Beim Aufwachen dachte Dean an Graceland und Castiel. Er schwang seine Beine aus dem Bett und dachte darüber nach, was er tun konnte, nur fiel ihm partout nichts ein.
„Cas", rief Dean in den Raum. „Cas!" Er wartete eine Weile auf der Bettkante, schaute sich lauernd um und schürzte missmutig seine Lippen, als er keine Antwort bekam. Schließlich trabte er ins Bad, duschte sich und zog sich zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit an.
Wenn der Engel heute vom Himmel gefallen war, würde er erst in neun Monaten geboren werden. Vielleicht nicht einmal das, wenn die Apokalypse die Menschheit vorher von der Erde radierte.
Dean erinnerte sich, wie sie Annas Gnade ausfindig gemacht hatten und holte seinen Laptop aus dem Kofferraum, wobei fiel ihm auf, dass Sam einige Waffen an sich genommen hatte. Im Motelzimmer suchte er online nach Meteoriten- und Blitzeinschlägen oder sonst irgendeinem besonderen Naturereignis, welches ähnlich wie damals Annas Fall ihren Absturzort markiert hatte; erst nur in dem Staat, in dem er sich befand, dann erweiterte er die Suche auf die USA und schließlich weltweit.
„Fuck, Meteoritenschauer über Sibirien beobachtet... Toller Landplatz, Cas", murmelte Dean grimmig. Er beschloss, später wieder nachzusehen, wahrscheinlich war Castiel gar nicht dort gelandet oder die Nachricht über ein Naturereignis hatte es noch nicht ins Internet geschafft. Er hoffte nur, dass der Engel nicht tot war oder gefoltert wurde.
Voller Ungeduld tigerte Dean durch das Motelzimmer, bis ihn sein Magen daran erinnerte, dass er länger nichts Festes gegessen hatte. Er sammelte seine Sachen zusammen und gab den Schlüssel ab, da er sich sicher war, nicht mehr zurückzukehren. Auch nach einer magenfüllenden Mahlzeit drehten sich Deans Gedanken weiter um Castiels Verbleib. Erst hatte er Sam verloren und nun Castiel. Mit letzterem konnte er sich nicht ohne weiteres abfinden.
Dean fuhr ein Stück ohne Ziel mit dem Impala, als ihm eine Idee kam. Er parkte auf dem Parkplatz eines Supermarktes und marschierte ein paar Meter zu Fuß, bis er keine Menschen in seiner näheren Umgebung hatte.
„Anna", rief er und schaute gen Himmel. „Anna, wenn du mich hörst, ich brauche deine Hilfe." Er wartete kurz und schaute hinter sich. „Cas hat gesagt, er ist... er wird vom Himmel fallen. Wie du. Ich muss ihn finden, bevor die anderen ihn finden und ihn töten. Anna. Bitte."
„Dean."
Der Angesprochene wirbelte herum. Vor ihm stand der hübsche, rothaarige Engel, der ihm vor nicht allzu langer Zeit sehr gestanden hatte. Sie hatte sich auf den ersten Blick kein Stück verändert und doch wirkte sie auf ihn nach der Rückkehr in den Himmel distanzierter, engelhafter. „Anna! Hast du Cas gesehen? Ist er schon gefallen?"
„Castiel hat den Körper des Menschen verlassen. Ich habe ihn nicht gefunden, aber Castiel ist auf der Erde, nur hat er seine Spuren gut verwischt", antwortete Anna und trat näher zu ihm.
„Den Körper?", fragte Dean irritiert. Er hatte völlig vergessen, dass dieser Körper gar nicht Castiel gehörte, sondern ebenso wie bei Dämonen besetzt wurde. In seinen Gedanken war der Engel eins mit dem Körper, da er ihn nie anders gesehen hatte. „Wo ist er? Möglicherweise weiß er, was Cas vorhatte."
„Er ist Zuhause in Pontiac, Illinois."
Dean rieb mit seinen Fingern über das Kinn. „Das sind zwei Tage mit dem Impala. Mindestens." Er sah Anna an. „Kannst du mich zu ihm zappen?"
Anna berührte mit ihrer Hand Deans Arm. „Ich will auch, dass er in Sicherheit ist."
Kurz darauf fanden sich beide auf dem Fußweg vor einem Haus wieder. Anna verabschiedete sich von Dean, da sie niemanden zu ihm führen wollte, sie versprach jedoch weiter nach Castiel zu suchen und ihm Bescheid zu geben, falls sie ihn finden sollte.
