Eine Scheune mitten im Nirgendwo
Foreman wachte von einem Geräusch auf, das er nicht sehr lange ohne ein Wort, ohne eine Reaktion ertragen konnte. Es war ein Winseln, das so auch das härteste Herz gebrochen, den kühlsten Kopf erwärmt hätte. Selbst mit dem Wissen, von wem es kam.
Er drehte sich vorsichtig um und sah zwischen Dunkelheit und Asche den zusammengekrümmten Körper von House, der sich unter Schmerzen hin und her rollte. "Wir haben noch eine Dosis Morphin", sagte Foreman leise und kniff die wund geriebenen Augen zusammen, die bei jeder Begegnung mit der dreckigen Luft erneut zu jucken begannen.
"Nein", presste House zwischen den Zähnen hervor und rammte eine Faust in den strohbedeckten Boden. "Wir heben sie auf." Eine dreckige Schweißperle rann ihm von der Stirn über die Wange, hinunter bis zum Kinn.
"Was nützt es, wenn wir sie aufheben, wenn Sie am Ende von Ihren Schmerzen übermannt werden?", fragte Foreman mit resignierender Wut in der Stimme. Wut über eine Welt, die aus den Fugen geraten war, über ein Leben, das er nicht mehr wirklich bestimmen konnte, das nicht wirklich mehr seines war.
Schwerfällig drehte House sich zu Foreman um und suchte in der Finsternis nach seinen Augen. Er fand sie nicht. Das schmächtige Mondlicht, das sich seinen Weg durch ein kleines Loch im Scheunendach kämpfte, war einfach nicht stark genug, um seine müden Augen zu leiten.
Doch seine Instinkte hatten ihn größtenteils noch nicht verlassen und so hatte er eine ganz gute Vorstellung davon, wo Foreman war. "Wir heben sie auf", knurrte er in seine Richtung und hoffte, die Diskussion damit erstickt zu haben.
"Wie Sie wollen", murmelte Foreman. "Ich weiß nur nicht, was das für einen Sinn hat." Er breitete die Arme unter dem Kopf aus und suchte auf dem Strohboden nach einer möglichst angenehmen Position. Er hatte fast schon vergessen, was es bedeutete, in einem warmen Bett zu schlafen und die seidige Oberfläche eines frisch gewaschenen Bettbezuges zu spüren. Es war noch nicht so lange her, aber es schien unendlich weit weg.
"Sie haben einfach nur Angst davor, allein durch die Prärie zu stapfen. Das ist alles", erwiderte House unbeeindruckt und hatte auf seiner Narbe eine Stelle gefunden, die die Schmerzen etwas erleichterte, wenn er mit ein wenig Druck darauf presste.
"Niemand wäre in dieser Welt gerne allein. Nicht einmal wenn das bedeutete, man wäre Sie los", gab Foreman zu. "Nicht einmal Sie wären hier gern allein."
"Woher wollen Sie das wissen?"
"Weil da auch in Ihren Augen das ein oder andere Mal ein kleines bisschen Angst aufblitzte. Machen Sie mir nichts vor."
"Vielleicht mache ich mir ja was vor", antwortete House spitz. Er hielt einen Moment lang die Luft an und überprüfte das aktuelle Level des Schmerzes, der in kurzen, zackigen Intervallen durch die Synapsen seines Körpers raste. "Machen Sie weiter", forderte er Foreman schließlich auf.
"Mit was?"
"Rumnerven. Ihr Geplapper mindert meine Schmerzen", erklärte House und drückte noch einmal auf den richtigen Punkt auf seinem Oberschenkel.
"Ist wohl eher die Ablenkung."
"Nein, ich bin mir sicher, dass es Ihre nervige Art zu reden ist."
Foreman fügte sich mit einem Stöhnen und zog die verdreckte Decke ein Stück weiter nach oben. Es bedurfte keiner aufwändigen Messungen, um festzustellen, dass es in den letzten Wochen immer kälter geworden war. Dabei hätte gerade der Sommer beginnen müssen, wenn die Welt denn noch so funktionieren würde, wie es Foreman sonst immer für selbstverständlich gehalten hatte.
Doch sie hatte anscheinend schon kapituliert und so lichtete sich der Dunst einfach nicht mehr, um die Sonne wieder durchzulassen. Ohne sie gab es auf Dauer kein Leben.
Wie als könne er Foremans Gedanken lesen, stellte House eine Frage, die ihn schon die ganze Zeit beschäftigte: "Wie weit südlich wollen Sie noch gehen?"
