Sie durchschritten schweigend den Gang und als sie den Ausgang erreichten, erwiesen sie sich als gutes Team. Harry drückte den Wurzelknoten, der den Baum erstarren ließ und Sev begab sich außer Reichweite der schlagenden Äste. Dann suchte Sev nach einem langen Stock und drückte damit nun seinerseits auf den Wurzelknoten, so dass Harry zu ihm klettern konnte. Sie streiften sich den Tarnumhang über und schlichen auf das Schloss zu, wo das erste Hindernis in Form des verschlossenen Haupttores wartete.
„Harry, berühr das Tor mit deinem Zauberstab und sage: „Öffne dich für den Erben der Gryffindors!" Harry folgte dieser Anweisung und zu seiner Verwunderung schwang das Tor lautlos auf. „Wenn ich geöffnet hätte, hätten wir den Alarm ausgelöst, aber der Erbe des Schlossbesitzers hat mehr Autorität als der Direktor", erklärte Sev. „Schlossbesitzer?", fragte Harry verblüfft. „Ja, die Schule haben sie zu viert gegründet, aber das Schloss und die Ländereien gehören bis zum heutigen Tag der Familie Gryffindor. Genauer gesagt, der Familie Potter, die ja die letzten direkten Nachkommen der Gryffindors sind. Was glaubst du, woher eure prall gefüllten Verliese kommen? Die Schule hat das Schloss gepachtet und bezahlt jährlich 10000 Galleonen dafür. Rechne dazu noch die Zinsen, dann kannst du dir vorstellen, über welch ein Vermögen du verfügst. Und das ist nicht die einzige Einnahmequelle, ich glaube, an deinem Geburtstag wirst du in Ohnmacht fallen", erklärte Sev mit deutlichem Amüsement in der Stimme. „Dein Vater war an diesem Tag mehrere Stunden nicht ansprechbar", fügte er hinzu. „Warum immer ich?", kommentierte Harry zu Sevs Belustigung diese neuen Informationen.
Sie schlichen durch das dunkle, stille und deshalb ziemlich unheimlich wirkende Schloss. Hindernisse gab es praktisch keine mehr, offenbar akzeptierte das Schloss Harry als seinen Herren und da bedeutete, dass die sich bewegenden Treppen sie dorthin brachten, wo sie hin wollten. Der Wasserspeier am Direktoren-Büro sprang zur Seite, ohne dass die Beiden Passwörter-Raten spielen mussten, was nun auch deutlich schwerer wäre als zu Dumbledores Zeiten. Da konnte man einfach sämtliche Süßigkeiten durchprobieren und wenn man mit den ekligen anfing, landete man meistens schnell einen Treffer. Durch die Karte wussten sie, dass McGonagall zwar im Schloss war, aber in ihrem alten Quartier schlief. Filch und Mrs. Norris waren in Filchs Wohnung und rührten sich nicht, so konnten sie ungehindert das Büro der Direktorin betreten.
„Was genau müssen wir hier denn klauen?", fragte Harry gespannt. „Eigentlich gar nichts", antwortete Sev. Erklärend fügte er hinzu: „Das Schwert und der Hut Gryffindors sind dein Eigentum, auf jeden Fall, wenn du Volljährig bist. Und Dumbledore selbst hat uns beauftragt, sein Portrait mitzunehmen. Und sein Denkarium, das hat er dir sowieso vermacht". Erst jetzt bemerkte Harry, dass ein neues Portrait direkt über dem Schreibtisch hing. Er musste schlucken, als er in das alte, gütige Gesicht des Mannes sah, der für ihn zu einer Art Großvater geworden war. Dumbledore schlief friedlich und er wachte auch nicht auf, als Harry das Bild von der Wand nahm. Als Sev das Portrait schrumpfte und in die Hosentasche steckte, schmatzte er leise, aber wachte nicht auf.
„Schlechte Nachrichten, Harry, das Denkarium lässt sich nicht schrumpfen und der Federleichtzauber wirkt auch nicht. Zu magisch, das Ding. Gut, dass es nur dreißig Kilo wiegt", gab Sev sarkastisch von sich. Harry hatte inzwischen Gryffindors Schwert aus der Vitrine geholt und stopfte gerade den sprechenden Hut unter sein T-Shirt, was dem alten Fetzen offenbar nicht gefiel, denn er grummelte in einer seltsam, aber doch irgendwie vertraut klingenden Sprache. Harrys fragenden Blick bemerkend, erklärte Sev belustigt: „Das ist angelsächsisch, die Sprache, die die Gründer damals gesprochen haben. Ich habe die Sprache gelernt, um alte Zaubertranktexte lesen zu können und der liebe Hut hat da eben mindestens 5 Unanständigkeiten von sich gegeben. Erstaunlicher Wortschatz". Harry gluckste und schnallte sich das Schwert um. Sie verließen das Büro und der Wasserspeier sprang zurück an seinen Platz.
