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Ich bin mir nicht sicher, welches Kapitel ich trauriger finde. Der Tod eines geliebten Menschen hinterlässt Spuren. Es bleibt erst mal beim Drama.

houseghost

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Unsere Jeannie

Kapitel 2

Es war eine weitere dieser endlos langen, trostlosen Stunden in einer horrenden Reihe aufeinanderfolgender Tage nach dem Unglück, von denen einer wie der andere zu sein schien. Roger stand in der Küche seines toten Freundes und trocknete das Geschirr vom letzten Abend ab – wie so oft war er auch gestern nach dem gemeinsamen Essen bei Jeannie geblieben, bis sie eingeschlafen war.

Alles kam ihm so unwirklich vor wie in einem schlecht gespielten Film. Die Gedanken in seinem Kopf waren zahlreich und unerträglich. Es waren immer wieder dieselben.

Warum? Warum ausgerechnet Tony?

Wäre er doch nur dabei gewesen, dann müsste er Jeannie jetzt wenigstens nicht leiden sehen. Er konnte es nicht ertragen. Nicht diese grausame Realität. Nicht das, was aus ihr geworden war. Sie aß kaum noch und überhäufte sich mit Vorwürfen. Aber sie traf keine Schuld. Tony war Astronaut mit Leib und Seele gewesen. Er wollte diesen Beruf ausüben. Er hatte ihn geliebt.

Roger nahm die Hand und bedeckte seine wässrigen Augen. Ihre Trauer, die er tagtäglich miterlebte, zog ihm den letzten Rest festen Boden unter den Füßen weg.

Und das um zwei Uhr morgens.

Er würde noch verrückt werden, wenn sich nicht bald etwas änderte. Gefundenes Fressen für Dr. Bellows, dachte er zynisch, der mich sowieso nicht mehr aus seinen Fängen lässt. Dieser machte es ihm nicht gerade leichter, indem er jeden Tag wieder fragte, wie er sich fühlte. Wie sollte es einem schon gehen, wenn man seinen besten Freund verloren hatte, der wie ein Bruder für einen gewesen war?

Und wenn man als solcher verpflichtet ist, dessen Witwe beizustehen.

Ein markerschütterndes Schluchzen drang aus seiner Kehle hervor. Was machte er hier nur? Das war nicht richtig. Er konnte so nicht weitermachen. Er konnte nicht für sie da sein, weil es ihn zu sehr quälte, dieses Haus mit all seinen Erinnerungen zu betreten. Aber Jeannie rechnete fest mit ihm. Er hörte es an ihrer Stimme, wenn sie telefonierten. Nahezu täglich rief sie ihn an, manchmal gleich am frühen Morgen. Dann unterhielten sie sich und er fragte, ob sie etwas brauchte. Meist lehnte sie ab und lud ihn dafür ein, vorbeizukommen. Auf einen Kaffee, zum Frühstück am Sonntag oder wie gestern zum Abendessen.

Der Schmerz, den er so oft zurückgehalten hatte, brach auf wie eine klaffende Wunde nach einem Hieb mit einem scharfen Schwert. Ihm war, als atmete er gar nicht mehr. Nur der bittere Geschmack des Verrats lag auf seiner Zunge; aber vielleicht ging es nicht anders. Zum ersten Mal fragte er sich ernsthaft, was geschehen würde, wenn er ihr von jetzt an fernbliebe. Er wusste einfach nicht mehr weiter. Aber hatte er wirklich alles versucht?

Er bemerkte erst, dass er weinte, als Jeannie mit sanfter Bestimmtheit seine Hand von seinem Gesicht wegzog. Beschämt wandte er sich ab und ging auf wackeligen Beinen hinaus. Im Bad wusch er sich mit kaltem Wasser das Gesicht ab und kehrte dann zurück in die Küche.

Jeannie stand da, zerbrechlich, wunderschön, und sah ihn verständnisvoll an. Er wollte etwas sagen, konnte es jedoch nicht.

„Sie brauchen sich nicht dafür zu schämen, wenn Sie weinen."

Natürlich kam sie ihm zuvor. Es war zwar nicht das, was er zu hören gehofft hatte, aber seine rot verquollenen Augen verrieten ihn und es hatte keinen Zweck, es zu leugnen. Das musste er auch nicht – nicht bei Jeannie. Sie kannte ihn gut, schließlich hatte sie ihn in allen möglichen und unmöglichen Lebenssituationen erlebt, die er größtenteils ihr zu verdanken hatte.

Aus seinem Mund hob sich ein leises Gemurmel hervor: „Habe ich Sie geweckt?" Es machte ihn nervös, dass sie ihn so durchdringend ansah. Zaghaft bemühte er sich um ein Lächeln und war froh, als er halbwegs eines zustande brachte.

„Nein." Sie wirbelte blitzartig herum und nahm das Küchentuch, um das restliche Geschirr abzutrocknen. „Sie müssen das nicht für mich machen. Das kann ich morgen tun, wenn Sie arbeiten. Gehen Sie ins Bett und ruhen Sie sich aus."

Roger gesellte sich zu ihr und griff sich das andere Tuch. „Ich kann sowieso nicht schlafen", sagte er vorsichtig, während er einen Teller nahm und ihn abrieb.

Schweigend machten sie sich über den Rest der Arbeit her. Roger musste zugeben, dass er Hausarbeit immer lästig gefunden hatte. Er war zwar ein ganz akzeptabler Koch, aber das Saubermachen hinterher schob er immer auf.

Als er probehalber einmal mit Tony zusammengelebt hatte, um sich auf das Raumfahrtprogramm vorzubereiten, hatten sie einen ziemlich heftigen Streit. Sie waren einfach zu unterschiedlich gewesen. In diesen Minuten mit Jeannie war er jedoch froh über die Ablenkung, die die Tätigkeit mit sich brachte. Es kam ihm dadurch alles leichter vor, so dass selbst die Trauer in den Hintergrund rückte.

Nachdem sie ihre Arbeit beendet hatten, spürte er, wie müde er war. Viele Nächte hatte er nicht richtig geschlafen. Sie standen noch immer in der Küche. Die Anspannung im Raum hatte sich merklich gelegt, wodurch selbst die Stille zwischen ihnen erträglich geworden war. Doch allmählich wurde es Zeit, sie zu brechen.

„Kann ich noch irgendwas für Sie tun?", fragte Roger mit aufrichtiger Fürsorge.

„Sie haben schon so viel getan." Schmerz lag in ihrer Stimme. Jeannie warf sich nach vorn, legte in einer Geste der Dankbarkeit fest die Arme um seinen Leib und drückte ihr tränennasses Gesicht an seine Schulter. Was ihn vermutlich hätte überraschen sollen. Aber das tat es nicht. Sie waren enge Vertraute.

Kurz darauf ließ sie ihn los. Widerstrebend tolerierte er es. Er wusste, dass sie es gut mit ihm meinte, wenn sie ihn gehen ließ, damit er endlich ins Bett kam. Doch sie einfach mit ihrem Schmerz zurückzulassen, fiel ihm jedes Mal verdammt schwer.

Verwirrt suchte er ihren Blick, um ihr zu sagen, dass er sowieso nicht schlafen konnte, aber Jeannie schüttelte den Kopf. Ein Schleier von Tränen lag auf ihren Augen.

„Gute Nacht, Roger", sagte sie leise.

Geknickt antwortete er: „Gute Nacht, Jeannie", und verließ dann das Haus.