2. Kapitel

Draco trat aus dem öffentlichen Kamin im Ministerium. Der Eingangsbereich wimmelte nur so von Hexen und Magiern. Hinter Draco hörte er das Feuer surren. Schnell trat er einen Schritt zur Seite. Dicht an die Wand gedrängt bleib er stehen und beobachtete das Geschehen mit weit aufgerissenen Augen. Er musste sich zusammenreißen! Er war ein Malfoy und er war dazu erzogen worden, Menschen zu führen, nicht sich vor ihnen zu verstecken.

Suchend blickte er sich um. Genau gegenüber befand sich die Anmeldung. Er musste quer durch das Gedränge, um dorthin zu gelangen. Eine Hexe in lila Roben und einer riesigen Sonnenblume an ihrem Revers war aus dem Feuer getreten und sah ihn nun misstrauisch an. Ihr Blick glitt von seinen aufgerissenen Augen zu seinem platinblonden Haaren. Er musste sie schneiden lassen. Wenn er sich im Spiegel betrachtete, sah er …

„Lucius Malfoy!" schrill hallte die Stimme der Hexe in Lila durch die Empfangshalle.

... wie sein Vater aus. Verdammt!

Der Schrei hatte die Halle wie unter einen Zauber gestellt. Einen der alle erstarren und in seine Richtung schauen ließ. Er richtete sich kerzengerade auf und nahm Haltung an. Mit Stolz erhobenem Haupt lief er zur Anmeldung.

Sobald er an den ersten Menschen vorbei war, schien der Bann gebrochen und er hörte Getuschel. „Nicht Lucius" - „Draco, sein Sohn." - „Todesser" - „Abschaum!" - „Hätte in Azkaban verrotten sollen!"

Je näher er an die Anmeldung kam, desto lauter wurde das Getuschel. Er hatte das Gefühl die Menge hinter ihm war viel zu dicht an ihn herangetreten. Dann spürte er eine Hand auf seinem Arm und wurde herumgerissen. Etwas Feuchtes traf sein Gesicht.

„Verdammter Todesser! Verrecken sollst du!" Draco sah einen rotgesichtigen Mann vor sich. Dann spürte er Schmerz in seinem Magen und gleichzeitig wurden seine Beine zu Pudding. Er fiel schwer auf seine Knie. Das Letzte, was er sah, war ein schwerer schwarzer Arbeitsstiefel, der in alarmierender Geschwindigkeit auf sein Gesicht zuraste.

ooo

„Hey Astoria – dein 'Klient' wird gerade in der Empfangshalle zusammengeflickt!"

Astoria hatte sich den ganzen Morgen über gefragt, warum sie den Termin nicht auf acht Uhr gelegt hatte. Dann hätte sie ihn jetzt schon hinter sich. Fünf vor zehn war sie das siebte Mal an diesem Morgen auf der Toilette gewesen. Gegen fünf nach zehn hatte sie angefangen, sich aufzuregen.

Der eingebildete Bastard dachte sicher, er müsse nicht pünktlich sein. Nein, für die Herren Malfoy gab es keine Termine, die wichtig genug wären, eingehalten zu werden. Viertel nach zehn war sie fast erleichtert. Sie hatte sich schon vorgestellt, wie sie zu Hermine Granger gehen würde und ihr sagte, dass ihr Klient nicht aufgetaucht sei und sie deshalb den Fall nicht weiter bearbeiten könnte.

Jetzt war es zwanzig nach zehn und John aus der Postabteilung stand in ihrer Tür.

„Was soll das heißen 'sie flicken meinen Klienten zusammen'?"John grinste unsympathisch. „Das heißt, dass der Todesser das bekommen hat, was er verdient!" und damit verschwand er aus ihrem Blickfeld.

Was sollte sie nun tun? Hinunter gehen und nachsehen? War das ihre Aufgabe? Eigentlich nicht … Sie starrte immer noch unentschlossen auf ihre offene Tür, als ein Mann darin erschien. Sie erkannte ihn sofort.

„Entschuldigen Sie! Ich suche A. Greengrass." Seine Stimme war ausgesucht höflich. Nicht das arrogante Zischen, an das sie sich erinnerte. „Ich bin Astoria Greengrass." Sie wünschte sich, sie hätte mehr Stärke und weniger Resignation in ihre Stimme packen können.

Er trat ein und schloss die Tür. Nervös sah sie auf die geschlossene Tür. Er hatte es wohl bemerkt, denn er sah sie aus zusammengekniffenen Augen abschätzend an. „Ich habe, wie sie wissen sollten, keinen Zauberstab. Und da ich gerade erst einige Handgreiflichkeiten hinter mir habe, denke ich, werde ich erst bei unserem nächsten Termin dazu übergehen, Sie anzugreifen."

