und ich glaube, ich spreche für alle hier, wenn ich sage, dass wir das in Ruhe überlegen sollten." Außer Erik stimmten alle zu, also beschloss Garnier, allen drei Tage Zeit zu geben, dann würde man sich wieder zusammensetzen und über mögliche Lösungen reden.

Erik wollte schon direkt auf den Daroga zugehen, aber Garnier hielt ihn am Arm fest. "Was sollte der Auftritt heute vor den Regierungsbeamten? Wollen Sie das ganze Projekt gefährden? Ich werde schon unter Druck gesetzt, dass ich Ihren Vertrag kündigen soll. Sie gehen sich morgen entschuldigen!" warf Garnier Erik vor, der etwas verlegen beiseite sah. "Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich ein fürchterliches Temperament habe", verteidigte sich der maskierte Mann, "Bei dermaßen nicht zu unterbietender Dummheit und Borniertheit platzt mir der Kragen." "Ja, mir auch und ich würde auch gern herumschreien. Aber es ist etwas anderes, wenn Sie einen Ihrer Arbeiter anschreien oder den zuständigen Ministerialrat. Also - morgen gehen Sie ins Ministerium Scheitelknieen und ich rede mit dem Richter, dass Sie statt Arrest vielleicht wieder mit einer Geldbuße davonkommen. Ich brauche Sie hier auf der Baustelle und nicht im Polizeigefängnis!" Erik verschränkte die Arme und sah Garnier an wie ein trotziger kleiner Junge, der sich weigert, sich bei dem Lehrer für seine Frechheit zu entschuldigen. "Erik, ich meine es ernst. Sie sind einer meiner besten Baumeister, aber das ist ein Regierungsprojekt und da zählt leider nicht die beste Qualifikation sondern bei wem Sie sich ausreichend eingeschleimt haben", fuhr Garnier fort, "Privat muss ich zugeben, dass ich Sie beneide, weil Sie es wagen, diesen hohlen Schleimschnecken die Meinung zu sagen." Erik seufzte und hob mit einer theatralischen Geste die Hände: "Sie haben gewonnen, Garnier, ich trete den Canossagang an. Aber dafür schulden Sie mir etwas!" Garnier antwortete freundlich: "Ich drücke eh schon alle Augen samt Hühneraugen zu, was wollen Sie denn noch?"

Dann ging Erik zu Nadir und seufzte: "Entschuldige die Verspätung. Immer, wenn ich glaube, ich kann ausnahmsweise früher Schluss machen, passiert in letzter Sekunde irgendetwas... tut mir leid, dass du warten musstest." "Schon gut, Erik, ich verstehe, Arbeit ist Arbeit. Vielleicht können wir beim Abendessen reden?"

Erik nickte und überlegte etwas. Dann meinte er: "Gut, aber ich muss mich waschen und umziehen. Komm mit, das dauert nicht lang und ich kenne ein wirklich sehr nettes Restaurant ganz in der Nähe von meiner Wohnung." Der Daroga fragte neugierig, wo Erik wohne und Erik erklärte, dass er ein Zinshaus in Montmatre habe, das ihm gehöre und wo er auch lebe. Montmatre, nicht gerade das beste Viertel von Paris, ein typisches Arbeiterviertel, wo diejenigen, die sich das Leben in der Stadt nicht leisten konnten, billige Unterkünfte fanden. Es überraschte Nadir nicht, dass Erik dort lebte, denn mit seiner Maske würde er kaum in einem eleganten Viertel eine Wohnung finden. "Es ist einfach, in einem Zinshaus zu wohnen, in dem außer mir nur noch Arbeiter von mir wohnen. Die Unterkünfte sind Teil des Lohns und niemand wagt es, mich scheel anzusehen, weil ich sie jederzeit hinauswerfen kann. So kaufe ich mir einen gewissen Komfort", erklärte Erik.

