Sie beeilten sich nicht sehr, um die Umgebung so gründlich, wie es nur irgend ging, abzusuchen und jeden nach Maglor zu fragen, dem sie begegneten. Doch von Feanors zweitältestem Sohn war keine Spur zu finden. Sie gaben nicht auf und wandten sich zunächst nach Osten in ein weites, noch kaum besiedeltes Land, dessen Erforschung gerade erst begonnen hatte. Genau deswegen hatten sie bei ihrer Abreise kaum hilfreiches Kartenmaterial einsehen können und zeichneten sich nun kurzerhand selbst behelfsmäßige Karten.

Sie wussten nicht, warum, doch einem inneren Gefühl folgend, beschlossen sie stumm und einvernehmlich, weiter im Norden zu suchen, in Forodwaith, wo der Winter niemals zu enden schien und die großen weißen Wölfe lebten. Ihre Schneebretter leisteten ihnen hier gute Dienste, denn tatsächlich trugen sie sie rasch und effizient über den Schnee. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatten sie schließlich zwei gut funktionierende Techniken gefunden, die sie Eins-einser und Zwei-einser nannten. Die Zwillinge hatten unheimlichen Spaß an der Sache, dass Ceomon sie schon als zu groß geratene Kinder bezeichnete. Er selbst hatte hingegen so seine Schwierigkeiten mit den Schneebrettern; es gab eben Dinge, die lernte man nie, rechtfertigte er sich.

Langsam kamen sie immer weiter in den Norden. Statt nachzulassen, wurde der Winter sogar noch strenger, was den Zwillingen allmählich zu schaffen machte. Elros bemerkte dieser Tage, dass er bei der Planung seiner Schneebretter einen entscheidenden Fehler übersehen hatte: Die Bretter waren nur für eine schmale, gut präparierte, feste Loipe geeignet, jedoch nicht für tiefen, frischen Schnee. Sie waren zu schmal. Zunächst hatten sie ihnen durchaus gute Dienste geleistet, denn die Schneebretter hatten sie schnell und weit getragen. Doch nun versagten sie auf ganzer Linie und waren eine einzige Behinderung.

Allmählich wurde ihre Reise eine Tortur. Die Temperaturen waren empfindlich gesunken, der tiefe Schnee machte ihr Vorankommen zu einer einzigen Qual. Selbst Ceomon schien so seine Probleme zu haben (ganz zu schweigen von den Zwillingen), dennoch war er deutlich bemüht, den Zwillingen so viel Last zu nehmen, wie er konnte. Freilich war Elrond zunächst dagegen, doch als er sah, wie schlecht es seinem Bruder ging, hatte er nichts mehr dagegen zu setzten und versuchte selbst, es Elros zu erleichtern.

Doch der Winter hielt dieses Land in eisernem Griff, er schien alles Leben unterdrücken zu wollen, obgleich schon längst der Frühling angebrochen war. Trotz allem hausten hier sonderbare Tiere, allesamt weiß. Viel zu große Bären waren es und ebensolche Wölfe. Füchse mit äußerst dickem Fell gab es hier und Hasen, die im Schnee kaum auszumachen waren. Sie mochten Glück haben, dass sie die Wölfe und Bären nur aus der Ferne sahen, doch ihr Glück hörte da auf, wo Ceomon, der die besten Augen hatte, versuchte, die Hasen zu schießen. Er verschwendete nur seine Pfeile, wenn er überhaupt schnell genug Beute ausmachen konnte, und gab es schließlich auf. Sie mussten hungrig bleiben, während ihre Erschöpfung wuchs und wuchs und kein Ende in Sicht war.

Elrond verzweifelte. Maglor hätte es sicher nicht gewollt, dass seine beiden Kleinen solche Leiden allein für ihn auf sich nahmen. Warum suchten sie ihn nur hier in dieser unwirtlichen Gegend? Kein vernunftbegabtes Wesen begab sich einfach so hierher! Nicht einmal Maglor konnte so verzweifelt gewesen sein, dass er hierher gefunden hätte. Doch mit Schrecken stellte Elrond fest, dass sie nun nicht mehr umkehren konnten. Ihre Vorräte waren aufgebraucht, als dass sie für denselben Weg zurück gereicht hätten, und sonst fand sich so gut wie nichts Essbares in dieser Eiswildnis. Er selbst war am Ende, und wenn nicht bald etwas geschah, dann würde sein Bruder binnen weniger Tage erfrieren. Er hatte Angst um Elros, eben solch eine Angst, wie er bei ihrer Flucht aus Beleriand empfunden hatte.

Es war ihre Rettung, als sie nach wohl einer Ewigkeit auf einmal schemenhafte Gestalten vor sich in der Ferne auftauchen sahen. Ceomon bemerkte sie als erstes, obgleich sie kaum auszumachen waren mit ihrer weißen Fellkleidung im Schnee. Die drei merkten auf und riefen und winkten. Egal, wer es war, er bedeutete Rettung. Sie dachten gar nicht daran, dass es vielleicht Feinde sein können, und wäre es so, so machte es keinen Unterschied, ob sie ihnen oder der Kälte begegneten.

Die Gestalten kamen auf sie zu. Sie waren klein und gedrungen und dick eingepackt in ihre Felle. Sie trugen seltsame Konstrukte auf der Nase, die die Augen bis auf einen schmalen Schlitz bedeckten. Unter den Füßen hatten sie so etwas Ähnliches wie die Schneebretter, nur deutlich breiter und kürzer und nicht zum Gleiten sondern zum Schreiten gedacht.