Dean ging die paar Stufen zur Veranda hoch. Das Haus war in gutem Zustand und erinnerte ihn an all die Vororte, in denen er sich als kleiner Junge gewünscht hatte zu wohnen. Das Schild über dem Klingelknopf besagte, dass hier eine Familie namens Novak lebte. Dean wollte gerade darauf drücken, als er bemerkte, dass die Haustür angelehnt war.
Er gab der Tür eine leichten Stoß und trat geräuschlos ein. Natürlich lag Deans Waffe sicher und trocken in seinem Wagen in einem anderen Staat. Er biss sich auf die Zunge, einen Fluch unterdrückend, als er etwas aus dem Raum rechts neben der Tür hörte.
Der Mann, Castiels ehemaliger Körper, rappelte sich vom Boden auf und griff das Erstbeste, eine kleine, schwere Statue, was er als Waffe benutzen konnte. „Verschwinde, Dämon!", zischte er.
Dean entdeckte die beiden Toten, ein Mädchen und eine Frau, die auf dem Boden in ihrem eigenen Blut lagen. Überall waren Blutspritzer auf den Möbeln und dem Holzboden, zwei Stühle lagen umgestoßen neben dem Esstisch; offensichtlich hatte ein Kampf stattgefunden.
„Ich bin kein Dämon, Ca-", antwortete Dean und hob beide Hände, um zu zeigen, dass er unbewaffnet war. „Ich bin Dean. Ein Freund von Castiel."
„Castiel", echote er. Er wirkte einen Moment nachdenklich, dann wandelte sich sein Gesichtsausdruck, seine Augenbrauen schoben sich zornig zusammen, als erinnerte er sich, wem er das alles zu verdanken hatte. „Er ist nicht mehr hier. Mein Name ist Jimmy Novak." Er ließ die Statue in seiner Hand sinken und wandte sich seiner Familie zu.
Dean kam näher. Er sah die verwischten Salzlinien auf dem Boden und schlussfolgerte, dass Jimmy noch wusste, wie man sich vor Dämonen schützte. Beim Näherkommen entdeckte er einen toten Mann hinter dem Esstisch, ein Stück weiter hinter ihm ein blutiges Küchenmesser, vermutlich war der Mann von einem Dämon besessen gewesen.
„Sie haben meine Familie umgebracht", sagte Jimmy.
„Das tut mir leid."
Jimmy schaute kurz auf, sagte jedoch nichts.
„Wir sollten verschwinden, bevor sie wieder kommen. Und sie werden wieder kommen."
Jimmy hockte sich neben seiner Frau Amelia auf den Boden. Er berührte ihr Gesicht, spürte die warme Haut unter seinen Fingern. Mit den geschlossenen Augen sah sie friedvoll aus, als sei sie nur eben eingenickt und würde jeden Moment aufwachen. „Ich komme nicht mit. Sie sind tot. Ich wurde im letzten Jahr angeschossen und erstochen und geheilt. Mein Körper wurde von einem Ort zum nächsten katapultiert, das ist nicht einmal das schlimmste. Das schlimmste ist, dass Amelia und Claire tot sind. Warum sollte ich fliehen wollen?"
„Jimmy, sie werden dich foltern, damit du ihnen alles sagst, was Castiel wusste", warnte Dean.
Bitter wandte er sich an Dean. „Castiel hat versprochen, sie zu beschützen."
„Er hätte sie beschützt, wenn er gekonnt hätte."
„Sollen sie mich holen. Ich weiß nichts. Ich erinnere mich an wenig, was im letzten Jahr passiert ist." Jimmy richtete seine Worte an Dean. „Ich sah durch meine Augen, aber sie gehörten nicht mehr mir. Ich war in meinem eigenen Körper gefangen."
„Es tut mir leid, was dir und deiner Familie zugestoßen ist. Engel sind Ärsche, aber Castiel ist anders, er hätte nicht zugelassen, dass sie sterben, wenn er es hätte verhindern können. Castiel ist verschwunden. Kannst du dich erinnern, was passiert ist?", bat Dean.
„Ich weiß nichts."
Jimmy zuckte unwillig mit den Schulter. Er nahm die Hand seiner Frau und küsste, ohne darüber nachzudenken faltete er ihre Hände, als er sie zurücklegte. Seiner Tochter strich er mit einer Hand, die er dort verweilen ließ, über ihr blondes Haar.
Dean, der nur seinen Rücken von Jimmy sehen konnte, schlug vorsichtig vor: „Vielleicht erinnerst du dich an etwas, wenn du dir ein wenig Zeit gibst."
Dean zog in Erwägung, Bobby anzurufen, der mit Sicherheit mehrere Medien wie Pamela kannte, die Jimmys Gedächtnis auf die Sprünge helfen konnten. Doch etwas in seinem Inneren sträubte sich dagegen, weil er nicht glaubte, Bobby erklären zu können, was ihn ritt. Er wusste ja nicht einmal selbst, was er wollte, wie er sich selbst helfen konnte. Vorwürfe – selbst von Bobby – wollte er jetzt nicht hören.
