Kapitel 3

Der Streit in Frachtraum Acht war noch auf der Brücke zu hören.

„WAS HABT IHR MIT MEINEM SCHIFF ANGESTELLT?"

„ICH VERSUCHE ES ZU REPARIEREN!"

„IN DEM DU ES VÖLLIG AUSEINANDERNIMMST?"

„NICHT SCHREIEN! TIRK MAG DAS NICHT!"

„HALT DICH DA RAUS, SCHUPPENGESICHT!"

„WENN HIER EINER TIRK ANSCHREIT, DANN BIN ICH DAS!"

Kitaro Sasaki war als erster von der Kommandocrew am Ort des Geschehens. „NIEMAND… schreit hier rum!" Der Anblick, der sich ihm bot, war einerseits bedrohlich, andererseits absurd: Tirk hatte beide Hände an die Seiten seines Kopfes gelegt, wo wahrscheinlich seine Ohren lagen, die Augen geschlossen und murmelte irgendetwas auf Drazi vor sich hin. Na'Feel hatte die typische Kampfposition der Narn eingenommen und zischte mit gebleckten Zähnen ihre Gegnerin an, die sich zwar kaum auf den Beinen halten konnte, aber ihren Kampfstab bereit zum Zuschlagen hielt. Die Anspannung im Raum war nicht zu beschreiben.

Vor dem Eingang zum Frachtraum hatten sich bereits etliche Mannschaftsmitglieder versammelt, als David Martel, dicht gefolgt von Dulann und Malcolm Bridges, eintraf. „Kit, was ist hier los?"

„Unser Gast hat die Krankenstation verlassen und hier einen Streit angefangen.", erklärte der Navigator und ließ dabei die drei Kontrahenten nicht aus den Augen – zumal Tirk aufgehört hatte zu murmeln und nun böse vor sich hin starrte. Kein gutes Zeichen bei dem Drazi.

Sikara hingegen stützte sich nun schwer auf ihren Kampfstab und atmete schwer. „…wer hat befohlen, meinen Gleiter auseinander zu nehmen?"

„Das war ich." Der Captain baute sich vor der Kriegerin auf. „Und Na'Feel sollte ihn nur reparieren, damit du uns bald wieder verlassen kannst!"

„Reparieren? Einen Schrotthaufen hat sie davon gemacht!"

„Ein Schrotthaufen war es schon vorher!", fauchte die Narn und wurde mit einem strengen Blick vom Captain zum Schweigen gebracht.

„Ich habe keine Zeit für solche Späße!" Sikara atmete tief durch, bevor sie immer leiser werdend sagte: „Ich muss nach Minbar. Sofort!"

„Wir haben keine anderen Gleiter an Bord. Und ich werde unsere Mission nicht abbrechen, bevor ich nicht den Befehl des Rates dazu erhalte! Du wirst dich gedulden müssen. Außerdem kämst du in deinem Zustand sowieso nicht besonders weit!", erklärte Martel und bemerkte die Verzweiflung im Blick der Kriegerin.

Diese richtete sich auf, straffte sich und meinte: „Dann brauche ich abhörsichere Verbindung in die Hauptstadt. Und noch etwas aus dem Gleiter… oder was davon noch übrig ist."

Der Captain nickte Malcolm kurz zu: „Bereite eine Verbindung vor. Am besten im Konferenzraum, ich nehme mal nicht an, dass unser Gast ihr Gespräch von der Brücke aus führen möchte!"

Nun meldete sich Dulann zu Wort und sprach Sikara direkt an: „Wenn du mir sagst, was du brauchst, werde ich es dir aus dem Gleiter holen!"

Sie verzog kurz die Mundwinkel und antwortete betont höflich: „Danke, aber du kämst nicht daran, ohne die Selbstzerstörung zu aktivieren. Und daran dürfte hier kaum jemand Interesse haben…" Da sie damit durchaus Recht hatte, stellte sich ihr auch niemand in den Weg, als sie sich aufmachte, in das Innere des Gleiters zu klettern.

Misstrauisch beobachtete sie der Captain von der Einstiegsluke aus. Sie öffnete ein verstecktes Fach, entnahm ihm zwei Datenkristalle, die sie in ihrer Kleidung unterbrachte, und glitt mit der linken Hand über eine Konsole, die daraufhin zum Leben erwachte. „Ich deaktiviere die meisten Schutzmechanismen. Solang deine Techniker nicht versuchen, an die Datenbanken zu gelangen, sollte ihnen jetzt nichts mehr geschehen.", erklärte sie und kletterte mühsam wieder aus dem Inneren heraus.

„Eine Frage noch: was ist mir Firell? Sie wird dich doch wohl kaum einfach so gehen gelassen haben?", fragte David und verschränkte die Arme hinter seinem Rücken.