Elrond stützte seinen Bruder, der sich schwer auf ihn lehnte und schon seit Tagen ununterbrochen zitterte wie Espenlaub, egal wie dick er sich in Decken und Kleider hüllte. „Siehst du, Elros?", sagte er. „Unsere Rettung!"

Ceomon verzichtete, ihn darauf hinzuweisen, dass dies nicht zwingend der Fall sein musste. Er ging einige Schritte auf die Neuankömmlinge zu. Sie waren Menschen, eindeutig, doch welche, die er noch nie gesehen hatte. Sie waren klein, ihre Augen hinter den Schneebrillen schmal und zusammengekniffen und ihre Haut war dunkel, doch es war ein anderes Dunkel als bei den Südländern. Wer waren sie nur?

„Wir sind erfreut, euch anzutreffen", begann er mit dem Sindarin, da er sich erhoffte, damit vielleicht am ehesten verstanden zu werden. Denn wer wusste schon, was diese Menschen sprachen?

„Du fremd", sagte einer stockend und abgehackt, als sei ihm diese Sprache absolut nicht vertraut.

Kann man so sagten ..., durchfuhr es Ceomon. „Wir brauchen eure Hilfe", sagte er schon beinahe im flehenden Ton. „Wir sind auf der Suche nach jemandem, doch haben wir uns verirrt und können nun nicht mehr zurück. Unsere Vorräte reichen nicht mehr, wir sind am Ende unserer Kräfte."

„Mein Bruder ist am Erfrieren!", warf Elrond ein, und so etwas wie Panik schwang in seiner Stimme mit. Elros sah ihn scharf an, doch sein Blick fiel deutlich weniger scharf aus, als wenn er im Vollbesitz seiner Kräfte wäre. Er schimpfte schon sein Tagen, dass sein Bruder wie immer alles zu schwarzsähe, nur um seine eigene Verfassung herab zu spielen.

Die Menschen musterten die Peredhil geraume Zeit und schienen nicht recht zu wissen, woran sie bei ihnen waren. „Du Elb", schlossen sie schließlich. „Und du Mensch."

Elrond war das im Moment herzlich egal, und er verzichtete darauf, ihnen den Unterschied von Halbelb und Mensch und Elb zu erklären.

Ceomon bemerkte freilich, wie ungeduldig Elrond wurde. „Bitte, wir brauchen eure Hilfe dringendst. Wir versuchen auch, jede Gegenleistung zu erbringen, die ihr von uns verlangt."

Der Mann, der als erstes gesprochen hatte, deutete auf sich. „Ihr sagen Lossoth", stellte er sein Volk vor. „Wir sagen anders." Er nannte ein disharmonisches Wort, das Elrond sich so oder so niemals gemerkt hätte. „Wir nicht helfen gern Leuten aus Süden."

Bitte!", flehte Elrond. „Mein Bruder stirbt!"

Der Mann musterte die Zwillinge von oben bis unten. „Tut er", stimmte er ohne jede Gefühlsregung zu. „Aber wir keine ... wie sagen? Gegenleistung? Wir das nicht wollen. Ihr mitkommen."

Elrond glaubte, ein kleines Gebirge fiele von seinem Herzen. Am liebsten wäre er ja dem Mann vor die Füße auf die Knie gesunken, doch Elros brauchte ihn, um sich abstützen zu können. Ein überglückliches Lächeln huschte über sein Gesicht. „Hab dank", sagte er unendlich erleichtert.

Die Menschen besahen sich schon die ganze Zeit über skeptisch ihre langen Schneebretter. Einige zeigten darauf und lachten rau. Dann sagte sie etwas zueinander in ihrer disharmonischen Sprache. Den drei war es, als machten sie sich lustig über sie, aber das war ihnen egal. Trotzdem begegneten die Menschen den drei mit großem Misstrauen, selbst für Elros galt das. Insbesondere das verwunderte Elrond, denn sonst konnte Elros jeden Menschen für sich gewinnen. Aber das war im Moment unwichtig, das einzige, was zählte, war, dass man ihnen Hilfe zusprach, wie auch immer die aussehen mochte.

Die Lossoth, die Schneemenschen, führten sie zunächst ein wenig nach Westen zur Küste hin. Die drei Wanderer hatten schon vor Tagen bemerkt, dass sie ebenjener sehr nahe waren. Eine große Bucht schnitt hier in das Land ein, voller malmenden, knirschenden Eis. Ceomon hatte vor einigen Tagen bemerkt, dass Überlebende der Helcaraxe Ähnliches berichteten wie das, was sie durchlitten, allerdings hätte er diese Bemerkung lieber sein lassen.

„Die Eisbucht von Forochel", sagte er unvermittelt.

Elrond sah ihn fragend an.

„Sie hat keinen Namen, also nenne ich sie nun so", begründete er. „Es ist doch ein passender Name, oder?"

Die Lossoth hielten an einer Stelle und beredeten etwas miteinander. Daraufhin tauschten einige ihre Schneeschuhe gegen Kufen und eilten über das Eis fort. Einige Zeit später kamen sie mit allerlei seltsamen Gerätschaften wieder. Elrond fiel auf, dass sie keinerlei Metall verwendeten, nur Knochen, Sehnen und Häute. Es musste ein sehr primitives Volk sein, dass sie hier gefunden hatten, wenn auch allem Anschein nach nicht als erste.

