Kapitel 1 – Erblühen

Erschrocken sackte Lieutenant Nanda vor den aneinandergereihten Waschbecken zusammen, die Handflächen auf dem pulsierenden Herzen. Der triste Raum war leer.

Schluckend strich sie eine nachtschwarze Haarsträhne aus dem Gesicht und machte sich unbewusst auf dem kalten Stahlfliesenboden des geräumigen Gruppenbadezimmers noch ein wenig kleiner.

So hatte die Soldatin sich das wahrlich nicht vorgestellt. Seit ihrer Mission an Vaders Seite, wurde sie unaufhörlich an die turbulenten Ereignisse dieser fünf Tage erinnert.

Gerade als sich die über ein Waschbecken gebeugte Offizierin wieder aufrichtete, hatte der unvermeidliche Blick in den Spiegel niemand anderes, als den hinter ihr stehenden Dunklen Lord der Sith offenbart.

Mit vor Schock geweiteten Augen war sie herumgewirbelt. Niemand. Stille.

Sie empfand den Dunklen Lord nicht als Bedrohung, zumindest weigerte sie sich das zu tun. Allerdings kam ihr immer wieder in den Sinn, dass sie, nach wie vor, die einzige Zeugin von Vaders widerrechtlicher Tötung Imperialer Sturmtruppen war.

Nanda schüttelte den Kopf. Vermutlich würde sie den Lord nie wieder sehen. Und die Heimsuchungen, Produkte ihrer blühenden Fantasie, würden bald verschwinden. Zeit heilte alle Wunden.

Etwas beruhigter tapste die Soldatin zurück in ihr Quartier. Sie streckte die Arme zu den Seiten aus und gähnte ausgiebig. In ihrem alten Domizil hätte sie jetzt wohl mit beiden Händen die Wände berührt.

Danke für das hübsche Zimmer, mein Lord... kommen Sie mich doch mal besuchen.

Nanda tippte sich gegen die Stirn und schalt sich. Solange sie selbst pausenlos an Vader dachte, war ihr bestimmt nicht geholfen.

Flugs entledigte sich die junge Frau ihrer Uniform und hängte sie sorgfältig in den Spind.

Die Unterwäsche landete auf einem Stuhl vor dem Bett und schon kuschelte Nanda ihren nackten Körper in die grauen Laken.

„Licht aus", sagte sie routiniert und es wurde dunkel.

Grübelnd rückte Nanda das Kissen noch ein wenig zurecht und verschränkte dann die Hände vor dem Bauch.

Sie reimte sich viel zu viel Poodoo zusammen. Der Dunkle Lord hatte sie ausgewählt, weil sie jung und unverbraucht war. Sie hing keinen Seilschaften innerhalb des Militärs an und verrichte ihre Pflicht gewissenhaft. Loyalität schuldete sie allein dem Imperium und Vader, gewiss nicht ihrer eigenen Karriere. Dennoch war sie ein reines Werkzeug. Vader interessierte sich in keiner Weise für die Soldatin. Sie war weder eine besondere Bereicherung seiner Arbeit, noch eine außergewöhnliche Bedrohung als Zeugin, da gemeinhin bekannt war, dass der Sith Versagen oftmals mit dem Tod bestrafte. Nanda verzog das Gesicht, als sie realisierte, dass sie verzweifelt versuchte, dem Lord auf irgendeine Art und Weise etwas zu bedeuten – im Guten oder Schlechten.

Sie hatte sich schon immer mehr für den Lord interessiert, als vielleicht gesund sein mochte. Doch seit ihrer gemeinsamen Mission war alles dem Lauf der Veränderung unterworfen. Ihre absonderliche Schwärmerei für den schwarzen Hünen, die sie noch nie gewagt hatte mit jemandem zu teilen, entwickelte sich langsam zu einer bizarren Obsession. Und ihr Traum war der Fixpunkt. Er erschien so real, als wäre es wirklich passiert, mehr eine Erinnerung, als ein Traum. Doch im Schlaf hatte er sie nie wieder eingeholt. Vor ihrem inneren Auge spielte sich das Szenario noch einmal ab. Wie schnell sie ihm erlegen war, dieser dunklen Bedrohung, die den Reiz so kumulierte. Fast nichts mehr hatte sie getragen, als der Traum aussetzte. Sie schloss die Augen und füllte die Lücke mit ihrer Vorstellungskraft.

„Ich bin untröstlich, mein Lord", gestand Lekauf, in seiner Stimme dominierte der Schwermut. Vader musste nicht in die Macht hinein horchen, um das Unbehagen seines Untergebenen zu spüren.

„Sie haben meine Erlaubnis, Lieutenant", sagte er schließlich und wandte sich ihm zu.

„Ich danke Euch, Lord Vader!", sprach der Adjutant erleichtert und verbeugte sich untertänigst. Er machte kehrt und ließ den Sith allein, der seinen Blick wieder dem Panoramafenster schenkte. Die Schwärze des Alls wurde von einem Dutzend Sternenzerstörer gesprenkelt, deren dreieckige Silhouetten ruhig neben seinem Flaggschiff her patrouillierten.

Sechs Wochen hatte Lekauf Zeit, um nach Coruscant zu reisen und seine tote Mutter zu beerdigen. Schmerzhaft drang die Erinnerung an seine eigene Mutter in Vaders Synapsen.

