As It Was in the Beginning
Jede Geschichte hat ihren Anfang und ihr Ende. Ich könnte sofort bei ihrer Hochzeit anfangen, aber das wäre ja langweilig – das erwartet ja jeder bei der Geschichte des Ehepaars Kowalski. Also setze ich früher an, viel früher…
Meine Granny wurde am 26. September 1980 in Ostberlin geboren – das ist jetzt fast 87 Jahre her. Warum ich Ostberlin schreibe? Schließlich sage ich ja auch, ich bin in Toronto geboren und nicht, ich bin in Südtoronto geboren… Nun, damals, noch bevor es Deutschland gab, gab es zwei Deutschland und durch Berlin ging eine Mauer. Es gab also Ost- und Westberlin und wegen der Mauer konnte man nicht in den anderen Teil der Stadt. Erst als meine Granny neun war oder so, da gab es dann nur noch ein Berlin. Heute sieht man aber nichts mehr von der Teilung. Ich war schon einmal in Berlin, aber da war ich noch ganz klein. Da hab ich meine Urgroßeltern kennen gelernt oder viel mehr, meine Uroma, denn mein Uropa ist vor meiner Geburt gestorben. Jedenfalls erblickte meine Granny vor fast 87 Jahren in Ostberlin das Licht der Welt. Aufgewachsen ist sie dann als vermeintliches Einzelkind in Berlin-Göberitz. Damals war Göberitz noch ein Dorf, aber vor vielen Jahren wurde es eingemeindet. Warum ich „vermeintliches Einzelkind" schreibe? Nun, da ist ja noch Onkel Bruno, Grannys Halbbruder, den sie erst mit 26 kennen gelernt hat. Aber alles zu seiner Zeit, von Onkel Bruno erzähle ich euch später. Granny wuchs also in Göberitz auf – ländliche Idylle, gut behütet von ihren Eltern… Ihre Pubertät muss mächtig langweilig gewesen sein: Sie ist nie verhaftet worden, hat nie an einer Demo teilgenommen, war nicht ein einziges Mal richtig betrunken, auf Partys oder in Clubs ist sie auch nicht gegangen, nicht einmal mit ihren Eltern hat sie gestritten. Eins hat ihr dieses Spießertum aber auch gebracht: Einen hervorragenden Schulabschluss und eine super erfolgreiche Berufsausbildung. Vieles soll ja eine Generation überspringen, aber glücklicherweise hat mich dieses Langweiler-Gen nicht erreicht. Ich streite ziemlich viel mit meinen Eltern… Naja, vielleicht hab ich das von meinem Grandpa.
Mein Grandpa wurde als Robert Konrad Kowalski am 23. Mai 1978 geboren und das in Hamburg. Hamburg ist die Stadt, die da lag, wo heute die Hamburger Bucht ist. Vor 25 Jahren ist die Stadt bei einer Springflut untergegangen. Jedenfalls wurde er da geboren. Seine Eltern sind schon lange tot und meine Grandma hat sie nur einmal kennen gelernt. Rokko, wie er sich selbst irgendwann genannt hat, hatte kein gutes Verhältnis zu seinen Eltern, zwei karriereorientierten Anwälten mit eigener Kanzlei. Für seine Erziehung waren im 12-Monats-Rhythmus wechselnde Au-Pair-Mädchen verantwortlich. Ich glaube, es hat ihm an familiärer Wärme gefehlt. Darum hat er meine Granny und die Familie, die er mit ihr gegründet hat, so geliebt… Genau wie ich hat er viel Zeit mit seiner Oma verbracht. Sie hat ihn nie für seine sensible Seite ausgelacht und hat seine Liebe für die Malerei und klassische Musik geweckt. Sie starb, da war mein Grandpa 12. Ich weiß nicht, was Grandpas Grandma gemacht hat, wie sie hieß oder aussah, aber sie war sehr wichtig in seinem Leben. Mir gehört jetzt ihr Verlobungsring. Granny hat ihn mir nach Grandpas Tod geschenkt und gesagt, ich soll gut darauf aufpassen und ihn tragen, wenn ich die große Liebe gefunden habe. Es macht mich so stolz, dass dieser Ring jetzt mir gehört. Mein Grandpa hat ihn nämlich von seiner Grandma und er sollte ihn der Frau geben, die er von ganzem Herzen liebt und das war meine Granny. Rokko hatte im Gegensatz zu Lisa eine aufregende Jugend. Er hat die Konfrontation förmlich herausgefordert – vermutlich um sich gegen seine respektablen Eltern aufzulehnen. Er ist sogar mal verhaftet worden – bei einem illegalen Autorennen, da war er so alt wie ich jetzt. Seinen Eltern hat das wohl nicht so gefallen, naja, ist schon schei… ähm blöd, wenn man den eigenen Sohn vor Gericht vertreten muss. Sie haben ihn 'rausgeboxt und trotzdem ist er bestraft worden – mit der Unterbringung in einem Internat. Dort hat er dann gelernt, seine Energie und seinen Mut zum Anderssein in nützlichere Bahnen zu lenken. Er hat wie ein Wilder gemalt, gezeichnet, geschnitzt, Skulpturen aus Stein gehauen, sprich: Alles, was die Kunst bis dahin hervorgebracht hat, wurde von meinem Grandpa ausprobiert. Zum großen Zerwürfnis mit seinen Eltern kam es erst, nachdem er mit der Schule fertig war. Seine Eltern wollten, dass er Jura studiert und in ihre Kanzlei einsteigt. „Jura ist so spannend wie Pantomime im Radio." So hat mein Grandpa das nun einmal gesehen und er hat immer gesagt, was er gedacht hat, auch wenn ihm das das Leben nicht immer leicht gemacht hat. Er hat an angefangen zu studieren: Ein bisschen Geschichte, ein bisschen Philosophie und ganz viel Kunst, dazu den einen oder anderen Sprachkurs. Einen Uni-Abschluss hat er nie gemacht, für meinen Grandpa war der Wissenszuwachs das wichtigste. Das Papier, das seine Lernerfolge bestätigen sollte, war ihm egal. Wie er letztlich in der Werbebranche gelandet ist, weiß ich nicht so genau und ich glaube, mein Grandpa wusste es auch nicht mehr. Fakt ist aber, dass seine provokanten, frischen Ideen gut ankamen und er eine kometenhafte Karriere hinlegte. Diese Karriere führte ihn dann nach Berlin, in die Nähe meiner Granny.
Mit 28 war mein Grandpa dann der gefragteste Werbefachmann in ganz Berlin. Das war 2006. Da war meine Granny 25 und eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie war die Mehrheitseignerin von Kerima Moda. Dabei hatte sie in dem Laden ganz klein angefangen: Erst hat sie Sandwiches geschmiert, dann hat sie David Seidel, diesem alten Playboy, assistiert, dann hat sie mit einem viel cooleren Unternehmen namens B-Style genug Geld gemacht, um Kerima aufkaufen zu können und so wurde sie da zu einer ganz großen Nummer.
Meine Granny war eine unsichere junge Frau und versteckte sich nur allzu gern hinter ihren Kalkulationen. Als Kerima dann den Mode-Olymp auch noch mit einem Parfum beglücken wollte, kam mein Grandpa ins Spiel…