Erik zeigte seinem Freund zwei Zinshäuser, die ihm gehörten. Etwas heruntergekommene Arbeiterwohnungen, in denen sich anscheinend mehrere Familien eine Wohnung teilen mussten. In einem der Häuser befand sich im Parterre ein kleines Restaurant, das einfache Speisen servierte, außerdem gab es an einem der Häuser auch ein Schild, das darauf hinwies, dass sich hier das Büro einer Baufirma befand. "Ganz oben, direkt unter dem Dach", sagte Erik. Sie stiegen die steile Treppe hinauf, unterwegs drang aus allen Wohnungen Lärm von Kindern und Essensgerüche. Die Toiletten befanden sich am Gang und immer drei Wohnungen mussten sich eine Toilette teilen. Das führte dazu, dass vor jeder Toilette eine Warteschlange stand, in der eifrig getratscht und gezankt wurde. Als Erik vorbeiging, begrüßten ihn die Leute höflich. Erik erwiderte die Grüße höflich aber distanziert. Ein paar Knaben spielten Fangen und ein Kind prallte gegen Eriks Knie. Erik ließ es ruhig geschehen und ignorierte das Kind, auch das Geschrei der Mütter "im Haus wird nicht gelaufen!" und schloss eine Tür zu einer noch schmaleren, dunkleren Treppe auf, die teilweise mit Taubenkot verschmutzt war. Ganz oben schloss er eine Holztüre, auf der ebenfalls ein Schild hing, auf. Durch einen kleinen Vorraum betraten sie ein großes Büro, das einen riesigen Schreibtisch und mehrere Regale mit Schachteln enthielt.

"Das ist dein Büro?" fragte Nadir. Erik lachte: "Nein, hier arbeiten mein Sekretär und mein Buchhalter, aber um diese Zeit sind sie schon zu Hause. Komm mit." Er schloss eine kleine Seitentüre auf, die zu einem schmalen Gang führte. Von diesem Gang zweigten auf einer Seite ein weiteres Büro ab, in dem ein verstaubter Zeichentisch stand und alles durcheinanderlag, als wäre eingebrochen und alles durchwühlt worden. Auf Nadirs Frage hin antwortete Erik nur, er sei schon lange nicht mehr zum Aufräumen gekommen. Auf der anderen Seite befanden sich eine Toilette und eine Küche, in der Küche war auch eine Badewanne eingebaut. "Das ist der einzige Luxus, den ich mir leiste", sagte Erik, "Ich habe einen Wasseranschluss und muss nicht wie die anderen von dem Wasseranschluss im Erdgeschoss alles hochschleppen." Er begann, den kleinen Ofen mit bereitliegenden Holzspänen zu füllen, dann nahm er einen großen Metalltopf und füllte ihn mit Wasser. Der Wasserhahn befand sich über der Badewanne, ein eigenes Waschbecken gab es nicht.

"Während ich warte, dass das Wasser warm wird, kann ich dir etwas anbieten?" fragte Erik, "Ich bin nicht auf Gäste vorbereitet, aber... mal sehen... Hier habe ich noch eine angefangene Flasche Rotwein, müsste noch trinkbar sein und... irgendwo sind sicher auch noch Kekse... ach nein, die sind von Weihnachten, die sind nicht mehr gut... o, ja, das hier vielleicht?" Erik reichte Nadir eine Dose mit irgendwelchen undefinierbaren Keksen, dann suchte er saubere Gläser, fand keine und wusch rasch zwei Gläser aus. Nadir stellte fest, dass Erik sich anscheinend nicht oft hier aufhielt, alles war verstaubt und unaufgeräumt. Erik brauchte dringend eine Haushälterin oder einen Diener, aber die Gründe, warum er keinen hatte, waren offensichtlich.

"Setzen wir uns doch in mein Wohnzimmer", schlug Erik vor. Das Wohnzimmer sah auch nicht besser aus. Es bestand aus einem Diwan, auf dem schmutzige Wäsche lag, die Erik kurzerhand unter den Diwan beförderte, damit sie sich setzen konnten. Auf dem Tisch vor dem Diwan lagen mehrere Bücher, die Erik nun verwendete, um Kekse und Gläser darauf abzustellen. Ansonsten gab es Wäscheleinen, auf denen Wäsche hing und Schränke, deren Türen sich nicht mehr schließen ließen, weil so viel hineingestopft war. Auch hier war alles verstaubt und schmuddelig. "Ich komme einfach zu gar nichts", sagte Erik mit einem verlegenen Grinsen, "Die Oper frisst mich auf und wenn ich einmal nicht arbeiten muss, bin ich zu nichts zu gebrauchen sondern will nur schlafen. Mach es dir bequem, ich mache mich nur frisch und dann lade ich dich zum Essen ein."

Nadir weigerte sich, etwas von den Keksen oder dem Rotwein anzunehmen, beides schien ihm auf nüchternen Magen ungenießbar. Es gab nicht einmal ein Bett, nur eine Matratze unter der Wäscheleine und einige zerwühlte Decken deuteten darauf hin, dass hin und wieder jemand in diesem Chaos übernachtete. Erik schnappte sich ein paar Sachen von der Wäscheleine und verschwand in der Küche, die gleichzeitig Badezimmer war. Die herumliegenden leeren Weinflaschen ergänzten Nadirs Eindruck, dass sein Freund ein Junggesellendasein führte. Er hatte nie den Eindruck gehabt, dass Erik freiwillig in so einem Chaos leben würde, aber so wie es aussah, lebte Erik ohnedies mehr auf der Baustelle als in seiner Wohnung, deren Hauptteil eigentlich aus Büro bestand.

