-1- Schmerz

Das erste was er tat, wenn er die stillen Tiefen der Bewusstlosigkeit verließ, war fühlen.

Ein dumpfes, träges Pochen in seinem Kopf, ein unangenehmer, kreisender Schwindel vor seinen Augen und die regungslose Schlaffheit seines ganzen Körpers, als würden seine Glieder noch schlafen, während sein Bewusstsein langsam begann, wieder klare Gedanken zu fassen.

Lucius hatte sich angewöhnt diese wenigen Sekunden zwischen Schlafen und Wachen zu genießen und die mit ihnen verbundene Trägheit und Sorglosigkeit auszunutzen. Einmal verflogen, war das einzige was bleiben würde eine dumpfe Erschöpfung, die sich mit der Zeit sowohl in seinem ganzen Körper als auch in seinem Geist und seinen Gedanken ausgebreitet hatte.

Kein Schlaf vermochte diese Erschöpfung zu vertreiben; jedenfalls kein Schlaf in Gefangenschaft, doch Freiheit war eine Möglichkeit, die Lucius nach zwei Jahren Askaban wenn schon nicht für unmöglich, so doch für äußerst unrealistisch hielt.

Je mehr er das Bewusstsein zurück erlangte, desto mehr fühlte er.

Zur Erschöpfung gesellte sich ein weiteres unangenehmes Gefühl, das stark an Schmerz erinnerte.

Doch genau genommen war es kein Schmerz, mehr die Erinnerung seines Körpers an Schmerzen, die er Stunden zuvor erlitten hatte, in einer kleinen Einzelzelle, verursacht von Menschen, die ihrer Meinung nach für das Gute kämpften und Tag für Tag versuchten, Lucius Malfoy durch Schmerzen davon zu überzeugen, zum Verräter seiner Sache zu werden.

Tag für Tag versuchten sie es wieder.

Tag für Tag flüchtete sich sein Geist irgendwann in gnädige Schwärze.

Tag für Tag versagten sie.

Nachdem er wieder begonnen hatte zu fühlen, würden sich auch die Geräusche Askabans - hauptsächlich die Schreie- in sein Bewusstsein drängen und sobald Lucius die Augen öffnete, würde ihn die seit zwei Jahren unveränderte Dunkelheit empfangen.

Mit nichts als den ewig gleich klingenden Schreien im Ohr und der stetigen Dunkelheit vor Augen, hatte Lucius nach und nach begonnen, sich ganz auf seine Gefühle zu konzentrieren, die sich zwar ähnelten, jedoch ein geringes Maß an Schwankungen und Veränderungen boten.

Besser als gar keine Veränderung. Ewiger Stillstand bedeutete Wahnsinn.

Lucius stand mehr als einmal kurz davor.

Sein Mund verzog sich zu einem bitteren Lächeln, während er in sich hinein horchte, um zu ergründen, welcher Art seine Gefühle dieses Mal waren.

Die übliche Erschöpfung registrierte er schon gar nicht mehr. Dafür aber die Frustration über seine Lage, die Wut über seine Hilflosigkeit und die grausame Verzweiflung, die immer wieder an ihm nagte und die er zu unterdrücken gelernt hatte; denn ansonsten hätte sie sich immer hartnäckiger in seinen Gedanken festgesetzt und nach und nach seinen Geist überzogen, bis letzten Endes nur noch eine undurchdringbare, neblige Landschaft übrig geblieben wäre, voll von Erinnerungssplittern und Gedankenfetzen, die niemals wieder eine sinnvolle Einheit ergeben würden.

Manchmal fiel es ihm leicht den Wahnsinn der Verzweiflung zu bekämpfen. Manchmal nicht.

Heute gelang es ihm schnell, denn gerade als er die Hand zur Faust ballte, seine Fingernägel tief in die eigene Haut grub, um sich durch noch mehr Schmerz von der Verzweiflung abzulenken, spürte er den Hauch eines Gefühls, das ihn alles andere vergessen ließ.

In seinem Nacken prickelte es, ein leichter Schauer überzog seine blasse Haut mit einer Gänsehaut und sein Herz schlug schneller, als es eigentlich sollte, wachsamer.

So leise er konnte, setzte Lucius sich auf, lehnte seinen Rücken an die kalte, glatte Steinwand und versuchte seine Umgebung so gut wie möglich zu erfassen.

