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Herbst
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Kapitel 2
Bittere Wahrheit
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Nachdem Danny gegangen war, saß Severus lange reglos da und starrte in den kalten Kamin.
Es war kurz vor acht. Draco würde jeden Moment auftauchen.
Severus machte sich Sorgen um sein Patenkind. Draco hatte große Schwierigkeiten, mit dem Tod seines Vaters umzugehen, wurde gequält von Erinnerungen an das, was ihnen beim Dunklen Lord zugestoßen, was er im Ministerium durchlitten, was er selbst getan hatte. Einen Mord hatte der Junge begangen – auf Severus' Drängen hin.
Müde strich Severus sich durchs Haar. Er hatte Draco damals schützen wollen, schützen, indem er ihm das Töten beibrachte, Töten auf eine kalte, emotionslose Weise, die das eigene Herz möglichst unberührt ließ.
Und Marcus, ihr gemeinsames Opfer? Severus hatte ihn verraten, um seine eigene Position beim Dunklen Lord nicht zu gefährden. Danach hatte er es versäumt, Marcus vor den Grausamkeiten der anderen Todesser zu bewahren. Der junge Mann war in einem schrecklichen Zustand gewesen, als Severus ihn nach einigen Tagen wiedergesehen hatte.
Ach verdammt!
Severus hatte bezahlt für diesen Verrat, bezahlt mit seinem Leben. Aber er konnte nur einmal sterben, und da waren viele Morde, die er zu sühnen hatte. Nein, nicht zu sühnen hatte – die er sühnen wollte, aus eigener freier Entscheidung.
Nach seinem Tod war er nicht in das Licht eingelassen worden. Er war gefangen gewesen in einem Meer aus Angst und Hass, das die Seelen seiner Opfer um ihn erzeugt hatten.
Noch immer war ihm nicht klar, ob man ihm den Zutritt verwehrt hatte oder ob er einfach noch nicht bereit gewesen war. Hatten sich die Seelen seiner Opfer auf ihn gestürzt, weil sie sich an ihm rächen wollten – oder weil er selbst der Überzeugung gewesen war, Bestrafung, Schmerz und Angst verdient zu haben? Er wusste es nicht.
Doch wie dem auch sein mochte, er hatte Hilfe bekommen, Hilfe und Führung von unerwarteter Seite, und es war ihm ermöglicht worden, als Geist unter die Lebenden zurückzukehren. Nun war er wieder in Hogwarts. Aber er war nicht mehr allein. Nie wieder würde er allein sein, solange er existierte.
Er warf einen Blick über die Schulter. Dort standen sie, immer hinter ihm. Es waren nicht ständig die Gleichen, manchmal wechselten sie sich ab.
Nur einer verließ ihn nie: Tom Mayfair.
„Tom?", fragte Severus vorsichtig.
Geräuschlos löste sich der Angesprochene aus der Gruppe der Geister und ließ sich ihm gegenüber auf der Schreibtischkante nieder.
Tom lächelte. Er lächelte immer, wenn er Severus ansah. Severus hatte ihn getötet, aber – so absurd das klingen mochte – diese Tatsache änderte nichts daran, dass sie ineinander verliebt waren. Tom war einer der Gründe dafür, dass Severus seine Existenz als Geist deutlich angenehmer fand als sein vorangegangenes Leben.
Die Geister, die ihn in die Welt der Lebenden begleitet hatten, waren nicht feindselig. Die meisten waren ehemalige Schüler von ihm, die nach der Wiederauferstehung des Dunklen Lords in seinen Orden eingetreten und wegen irgendwelcher Verfehlungen zum Tode verurteilt worden waren. Für diesen Fall hatte Severus sich das Henkersamt ausgebeten. Er hatte seine Slytherins vor verrückten Sadisten wie Greyback und Dolohow schützen wollen. Nicht immer war ihm das gelungen, aber er hatte getan, was in seiner Macht gestanden hatte, um die jungen Menschen vor Schmerz und Angst zu bewahren.