Er hatte weder sie, noch Padmé retten können. Der Lord ballte die Fäuste. Seine über alles geliebte Ehefrau. Die Hochverräterin. In beängstigender Naivität war sie ihrem beschränkten Glauben an die Republik, die Demokratie, den Jedi-Orden und auch an Obi-Wan erlegen. Vaders Zorn wuchs. Er hatte Obi-Wan bezahlen lassen, doch Padmé brachte es ihm nicht mehr zurück. Wütend verdammte er ihre kindliche Blauäugigkeit und fragte sich, wie sie solange in der Politik hatte überleben können, die manchmal tödlicher war, als ein Lichtschwertstreich. Die Senatorin von Naboo war der bedeutendste Teil seines Lebens gewesen. In jedem Konflikt hatte er sie unterstützt, eisern an ihrer Seite gewacht, jede Entscheidung mitgetragen. Und als der Jedi dann alles hinter sich ließ, nur um sie zu erretten... wandte sie sich ab.

Er war so treuherzig gewesen, obwohl er ein ganz anderes Leben hätte führen können. Dem jungen Skywalker waren auf seinen Reisen durch die Galaxis viele Verehrerinnen aller möglichen Spezies begegnet. Doch jetzt war von dem schneidigen, gut aussehenden Mann, den sie in ihm gesehen hatten, nichts mehr übrig. Martialisch und furchteinflößend wirkte die schwere Rüstung des Sith; er hatte nichts mehr, was eine Frau als attraktiv empfinden konnte. Geschweige denn, dass es eine Frau gab, die sich freiwillig mit Vader getroffen hätte.

Seine mechanischen Finger lösten sich aus ihrer krampfhaften Spannung.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte er einen Moment durchlebt, der dieser Erkenntnis trotzen wollte. Leicht hob Vader den Kopf, als er an seine Vergeltungsmission zurückdachte. Nicht die Bestrafungen, all die Tötungen oder der Verrat, hatten das intensivste Gefühl bei ihm erweckt. Es waren die Stunden gewesen, die dem Dunklen Lord im Dämmerlicht der Pilotenkanzel mit Lieutenant Nanda zugekommen waren.

Allein zu sein, erlebte Vader als Segen und als Fluch. Es bedeutete einerseits Ruhe und Selbsthingabe, doch andererseits auch Einsamkeit. Man fürchtete ihn, man verachtete ihn, man verehrte ihn. Als gnadenlosen Herrscher, als Schlächter, als gerechten Anführer und überwältigenden Krieger.

Nandas Interesse an ihm ging über all das hinaus. Die Macht verriet dem Sith, dass der Lieutenant versuchte mehr in ihm zu sehen, als die äußerlichen Begebenheiten.

Die Mission mit der Offizierin hatte ihm seit Langem die Möglichkeit geboten, eine Frau überhaupt richtig anzusehen. Ihre Präsenz in der Macht zu spüren. Und ihren anmutigen Duft zu riechen, welcher der abweisenden Umgebung ein wenig Wärme verlieh.

Es war berauschend gewesen, sodass Vader einfach nur dastand und erstaunlicherweise etwas wie Zufriedenheit empfand. Gedankenverloren hatte seine Rechte auf der Lehne des Pilotensessels geruht. Nur eine winzige Bewegung und er hätte Nandas Schulter berührt. Der Sith öffnete sich der Macht. Spürte, wie sie erschrak, spürte wie eine Unmenge an Emotionen über sie hereinbrach. Und über ihn. Langsam zog er die Kontur ihres Halses nach. Nanda stockte der Atem. Ihre aufwallende Gefühlswelt überschwemmte ihn. Ja, sie fürchtete sich, aber da war auch Spannung, Erwartung, Wissbegierde, Aufgeschlossenheit, Sehnsucht und – unverkennbar – Verlangen. Diese überraschende Erkenntnis ließ seine Hand schließlich nach unten gleiten. Und der erste Knopf ihrer Uniformjacke gab nach.

Nanda schälte ihre makellose Figur aus der grauen Dienstkleidung und die Intensität des fast vergessenen Gefühls von Lust, überkam Vader so plötzlich, dass er instinktiv mit der Macht einen um sich Schirm erschuf.

Seine Hand ruhte immer noch auf der Lehne, er hatte sich nicht bewegt. Erstaunt, wie sehr sein Vorstellungsvermögen die Zweisamkeit mit einer schönen Frau ausnutzte, fragte sich Vader, ob diese plötzliche Dynamik nicht einen bleibenden Eindruck in der Macht hinterlassen haben mochte.

Der Dunkle Lord wandte sich vom Panoramafenster ab.

Wenn er Talente suchte, besah er sich zunächst die Qualifikationen und Eigenschaften der jeweiligen Personen, ohne auf Rang, Geschlecht oder Bildaufnahmen zu achten. Der Sith hatte Nanda nicht ohne Grund für seine Vergeltungsmission erwählt. Und sie hatte sich hervorragend bewährt. Die – jetzt – Offizierin besaß phänomenale Fähigkeiten. Ihr phänomenales Aussehen schaffte es nicht auf Vaders gedankliche Liste, da es jeder logischen Relevanz entbehrte. Dennoch musste er die Kombination aus Nandas Attraktivität und ihrer unnatürlich wohlgesonnenen Einstellung zu ihm, als eine interessante Konstellation betrachten.

Sechs Wochen würde der Adjutant fehlen. Jetzt wusste der Sith, wer ihn ersetzen würde.