„Eine Sache gibt es da noch zu erledigen", sagte Sev und bedeutete Harry, ihm zu folgen. „Überprüfe bitte auf der Karte, ob der Weg in die Kerker frei ist", bat Sev und Harry gab grünes Licht: „Wie eben, alle brav in ihren Betten", meinte er. „Gut, ich habe da unten noch einige seltene und teure Zutaten, deren Legalität auch etwas zweifelhaft sein könnte, die möchte ich mitnehmen. Wer weiß, wann ich wieder in dieses Schloss komme. Und wir können einiges davon gut gebrauchen", sagte Sev.
Sie brauchten eine Viertelstunde, um die Kerker zu erreichen. Sie kannte beide einige Abkürzungen, aber die benutzten sie nicht, weil die meisten von ihnen nicht auf der Karte der Rumtreiber verzeichnet waren und sie deshalb nicht wussten, ob die Gänge sauber waren. Harry erwartete, dass Sev zum Zaubertrank-Klassenraum gehen würde, aber der Trankmeister ging an der Tür vorbei und dirigierte Harry in einen dunklen Gang, der noch tiefer in die Kerker führte.
„Hier war ich noch nie", raunte Harry, dem hier etwas unheimlich zumute wurde. „Falsches Haus, Potter", spöttelte Sev. „Die Slytherins treiben sich gerne hier rum, deshalb habe ich mein Lager auch gut versteckt. Nicht dass es ihnen gut bekommen wäre, hätten sie mir etwas geklaut", setzte er fies grinsend hinzu. Harry bekam bei seinem Anblick ein komisches Gefühl, er spazierte mitten in der Nacht in Hogwarts herum, in Begleitung des Mannes, den er als Lehrer, Mensch und vor allem Dumbledores Mörder abgrundtief gehasst hatte. Er hasste ihn nicht mehr, irgendwie mochte er ihn sogar. Sein Humor war wohl eine rabenschwarze Variante von dem der Weasley-Zwillinge und man konnte sich auch gut mit ihm unterhalten ohne seine sonstige Bissigkeit.
Sie waren nun vor einem mannshohen Portrait angelangt, der einen ziemlich schlecht gelaunten Zauberer in mittelalterlicher Kleidung zeigte. Im Gegensatz zu den meisten Bildern in Hogwarts bewegte der Abgebildete sich nicht, es schien sich um ein Muggelbild zu handeln. Aber der Schein trog, denn als Sev das Gemälde antippte und seinen Namen sagte, begann der Zauberer sich zu bewegen. Er griff zu Harrys Überraschung aus seinem Bild heraus und zog an dem Fackelhalter zu seiner Linken. Etwas weiter den Gang hinunter klickte etwas. Sev ging, gefolgt von Harry, zu der Geräuschquelle und Harry sah, dass sich ein Stein aus der Wand geschoben hatte. Sev zog an dem Stein und stieß ihn mit Wucht zurück in seine vorherige Lage. Hinter ihnen knirschte es und als Harry sich umdrehte, sah er, dass das Portrait, vor dem sie eben gestanden hatten, aufschwang.
„Warte hier", sagte Sev und betrat den Raum hinter dem Bild. Harry versuchte, in den Raum zu spähen, aber ein Zauber schien auf der Türöffnung zu liegen, es war nichts zu erkennen. Nur zu Hören bekam er etwas, Flaschen klirrten und gelegentlich murmelte Sev vor sich hin, offenbar hatte er noch mehr Zauber auf sein Lager gelegt, die er nun deaktivierte. Einige Minuten später kam Snape zurück, zu Harrys Belustigung trug er einen Rucksack von Nike auf dem Rücken. Sev bemerkte Harrys Blick und sagte: „Grins nicht so, das Ding ist wirklich praktisch. Naja, jetzt auf jeden Fall, mit dem Federleichtzauber und der magischen Vergrößerung".
„Wie viel passt denn da hinein?", fragte Harry interessiert. „Ungefähr die halbe Hogwarts-Bibliothek", antwortete Sev und Harry wagte nicht seine Skepsis zu äußern und nickte einfach beeindruckt. Dann begann er zu grinsen und sagte: „Das würde ich an deiner Stelle Hermine nicht erzählen". „Na was glaubst du, wer den Rucksack verzaubert und ihn mir geliehen hat? Sie hat auch eine genau so verzauberte Handtasche, aber ich habe den Rucksack vorgezogen". Harry presste sich die Hand vor den Mund, um nicht laut heraus zu platzen. Dieses Bild würde er nicht mehr so schnell aus dem Kopf bekommen, Snape mit Hermines Handtasche.
Sev versuchte, eine ernste Miene zu bewahren und sagte: „Wenn du fertig gelacht hast, würde ich vorschlagen, dass wir zurück kehren, die Nacht ist bald rum und wenn es hell wird, sollten wir aus der heulenden Hütte verschwunden sein. Wir haben das Ding zwar mit Abwehrzaubern versehen, aber keiner von uns ist Albus und hat die Macht, die Kräfte des Ministeriums abzuwehren".
Der Weg zurück verlief störungslos und als sie die Heulende Hütte durch die Falltür betraten, bot sich ihnen ein verwirrender Anblick. Und es stank bestialisch.