Daher waren die meisten von ihnen auch nicht böse auf ihn. Aber sie waren traurig und hilflos und konnten sich nicht vom Leben lösen, das sie so unfreiwillig hatten verlassen müssen. So klammerten sie sich an Severus fest, drängten sich an ihn, um den Kontakt zur anderen Seite nicht völlig zu verlieren. Manchmal machten sie auch ihn traurig, wenn sie ihn zwangen, sich an seine Vergangenheit als Todesser zu erinnern. Aber er hätte sich auch ohne sie erinnert. Er konnte gar nicht anders.
Nein, er war froh, dass er nicht mehr allein war. Er kannte sie alle mit Namen: Tom, Fiona, Jery, Danyel, Marcus ...
Ja, auch Dannys Bruder Marcus war unter seinen für die Lebenden in der Regel unsichtbaren Begleitern. Wieder etwas, das er dem jungen Heiler verschwiegen hatte. Aber diesmal war es auf eine Bitte hin geschehen: Marcus hatte nicht gewollt, dass sein Bruder von seiner Geisterexistenz erfuhr. Danny sollte sich nicht auch noch nach seinem Tod um ihn sorgen müssen; das hatte sein kleiner Bruder lange genug getan.
Ein Klopfen an der Tür.
Tom blieb sitzen, wo er war, immer noch lächelnd. In seinem Rücken spürte Severus die Präsenz der anderen.
„Herein."
Draco trat ins Zimmer. „Guten Abend, Sir", sagte er leise.
Obwohl seine Begleiter für Severus ebenso deutlich sichtbar waren wie Draco, wusste er, dass der Junge sie nicht wahrnehmen konnte – nicht, wenn sie es nicht wollten.
Draco sah durch Tom hindurch seinen ehemaligen Lehrer an. Tom drehte sich um und musterte den Neuankömmling. Dann glitt er vom Tisch herunter, ging auf den unsicher in der Tür stehenden Draco zu und legte ihm grinsend eine Hand auf die Schulter. Draco zuckte zusammen und schauderte.
„Tom", sagte Severus tadelnd.
Manchmal hatte er das Gefühl, dass Tom noch sehr lange brauchen würde, um erwachsen zu werden – falls man bei einem Geist überhaupt von erwachsen werden sprechen konnte.
Draco blickte ihn irritiert an. „Sir, ich" –
„Mir ist durchaus bewusst, wie du heißt, Draco."
Jetzt, wo sie unter vier Augen waren, fiel Severus wieder ins vertrauliche Du zurück. Draco war sein Patensohn. Jahrelang hatte er Kontakt mit dessen Eltern gepflegt – auch wenn der Kontakt mit Lucius sehr ambivalent und spannungsgeladen gewesen war –, war wiederholt zu Gast auf dem Landsitz der Malfoys gewesen und hatte den Jungen als Schüler sehr geschätzt. Außerhalb des Unterrichts hatte er ihn immer mit Du und Vornamen angesprochen. Jetzt siezte er Harry vor Draco und Draco vor Harry, obwohl er eigentlich mit beiden per Du war.
Severus schüttelte über sich selbst den Kopf und wandte seine Aufmerksamkeit wieder Tom und Draco zu. Toms Grinsen wurde breiter, als er hinter Draco glitt und seine transparenten Hände über den Rücken des Jungen wandern ließ.
„Tom!", mahnte Severus nachdrücklich, als Draco erneut zusammenzuckte und voll Unbehagen die Schultern hochzog. „Lass es einfach! – Draco, würdest du bitte die Tür hinter dir schließen?"
Obwohl Draco gehorchte, sah Severus deutlich, dass der Junge sich dabei nicht wohl fühlte. Im Moment wirkte er eher so, als ob er das Büro und seinen geisterhaften Bewohner am liebsten sofort wieder verlassen hätte. Wahrscheinlich hielt er Severus für verrückt.
„Bitte setz dich." Severus deutete einladend auf den Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch. „Wenn dir kalt ist, kannst du gerne ein Feuer anzünden. Ich bin dazu leider nicht mehr in der Lage."
„Incendio", murmelte Draco nervös. Das Holz im Kamin flammte auf und begann knackend und prasselnd zu brennen.