"Ich weiß es nicht", bekannte Foreman. "Haben Sie einen Termin oder warum fragen Sie? Es ist doch wohl selbst nach Ihrer Logik letztendlich egal, ob wir hier und jetzt sterben oder noch ein Stückchen weiter gehen und es uns dort dahinrafft."
"Für Sie vielleicht. Für einen Krüppel mit halb-abgestorbenem Bein jedoch nicht, wenn dieser erst noch mühselig zu seinem Sterbensörtchen laufen muss, wo er doch auch hier bleiben und seine letzten Stunden mit Gedanken an seine Lieblingspornos verbringen könnte."
"Dann bleiben Sie halt hier", sagte Foreman genervt. "Ich werde auf jeden Fall weitergehen."
"Sie würden mich nicht einfach hier zurücklassen."
"Doch, genau das würde ich", wiederholte er bestimmt.
"Das hätten Sie schon in Princeton machen können. Aber da wären wir wieder bei dem Punkt, dass Sie nicht einmal in dieser Welt ohne mich existieren wollen." House grinste zufrieden in die Dunkelheit hinein. "Wir sind jetzt so etwas wie eines dieser tragischen Liebespaare in den ganz alten Filmen. Sogar schwarz-weiß würde hinkommen." Er dachte einen Moment lang über das Gesagte nach. "In vielerlei Hinsicht."
"Ich muss Masochist sein."
"Ich wusste es."
Foreman sah ein, dass er in dieser Nacht nicht das letzte Wort haben würde. Und vielleicht hatte House recht: Was hatte es jetzt auch noch für eine Bedeutung? Es war, wie es war und es stand nicht in ihrer Macht, daran jetzt viel zu ändern. Er drehte sich auf die Seite und zog die Decke noch enger um seinen fröstelnden Körper.
Hinter sich hörte er, wie auch House sich auf dem Strohboden drehte und dann nach ein paar Minuten in einen tiefen Schlaf gesunken war, der sich durch ein regelmäßiges Schnarchen bemerkbar machte. Der Staub in seinen Lungen ließ das Geräusch bedrohlich wirken. Es war wie der Soundtrack dieser Welt.
Nach ein paar Minuten riss ein weiterer Hustenanfall House aus dem Schlaf. Er hielt sich ein schmutziges Tuch vors Gesicht und versuchte damit, die Laute so gut es ging zu dämpfen, um den inzwischen eingeschlafenen Foreman nicht gleich wieder zu wecken. Der Schmerz in seinem Bein hatte sich in ein dumpfes Pochen verwandelt und nach ein paar Sekunden ließ auch der Hustenreiz wieder nach.
House ließ seinen Kopf zurück auf das Stroh fallen, das er sich zu einem kleinen Haufen aufgeschichtet hatte und das trotzdem kein Kissen dieser Welt ersetzten konnte. Er wünschte sich insgeheim in sein Bett in Princeton zurück, übermannt von einer unwiderstehlichen Müdigkeit, die ihn dazu zwang, tief zu schlafen und nicht wieder aufzuwachen. Es war kein Todeswunsch, es war nur der Wunsch nach einem Ende.
Ein paar Minuten lang hörte er Foremans regelmäßigen Atemzügen zu. Sein Kopf war leer, frei von jeglichen Gedanken über Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. So war es die meisten Nächte in den letzten Wochen gewesen. Doch sobald er sich dem Schlaf näherte, begann alles in ihm zu arbeiten. Während er schlief, war es manchmal unerträglich.
Er schloss die Augen, weil er wusste, dass er nicht ewig wachbleiben konnte. Es dauerte nicht lange und er hörte die erste Explosion, sah verängstigte Nachrichtensprecher über den Bildschirm huschen, die Schreckensnachrichten von ihren Zetteln lasen, sah Wilson sein Apartment verlassen, in das er nie wieder zurückkehren würde, und dann sah er immer sie.
Mit großen Augen blickte sie ihn an, doch er konnte nichts tun. Letztendlich war sie nur eine von vielen, aber so einfach war es nicht. House wünschte, er hätte sagen können, ihr letzter Atemzug war friedlich. Doch er war es nicht. Röchelnd und angsterfüllt stattdessen.
Als er ihre Augen schloss, hatte die Welt endgültig aufgehört, Sinn zu ergeben.
Er hatte Foreman nicht gesagt, dass er da war, als Cuddy starb.