Erik kam nach etwa einer halben Stunde wieder aus dem Bad und warf ein paar Wäschestücke über die Leine. Dann sah er Nadir an. "Entschuldige, dass du warten musstest. Ich war einfach nicht vorbereitet... So, jetzt aber wirklich, wir gehen essen."

Sie gingen in das kleine Restaurant unten im Haus. Der Wirt kannte Erik schon, denn er fragte nur, ob er das Übliche servieren dürfe. Erik sagte: "Heute nicht. Heute habe ich einen Gast. Bringen Sie uns Suppe, dann etwas von Ihrem Braten, dazu... dazu etwas Wein und einen Krug mit Wasser." Erik suchte sich einen kleinen Tisch in einer Nische aus. Es war dunkel und der Wirt zündete ihnen eine Kerze an.

Nachdem Erik den halben Wasserkrug auf einmal ausgetrunken hatte, lehnte er sich in seinem Sessel zurück und sah den Daroga erwartungsvoll an. "Mein lieber Daroga", begann Erik, "Jetzt erzähle mir doch bitte, wie es dir geht?" Es entwickelte sich ein kompliziertes Gespräch, bei dem jeder der beiden versuchte, den jeweils anderen auszufragen, aber möglichst nichts über sich selbst zu sagen. Inzwischen wurde das Essen serviert, neben dem Essen weitergeredet und nach einigen Gläsern Wein wurden beide Männer etwas entspannter und gesprächiger. So erfuhr Erik, wie es dem Daroga in den letzten Jahren gegangen war und der Daroga erfuhr, dass Erik nach seiner Flucht aus Persien als Architekt in die Dienste des türkischen Sultans getreten war, allerdings mit ähnlich fatalen - und für einige Feinde des Sultans letalen - Folgen.

"Wie war das mit keine Verbrechen mehr?" fragte Nadir, "Hat ja nicht lange gehalten, dein Versprechen, oder?" "Deshalb bin ich ja auch aus der Türkei geflüchtet. Mein letztes Bauprojekt dort, das war noch lang nicht fertig, ich bin einfach geflohen und habe die Bauruine stehen lassen, wie sie war. Schließlich wollte ich nicht riskieren, wieder Hals über Kopf fliehen zu müssen", gab Erik zu, "Dann bin ich durch Europa gestreift und habe mir einige interessante Bauwerke angesehen und wirklich schöne Opern und Konzerte besucht. Aber auch das war mir irgendwann zu wenig, ich wollte ein normales Leben führen und durch Zufall bin ich in Belgien an der französischen Grenze gelandet. Kleines Städtchen, eher uninteressant, und dort bin ich Baumeister geworden. Es war eine schöne Zeit, retrospektiv betrachtet, wo ich einfach normale Häuser gebaut habe für normale Kunden. Verdient habe ich eher wenig, deshalb bin ich mit einigen der besten meiner Arbeiter nach Paris gegangen, wo gerade Arbeiten an der Oper ausgeschrieben waren, ich habe ein Angebot gelegt und den Auftrag bekommen. Ich bin einer der leitenden Baumeister, manche nennen mich Garniers Notnagel und manche seinen Sargnagel, aber ich liebe meine Arbeit. Und - und das willst du doch eigentlich wissen, du misstrauischer Bluthund - seit drei Jahren habe ich niemanden mehr umgebracht."

Erik rief dem Wirt zu, dass er noch eine Flasche Wein und einen Nachtisch haben wollte. "Ich habe nur noch einfachen Kuchen", sagte der Wirt, Erik war das egal. Nadir wunderte sich, er kannte Erik so gar nicht. "Die Arbeit auf der Baustelle macht mich hungrig", sagte Erik und verlangte gleich den ganzen Kuchen, dann nahm er sich ein großes Stück und schob Nadir auch ein Stück Kuchen hin. Nadir bemerkte, dass Erik zwar mager aber durchaus kräftig wirkte, keineswegs skelettartig dürr, er sah sehr viel gesünder aus als damals in Persien. "Machst du viel selbst auf der Baustelle?" fragte Nadir mit einem Blick auf Eriks linke Hand, an der dieser einen Verband trug. "O ja", antwortete der Angesprochene mit vollem Mund, "Ich liebe es, selbst Hand anzulegen." Nadir betrachtete die Maske. Es war eine Maske aus ungefärbtem Baumwollstoff, die nun an einigen Stellen vermutlich durch Schweißflecken gelblich verfärbt war. Erik hatte den unteren Teil der Maske hochgeschoben, sodass Mund und Kinn frei waren und er ungehindert essen konnte.