Der Junge setzte sich angespannt auf den Stuhl gegenüber von Severus. Von Draco unbemerkt, schwebte Tom immer noch hinter ihm.
„Denk' bitte nicht, dass mein Verstand unter meinem Tod gelitten hat", bemerkte Severus spöttisch. „Nur weil du außer mir niemanden in diesem Raum sehen kannst, heißt das nicht, dass niemand sonst hier wäre. – Tom, du bist unerträglich albern heute. Würdest du Draco bitte endlich in Ruhe lassen?"
Tom hatte seine Hand durch die Stuhllehne in Dracos Rücken gestoßen und sein Opfer damit zu einem kleinen Luftsprung veranlasst.
„Tom?", fragte Draco, beunruhigt und irritiert. „Wer ist Tom?"
„Ich bin Tom", sagte Tom kichernd, indem er um den Stuhl herum huschte und vor Draco in die Hocke ging.
Dracos Augen wurden groß, als der Geist nun auch für ihn sicht- und hörbar wurde.
„Mann, dich kenn' ich doch!", rief Draco verblüfft. „Du warst in Gryffindor! Wir haben dir mal einen ... hm ... ziemlich fiesen Streich gespielt, Blaise und ich. Da waren wir in der vierten Klasse oder so, und du musst kurz vor deinem Abschluss gewesen sein ... Aber ... wieso ...?"
„Frag' Severus", erwiderte Tom freundlich.
Gequält schloss Severus die Augen.
„Eine unerfreuliche Geschichte", sagte er leise. „Der Dunkle Lord ließ Tom stellvertretend für dessen Vater, der unseren Herrn hintergangen hatte, foltern und hinrichten. Ich habe Tom getötet, und daher ... Nun, er ist nicht mein einziger ständiger Begleiter."
„Du vergisst meinen wichtigsten Grund, nicht von deiner Seite zu weichen", hauchte Tom. Er stand rasch auf, trat zu Severus und küsste ihn auf die Stirn, ehe dieser ihn daran hindern konnte. „Ich liebe dich."
Ich liebe dich auch, dachte Severus, aber im Moment gehst du mir ganz schrecklich auf die Nerven.
Mit, wie er sehr wohl wusste, ziemlich säuerlichem Gesichtsausdruck blickte Severus zu Draco hinüber. „Sollte mir auch nur der Hauch eines Gerüchtes über diese Sache zu Ohren kommen, wird das ernsthafte Konsequenzen für Sie haben, Mr Malfoy." Sein Ton war streng wie immer, aber er konnte und wollte ein Lächeln nicht ganz unterdrücken.
„Lass dich von diesem lästigen kleinen Gryffindor-Geist nicht irritieren, Draco. Tom kann ein Geheimnis durchaus für sich behalten, auch wenn er im Moment vielleicht nicht den Eindruck macht. – Du wolltest mit mir reden. Also?"
Verblüfft starrte Draco Tom und Severus an. Innerlich lachte Severus, doch nach außen blieb er kontrolliert und unbeeindruckt.
„Mein Liebesleben, so faszinierend es auch sein mag, ist sicher nicht das Thema, über das du mit mir sprechen wolltest. Also?", wiederholte er geduldig.
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Reiß dich zusammen, dachte Draco nervös. Er ist also schwul. Na und? Ändert das was?
„Sir ...", begann Draco vorsichtig. „Ich ... ich wollte mit Ihnen über ... über meinen Vater reden." Er hatte Mühe, die Worte zu formen.
„Ja", erwiderte Severus leise. „Das dachte ich mir. – Möchtest du vielleicht etwas zu Trinken, bevor wir anfangen? In dem Schrank da drüben sind Gläser und ein paar Flaschen guten Weins. Bedien dich, bitte. – Und du brauchst mich nicht zu siezen, wenn wir unter uns sind. Ich würde es vorziehen, einfach Severus für dich zu sein – so wie früher."
Draco nickte leicht, ehe er der Aufforderung folgte und sich mit einer Flasche und einem Glas versorgte.
