3. Dezember
„Was denkst du, Minerva?"
von Tamsyn
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Die Konferenz schien sich ewig in die Länge zu ziehen. Draußen vor den Fenstern des Lehrerzimmers trieben die ersten Schneestürme vorbei und im Kamin fiel ein Holzscheit knackend in sich zusammen.
Severus nestelte mit miesepetrigem Gesichtsausdruck an seinen Haarspitzen herum, Filius ließ seine Beinchen unter dem Tisch baumeln und Binns schwebte entrückt über seinem Stuhl.
„Ich dachte, wir könnten dieses Jahr mal etwas Besonderes zu Weihnachten machen und im Kollegium Wichtelgeschenke austauschen!", kam Albus Dumbledore endlich zu seinem letzten Tagesordnungspunkt und sah mit leuchtenden Augen in die Runde. Die wenigen Gesichter, die sich ihm bis jetzt noch zugewandt hatten, senkten sich und musterten stattdessen interessiert die Tischplatte.
„Was denkst du, Minerva?", wandte er sich an seine Kollegin, die ihm am Tisch im Lehrerzimmer gegenübersaß. Sie zupfte mit leerem Blick an einer der Engelsfiguren herum, mit der er in einem Anfall weihnachtlicher Vorfreude den Tisch dekoriert hatte.
Langsam hob sie den Kopf.
„Was ich denke?", fragte sie mit träger Stimme und die schwarzen Perlaugen hinter eckigen Brillengläsern wandten sich dem Schulleiter zu.
„Ich denke, dass du eindeutig übertrieben hast mit dieser Weihnachtsdekoration!" Sie wies auf die mit Schmuck überladenen Tannen, die das Lehrerzimmer derart ausfüllten, dass Pomona Sprout es sich mit gequältem Gesichtsausdruck zwischen den Zweigen gemütlich machen musste.
Der Schulleiter öffnete den Mund, um zu einer Entgegnung anzusetzen, doch Minerva ließ ihn nicht zu Wort kommen.
„Ich denke außerdem, dein Lieblingswitz über die Vettel, den Kobold und den Troll, die sich in einer Kneipe treffen, ist noch nicht einmal ansatzweise komisch!", fuhr sie mit erhobener Stimme fort. „Das einzig Komische daran ist, wie du dich jedes Mal halb tot kicherst, während sich auf den Gesichtern deiner Zuhörern völlige Verständnislosigkeit breit macht."
Ich denke, deine Kleidung überschreitet die Grenzen des guten Geschmacks bei weitem! Diese unsäglich bunten Umhänge mit passenden Hüten schmerzen in den Augen und die Kombination mit deiner Vorliebe für ausgefallene Schuhe ist beinahe übelkeitserregend.
Und schneid endlich einmal deine Haare, Albus! Oder entferne wenigstens dieses furchtbare Glöckchen aus deinem Bart! Es ist zwar ganz nützlich, weil es dein Herannahen wie eine Kuhglocke vorhersagt, so dass man die Zeit hat, sich vor deinen Albernheiten in Sicherheit zu bringen, aber es nervt unsäglich, wenn man, wie ich, gezwungen ist, neben dir zu sitzen! Es ist nicht lustig, jede deiner Kaubewegungen per Glöckchenklang mitgeteilt zu bekommen!
Und wo wir gerade bei ‚übelkeitserregend' sind: Ich hasse Süßigkeiten! Wenn du mir noch einmal ein Zitronenbrausebonbon oder einen Lakritzschnapper anbietest, vergesse ich mich! Und noch übler wird es dir ergehen, wenn ich feststellen muss, dass du während des Essens meinen Zauberstab gegen einen aus dem Scherzladen ausgetauscht hast und er sich plötzlich in ein Gummihuhn verwandelt, wenn ich vor der Klasse stehe!
Ich denke, Fawkes, dein verdammter Vogel, gehört in die Röhre. Wenn er nämlich nicht singt, und das tut er vielleicht zweimal im Jahr, ist sein Gekrächze einfach nur schauderlich anzuhören und diese nervige Angewohnheit bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit in Flammen aufzugehen hat mir auch schon mehr als eine Brandblase beschert!
Ich denke, du bist ein alter Geheimniskrämer, der eindeutig zu viel verlangt, wenn er meint, wir sollten ohne zu zögern einem ehemaligen Todesser unser Leben anvertrauen, wenn ich ihm noch nicht einmal mein Pausenbrot anvertrauen würde!
Und ich denke, dass du kindisch und albern bist und uns mit deiner gespielten Trotteligkeit alle hinters Licht führst, damit eine Ausrede hast, uns alle zu nerven!"
Ein wenig atemlos ließ sie ihren Blick über das erstarrte Kollegium schweifen und mit einer ruckartigen Bewegung erhob Minerva McGonagall sich vom Lehrertisch und rauschte aus dem Zimmer.
Albus sah ihr mit ungläubigem Gesichtsausdruck nach.
„Der Witz ist nicht komisch?"