Erik wirkte mit sich sehr zufrieden und sah aus, als erwarte er ein Lob oder zumindest ein freundschaftliches Schulterklopfen. "Das freut mich zu hören", sagte Nadir, das war das ehrlichste Lob, das er dafür zustande brachte. Er griff nach dem Wein und nun erst fiel ihm ein, dass er eigentlich gar keinen Wein trinken sollte, aber nachdem er und Erik sich schon eine Flasche geteilt hatten, war es auch egal. In Frankreich hatte er einige französische Gewohnheiten übernommen und dazu gehörte nun einmal auch hin und wieder ein gepflegtes Glas Wein. Wobei das, was er da gerade machte, nichts mehr mit gepflegt zu tun hatte. Erik hatte sich ein zweites Stück Kuchen genommen und sagte irgendetwas mit vollem Mund, was Nadir nicht verstehen konnte. "Wie bitte, was?" fragte er. Erik nahm einen Schluck Wein, kaute, schluckte und wiederholte: "Wo du heute schlafen willst? Es ist viel zu spät, um nach Hause zu gehen und ich will nicht riskieren, dass du überfallen wirst." Erschrocken sah Nadir auf seine Taschenuhr. Es war halb drei in der Nacht.

Erik wirkte keineswegs beunruhigt, sondern ließ sich vom Wirt den restlichen Kuchen und den Wein - samt einer zusätzlichen Flasche - in einen kleinen Korb packen, den er mitnahm. So machten sie sich auf den Weg zu Eriks Wohnung. "Du hast die Wahl", sagte Erik, wobei es eindeutig war, dass seine Zunge schwer wurde, "Canape oder Bett?" Nadir sah sich den Diwan an, dann die Matratze auf dem Boden und dann wieder den Diwan. Er hatte wirklich keine Lust, in Eriks Bett zu schlafen, das dieser offenbar schon seit Monaten - wenn nicht gar Jahren - benutzte ohne die Bettwäsche zu wechseln. Der Diwan war verstaubt und hatte Flecken, die nach Rotwein aussahen. Nadir verdrehte die Augen. "Hast du vielleicht eine Decke für mich und ein Leintuch?" fragte er. Erik sah ihn überrascht an. "Ach so, ja, wie unhöflich von mir. Natürlich, warte kurz." Damit öffnete er einen der Kästen und zog aus einem Stapel undefinierbarer Stoffstücke ein sauberes, wenn auch verknülltes und etwas muffig riechendes Leintuch und eine Decke hervor, die er über das Sofa breitete. Dann nahm Erik seine Matratze und seine Decke und schleppte sie hinüber in sein Arbeitszimmer, stieß einiges an Papier und Werkzeug mit dem Fuß beiseite und richtete sich zum Schlafen ein.

Als Nadir schon fast eingeschlafen war, sah er, dass Erik nochmals leise ins Zimmer schlich, um einen großen Wecker zu holen, den er aufzog und stellte, dann mitnahm.

In der Früh wurde Nadir von dem schrillen Geräusch des mechanischen Weckes aus dem anderen Zimmer geweckt. Der Wecker wurde ausgeschaltet und Nadir erwartete, dass Erik aufstehen würde. Nachdem er jedoch nichts weiter hörte, ging er in den Gang, um nachzusehen. Die Tür zu Eriks Arbeitszimmer stand offen. Erik hatte sich in einem Eck sein Bett aufgeschlagen und war anscheinend wieder eingeschlafen, denn er hatte sich zur Wand gedreht und die Decke über den Kopf gezogen. "Erik, willst du nicht aufstehen?" fragte Nadir leise. "Nein", kam die Antwort und Erik schien sich unter der Decke einzurollen wie ein Hund. "Wozu hast du dann den Wecker gestellt?"

"Wie kann man so früh so munter sein!" beklagte sich Erik und schlug die Decke zurück. Er hatte in voller Bekleidung geschlafen, sogar seine Maske hatte er nicht abgelegt. Dann stand er auf und streckte sich, wobei seine Gelenke ein knackendes Geräusch machten. "Ich muss dich leider rauswerfen, ich muss zur Arbeit", seufzte Erik. "Willst du nicht frühstücken?" "Tu ich nie. Ich esse immer nur am Abend, aber einen Kaffee kann ich dir machen."