Etwas zu Trinken wäre jetzt wirklich nicht schlecht. Je hochprozentiger, desto besser ...
Seine Hände zitterten, als er sich einschenkte. Hastig nahm er einen tiefen Schluck aus seinem Glas. Der Wein war wirklich gut und sicher teuer gewesen. Er trank einen weiteren Schluck.
Angespannt starrte Draco in sein Glas, unsicher, wie er beginnen sollte. „Ich weiß, wie er gestorben ist", sagte er schließlich gedämpft, den Blick immer noch in die rubinrote Flüssigkeit versenkt. „Ich bin sicher, Harry hat mir alles erzählt, was er weiß. Aber ... aber ich werde das Gefühl nicht los, dass da Dinge sind, die er nicht weiß, und das ... das beunruhigt mich. Insbesondere" – er hob den Blick und sah in Severus' unbewegtes Gesicht – „weil ich mir nicht sicher bin, ob mein Vater ... ob er wirklich tot ist. Richtig tot, meine ich. In Frieden ruhend, von mir aus. Harry hat mir auch von eurer gemeinsamen ... Rettungsaktion für Sirius Black erzählt und ..."
Draco schwieg einen Moment lang. Es war nicht leicht, seine Ängste auszusprechen.
„Wäre es möglich, dass ... dass mein Vater an jenem Ort gefangen ist? Oder an einem ähnlich schrecklichen Ort? Gefangen zwischen anderen Seelen, die ihn hassen und quälen für das, was er war und getan hat?"
Severus senkte den Blick. „Ja", flüsterte er gepresst. „Das wäre möglich."
Obwohl Draco es befürchtet hatte, hatte er dennoch auf eine andere Antwort gehofft. Trotz des fröhlich prasselnden Feuers und des warm durch seine Adern rinnenden Alkohols war ihm plötzlich kalt. Eisig kalt. Er schüttelte sich unwillkürlich, als er mit einem Mal das Gefühl hatte, eine frostige Totenhand würde sich auf seine Schulter herabsenken und in seinen Körper dringen.
Unsinn, dachte Draco verärgert. Tom stand immer noch hinter Severus, und außer ihnen war niemand im Raum.
‚Nun, er ist nicht mein einziger ständiger Begleiter', hallte plötzlich Severus' Stimme in seinem Kopf.
„Professor?", fragte er unsicher. „Äh ... Könnte es sein, dass gerade jemand hinter mir steht?"
Er kam sich verdammt lächerlich vor.
Jetzt fängst du schon an, deine Ängste zu personifizieren. Der erste Schritt zum Wahnsinn, dachte Draco sarkastisch.
„Ja", antwortete Severus leise.
Na also, kein Grund zur Beun–
„Was?" Draco glaubte, sich verhört zu haben.
„Du hast mich gefragt, ob jemand hinter dir steht. Ich habe mit ja geantwortet", bemerkte Severus mit leicht ironischem Lächeln.
Draco wirbelte herum – aber da war niemand.
Niemand, den er sehen konnte, um präzise zu sein. Vorsichtig streckte er eine Hand in den leeren Raum hinter seinem Stuhl aus – und fuhr erschrocken zurück, als er in etwas fast Substanzloses, aber Eisiges griff. Sekunden später wurde ein feiner Nebel sichtbar, der sich langsam verdichtete und ungefähr menschliche Form besaß.
Eine raue, klanglose Stimme ertönte aus der Nebelsäule. „Hallo, Draco", wisperte sie.
Perplex starrte Draco auf den Geist, der allmählich Gestalt annahm. Schließlich stand ein kräftiger junger Mann mit schulterlangen dunklen Locken und hellen Augen vor ihm. Sein Gesicht war mit silbrigem Blut verschmiert. Bekleidet war er mit nichts als einer löchrigen alten Wolldecke.
„Marcus", keuchte Draco, atemlos vor Schreck und Überraschung.
Das gibt's doch nicht ...
Vor ihm stand der erste und einzige Mensch, den er in seiner Rolle als Todesser ermordet hatte.
„Hallo, Draco", wiederholte Marcus freundlich.