Sobald die Kufenträger wiederkehrten, wurden die Gerätschaften unter den Männern aufgeteilt und sie machten sich emsig an die Arbeit. Den drei Fremdlingen blieb nichts weiter übrig, als nahebei zu stehen und erstaunt zuzusehen. Allmählich entstand wie aus dem Nichts und aus zahlreichen aus dem Eis geschnittenen Blöcken eine teils in den Boden eingelassene Halbkugel. Der Eingang war so niedrig, dass man ihn nur kriechend durchqueren konnte und das Schlussstück der Halbkugel war abnehmbar. Als die Lossoth Elrond und Ceomon mehrere Bündel Treibholz in die Arme drückten, wussten sie auch, warum. Anscheinend konnte man in diesem Eishaus sogar Feuer machen.

„Was ist das?", fragte Ceomon erstaunt und zeigte auf die innerhalb kürzester Zeit entstandene Halbkugel.

„Iglu", sagten die Lossoth.

„Und was heißt das?"

Sie zuckten mit den Schultern. „Iglu, Iglu", wiederholten sie. Stattdessen gaben sie ihnen noch mehr Feuerholz und Proviant. „Ihr noch lange hier bleiben", sagte einer. „Lange, bis gelbes Licht noch viel weiter oben als jetzt. Dann erst gehen können. Sonst vorher tot."

Der Mut sank ihnen wieder. Sie würden wohl noch Wochen hier ausharren müssen. Dennoch war tiefe Erleichterung das vorherrschende Gefühl bei ihnen, insbesondere bei Elrond, dass ihm sein Bruder nicht sterben musste in dieser Kälte. Sie bedankten sich Tausende Male, doch die Lossoth schienen sich nicht viel daraus zu machen und fuhren auf ihren Knochenkufen davon und ließen sich nicht mehr blicken. Unendliche Stille trat wieder ein. Nur der Wind pfiff, als würde in der Ferne ein Wolf heulen. Leise knirschten Schnee und Eis. Nun, da ihre Aussichten deutlich rosiger waren, fand Elrond, dass diese Gegend durchaus ihre schönen Seiten hatte. Es war, als sänge das Eis ein Lied, er konnte es nicht anders beschreiben.

„Lasst uns in dieses ... Iglu gehen und sehen, was es wirklich taugt", sagte Ceomon.

Dagegen war eindeutig nichts einzuwenden. Sie krochen hinein und breiteten ihre Sachen aus. In der Mitte des Iglu schichteten sie ein wenig Holz auf und entzündeten es. Und siehe, schon bald wurde es angenehm warm! Erleichtert drängten sie sich um das Feuer, doch ihre Sorge, ihr Iglu könne ihnen wegschmelzen, war unbegründet. Es hielt sowohl die Körperwärme aus auch erst recht die Wärme des Feuers erstaunlich gut aus. Alsbald ging es Elros deutlich besser, nachdem Elrond darauf bestanden hatte, dass er eine ordentliche Mahlzeit zu sich nahm.

„Von wegen, ich sehe alles zu schwarz", scherzte Elrond. „Da hast du's, uns wurde Hilfe zuteil und dir geht es deutlich besser."

„Aber davor!", erinnerte Elros ihn leichthin. „Manchmal bist du wie eine Amme."

„Bei einem Bruder wie dir ist das schließlich von Nöten!"

So ging es eine ganze Weile hin und her, bis sich auch Ceomon an dem Wortgefecht beteiligte, mal auf Elronds Seiten mal auf Elros'. Doch bei allem Schalk wollten sie nur ihre Bedrückung übermalen, hier noch Wochen ausharren zu müssen.

Elrond fühlte tiefstes Bedauern. Er hatte doch eigentlich gewusst, dass Maglor das niemals gewollt hätte! Wo hatten sie sich da nur hineingebracht?

Freilich hockten sie nicht die ganze Zeit im Iglu. Vor allem Ceomon ging oft auf das Eis der Bucht hinaus, denn die Lossoth hatten ihnen nicht nur Essen und Holz da gelassen, sondern auch einige ihrer Alltagsgegenstände. Ihre Knochenkufen und Schneeausrüstung waren dabei sowie einige Sehnen und Hacken. Alsbald entdeckten sie, dass dies Angelausrüstung war. Damit machte sich Ceomon fast täglich hinaus auf das Eis und fischte durch ein kleines Loch, das er in das dicke Eis geschlagen hatte. Er hatte nicht immer Erfolg, dennoch reichte es recht gut, auch wenn sie bald keinen Fisch mehr sehen konnten. Während Ceomon fischte, zogen die Zwillinge den Strand auf und ab und suchten nach Holz.

So ging es eine ganze Weile gut, auch wenn es mühsam war. Doch es vertrieb die Langeweile und die Eintönigkeit, die sie sonst wochenlang verfolgt hätte. Indes beobachteten sie ungeduldig den Himmel und den Stand der Sonne, dass er hier im Norden endlich den Frühling einläutete. Quälend langsam stieg die Sonne jeden Tag ein wenig höher, doch der Winter wollte nicht weichen. Im Gegenzug: Er schlug sogar noch einmal mit all seiner Macht zu.