Er war erleichtert, als er sah, dass Jimmy aufstand. Er trug noch immer die gleiche Kleidung, den gleichen Trenchcoat, der ihn sofort an Castiel denken ließ. Selbst sein trauriger Gesichtsausdruck ähnelte Castiels.
Sie nahmen Amelias weißen Honda, auf der Zufahrt parkte. Jimmy überließ Dean freiwillig die Schlüssel und hing seinen Gedanken nach, während Dean sie zurück zu seinem Wagen fuhr. Einen Zwischenstopp machten sie in einem Restaurant. Dean sah dabei zu, wie Jimmy riesige Burger verspeiste; sein Appetit war trotz der Trauer ungebrochen, er war geradezu ausgehungert. Dean versuchte während des Essens mehr Informationen aus ihm herauszukitzeln, doch das Ergebnis war eher dürftig.
In der Nacht legte sich Jimmy vollkommen erschöpft und hoffnungslos in seinen Klamotten in sein Motelbett. Dean beobachtete ihn mit einem Glas Whiskey in der Hand und einem merkwürdigen Gefühl im Bauch. Er sah aus wie Castiel, aber er bewegte und redete anders. Sein Gesicht sprach Bände, während sie sich unterhielten, während der Engel hingegen fast stets seine stoische Miene beibehalten hatte, dennoch hatte es Momente gegeben, da hatte Castiel auf Dean sehr menschlich gewirkt. Jimmys Präsenz verwirrte ihn, weil er nur den Engel in dessen Körper kannte. Es war sehr ungewohnt, die gleichen Körper und dennoch nicht die gleiche Person an seiner Seite zu sehen.
Dean kippte sein Glas hinunter, öffnete seinen Laptop und suchte erneut nach einem Naturereignis, das Castiels Aufschlag auf der Erde markieren sollte.
Im ersten Morgenlicht hatte Dean unbemerkt von Jimmy Anna angerufen, jedoch keine Antwort erhalten. Am diesem Tag legten sie einen Großteil der Strecke zurück.
Abends setzte sich Jimmy in Boxerhorts und einem geliehenen T-Shirt von Dean zu ihm an den Tisch. Er hatte sich rundweg zerknittert gefühlt, nachdem er am Morgen in seinen Sachen aufgewacht war und war dankbar für frische Kleidung gewesen. Heute war Jimmy bereit mit Dean zu reden – und sich zu betrinken. Ohne zu fragen bediente er sich an Deans Alkoholvorrat.
„Weißt du, wie überwältigend es war, als Castiel zu mit mir gesprochen hat? Ein Engel hat mit mir gesprochen! Mit mir! Ich konnte es kaum fassen. Das war ein Beweis. Es gibt Gott. Nichts könnte einen gläubigen Menschen glücklicher machen." Jimmys Augen leuchteten auf. Er war schon leicht angesäuselt und kam erst richtig in Fahrt.
„Das war, bevor du wusstest, dass Engel nach Matt Damon und Ben Affleck kommen", meinte Dean.
Jimmy ignorierte Deans Kommentar. „Oh Mann, ich weiß nicht mehr, wann ich das letzte Mal Alkohol getrunken hat. Das fühlt sich... großartig an." Er lachte hysterisch auf, ließ sich den Rest in seinem Glas in einem Zug die Kehle hintergleiten und zischte danach durch die Zähne. Der Whiskey brannte herrlich. „Wenn ich mich heute entscheiden müsste, zwischen Gott... Gott, seinen Engeln, seinen Lakaien oder meiner Familie, dann würde ich meine Familie wählen. Ich konnte sie nicht einmal beerdigen, nicht dass es mich irgendetwas kümmern würde, ob sie in Gottes heiliger Friedhofserde liegen oder nicht, ihre Seelen sind fort."
In Plauderlaune begann er von Claire, seiner Tochter, zu erzählen und wie es war, als sie ein Baby war. Oft war er nackt mit ihr im Arm durch das Haus gelaufen, weil sie den direkten Hautkontakt liebte und dadurch schneller einschlief. Jimmy erzählte von Pupsern und Windeln und einer neuen Matratze, was Dean schon zu viel an Information war. Er musste ein stolzer Vater gewesen sein.