„Mordopfer", dozierte Snapes hohle Geisterstimme aus dem Hintergrund, „bleiben oft zwischen den Welten hängen. Zumindest dann, wenn sie einen oder mehrere geliebte Menschen zurücklassen mussten, von denen sie sich nicht lösen können. Wenn sie starke Rachegedanken hegen, dann bleiben sie oft willentlich in der Welt der Lebenden. Ebenso, wenn sie große Schuld auf sich geladen haben, so viel Schuld, dass sie selbst sich nicht vergeben können."
Draco schluckte mühsam. Ohne es zu merken, war er aufgestanden.
„Und du? Was ... was ist mit dir?", fragte er heiser. „Willst du dich rächen? An mir?"
Marcus schüttelte den Kopf. „Nein", sagte er ruhig. „Sicher nicht. Auf mich trifft der dritte Punkt zu. Auch ich habe im Dienst des Dunklen Lords getötet, und selbst wenn ich es tat, um meine Tarnung als Spion des Phönixordens nicht zu gefährden, ändert das nichts daran, dass ich mich schuldig gemacht habe. Ich suche nach einer Möglichkeit, das wiedergutzumachen."
Nervös sah Draco sich in Snapes Büro um. „Und die anderen?", fragte er gepresst. „Wer sind sie? Wie viele? Und ... warum sind sie hier?"
Snape stützte die Ellenbogen auf seinen Schreibtisch – zumindest sah es so aus, obwohl er vermutlich eher über der Tischplatte schwebte – und legte das Kinn in die Hände.
„Die meisten", flüsterte er bedrückt, „die, die ständig da sind, sind meine Opfer aus Todessertagen. Sie begleiten mich, um sicherzustellen, dass ich meine Schuld nicht vergesse und mich bemühe, das, was ich ihnen angetan habe, an anderen wiedergutzumachen. Manchmal ... manchmal tauchen auch Todesser auf, die ... Ich bin mir nicht sicher, zumindest nicht bei allen. Manche suchen vielleicht Trost bei ... ihresgleichen. Warum sie dafür allerdings ausgerechnet mich ausgewählt haben, ist mir schleierhaft."
Tom legte ihm die Hände auf die Schultern. „Du unterschätzt dich", sagte er sanft. „Du warst für viele, die sterben mussten, ein großer Trost. Du hast mir die Angst vor dem Tod genommen, so dass ich in Frieden gehen konnte. Und das trifft nicht nur auf mich zu." Der Gryffindor-Geist machte eine ausholende Geste in den im Schatten liegenden hinteren Teil des Büros.
Mit einem Mal wurden mehrere silbrige Geistergestalten für Draco sichtbar. Zuvorderst schwebte eine junge Frau mit kinnlangem zerzausten Haar, die in einen schweren Wollumhang gehüllt war. Sie kam Draco vage vertraut vor. Als er sie mit zusammengekniffenen Augen musterte, trat ein herausforderndes Grinsen auf ihr Gesicht – und plötzlich erkannte Draco sie.
„Fiona", hauchte er überrascht. „Fiona ... Selwyn, oder?"
Grinsend nickte sie. „Und ich kenne dich auch noch. Welcher Slytherin hätte dich übersehen können ... Du bist dieser lästige kleine Malfoy-Bengel. Ich werde nie vergessen, wie dich dein Vater ins Quidditch-Team eingekauft hat! Das war zwei Jahre vor meinem Abschluss, und ich habe mich totgeärgert, weil ich sicher eine wesentlich bessere Sucherin abgegeben hätte als du."
Draco spürte, wie ihm die Schamesröte ins Gesicht stieg.
„Ach, es gibt Schlimmeres", sagte Fiona leichthin. „Glaub mir."
Halb fasziniert, halb verstört ließ Draco seinen Blick von Fiona zu den beiden jungen Männern neben ihr wandern.
Der eine war groß und schlank. Seine kurzen Locken waren ebenso dunkel wie seine Augen. Er mochte etwa in Fionas Alter sein, achtzehn oder neunzehn vielleicht.