Da war der arrogante Tonfall doch noch. „Setzen sie sich, Mister Malfoy." Sie hatte jetzt ihre Stimme wieder besser im Griff und war stolz auf das richtige Maß an Kälte.

Mit einem leichten Humpeln trat er vor ihren Schreibtisch und setzte sich auf den Stuhl, der davor stand. Dabei konnte sie sehen, wie er schmerzlich das Gesicht verzog. Geschah ihm ganz recht, wenn er jetzt einen Schluck seiner eigenen Medizin zu spüren bekam!

„Miss Granger hat ihnen sicher alle Einzelheiten über das kommende Prozedere mitgeteilt und daher ..." Sie sah, wie er mit dem Kopf schüttelte.

„Es tut mir leid, Miss Greengrass, aber ich habe keine Ahnung über das 'kommende Prozedere'. Es kann gut sein, dass Miss Granger mir alles erklärt hat, aber da war ich noch mit anderen Gedanken beschäftigt."

Sie kannte das schon. Keiner wollte sich zu viel Hoffnung machen, dass er wirklich frei gesprochen wurde. Sonst machte es ihr auch nichts aus alles zu erklären, aber sie wollte ihn so schnell wie möglich aus ihrem Büro hinaus haben.

Sie seufzte. „Sie dürfen sich nicht ohne vorherige Rücksprache aus dem Land begeben. Auror Amerson wird heute den Bindungszauber auf mich übertragen. Sie erinnern sich an den Bindungszauber?" Draco nickte.

Trotzdem erklärte sie noch einmal. „Er zeigt dem Auror und später mir, immer wo sie sich befinden. Dieser Zauber darf nicht entfernt oder gebrochen werden. Sollte es dennoch passieren, gehen sie auf direktem Weg zurück in ihre gemütliche Zelle.

Wir werden uns regelmäßig treffen und ich werde ihnen helfen, ein normales Leben aufzubauen."

Draco sah sie von oben herab an. „Und was, bitte, wissen sie schon über MEIN normales Leben?"

Es war unglaublich! Er hatte sich kein Bischen verändert! Sie biss die Zähne zusammen. „Da sie keinen Abschluss haben und auch keinen Beruf erlernt haben, werden wir sehen müssen, wie sie ihren Unterhalt verdienen können."

Er zog eine Augenbraue nach oben. „Meinen Unterhalt verdienen?"

Astoria zog sich die Akte heran. „Ich bin ihre Akte durchgegangen. Wir sollten erst einmal sehen, ob wir einige der Vermögenswerte freibekommen. Damit haben sie ein wenig Zeit, bis sie eine Ausbildung beendet haben."

„Eine Ausbildung?" Sie nickte. „Ja, und bevor sie fragen – das ist obligatorisch. Das Ministerium verlangt von allen ehemaligen Gefangenen, dass sie einer geregelten Tätigkeit nachgehen. Und die Geschäfte ihre Vaters … nun ja, die stehen außer Frage!"

Er schien plötzlich müde. „Kann ich die Unterlagen einsehen, die unser Vermögen betreffen?" Astoria blätterte in der Akte und holte eine Liste hervor. Mit einem Schwung ihres Zauberstabs duplizierte sie die Liste und reichte sie ihm.

Er überflog die Liste und schaute sie dann ungläubig an. „Das KANN nicht alles sein!" Sie brauchte nicht nachzusehen. „Das ist IHR Vermögen. Alles was ihrem Vater gehörte, und das war der Großteil des Vermögens der Malfoys, ist enteignet worden. Das Vermögen wurde dem Fond für Opfer der Todesser übergeben."

Draco starrte sie mit offenem Mund an. „Das ist nicht ihr Ernst!" Wut gewann bei Astoria nun die Oberhand.

„Doch Mister Malfoy, das ist mein Ernst! Sie können froh sein, dass sie überhaupt noch etwas haben. Verdient haben sie es nicht!"

Wütend sprang er auf. Seine Augen blitzten gefährlich. „Was wissen sie denn schon, was ich verdient habe?"

Auch Astoria stand nun. „Ich war damals auch in Hogwarts, im Jahr als Snape Leiter war. Ich habe sie und ihre Kumpanen am eigenen Leib erlebt und ich bin der Meinung, sie haben alles und noch viel mehr verdient. Ich habe das Leid und die Angst gesehen, die sie verbreitet haben. Aus Langeweile!"

„Ich will einen anderen Betreuer haben! Sie sind nicht neutral!"

Astoria lachte sarkastisch auf. „Glauben sie im Ernst, sie finden jemanden, der neutraler ist als ich? Dann mal viel Glück! Das Büro von Miss Granger ist vier Türen weiter auf der rechten Seite!" Sie zeigte auffordernd auf die Tür.