Kapitel II - Vergessen

Ruckartig schreckte Valeria hoch. Sie war schweißgebadet und ihre Beine fühlten sich an wie gelähmt. Schwer klebte ihr Haar in ihrem Nacken und ihr Atem war flach, aber schnell. Hastig rieb sie sich mit ihren Handballen über die Augen, bis sich schwarze Flecken in ihrer Sicht bildeten. „Ein Traum…?", murmelte sie mit schwacher Stimme, ehe sie den Kopf schüttelte. Es war zu real gewesen. Unmöglich, dass sie es nur geträumt hatte. Aber wie war sie nach Hause gekommen? Sie erinnerte sich nur schwach daran, wie sie die Hand des Fremden genommen hatte und offensichtlich kurz darauf in Ohnmacht gefallen war. Hatte er ihr irgendetwas getan? Er konnte ihr nichts ins Glas gemischt haben, immerhin war er in der Bar nicht einmal in ihrer Nähe gewesen. Und auf der Straße? Sie erinnerte sich nur an die Berührung seiner Finger.

Augenblicklich sprang sie auf, wobei ihre Beine sie kaum halten wollten, und rannte in das Badezimmer, welches direkt an ihr Schlafzimmer angrenzte. Unruhig strich sie ihr Haar zurück, hielt es sich zusammen und drehte ihren Kopf ein paar Mal zu jeder Seite. An ihrer Schläfe war nichts zu erkennen. Kein Abdruck, keine Wunde, nichts. Ruckartig sah sie an sich herunter. Auch an ihrer Kleidung war nichts Ungewöhnliches festzustellen, außer dass sie nass an ihrer Haut klebte. Nichts aufgerissen, nichts fehlte. Erleichterung mischte sich in ihre anfängliche Panik. Vielleicht war ihr wegen der Übelkeit und der Kopfschmerzen schwarz vor Augen geworden. Doch woher hätte der Fremde wissen können, wo sie wohnte, wenn er sie hergebracht hatte? Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. Die Dunkelhaarige stieß ein leises Seufzen aus. Vor ihrem geistigen Auge verfolgte sie noch immer sein durchdringender Blick. Allein bei dem Gedanken daran stellte sich jedes Härchen an ihrem Körper auf. Unweigerlich drängte sich ihr das Wissen auf, dass sie Walter wiedersehen würde.

Mit den vergehenden Stunden ließ dieses Wissen immer mehr nach. Die Erinnerungen an vergangene Nacht verblassten immer mehr, als hätte sie sich mit dem reinigen Wasser der Dusche von der Seele gewaschen. Nur ab und zu strich sie sich geistesabwesend über ihre Schläfe und glaubte manches Mal Linien zu spüren, die sich von ihrer Haut erhoben wie Narben. Doch ihr Spiegelbild verriet keine Auffälligkeit und bald schon hatte sie auch das vergessen.

Innerhalb der nächsten Tage schien der Abend schon längst der Vergangenheit anzugehören, obgleich sie in jedem ihrer Träume von diesen stechend schwarzen Augen verfolgt wurde, die sie aus der dunklen Ecke der Bar angestarrt hatten. Das Gesicht des Fremden war nur noch verschwommen in ihrer Erinnerung und manchmal war sie sich sicher, dass sie ihm gar nicht wirklich begegnet war. Dass auch der Mann im gelben Mantel nur ihrer Fantasie entsprungen war. Vielleicht aus dem Wunsch heraus, dass etwas passierte, was sie aus ihrem grauen Alltag riss. Was ihr wieder einen Sinn gab. Dann gab es Momente, in denen sie sein Gesicht wieder klar vor Augen hatte. Wenn das Jucken hinter ihren Augen schlimmer wurde und die Stimmen in ihrem Kopf deutlicher. Wenn der Mond und die Sterne aus Kreide an jeder Ecke aufzutauchen schienen. Doch das Leben um sie herum lief einfach weiter, als wäre sie dem Mann in Schwarz nie begegnet. Nur der stetige Gedanke – ein kleiner Funke, eine Idee, eine Hoffnung? Versteckt in dem hintersten Winkel ihres Kopfes – dass sie ihn wiedersehen würde, zeugte noch von ihrer Begegnung.