Eines Morgens wachten sie nichts ahnend auf und wollten ihren Iglu verlassen, doch mussten sie feststellen, dass ihnen der Weg verwehrt blieb. Er war zugeweht, das dumpfe Fauchen eines großen Sturmes drang zu ihnen durch. Alarmiert hieß Ceomon die Zwillinge, auch ja im Iglu zu bleiben, und machte sich daran, den Eingang freizuschaufeln. Es war eine mühsame Aufgabe und gegen Ceomons Proteste gingen die Zwillinge ihm zur Hand. Es dauerte dennoch eine Weile, bis sie den Eingang freigelegt hatten. Ceomon besah sich die Lage, kroch aber fast augenblicklich in das Iglu zurück.

„Solch einen Sturm habe ich noch nie gesehen!", sagte er. „Da ist kein Durchkommen. Wir müssen wohl oder übel noch länger hier ausharren. Wahrscheinlich wollten die Lossoth uns davor warnen."

Die Zwillinge ließen geknickt die Schultern hängen.

„Was für ein Glück wir wieder haben." Elros' Stimme troff förmlich vor Ironie.

„Kopf hoch!", versuchte Ceomon sie aufzuheitern. „Der Sturm kann höchstens ein oder zwei Tage andauern. Danach wird es bestimmt nur eine Frage von Tagen sein, bis wir aufbrechen und weiter nach Herrn Maglor suchen können."

Allein die Erwähnung von Maglors Namen bewirkte, dass die Zwillinge sichtlich Mut fanden. Ceomon lächelte.

Der Sturm wütete einen Tag und noch einen und noch einen, und noch war kein Ende in Sicht. Allmählich verloren sie jegliches Zeitgefühl. Sie drängten sich in dem kleinen Hohlraum im Eis um das Feuer und starrten allein monoton in die Flammen, nachdem ihnen die Gesprächsthemen ausgegangen waren. Lediglich Elros war es, der ab und zu seine Harfe auspackte und einige Lieder von Maglor spielte. Doch er unterließ dies nach einer Weile, denn es weckte nur unnütz wehmütige Erinnerungen.

Das Warten setzte sich fort. Sie gingen sparsam mit Holz und Lebensmitteln um, denn sie wussten ja nicht, wie lang sie damit auskommen mussten. Bedrückende Stille herrschte, sie hörten nur das unermüdliche Fauchen des Sturmes und das Knirschen des Eises in der Bucht. Allmählich wurde das Warten zu einer Zerreißprobe. Keinerlei Abwechslung bot sich ihnen, nur das An- und Abschwellen des Sturmes – es mussten wohl mehrere sein, verkündete Elrond einmal in die Stille hinein.

Und dann hörten sie das Heulen. Zunächst hielten sie es für den Wind, doch dann wiederholte es sich. Nein, der Wind war es nicht. Doch was war es dann? Elrond glaubte, dass er es auch gar nicht wissen wollte. Es klang wie Wolfsgeheul nur viel bedrohlicher. Ihnen lief es eiskalt den Rücken hinab.

Wieder ein lang gezogenes Heulen, dann auf einmal Stille. Die drei harrten schweigend und bangend aus. Fragende und besorgte Blicke wurden getauscht. Keiner regte sich. Dann hörten sie auf einmal viel zu nah für ihren Geschmack ein Schnüffeln und Scharren; es musste jetzt direkt vor dem Iglu sein. Sie wagten kaum zu atmen aus Angst, sie könnten gehört werden. Aber das konnten sie doch nicht, oder? Sie waren doch unter all dem Schnee und Eis. Unter Schnee und Eis … Lebendig begraben! Als Elrond das aufging, wurde er aschfahl im Gesicht.

Ceomon bemerkte freilich ihre Unruhe. „Seid ganz ruhig" redete er leise auf sie ein. „Habt keine Angst, ich bin da."

Mit bangem Blick sahen die Zwillinge zu ihm. Sie waren eng aneinander gerückt und hatten sich in den Arm genommen. Ceomon saß nahe des Eingangs, das gezogene Schwert auf den Knien, doch auch er, der sonst so unerschütterlich war, wirkte beunruhigt.

Wo waren sie nur hinein geraten? „Oh, Onkel Maglor, es tut mir leid", durchfuhr es Elrond. Warum nur konnte Maglor nicht hier sein, um sie zu trösten?

Tagelang heulte und schnüffelte es um ihr Iglu, die Angst ließ sie nicht mehr los. Dann auf einmal war Ruhe. Das einzige Heulen war das des Windes. Sie wagten kaum zu hoffen, doch allmählich wurde deutlich, dass das Wesen, was auch immer es war, verschwunden war. Einige Tage später ließen auch die Stürme so weit ab, dass sie das Iglu verlassen konnten. Doch zunächst mussten sie feststellen, dass sie sich erst einmal frei graben mussten, sie waren eingeschneit. Als der Ausgang schließlich freigelegt war, kroch Ceomon mit dem Schwert in der Hand als erster aus dem mittlerweile verleideten Iglu und hieß die Zwillinge, noch zu warten, egal wie ungeduldig sie waren. Erst, als er die Umgebung gründlich auf potenzielle Gefahren abgesucht und keine gefunden hatte, rief er die Zwillinge. Endlich waren sie wieder an frischer Luft, endlich! Sie atmeten tief durch und genossen die Freiheit und die Möglichkeit, ihre steifen Glieder strecken zu können.

Ceomon zückte einige Glöckchen. „Hier, nehmt die und bindet sie an Eure Stockenden", sagte er. „Falls wir doch noch einmal von einem Sturm überrascht werden sollten, verlieren wir uns nicht so schnell."