Die fernen Schreie machten es ihm schwer, etwas anderes zu hören, doch in einem kurzen Augenblick der Ruhe, vernahm er ein undeutliches Geräusch, dass definitiv nicht von ihm verursacht worden war und einem Ausatmen ähnelte.

Sofort schossen seine Augen in die entsprechende Richtung und nach ein paar Minuten des Starrens, glaubte er, in der Dunkelheit etwas zu erkennen.

Ein Schatten im Schatten.

Ein grimmiges Lächeln stahl sich auf Lucius´ Lippen. Sein Gefühl, sein Instinkt, hatte ihn auch nach so langer Zeit nicht getrogen. Er war nicht allein in der Zelle.

Die letzte und endgültige Bestätigung für diese Vermutung erhielt er, als aus der Dunkelheit ihm gegenüber, eine dunkle Stimme erklang.

„Ich hatte schon daran gezweifelt, dass Sie jemals wieder aufwachen würden."

Trotz ihrer tiefen Tonlage und des starken Akzents, konnte Lucius die Stimme ohne Zweifel einer Frau zu ordnen.

„Wer sind Sie?", entgegnete er wachsam, wohl wissen, dass er vorsichtig sein musste, solange er keine Gewissheit hatte, wer ihm gegenüber saß.

Namen waren wichtig in Askaban. Meistens musste man nicht mehr als den Namen eines Gefangenen kennen, um auch über seinen Charakter und seine Geschichte, den Grund seiner Gefangenschaft, informiert zu sein.

„Lucrezia Angiorelli."

Für den ersten Moment war Lucius verblüfft, dass seine Mitgefangene sich so schnell dazu entschlossen hatte, ihre Identität preiszugeben. Nachdem er allerdings seine Erinnerungen durchsucht hatte, wurde ihm klar, warum sie scheinbar so sorglos damit umging.

Er kannte sie nicht, weder persönlich noch hatte er jemals von einem Namen, der dem ihren auch nur ähnelte, gehört.

Lucius war beinahe jeder Namen der ansässigen Zaubererfamilien in ganz England bekannt. Es hatte zu seiner Erziehung gehört, jeden Namen mit dem entsprechenden Ruf, Vermögen und vor allem dem Grad der Reinheit des Blutes in Verbindung zu bringen, damit er, sobald er in die Gesellschaft eingeführt worden war, wusste, wem er die Ehre seiner Aufmerksamkeit zu teil werden lassen konnte und wen es zu meiden galt.

Er hatte noch niemals von einer Familie Angiorelli gehört und sowohl dem Klang des Namens als auch dem Akzent der Frau nach, stammte diese Familie aus südlicheren Gefilden.

„Italien", sprach die Frau in die Dunkelheit hinein, als hätte sie Lucius´ Gedanken erraten. „Und Ihr Name lautet?"

Ein paar Minuten der Stille folgten, in denen Lucius abwog, ob es klug sei, die vielen Informationen, die an seinem Namen hingen, preiszugeben.

„Lucius Malfoy."

Es war nicht klug gewesen, seinen Namen zu nennen, das war Lucius klar. Doch letzen Endes hatte das Bedürfnis, die einzige vernünftige Unterhaltung, die er seit zwei Jahren mit einem anderen Menschen führte, nicht abbrechen zu lassen, seinen Vernunft verdrängt. Niemals hätte er gedacht, dass er sich dermaßen nach einer Form der menschlichen Nähe sehnen würde. Voller Verachtung vor sich selbst, verzog er das Gesicht bei dem Gedanken daran, wie schwach er trotz allen Widerstandes geworden war.

„Lucius Malfoy." Lucrezia wiederholte seinen Namen langsam, kostete seinen Klang aus und ihre Lippen formten sorgsam jeden Buchstaben.

Lucius hatte das unangenehme Gefühl, dass sein Name von ihr untersucht wurde. Als würde sie mit jeder gesprochenen Silbe ihr Gedächtnis nach Bruchstücken durchforsten, die mit ihm in Zusammenhang standen und seinen Namen in sich aufnehmen, einsinken lassen und ihm einen Platz im feinen Netz ihrer Erinnerung zuweisen.

„Ein großer Name, ein bedeutender Name, auch bei uns in Italien. Ein Name an dem viel Blut klebt, viel Schmerz."

„Wohl nicht weniger Blut als an Ihrem Namen, denn ansonsten würden Sie nicht in Askaban sitzen."