„Danyel Avery", stellte er sich mit kühler Stimme vor. „Ich war in einem Jahrgang mit Fiona – auch in Slytherin, natürlich."
Danyel trug die Ordenskluft der Todesser und musste folglich kurz nach Cedric Diggorys Tod eingetreten sein.
Da war er nicht der Einzige. Dumbledores Trauerrede hatte gleichzeitig als Werbekampagne für den Dunklen Lord gewirkt. Das Ministerium hätte die Sache hübsch unter den Teppich gekehrt, und die Nachricht hätte sich nur langsam verbreitet, wenn überhaupt, ehe der Dunkle Lord selbst an die Öffentlichkeit getreten wäre.
Natürlich hatten die Todesser sehr bald zu spüren bekommen, dass ihr Herr wieder unter den Lebenden weilte. Sie waren ja nur Minuten nach seiner Reinkarnation zu ihm gerufen worden. Aber sie wären in der Folgezeit sehr vorsichtig damit gewesen, wem gegenüber sie Andeutungen machten oder sogar die Wahrheit enthüllten.
Dumbledores Rede jedoch war von mehreren hundert Schülern gehört und entsprechend rasch weiterverbreitet worden. So hatten viele junge Leute von der Wiedergeburt des Dunklen Lords erfahren und sich ihm angeschlossen, die andernfalls erst Jahre später oder vielleicht überhaupt nicht zu den Todessern gestoßen wären.
Dracos Gedanken kehrten ins Hier und Jetzt zurück. Scheu blickte er auf den dritten Geist. Dieser war älter, Anfang bis Mitte zwanzig, groß und schlaksig, mit kurzem glattem Haar, das zu Lebzeiten weasleyrot gewesen sein mochte.
„Jery", sagte der junge Mann leise. „Jeremiah Cunningfield. Ich war auch in Slytherin. Aber da bist du noch nicht in Hogwarts gewesen. Ich war dreiundzwanzig, als ich starb. Das ist jetzt zwei Jahre her." Seine Stimme klang gedämpft und unendlich traurig. Sie jagte Draco einen kalten Schauder über den Rücken.
Jery war in etwas gehüllt, das wie das klassische weiße Laken oder Leichentuch aussah, aber durchweicht war von so vielen silbrigen Flecken, dass man es kaum noch weiß nennen konnte.
Blut, wurde es Draco plötzlich klar. Das muss alles Blut sein. Sein Blut, vermutlich.
Jery lächelte schwach, als er Dracos halb schockierten, halb faszinierten Blick registrierte. Einen Moment lang sah er Draco forschend an. Dann zog er langsam das dünne Tuch von seinen Schultern. Darunter war er vollkommen nackt, was Draco nicht weiter bekümmerte, aber was ihm den Atem nahm, war der Zustand dieses nackten Körpers. Kein Quadratzentimeter schien unverletzt. Ein feines Netz magischer Zeichen war in die Haut geschnitten worden. Jery war buchstäblich gebadet in Blut.
Draco musste für einen Moment die Augen schließen und brauchte all seine Willenskraft, um die grässlichen Bilder, die in seinem Geist aufstiegen, in sein Unterbewusstsein zurückzudrängen. Als er die Lider endlich öffnete, hatte Jery seinen Körper wieder unter dem Laken verborgen.
„Es tut mir leid", sagte der Geist leise und bekümmert. „Ich wollte dich nicht erschrecken. Aber du sahst so neugierig aus ... und ein bisschen erinnerst du mich auch an ihn. Vielleicht dachte ich deshalb ... Aber du bist nicht wie er. Es tut mir leid."
Draco presste eine Hand auf den Mund und schüttelte schwach den Kopf. Sprach Jery etwa von seinem Vater?!
Ich glaube, ich muss kotzen ...
Rasch sah er zu Severus hinüber, der nach wie vor am Schreibtisch saß, das Gesicht in die Hände gestützt, und Draco und die Geister durch den Vorhang seiner dunkelsilbernen Haare beobachtete.
„Ja", entgegnete er tonlos auf Dracos unausgesprochene Frage. „Ich habe das getan – zusammen mit deinem Vater."