Die Zwillinge hatten keinen Einspruch zu erbringen, auch sie waren froh, wieder fort und in den Süden zu kommen. Trotz der überstandenen Gefahren und dem Lichtblick, in Sicherheit und angenehmere Gefilde kommen zu können, waren sie niedergeschlagen, sie hatten Maglor nicht finden können, sie hatten versagt. Dieses Mal.

Ohne sich darüber einig werden zu müssen, beschlossen sie, wieder in den Süden zu gehen. Hier im Norden würden sie wohl nichts finden, nur den Tod. Von dem unbekannten Wesen, das einige Tage um ihr Iglu geschlichen war, war nichts zu sehen. Sie wähnten sich in Sicherheit.

Ceomon, von ihnen am erfahrensten in der Natur, führte sie wieder. Er gab ein rasches Tempo vor, und obgleich es ein mühsamer Marsch wurde, hatten die Zwillinge nichts dagegen einzuwenden; sie waren froh, den verhassten Ort verlassen zu können.

Tagelang wanderten sie vom ersten bis zum letzten Licht und wandten dabei dem Eis kontinuierlich den Rücken zu. Bald schon, vielleicht eine Woche später, erreichten sie mildere Gefilde und bald schon sahen sie die ersten Frühblüher durch den Schnee brechen. Erleichterung durchflutete sie, ihr Schritt wurde beschwingter. Von Tag zu Tag wurde es nun wärmer, der Frühling gewann an Kraft. Als sie die Emyn Uial vor sich sahen und die Bäume um sie herum Blüten zu tragen begannen, wussten sie, dass sie dem Winter entkommen waren.

„Ich weiß ganz genau, warum ich Schnee hasse", kommentierte Elrond.

„Ausnahmsweise muss ich dir Recht geben", sagte Elros.

An diesem Abend fanden sie Rast in den ersten Hängen der Emyn Uial. Sie schlugen ihr Lager in einer kleinen, windgeschützten Mulde auf. Ceomon entzündete ein Feuer mit dem Holz, das sie auf ihrem Weg hierher gesammelt hatten, und bereitete ihnen Essen. Elros holte seine Harfe hervor und begann erneut einige von Maglors Liedern zu spielen; Maglor hatte sie einst gelehrt, dass Musik Licht in jedes noch so finstere Herz bringen konnte und ermutigte, wo Mut von Nöten war. Alsbald stimmte Elrond mit ein.

„Die jungen Herren sind sehr talentiert", lobte Ceomon. „Besonders Ihr, Herr Elros."

Elrond schmunzelte verlegen. „Na ja, bei dem Lehrer …", bemerkte er.

„Aber Elrond ist genauso gut!", sagte Elros.

„Stimmt nicht, du bist wirklich besser als ich", bestand Elrond.

„Und du spielst dein Können auf ganzer Linie nieder", konterte Elros.

Ceomon ließ sie schmunzelnd streiten. „Wollen die Herren vielleicht eine Geschichte aus meiner Zeit auf dem Himring hören?", fragte er.

Elrond sah fragend zu seinem Bruder. Dieser zuckte mit den Schultern. „Wieso nicht? Es würde uns freuen."

Ceomon überlegte kurz. „Ich denke, die Herren Maedhros und Maglor werden Euch schon einiges berichtet haben, vom rauen Wetter und wie wir damit umgingen. Doch ich glaube nicht, dass sie Euch erzählt haben, dass Maglor manchmal ein wenig neben der Spur stand."

Elrond runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?

„Er hatte ein Talent dazu, seine Harfe zu verlegen", sagte Ceomon trocken.

Die Zwillinge sahen ihn erschrocken an. „Wie das?", riefen sie aus.

„Keine Ahnung", gestand Ceomon. „Aber er hat es fertig gebracht. Dabei ließ er seine Harfe ja noch nicht einmal im Schlaf los. Nun gut, meist war ich dann derjenige, der seine Harfe wieder suchen durfte. Einmal aber hatte er es geschafft, seine Harfe so gründlich zu verlegen, dass die ganze Burg auf den Kopf gestellt werden musste, um sie zu finden. Wirklich jeder hat gesucht, den ganzen Tag."

„Und wo war sie?", wollte Elros wissen.

Ceomon musste lachen. „Ihr werdet es nicht glauben!", sagte er. „Wir haben absolut jeden Winkel der Feste abgesucht und auf den Kopf gestellt. Kein Stein blieb auf dem anderen, wir haben jeden umgedreht und wenn er noch so klein war. Herr Maglor war völlig durch den Wind, immerhin war seine geliebte Harfe verschwunden. Spurlos! Sein verehrter Bruder hatte alle Hände voll zu tun, ihn zu beruhigen und ihn davon abzuhalten, völlig planlos ebenfalls zu suchen."

„Und? Wo war sie denn nun?", fragten die Zwillinge ungeduldig im Chor.

Ceomon grinste. „Da, wo Maglor sie immer hinlegte: in seinem Studierzimmer, überdeutlich auf einem Tisch stehend."

Die Zwillinge prusteten los. „Wie bitte?", rief Elros aus. „Wieso hat sie da niemand gesucht?"

„Weil niemand auf die Idee kam, dass die Lösung so banal ist, dass einem Feanorer so etwas entfallen könnte", sagte Ceomon.

