2.
Ich glaube an das Schicksal, definitiv. Von mir aus können wir es auch Fügung oder Kismet nennen, aber es ist da – da bin ich mir ganz sicher. David zieht mich für meinen Geschmack etwas zu viel in seine Hochzeitvorbereitungen mit ein. „Ruf doch mal schnell die Bäckerei an, ich will doch die vierstöckige Torte und den Blumenhändler, ich will die 400 Rosen doch alle in Rot." Er ist halt ein Blender, das ist mir einmal mehr bewusst geworden. Als würde ein Stockwerk auf der Torte mehr, die Liebe von Mariella und ihm vertiefen… Eins wundert mich, statt traurig vor mich hin zu leiden, dass meine große Liebe bald heiraten wird, ertappe ich mich immer häufiger dabei, dass ich mit den Gedanken bei dem jungen extrovertierten Mann aus dem Buchladen bin und dass ich immer, wenn ich dort hingehe, hoffe, er wäre auch da. Ich bin selten enttäuscht worden. Schade nur, dass ich so unerfahren bin. Wäre ich Sabrina, wäre ich bestimmt schon auf ihn zugegangen und hätte schon längst ihr-wisst-schon-was mit ihm angestellt. Als ob ich mir vorstellen könnte, je ihr-wisst-schon-was mit einem Mann zu haben, das kann ich mir ja nicht einmal mit David vorstellen und den kenne ich zumindest ein bisschen, von dem jungen Mann weiß ich nicht einmal, wie er heißt. Also begnüge ich mich damit, ihn so unauffällig wie möglich zu beobachten. Ich bilde mir sogar ein, er würde mich auch von Zeit zu Zeit ansehen und zwar nicht mit diesem entsetzten Blick, den viele haben, wenn sie mich, meine unzähmbaren Haare, meine Zahnspange und meine Brille – sprich das komplette Lisa-Plenske-Paket – sehen. Ein- oder zweimal hat er mir sogar ein Buch empfohlen, aber ich bin zu verstockt, um wirklich darauf einzugehen. Ich hab mich artig für seine Tipps bedankt, aber mehr auch nicht. Das heißt… Doch. Ich weiß nicht, wie er es gemacht hat, aber er hat gefragt, ob ich „Kamouraska" von Anne Hébert kenne und ja das kenne ich, ich hab ihm dann erzählt, worum es darin geht und dass es mir gefallen hat und ja, ich war auf einmal ganz locker, keine nervöse Piepsstimme, kein Herumgestottere, kein Rotwerden…

Aber eigentlich wollte ich ja vom Schicksal erzählen… Ja, das hat heute zugeschlagen, mit voller Wucht sozusagen. Ich marschierte gerade mit einem Stapel Papier von meinem Vorzimmer in den Kopierraum, als ich ihn da sitzen sehe: Den jungen Mann aus dem Buchladen. Etwas ist anders an ihm: Heute trägt er eine Brille und sein Schnauzer ist weg. Steht ihm viel besser, aber ich geh natürlich nicht hin, um ihm das zu sagen. Ich ziehe viel mehr meine Haare ein bisschen vor das Gesicht und tue so, als würde ich ihn nicht sehen. Als ich vom Kopieren zurückkomme, sitzt er nicht mehr da. Was er wohl bei Kerima will? So wie er heute gekleidet ist, sieht er ja ein bisschen aus wie ein Buchhalter…

