Briefe
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Hermine steckte die Pfauenfeder zwischen die Lippen und kämpfte mit tausenden von Pergamentrollen auf ihrem Tisch. In dem Haufen suchte sie nach ihren Hausaufgaben für Zaubertränke, die sie über den Sommerferien, aufbekommen hatte.

Verdammt, dass ist ja wie der Nagel im Heuhaufen, schoss es ihr durch den Kopf.

„Hermine, komm doch mal bitte runter!", ertönte die Stimme ihrer Mutter durch das Haus.

Hermine legte die Feder auf den Haufen Pergament und machte sich auf.

Ihre Mutter stand unten in der Küche und hielt einen Umschlag in der Hand.

„Das ist gerade für dich angekommen!", sagte Jane Granger.

„Danke, aber wer hat ihn gebracht?", fragte Hermine ihre Mutter.

Statt irgendetwas zu sagen zeigte Jane auf eine kleine, sehr mitgenommene, Eule. Hermine erkannte sie sofort. Es war Errol, die Eule der Weasleys. Hermine machte einen Satz nach vorne und riss den Umschlag ihrer Mutter aus der Hand. Langsam sank sie auf den Küchenstuhl und öffnete den Brief mit zittrigen Fingern. Seit Wochen hatte sie schon nichts mehr von ihren Freunden gehört. Sie entfaltete den Brief und fing an zu lesen.

Liebe Hermine,

Entschuldige, dass ich mich in den letzten Wochen nicht mehr gemeldet habe. Hoffe du bist nicht sauer.

Leider können wir dich dieses Jahr nicht fragen, ob du, für die letzten paar Wochen, zu uns kommen willst. Mein Dad hat ziemlich viel im Ministerium zu tun und meine Mum hat auch schon alle Hände voll mit Fred und George. Sie konnte die beiden immer noch nicht überreden wieder nach Hogwarts zurück zu gehen. Wenn du meine Meinung hören willst, den Laden von den beiden finde ich echt klasse. Sie können gerne dort bleiben…

Hermine hörte auf zu lesen und schmunzelte. Nur zu gut konnte sie sich an letztes Jahr erinnern, als Fred und George die Schule gestürmt und nachher die Flucht ergriffen hatten. Jetzt hatten sie mitten in der Winkelgasse - eine sehr große Straße, dir nur für Zauberer und Hexen begänglich war – einen kleinen Scherzartikelladen eröffnet. Das war immer der Traum von Fred und George gewesen, nur nicht von Mrs. Weasley. Sie konnte nicht verstehen, was ihre Jungs daran so klasse fanden und wollte am liebsten, dass sie das alles sausen ließen und wieder zurück nach Hogwarts gingen.

In ihren Gedanken machte sie sich die Notiz, Fred und George gleich zu besuchen, wenn sie in der Winkelgasse war. Schließlich las sie weiter.

… Ich freue mich echt darauf, dich wieder zu sehen.

Alles Gute

Ron

P.S: Den Rest, den es noch zu erzählen gibt, wirst du in…drei…zwei…eins…erfahren!

Hermine sah auf und schon flatterte eine weiße Schneeeule in die Küche. Ihr Herz machte einen Hüpfer und sie sprang auf. Die weiße Eule landete auf dem Tisch und funkelte Hermine vertraut, durch ihre schwarzen Knopfaugen, an.

„Hedwig!", schrie Hermine vor Begeisterung.

„Hedwig?", fragte Jane.

„Die Eule von Harry.", kam es knapp als Antwort.

Ja, es war die Eule von Harry Potter. Er und Ron waren Hermines beste Freunde, seit sie Hermine vor einem Troll im ersten Schuljahr gerettet hatten.

Die Schule und das lernen mochte Hermine zwar wichtig sein, aber die beiden waren ihr am wichtigsten. Natürlich ihre Familie mit einbezogen. Doch in der Welt der Zauberer waren Harry und Ron das Wichtigste für Hermine. Sie vertraute den beiden ihr Leben an.

Wo wäre sie nur, wenn Harry und Ron sie nicht vor dem Troll gerettet hätten? Wo wäre sie, wenn Harry und Ron sie nicht gerettet hätten, als sie versteinert war?

Langsam band sie Hedwig den Brief vom Bein. Aus dem Schrank holte sie ein paar Sonnenblumenkerne und verfütterte sie an die beiden Eulen.

Ihre Mutter sank langsam auf dem Stuhl zusammen. Wenn sie das nicht schon alles kennen würde, mit den Eulen und der Zauberei, würde sie die Nerven verlieren (Hermines Familie waren allesamt Muggel, nicht Zauberer).

Hermine setzte sich wieder und fing wieder mal an zu lesen.

Hi Herm,

genau wie Ron tut es mir Leid, dass du schon lange nichts mehr von mir gehört hast.

Du fragst dich sicher, woher ich das weiß… Nun ja, wir hoffen, dass du nicht böse bist.

Ich habe es bei den Dursleys nicht mehr ausgehalten, deswegen bin ich bei Ron. Ohne dich ist es aber nicht dasselbe. Es ist so leer und langweilig, wenn du nicht da bist.

Hermine stockte. Das hatte sie so sehr getroffen, dass ihr die Tränen die Wange hinunter liefen. Sie vermisste die beiden auch und jetzt wäre sie nirgends lieber als bei ihnen.

Außerdem, wer soll uns bei den Hausaufgaben helfen?

Von jetzt auf gleich hatte Hermine statt Tränen ein Lachen. Harry und Ron wussten, wie man sie zum Lachen bringen konnte und machten aus dem schlimmsten noch das Beste. Zumindest meistens.

Zählen schon die Tage, bis zur Abreise. Wir treffen uns dann am Kings Cross.

Alles Liebe,

Harry

P.S: Du erfährst alles Haargenau, was passiert ist. Versprochen! Ginny vermisst dich auch.

Hermine wusste jetzt überhaupt nicht mehr, ob sie lachen oder weinen sollte. Sie überflog die Briefe noch einmal und legte sie mit zitternden Händen auf den Tisch. Die Eulen sahen sie mit schiefem Kopf an.

„Da habt ihr mir aber Nachrichten gebracht.", hauchte sie und strich Hedwig und Errol über das Gefieder.

„Was steht drin…", fragte ihre Mutter.

„Dies und das und das sie mich vermissen!"

Ihre Mutter nickte nur. Sie wusste, dass sie besser nicht mehr danach fragte.