„Armer Onkel Maglor", grinste Elros.

„Seltsam, dass uns das nie aufgefallen war", sagte er.

„Sein Haus in Ossiriand war wesentlich kleiner als die Burg auf dem Himring", erklärte Ceomon. „Etwas heillos zu verlegen, fiel hier selbst Herrn Maglor schwer."

„Es gibt da aber eine Sache, die mich schon eine ganze Weile beschäftigt", wechselte Elrond ein wenig später das Thema.

„Nur zu", sagte Ceomon.

„Warum hatte er nie eine Frau, wo doch die Ehelosigkeit unter Elben so ungewöhnlich ist?", fragte Elrond.

Die anderen beiden sahen ihn groß an.

„Was ist das für eine Frage?", äußerte sich Elros.

„Ich habe auch keine Frau", stellte Ceomon klar. „Um genau zu sein habe ich meine Familie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen."

Nun waren es wieder die Zwillinge, die gemeinsam fragten. „Wie das denn?", wollten sie wissen.

Ein Anflug von Trauer huschte über Ceomons Gesicht. „Schon in jungen Jahren ging ich völlig in meinem Dienst für Herrn Maglor auf, ich folgte ihm überall hin, und ich meine, wirklich überall hin. Sogar in alle drei Sippenmorde … Schon nach Alqualonde verstieß mich meine Familie."

„Oh …", brachte Elros zustande, mehr nicht.

„Das tut uns leid", setzte Elrond fort.

„Ach, das ist doch schon lange her", winkte Ceomon ab.

„Aha …" Elrond war nicht überzeugt. „Aber was ist nun mit meiner Frage? Bei Onkel Maedhros kann ich es ja nachvollziehen; wahrscheinlich war es ihm peinlich oder Ähnliches. Aber bei Onkel Maglor …"

Ceomon schmunzelte, blieb jedoch ernst. „Auch Herrn Maglor war es peinlich, doch auf eine andere Art", erklärte er. „Es war nicht wegen eines fehlenden Körperteils, wie er mir einmal sagte, sondern wegen eines fehlenden Gewissens."

Elrond runzelte die Stirn. Er verstand es nicht wirklich, denn schließlich war Maglor sehr gewissenhaft, vielleicht sogar schon zu sehr. Doch er sollte nicht mehr dazu kommen nachzufragen.

Ein schreckliches Geheul erhob sich in der Nacht. Die drei erstarrten von einem Augenblick auf den anderen und waren so still, wie es nur irgend ging. Bangend ließ Elrond seinen Blick umherschweifen und befürchtete schon das Schlimmste. Denn dieses Geheul kannte er von ihren ersten Tagen im Iglu. Oh, wie dumm und unvorsichtig sie in den letzten Tagen gewesen waren! Denn wie hätten sie noch vorsichtiger sein können, wo nicht einmal Ceomon, von ihnen der erfahrenste, etwas geahnt hatte?

Auf das Heulen folgte ein unheimliches Schnüffeln, und es war näher, als es Elrond lieb war. Er erschauderte. Ceomon bedeutete ihnen stumm, ganz langsam und vorsichtig aufzustehen und so leise wie irgend möglich, ihre Schwerter zu ziehen. Daraufhin stellten sie sich Rücken an Rücken und spähten in die Nacht hinaus. Stille. Dann vernahmen sie das Tappen krallenbewehrter Pranken und es klang nach großen Krallen. Elrond biss nervös auf seine Unterlippe und wünschte sich einmal mehr Maglor herbei.

Plötzlich leuchteten große grüne Augen im Dunkel um das Lager auf. Ihnen lief der kalte Angstschweiß hinab, die Zwillinge zitterten wie Espenlaub. Nie hatten sie solche Angst um ihr Leben gehabt, nicht einmal damals in den Ered Luin, wo sie tatsächlich mehr tot als alles andere gewesen waren. Ceomon bemerkte ihre Furcht.

„Bändigt Eure Angst", redete er möglichst beruhigend auf sie ein, während er selbst sein Schwert erhoben hielt. „Euch wird nichts geschehen, seid nur wachsam und schnell. Seid ruhig, seid ruhig …"

Es wirkte im Angesicht des Todes nur nicht so, wie es sollte.

Den Augen folgte ein geiferndes Maul voller dolchartiger Fänge und beides ragte über ihren Köpfen auf. Alles schien erstarrt, lediglich ein untergründiges Knurren stieg aus bestienhafter Kehle. Da war es Ceomon, der mit einem Aufschrei sein Schwert hob und voran stürmte. Elrond bewunderte ihn für seinen Mut. Doch das Biest machte einen Satz über ihre Köpfe und sprang in den Lichtkreis des Feuers.

Elrond keuchte erschrocken. Was war es bloß? Es sah irgendwie aus wie ein überdimensionierter Wolf, doch die Proportionen stimmten nicht ganz. Außerdem stand es aufrecht. Es wirkte, als habe es etwas … Elbisches an sich. Dieses Biest war selbst Ceomon völlig unbekannt, nicht einmal gelesen hatten sie davon. Vielleicht war es ja eine der zahlreichen Kreaturen Morgoths, die den Untergang seines Herrn so weit im Norden überdauert hatte. Doch all das wurde zur Nichtigkeit, denn schrecklich war es alle Male. Es war böse, es war hungrig und sie waren schon seit Wochen die Beute.