Mit meinem Vater?!
Draco schnappte nach Luft. Er hatte das Gefühl, als würde ihm jemand den Boden unter den Füßen wegziehen.
Mein Vater ...
„Genaugenommen haben wir das Ritual geleitet, dem Jery als Strafe für seinen Verrat unterworfen wurde, und wir haben ihn zuletzt getötet. Jery, Marcus und Lucius – das sind die Fehler, die ich am meisten bedauere."
Lucius. Mein Vater, dachte Draco benommen.
„Wieso auch mein Vater?", brachte er endlich mühsam hervor.
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Severus schluckte nervös und holte tief Luft.
Jetzt ist es also so weit ...
Als er sprach, war seine Stimme heiser und unsicher. „Draco ... du weißt, dass ich deinen Vater gefoltert habe – foltern musste, auf Befehl des Dunklen Lords."
Draco nickte stumm.
„Unser Herr war so ungeheuer wütend auf Lucius, dass er mir den Auftrag erteilte, ihn zu brechen."
Der Junge schluckte.
„Wie du ... sicher sehen konntest, ist mir das gelungen. Ich ... ich habe es in wenigen Tagen geschafft, deinen Vater zu einem Schatten seiner selbst zu reduzieren."
Severus brauchte all seine Willenskraft, um in seiner Erklärung fortzufahren und dabei den immer blasser werdenden Draco nicht aus den Augen zu lassen.
„Als Lucius mir übergeben wurde, war er bereits sehr geschwächt. Ein Jahr Askaban hatte tiefe Narben in seine Seele gebrannt, und auch der Zorn des Dunklen Lords war nicht spurlos über ihn hinweggegangen. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob es mir mit meinen regulären Methoden gelungen wäre, ihn so vollkommen zu zerstören, wie ich es ..."
Er verstummte hilflos und fuhr sich mit zitternden Händen durchs Haar. Dabei spürte er, wie der Blick des Jungen seiner Bewegung folgte und wusste, dass Draco das Zittern gesehen hatte.
Unwichtig. Unwichtig in Anbetracht dessen, dass er dich in drei Sekunden aus ganzem Herzen hassen wird.
Severus schaffte es nicht, Draco in die Augen zu sehen, als er leise sagte: „Ich habe Lucius vergewaltigt."
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Nein ... Das kann nicht sein. Er lügt! Severus lügt ...
Alles in Draco stemmte sich dagegen, Severus' Geständnis als Wahrheit zu akzeptieren. Aber im Grunde seines Herzens wusste er, dass dieser nicht log.
Vor seinem inneren Auge stieg das Bild seines Vaters auf, in den Kerkern des Dunklen Lords, vor Schwäche an der Wand zusammengesackt und halb bewusstlos nach der Tortur durch mehrere Cruciatus-Flüche. Draco glaubte, wieder das Klatschen zu hören, als Severus seinen Vater mit der flachen Hand ins Gesicht schlug, leicht nur, nicht um ihm wehzutun, sondern um ihn wachzuhalten. Severus, der sich um seinen Vater bemühte, in seiner unterkühlten, sarkastischen Art mit ihm sprach, ihm einen Stärkungstrank einflößte. Draco erinnerte sich, wie Severus nach ihrer Freilassung durch den Dunklen Lord und ihrer Rückkehr nach Malfoy Manor darauf bestanden hatte, seinen Vater ins Bad zu begleiten, dass er ihn anschließend ins Bett verfrachtet hatte ...
Dracos Magen krampfte sich zusammen. Verzweifelt versuchte er, seinen rebellierenden Körper in den Griff zu bekommen. Es gelang ihm nicht. Hastig sprang er auf, taumelte blindlings ein paar Schritte in die Richtung, in der er die Tür vermutete. Doch die Übelkeit zwang ihn in die Knie.