Dean versuchte geschmeidig das Thema zu wechseln, weil er merkte, wie nah ihm das Reden über seine Familie ging, aber dafür war es schon zu spät. In einem Moment lächelte Jimmy noch, dann liefen ihm plötzlich die ersten Tränen über seine Wangen. „Ich werde sie nicht wieder sehen", gab er von sich und schluchzte fürchterlich. Dean schaute ihn machtlos an, aber Jimmy hörte nicht auf, also erhob sich Dean von seinem Stuhl und schlang seine Arme um dessen Oberkörper.
Jimmy legte weinend seinen Kopf auf Deans Schulter. Sein ganzer Körper bebte vor Erregung. „Shhh, shhh...", flüsterte Dean. Er tätschelte mit einer Hand solange über seinen Rücken, bis er sich langsam beruhigte.
Jimmy entschuldigte sich für seinen dramatischen Auftritt. Er zeigte Dean ein kleines Lächeln, das befürchten ließ, dass er gleich wieder weinte, aber danach fing er sich.
Etwas krächzend sagte er: „Ich wünschte, ich hätte Castiels Tests nie bestanden."
„Cas hätte sie gerettet, wenn er gekonnt hätte."
„Ich hätte Nein sagen sollen."
Betreten sah Dean auf seine Hände. „Castiel hält seine Versprechen."
Jimmy nickte schief. Er hielt still und starrte in sein Glas. „Ich würde mich umbringen, wenn das bedeuten würde, dass ich zu ihnen in den Himmel komme, aber Selbstmörder kommen in die Hölle. Aber selbst das ist nicht einmal sicher. Nicht nachdem man Gottes Engel kennen gelernt hat..."
„Glaubst du nicht mehr an Gott?"
Müde legte Jimmy seinen Kopf auf seinen Händen ab und schloss kurz die Augen. Seit er ein Junge war, hatte er an Gott geglaubt. Und er tat es noch, nur hatte Gott nicht an ihn geglaubt, an die Menschheit oder gar seine Engel. Gott hatte sich irgendwo ein neues Paradies geschaffen und seine alte Kreation war in Vergessenheit geraten.
„Ich weiß es nicht", antwortete er Dean und verlangte Nachschub. Dean schenkte ihm und sich großzügig ein. Der Whiskey wärmte ihn von innen und ließ ihn sich ein wenig wie in Watte gepackt fühlen. Mit einem angeheiterten Lächeln fragte er Dean nach Gott, der mit den Schultern zuckte.
„Schätze, der Mann da oben ist nicht besonders gut auf mich zu sprechen – und ich auch nicht auch ihn. Ich habe das beschissene erste Siegel gebrochen. Die Apokalypse in Gang gesetzt." Dean trank einen großen Schluck.
„Castiel war..." Jimmy suchte nach dem passenden Worten. „...überwältigt. Betroffen. Es war eines der stärksten Gefühle, an die ich mich entsinnen kann. Du lagst im Krankenhaus, schwer verletzt durch Alastair, auf den sie, er und Uriel, dich angesetzt hatten. Castiel fühlte sich ohnmächtig, weil er dir nicht hatte helfen können."
Dean schwieg. Er hatte an dem Tag seinen Tiefpunkt erreicht, Tränen waren geflossen. Selbst Castiels Vertrauen in ihn hatte ihm zu dem Zeitpunkt nicht helfen können, auch wenn er froh gewesen war, ihn beim Aufwachen an seinem Krankenbett vorzufinden. Sam war... keine Option gewesen. Seitdem Dean aus der Hölle zurückgekehrt war, hatte sich ihr Verhältnis zum Schlechteren entwickelt und irgendwann hatte Castiel Sams Platz in Deans Herz übergenommen.
Die Suche nach dem Engel riss ihn aus diesem Loch, in das er nach dem Krankenhausaufenthalt gefallen war. Er brauchte diese Aufgabe. Er musste etwas von der Schuld zurückbezahlen, so oft wie Castiel ihm geholfen und sein Leben gerettet hatte.
„Weißt du, was der Unterschied zwischen Dämonen und Engeln ist?" Jimmy schwenkte erheitert sein Glas, als würde er einen Witz erzählen. „Dämonen war einmal menschlich, Engel nie. Dämonen haben ihre Menschlichkeit verloren; Engel hatten nie einen blassen Schimmer, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, ebenso wenig wie Gott. Castiel ist anders, Ausnahmen wie er bestätigen nur die Regel."
„Und jetzt ist er weg..."
Dean bemerkte Jimmys starrenden Blick, während er sich mit dem Whiskey beschäftigte. Sein schweigendes Starren wurde mit der Zeit unangenehm, Dean war erleichtert, als Jimmy die Stille brach.
„Es fühlt sich an, als würde ich dich kennen."
Wem sagst du das, dachte Dean.
Überzeugt erklärte Jimmy: „Ich werde dir helfen, ihn zu finden."