Die Zwillinge waren schreckensstarr, und wäre nicht Ceomon, es wäre ihr Ende. Denn einen Noldo, der alle drei Sippenmorde überlebt hatte, sollte man niemals unterschätzen. Bis zu diesem Augenblick hatten die Zwillinge es getan. Da brannte ein wildes, kampfeslustiges Feuer in seinen Augen, das auf Elrond schon besorgniserregend und, ja, erschreckend wirkte. Einen Kampfschrei ausstoßen und das Schwert vorgestreckt sprang Ceomon auf das Biest zu und deckte es mit zahlreichen raschen Schwertstreichen ein.

Da erwachten die Zwillinge aus ihrer Starre und sprangen ihm zur Seite. Doch auch ihr Gegner war nicht zu unterschätzen. Was auch immer es war, es war verdammt schnell und noch stärker. Sogar zu dritt konnten sie es kaum in Schach halten, obgleich auch die Zwillinge nicht ungeschickt mit dem Schwert waren (auch wenn sie die Waffe noch nie in einem Kampf aus Leben und Tod geführt hatten). Die nackte Angst ums Leben verstärkte ihre Sinne unnatürlich stark, und doch reichte es nicht aus. Die Krallen dieses Biestes waren lang und scharf, rasch durften sie diese schmerzhafte Erfahrung machen. Elrond erwischte es zum Leidwesen seines Bruders am schlimmsten, als ihr Gegner weit ausholte und seinen Schwertarm so tief aufschlitze, dass er ihn beinahe abtrennte. Er schrie auf und ließ im ersten Moment ungeschickter Weise das Schwert fallen.

„Elrond!", schrie Elros. Er warf sich vor seinen Bruder und hieb nach dem Biest. Es zog den Kopf zurück, dass seine Schnauze nur knapp dem Schwert entging, dann brüllte es tief. Sein fauliger Atem schlug ihnen entgegen. Inzwischen hatte Elrond trotz der Schmerzen und der stark blutenden Wunde sein Schwert mit der linken Hand ergriffen und war ein Stück weggekrochen; Maedhros hatte darauf befanden, dass die Zwillinge auf mit Links kämpfen konnten, denn gerade er musste ja wissen, wie es war, nur mit einer Hand kämpfen zu können.

Elrond bemühte sich wieder auf die Beine und stellte sich erneut zum Kampf. Er musste vor Schmerz und einem aufkommenden Schwindelgefühl die Zähne zusammen beißen. Dennoch kämpfte er weiter, er konnte doch nicht seinen Bruder und Ceomon allein gegen dieses Biest antreten lassen. Denn egal, was sie versuchen, es wollte und wollte nicht sterben. Sie verletzten es, durchaus, doch es schien von den Wunden keinerlei Notiz zu nehmen. Im Gegenteil, es schien sogar richtiggehend rasend zu werden. Elrond fluchte herzhaft, und es durchfuhr ihn, dass sie niemals gegen dieses Mistvieh bestehen könnten. Was für ein Pech sie auch wieder haben mussten! Womit sie es wohl auf sich aufmerksam gemacht hatten?

Auch Ceomon schien bemerkt zu haben, dass sie nicht obsiegen konnten. „Flieht!", rief er. „Nehmt Eure Sachen und flieht! Ich werde es solange aufhalten."

Es war höchst erstaunlich, denn einmal in seinem Leben folgte Elrond solch einem Rat. Es reute ihn jedoch schon wenige Augenblicke später, und er fürchtete um Ceomons Leben. Er wollte schon wieder zurück rennen, doch Elros packte ihn an seinem unverletzten Arm und zerrte ihn weiter. Zu Elronds Erleichterung stieß schon bald Ceomon wieder zu ihnen.

„Rennt um Euer Leben!", rief er.

Und sie rannten. Sie rannten, als wäre Morgoth höchstselbst hinter ihnen her, und Elrond erschien es auch so. Das Biest war ihnen dicht auf den Fersen, sie konnten seinen Brodem schon im Nacken spüren. Es war die Hölle! Irgendwann einmal konnte Elrond einfach nicht mehr weiter und Elros erging es nicht besser. Am liebsten wären sie einfach stehen geblieben und umgefallen. Doch Ceomon trieb sie unermüdlich an, denn das Biest blieb ihnen weiterhin dicht auf. Elrond beschlich das Gefühl, als ob es mit ihnen spiele. Denn mittlerweile rannte es auf allen vier schon an Klauenhände erinnernden Pranken, eigentlich wäre es so viel schneller als sie. Stattdessen hetzte es sie und wollte vielleicht dieses Spiel so lange fortsetzten, bis sie tot umfielen. Beinahe hätte es Erfolg gehabt, doch die Emyn Uial waren nicht mehr fern.

An ihren Nordhängen waren die Berge steinig und voller Geröllhalden. Als würden sie fliegen, erreichten sie die ersten Klippen, denn schon als diese morbide Hatz begonnen hatte, waren diese nicht mehr fern gewesen. Ceomon scheuchte sie zwischen die großen Felsen, die hier die Hänge bedeckten, wahrscheinlich von einem vergangenen Erdrutsch oder Ähnlichem. Beinahe wie die Gämsen sprangen sie zwischen den großen Felsen umher und versuchten alles, um ihren Verfolger abzuschütteln. Dabei war es ihr Glück, dass das Biest so groß und stämmig gebaut war, denn dadurch konnte es ihnen oft nicht auf direktem Wege unter Felsvorsprüngen und zwischen zwei großen Brocken hindurch folgen. Abschütteln ließ es sich dennoch lange nicht.