Die schneidende Kälte in Lucius Stimme war noch durchdringender und bedrohlicher als die neutrale Kälte, die die dicken Steinmauern ausstrahlten.

Doch Lucrezia hatte dafür nur ein leises Lachen übrig, das Lucius unwillkürlich schauern ließ.

„An meinem Namen kleben nicht nur Blut und Schmerz, Lucius. Ich bin Blut, ich bin Schmerz – vor allem Schmerz", fügte sie nach einer kurzen Pause leise hinzu. „Schmerz hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin, und Schmerz ist der Grund warum ich an diesem Ort bin. Sowohl der von mir selbst erlittene Schmerz, als auch der, den ich anderen Menschen zugefügt habe."

Darauf wusste Lucius nichts zu erwidern, doch es war auch nicht nötig. Noch während er versuchte, Lucrezias Worten in einen Zusammenhang zu bringen und für sich sinnvoll zu machen, riss ihn ihre dunkle Stimme aus den Gedanken.

„Sagen Sie mir, Lucius, waren sie jemals in Italien?"

Die Erinnerungen überschwemmten ihn und mit ihnen die vielen Gefühle, die er damals empfunden hatte.

Grimmige Genugtuung. Stolz. Die Freude, sich selbst vor seinem Meister bewiesen zu haben. Der Triumph trotz seiner jungen Jahre nun zum Inneren Kreis zu gehören, nachdem er die Aufgabe bestanden hatte

„Einmal." Mehr als diese knappe Antwort würde die Frau nicht von ihm bekommen und er beschloss, dass es nun an ihm sei, Fragen zu stellen.

„Warum haben Sie den Leuten Schmerz zugefügt und wie?" Mit Schmerzen kannte er sich aus und es schien ihm das einzige Thema zu sein, dass sowohl von seiner Person ablenken würde als auch der grausamen Atmosphäre Askabans angemessen war.

„Rache und Cantarella." Lucrezia schien ebenfalls beschlossen zu haben, sich kurz zu fassen.

Aus irgendeinem Grund bedauerte Lucius diesen Umstand. Ihre dunkle Stimme hatte ihm gefallen. Sie war so… sanft gewesen nach all den schrillen, gequälten Schreien, die er Tag für Tag ertragen musste. Manchmal waren es seine eigenen Schreie.

„Cantarella? Ein Muggelgift?" Er bemühte sich nicht einmal, seine Verachtung zu verbergen. Während er versuchte, auf dem harten Steinboden, eine bequemere Sitzposition einzunehmen, warf er einen misstrauischen Blick in Richtung der vielen Schatten am anderen Ende der Zelle, von denen einer Lucrezia sein musste. Ihn mit einem Schlammblut in eine Zelle zu sperren, wäre eine Ironie, die er den Auroren gar nicht zugetraut hätte.

„Muggelgift!" Lucrezias verächtliches Schnauben beruhigte Lucius etwas. „Dieser ewige Irrtum. Die Muggel benutzen dieses Gift zwar, doch es war ein Zauberer, der es entwickelt hat und eine Hexe von der es perfektioniert wurde."

„Was genau ist dieses Cantarella?" Ihre Worte hatten Lucius neugierig gemacht. Außerdem war es immer gut Neues dazuzulernen. Man konnte nie wissen, wann es einem zu gute kommen würde. Wissen war eine genauso wichtige Komponente der Macht wie Reichtum.

„Cantarella", erklang das sanfte Flüstern aus der Dunkelheit „, ist Schmerz und Tod. Es rächt, wo ich selbst keine Rache nehmen kann und tötet diejenigen, die einst meine Familie getötet haben. Cantarella ist das Heilmittel für eine brennende Seele und Gift für die Schänder dieser Seele. Cantarella…Wunderschönes Cantarella."

Die Temperatur in der Zelle schien um ein paar Grad gefallen zu sein und Lucius schauderte. Lucrezia schien mehr zu sich selbst als zu ihm gesprochen zu haben und ihre verklärte Stimme und die scheinbar unschuldige Versonnenheit mit der sie gesprochen hatte, erinnerte ihn unangenehm an Bellatrix, wenn sie einen ihrer weniger klaren Momente hatte, in denen sie über Schmerz und Tod sinnierte und in ihrem Kopf Pläne schmiedete, deren Sinn sich nur ihr selbst erschlossen.