„Frau Plenske, kommen Sie mal?" Das ist Richard von Brahmbergs Stimme. Oh, ich kann ihn nicht leiden, er macht mir Angst und zu allem Überfluss hat er mir auch noch Sabrinas Assistentinnen-Posten aufgehalst. Seit sie schwanger ist, muss ich ihre Arbeit auch noch machen, damit die Gesundheit des Kindes nicht gefährdet ist. Das ist schon ziemlich schwierig, einmal weil David mich über Richard aushorchen will und Richard mich über David und ich bin eine miese Lügnerin, also schweige ich meistens, was ja auch eine Antwort sein kann. Und zum anderen, weil Jürgen glaubt, er wäre der Vater von Sabrinas Baby und ich habe Probleme mit dem Spagat zwischen meinem Job und meinem Privatleben… naja, dieser Spagat dürfte in einer Firma wie Kerima sowieso unmöglich sein… Und dann ist da noch die ganze B-Style-Arbeit, die erledigt werden muss, wenn die Taschenkollektion ein Erfolg werden soll. Ich hab also einen fast-24-Stunden-Arbeitstag. Sabrina und Mariella nutzen jedenfalls die Zeit, die ihnen durch meine Doppelbelastung zukommt, um die ultimative Doppelhochzeit im Berliner Dom zu planen. „Ja, Herr von Brahmberg, was gibt es denn?" Jetzt muss ich zur Krönung des Ganzen auch noch in sein Büro. Und da sitzt er, der junge Mann aus dem Buchladen. Wer hätte gedacht, dass er zu den Bösen gehört… „Das ist Rokko Kowalski, er wird sich um die Vermarktung der Silver Line kümmern." Mich stellt Richard natürlich nicht vor. Was hätte er auch sagen sollen? Lisa Plenske, Trampel und Tollpatsch vom Dienst? Wäre ja nicht sehr schmeichelhaft, wenn auch treffend. „So schnell sieht man sich wieder." Dieser Rokko Kowalski springt auf und reicht mir die Hand. „Der Buchladen, Sie erinnern sich?" fügt er hinzu, als ich nicht sofort nach seiner Hand greife. Ich lächle scheu und sehe zu Boden, das mache ich immer, wenn ich peinlich berührt bin. „Frau Plenske, Sie werden Herrn Kowalski mit der gleichen Gewissenhaftigkeit assistieren wie David oder mir." Na bravo, noch ein dritter Job! „Natürlich, Herr von Brahmberg." – „Sie haben doch einen guten Draht zum Fußvolk. Gehen Sie mit Herrn Kowalski zum Hausmeister und lassen ihm ein Büro zuweisen und angemessen einrichten." Nun, lieber Richie, du hättest wohl auch einen besseren Draht zu Igor, unserem Hausmeister, wenn du ihn nicht einen dummen Kohlrussen genannt und über ihn gelacht hättest, als seine einzige Verteidigung die Worte „Ich bin aber Ukrainer" waren. Ich bin schon fast wieder zur Tür raus, als Richard sich noch einmal an mich wendet: „Ach ja, kein Wort zu David." Klar, er will sich den Triumph, diesen Kowalski an Bord geholt zu haben, natürlich nicht nehmen lassen und sich damit vor David aufspielen. Nun, ich habe das Schweigegelübde eifriger Assistentinnen nicht geleistet, aber das sage ich natürlich nicht laut, obwohl ich wünschte, ich hätte den Mut dazu… Lange würde sich dieser Kowalski mit seiner extrovertierten Art sowieso nicht verstecken lassen. „Natürlich, Herr von Brahmberg", gebe ich zur Antwort und bitte Rokko, mir zu folgen.

Als alle Formalitäten erledigt sind, bringe ich Rokko noch in sein Büro. Langsam wird die Stille zwischen uns auch unangenehm… „Wenn Sie Fragen haben oder Hilfe brauchen, die Durchwahl zu mir ist 015." Rokko nickt und sieht sich in seinem Büro um, dann fällt sein Blick wieder auf mich: „Mit wie vielen muss ich Sie eigentlich teilen?" Sofort schießt mir das Blut in den Kopf und mein erster Gedanke ist: Nur mit einem. Dann wird mir klar, was er eigentlich gemeint hat. „Nur mit Herrn Seidel und Herrn von Brahmberg." Wieder nickt er. „Nun, das muss sich ändern. Die Silver Line soll doch ein Erfolg werden…" Ich lasse ihn alleine in seinem neuen Reich, aber kaum habe ich mein Vorzimmer erreicht, klingelt das Telefon. „Kowalski hier, können Sie noch mal herkommen?"