Erneut war es Ceomon, der den kleinen Felsdurchlass entdeckte. Es war kaum mehr als ein schmaler Spalt zwischen zwei Felswänden, und sie wussten nicht, ob er überhaupt breit genug war für sie, doch er war ihre einzige Hoffnung. Ceomon packte die Zwillinge und zerrte sie in Richtung des Spalts, auch wenn es hieß, dass sie hierfür einen kurzen Weg über offenes Gelände laufen mussten. Das Biest heulte triumphierend und war mit einigen großen Sätzen gefährlich nahe auf. Doch sie erreichten den Spalt vor ihm. Ceomon stieß die Zwillinge hinein.

„Los, lauft schon!", trieb er sie an. „Ewig werde ich es nicht aufhalten können."

„Aber …", wollte Elros protestieren.

„Lauft!", herrschte Ceomon sie an.

Elrond wollte nicht gehen, er wollte Ceomon helfen, sie gegen das Biest zu verteidigen. Doch eigentlich hatte er Recht. Und je eher sie sich durch den Spalt drängten, desto eher war auch Ceomon in Sicherheit. Es wollte ihm nur nicht passen, dass sich Ceomon allein für sie so aufopferte. Er hatte schon so viel für sie getan in der kurzen Zeit, in der er sich in ihre Dienste gestellt hatte.

Nein, jetzt war keine Zeit, um gefühlsdusselig zu werden. Er beeilte sich, dass er durch den Spalt kam, sein Bruder war dicht auf. Ceomon wartete tatsächlich so lange, bis die Zwillinge in Sicherheit waren und folgte erst dann. So lange hatte er sich des Biestes erwehrt und allein ihnen zuliebe schwere Wunden erlitten.

Das Biest konnte ihnen auf diesem Weg nicht folgen und heulte vor Wut auf. Vorläufig ließ es endlich von ihnen ab. Doch leider nur vorläufig. Die drei, noch immer schwer atmend, jedoch waren für den Moment unendlich erleichtert, mit dem Leben davon gekommen zu sein. Nicht weit von dem Felsspalt entfernt fanden sie eine kleine Höhle, wo sie sich erschöpft niederließen.

Elrond besah sich seinen Arm. „Verdammt", entfuhr es ihm, wo er doch sonst nie so derb fluchte. „Das sieht nicht gut aus. Ceomon, auch deine Wunden müssen versorgt werden."

„Das muss warten", widersprach der Elb. „Sind ja nicht schwer. Wir müssen zuerst den Höhleneingang mit schweren Steinen blockieren."

„Freilich sind die Wunden schwer", protestierte Elrond.

„Nein", hielt Ceomon vehement dagegen. „Es nützt uns wohl kaum, wenn wir gesund sind und dennoch von diesem Vieh gefressen werden. Es kann nun doch durchaus eine Stunde warten." Er riss einen großen Streifen Stoff aus seiner Kleidung und band ihn um Elronds Arm. „So, zufrieden?"

Elrond musste sich zähneknirschend eingestehen, dass Ceomon Recht hatte. Vorläufig würde der provisorische Verband genügen müssen, und Ceomon würde sicherlich nicht gleich an seinen Wunden verbluten. Also machten sie sich daran, schwere Steine herbeizuschaffen und sie in den Eingang zu legen. Sie ließen lediglich einen kleinen Spalt für Licht und Frischluft ganz oben unter der Decke frei. Auch Elrond packte mit an, gegen die Proteste seines Bruders und obgleich es schmerzte (wodurch er keine sonderlich große Hilfe war, da er seinen rechten Arm nicht verwenden konnte).

Danach endlich konnte er endlich ihre Wunden versorgen. Darüber, wie es um seine Wunden stand, wollte er lieber gleich gar nicht nachdenken, und auch den anderen ging es nicht viel besser, insbesondere Ceomon hatte es böse erwischt. Elrond bedauerte immer wieder, dass er lediglich die Basisausrüstung eines Heilers eingepackt hatte; wer rechnete schon auf so einer Reise damit, es mit Wunden zu tun zu bekommen, wie man sie höchstens in Kämpfen erfuhr? So blieb ihnen nur mit Elrond beschränkten Mitteln, auf das Beste zu hoffen.

Stille breitete sich unter ihnen aus, nachdem sich Elrond um sie gesorgt hatte. Ceomon hatte nahe der Steinmauer ein Feuer entzündet und briet ein wenig Fleisch. Elros saß an die Höhlenwand gelehnt und starrte abwesend in die Flammen. Elrond saß ihm gegenüber und versuchte irgendwie, bei dem Licht und mit Links Tagebuch zu führen; eine alte Macke von ihm. Das Feuer knackte. Ansonsten war nichts weiter zu hören. Und zu sehen gleich gar nicht. Elrond wollte lieber nicht daran denken, was sich hier noch alles befinden konnte.

Plötzlich unterbrach Ceomon die Stille. „Morgen", so sagte er, „werden wir den Spieß umdrehen. Dann wird der Jäger zum Gejagten."

Statt zu antworten, nickten die Zwillinge nur entschlossen. Egal wie, doch sie würden das Biest zur Strecke bringen.

Wie zur Bekräftigung dieser Kampfansage hörten sie die Kreatur in der Ferne heulen.