Nach einiger Zeit wurde die unangenehme Stille von Lucrezias Stimme durchbrochen, die nun wieder klar und gefasst klang.

„Das Grundrezept von Cantarella wurde Ende des 15.Jahrhunderts von meiner Vorfahrin Lucrezia Borgia perfektioniert. Es ist nur sehr wenigen bekannt, doch die Borgia sind eine der ältesten Zaubererfamilien Italiens. Da Lucrezias Töchter alle sehr früh gestorben sind und ihre einzig lebende Tochter sich als Squib entpuppte und auf anraten ihrer Familie in ein Kloster ging, um Nonne zu werden, gab Lucrezia das Geheimnis des Giftes an die Töchter ihres Bruders Cesare weiter. Eine dieser Töchter ist meine direkte Vorfahrin und seit damals wurde das Geheimnis der Dosierung von den Müttern an die Töchter weitergegeben. Denn die Dosierung ist der wahre Zauber dieses Giftes, das so viele Gesichter hat. Es kann schnell, allerdings immer noch sehr schmerzhaft töten, oder es rafft den Vergifteten langsam dahin, gibt ihm genug Zeit über seine Fehler nachzudenken und wie einfach es gewesen wäre, sein Leiden zu vermeiden, wenn er nur einem Menschen weniger Schmerz zugefügt hätte. Man fügt keinem Borgia Schmerzen zu. Viele Hexen, Zauberer und Muggel haben das im Laufe der Jahrhunderte lernen müssen."

Lucius hatte angespannt zugehört, sich jede Information eingeprägt und versucht in einen Zusammenhang zu bringen. Er glaubte nun, Lucrezias Geschichte in groben Zügen erfasst zu haben.

„Darum also sind Sie. Sie haben die Leute mit Cantarella getötet", stellte er trocken fest. „Aber nicht wahllos, sondern aus Rache. Man hat Ihre Familie umgebracht und nun üben Sie Vergeltung. Haben jahrelang die Menschen vergiftet und sich hinter Ihrem Cantarella versteckt, anstatt es selbst, von angesicht zu angesicht zu tun. Aber es hat nicht ewig funktioniert", flüsterte Lucius mit grausam leiser Stimme. „Jetzt hat man Sie erwischt und ganz davon abhängig wie viele Menschen Sie getötet haben, wird man entscheiden, ob Sie hingerichtet werden."

„Ich verstecke mich hinter meinem Gift, andere hinter ihren Masken!" In die dunkle Stimme hatte sich nun ein zischender Unterton gemischt und Lucius konnte sich nicht mehr erklären, wie er sie jemals hatte angenehm finden können.

Er spürte kalte Wut in sich aufsteigen. Die Anspielung auf die Masken hatte er verstanden, genau wie die Beleidigung, die sich hinter Lucrezias Worten verbarg. Lucius Malfoy ließ sich nicht gerne einen Feigling nennen.

Gerade wollte er zu einer kalten Erwiderung ansetzen, als er von ihrer Stimme gestoppt wurde. Dunkel, sanft und angenehm wie zuvor.

„Fünf. Ich habe fünf getötet. Erst." Das letzte Wort hatte sie so leise geflüstert, dass Lucius für einen Moment glaubte, es sich nur eingebildet zu haben.

Eine lange Zeit schwiegen die beiden. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, die um den jeweils anderen kreisten.

Schließlich warf Lucius noch einen Blick in die Ecke, aus der Lucrezias Stimme erklungen war. Zum wiederholten Male starrte er in die Dunkelheit und nahm wieder nur einen Schatten im Schatten war.

Unverwandt hielt er seinen Blick auf diesen Schatten gerichtet, versuchte eine Bewegung zu registrieren oder vielleicht sogar – er beherrschte ein wenig Legelimentik auch ohne Zauberstab- einen Gedankenfetzen dieser ungewöhnlichen Frau zu erhaschen.

Doch alles was er sah, war Schwärze.

Gerade als Lucius glaubte, einen - nein zwei- grauen Schimmer erkennen zu können, wurde er von einer drückenden Müdigkeit erfasst, die sich über seinen ganzen Körper ausbreitete und ihn in einen tiefen Schlaf schickte, bevor er Gelegenheit hatte, seinen letzten Gedanken zu Ende zu denken, in dem er sich fragte, wodurch diese erbarmungslose Müdigkeit eigentlich ausgelöst worden war.

To be continued