Erik stopfte wieder etwas Holz in den Ofen, dann griff er zu einer Kaffeemühle, nahm Kaffeebohnen aus einer Dose, um sie zu mahlen. "Nächstes Mal verabreden wir uns an einem Sonnabend, ich habe keine Ahnung, wie ich heute den Tag überleben soll", stöhnte Erik und sah den Daroga mitleidheischend an, "Ich hoffe, du hältst mich jetzt nicht für einen Säufer?" "Würde ich mit diesem Verdacht richtig liegen?" gab der Daroga diplomatisch zurück. "Nein, natürlich nicht", sagte Erik, "Ich trinke normalerweise nicht, wenn ich am nächsten Tag arbeiten muss und das ist fast immer der Fall." Schließlich setzte er eine kleine Metallkanne mit dem gemahlenen Kaffee und Wasser und einer ziemlich großen Menge Zucker auf den Ofen und ließ das Gemisch aufkochen. Dann verteilte er es auf zwei mehr oder weniger saubere Tassen und reichte eine dem Daroga. Nach dem ersten Schluck musste dieser husten. "Willst du mich vergiften?" protestierte er, "Der Kaffee ist ja mörderisch."

"Im Gegenteil, der kann Tote aufwecken", gab Erik zurück und leerte seine Tasse, dann schob er den Daroga, der immer noch die halbvolle Tasse in der Hand hatte, aus der Wohnung. "Ich muss gehen, ich habe es sowieso schon eilig, bin viel zu spät. Sei so gut und hinterlass meinem Sekretär deine Adresse, wenn er kommt!" Damit schloß Erik die Tür ab und lief die Stufen hinunter. "Hätte ich nicht im Büro auf deinen Sekretär warten können?" rief ihm der Daroga nach, der keine Lust hatte, auf unbestimmte Zeit mit einer Tasse in der Hand auf der schmalen Stiege zu sitzen.

Allerdings war Erik schon die Stufen hinunter und entweder konnte oder wollte er seinen Freund nicht hören. Zu dessen Glück erschien jedoch bald ein junger Mann mit einer dicken Brille auf der Nase, der sehr verwundert war, was ein fremder Mann mit einer Kaffeetasse auf der Stiege wollte. "Erik hat mich gebeten, ihm meine Adresse zu hinterlassen", erklärte der Daroga und kam sich reichlich lächerlich vor. Der junge Mann nahm dies zur Kenntnis, anscheinend war er einiges von seinem Arbeitgeber gewöhnt. Der Daroga konnte sich eine Frage nicht verkneifen: "Wie ist es, für Erik zu arbeiten?" "Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das sagen darf..." begann der junge Mann, dann fuhr er grinsend fort: "Sehr angenehm. Er ist weg, bevor ich komme und kommt zurück, wenn ich weg bin. Manchmal lässt er sich wochenlang nicht blicken. Glauben Sie mir, wenn Sie ihn suchen, dann lieber auf der Baustelle, ich vermute ja, er wohnt eher dort als hier."

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Und schon haben sich die zwei wiedergefunden. Ist außer mir sonst noch jemand aufgefallen, dass Erik bei Leroux gern mit Tiernamen um sich wirft, wenn er wütend ist? Auch wenn er später in seiner Wohnung unter der Oper sehr ordentlich ist, ich stelle mir Eriks Wohnung während der Bauphase der Oper als heilloses Chaos vor, weil Erik vor lauter Arbeit überhaupt zu gar nichts anderem mehr kommt und ihm das auch egal ist, weil er ja sowieso nicht vor hat, in dieser Wohnung dauerhaft zu bleiben.

Armer Daroga - kaum hat er Erik wieder, lässt ihn der mal ein paar Stunden warten und schubst ihn herum. Der Daroga ist einfach zu gutmütig und Erik merkt es nicht einmal, dass er ihn schlecht behandelt.

Falls jemand bestimmte Ausdrücke nicht kennt:

"Maulaffen feilhalten" bedeutet, herumstehen und glotzen, wofür man gleich eine Ohrfeige kassieren wird

"Scheitelknieen" war eine übliche Bestrafung schlimmer Schulkinder, die je nach Vergehen wenige Minuten bis Stunden auf Holzbrettern knieen mussten, eine demütigende und schmerzhafte Strafe

"Korinthen" sind Rosinen und Korinthenkacker - man kann es sich denken ;-)

Wegen Beamtenbeleidigung konnte man damals tageweise Arreststrafen aufgebrummt bekommen.