Draco würgte an seinem Entsetzen, aber das erlösende Erbrechen blieb aus. Mit glasigen Augen starrte er auf die unregelmäßigen grauen Steinfliesen, die den Boden von Severus' Büro bildeten. Jede Ritze, jede Unregelmäßigkeit brannte sich in seine Netzhaut ein. Die Kälte des Steinbodens sickerte durch seine Hosen und erreichte seine Haut, doch Draco fehlte die Kraft, sich zu erheben.
„Draco", ertönte eine dünne, bebende Stimme an seiner Seite.
Ein eisiger Hauch streifte seine Haut. Er blickte rasch zu Severus auf, der mit hilflos erhobenen Händen neben ihm stand. In seinem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Schuldbewusstsein, Angst und Verzweiflung, die Draco niemals mit dem gefühlskalten und selbstsicheren Menschen in Verbindung gebracht hätte, als den er Severus bisher kennen gelernt hatte.
„Draco, es tut mir so leid", flüsterte der Geist unglücklich.
„Warum?", krächzte Draco.
Sein Kopf war vollkommen leer. Nur dieses eine Wort stand ihm deutlich vor Augen: Warum?
Severus senkte den Blick.
„Weil ich ihn begehrt habe." Severus sprach so leise, dass seine Worte kaum zu verstehen waren. „Seit vielen Jahren schon. Weil er vollkommen in meiner Gewalt war und ich die Macht hatte, es zu tun. Weil er mich in dieser Situation nicht abweisen, mich nicht demütigen konnte. Ich konnte mir holen, was ich wollte und zu brauchen glaubte, ohne dass er mich verletzen konnte, wie er es in den Jahren zuvor so oft getan hatte. Weil ich ... in ihn verliebt war, ohne es zu wissen. Als es mir klar wurde, war es zu spät. Da hatte ich ihn schon zerstört."
Draco schüttelte in stummer Verzweiflung den Kopf. Alles in ihm war taub und leer.
Severus schloss kurz die Augen, ehe er neben ihm auf die Knie sank. „Vergib mir, Draco", flehte er leise. „Lucius hat mir vergeben. Er hat mir vergeben um deinetwillen ... bitte ..."
„Ich kann nicht", flüsterte Draco rau. Severus' Büro schien sich in atemberaubender, Übelkeit erregender Geschwindigkeit um ihn zu drehen. „Ich kann nicht!"
„Bitte, Draco ... Ich bin bereit, alles zu tun, was in meiner Macht steht, um Lucius zu helfen. Vielleicht können wir ihn gemeinsam befreien. Vielleicht können wir ihn sogar zurückholen, so wie er, Harry und ich Sirius Black zurückgeholt haben. Bitte, Draco ..."
Zögernd hob Draco den Kopf. Er wusste nicht mehr, was er denken, was er fühlen sollte. Lange sah er seinem ehemaligen Lehrer in die Augen. Severus hielt dem prüfenden, feindseligen Blick nur mit sichtlicher Mühe stand.
Schließlich fragte Draco heiser: „Er ... hat dir ... vergeben?"
Severus nickte langsam. „Ja ... weil ich dich beschützt habe, dich und Narcissa ...", flüsterte er. „Dich mit einem Unauflösbaren Eid, sie als Geheimniswahrer für ihr Versteck. Weil ich den Dunklen Lord überredet habe, dich und deinen Vater aus den Kerkern zu entlassen ... Weil ich Lucius dazu gebracht habe, am Sturz des Dunklen Lords mitzuwirken und auf diese Weise sich und dich und uns alle zu befreien."
„Er ... hat dir vergeben, sagst du", begann Draco zögernd. Severus schien die Wahrheit zu sagen. Aber Draco brauchte mehr als die Wahrheit. Er brauchte einen Beweis, etwas, das diese ganze unfassbare Geschichte in die Realität hinüberholte. „Kannst du das beweisen? Ich meine ... hat er das irgendwie besiegelt?"
„Nicht mit etwas Materiellem", flüsterte Severus. Ein silbriger Hauch huschte über seine Wangen. „Aber ... er hat mich geküsst."
Nein ...
Draco starrte ihn eine Sekunde lang fassungslos an.
Dann sprang er auf, stürmte zur Tür und stürzte aus Snapes Büro hinaus.
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