Ein Lächeln huschte über das Gesicht der Kriegerin. „Ich war zu der Überzeugung gekommen, dass sie eine Beruhigungsspritze viel nötiger hatte, als ich… Wenn sie wieder aufwacht, wird sie sich gewiss sehr erholt fühlen." In Gedanken setzte sie hinzu: ‚Und nie wieder einem Patienten den Rücken zukehren…'

„Dulann, würdest du bitte nach Firell sehen? Kitaro, du wirst auf der Brücke gebraucht. Na'Feel, Tirk, ihr könnt hier weiter arbeiten. Jackson, Luval, ihr werdet unseren Gast und mich begleiten." Auf dem Weg zum Konferenzraum, wo Malcolm bereits auf sie wartete, fragte David Sikara: „Warum hast du nicht schon früher von deinem Gleiter aus das Gespräch geführt?"

„… weil der Feind die Kommunikation noch vor dem Hyperraum- und dem Sprungantrieb außer Gefecht gesetzt hatte!" Was für eine Frage! Glaubte dieser Mensch etwa wirklich, sie hätte sich freiwillig auf einen wochenlangen Flug vom Rim zur Heimatwelt der Minbari im Normalraum aufgemacht wenn sie noch Alternativen gehabt hätte? Unter Schmerzen schleppte sie sich, gestützt auf ihren Kampfstab, durch die Gänge und lehnte jede angebotene Hilfe ab. Lieber wäre sie auf dem Zahnfleisch gekrochen, als sich von einem Anla'Shok helfen zu lassen.

Als sie vor dem Konferenzraum angekommen waren, drehte er sich zu ihr um: „Ich wusste nicht, dass auch Na'Ril – Gleiter einen Sprungantrieb besitzen…"

„Besitzen sie auch nicht." Sie hob spöttisch einen Mundwinkel an. „Aber dieser Gleiter ist nicht gerade ein Standardmodell."

„Captain? Die Verbindung ist hergestellt. Unser Gast muss nur noch die Adresse eingeben." Malcolm war nicht wohl dabei, jemandem ihm unbekannten eine verschlüsselte Frequenz zu überlassen.

Ungeduldig warteten Malcolm, die beiden Wachen und David vor dem Raum, bis Sikara ihr Gespräch geführt hatte und sich an den Wänden abstützend in der Tür erschien. „Shok'Na, nun bist du dran…"

Martel betrat zögernd den Raum und erblickte das Konterfei von Sindell auf dem Combildschirm. Wer auch immer diese Frau war, sie besaß gute Verbindungen in die höheren Kreise. „Ihr wolltet mich sprechen?"

„David Martel, hör mir nun genau zu: wir haben ein Problem…"

Was Sindell nicht sagte! Auf diese Idee wäre der Captain nie von allein gekommen…

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„… unsere Befehle kommen vom Grauen Rat direkt. Sikara wird euch den Rest selbst erklären." Ungläubiges Murmeln erfüllte den Konferenzraum der „Liandra", als Martel sich setzte und der Kriegerin das Wort überließ.

Diese zog einen der Datenkristalle, die sie aus ihrem Gleiter geholt hatte, aus ihrer Uniform und steckte ihn in ein Abspielmodul, bevor sie sich an den versammelten Kommandostab wandte. „Wie dieser Crew sehr wohl bekannt ist, hat die Allianz einen neuen Feind. ‚Die Hand' bedient sich schwächerer Völker, um Unruhe und Instabilität in diesen Bereich des Universums zu bringen. Eines dieser Völker sind die Brissakk, mit denen wir bisher nur wenig bis keinen Kontakt hatten." Sie atmete tief durch, bevor sie fortfuhr: „Meine Einheit hatte den Auftrag, Informationen über dieses Volk und die von ihm bewohnten Planeten zu sammeln. Dabei stießen wir auf Folgendes:" Sie deutete auf die Bilder, die hinter ihr auf einer Holofläche erschienen waren: „Diese Aufnahmen zeigen eine Werft für Kriegsschiffe, wie sie von ‚Der Hand' und ihren Verbündeten genutzt werden. Wie zu erkennen, ist die gesamte Anlage bestens gesichert." Eine Reihe Bilder von schweren Geschütztürmen, bewaffneten Wachen und automatischen Waffen folgte. „Außerdem befindet sich im geostationären Orbit über der Werft noch eine Basisstation des Feindes, die unseren Beobachtungen nach immer mit acht bis zehn Schiffen besetzt ist, die Hälfte davon große Schlachtkreuzer."

Der Anblick der teilweise sehr verrauschten Aufnahmen ließ die Anwesenden scharf die Luft einziehen. Fast undenkbar, ungesehen überhaupt an dieser Station vorbei zu gelangen!

„Da der Rest meiner Einheit im Kampf sein Leben verloren hat…" Die Kriegerin bemühte sich um einen neutralen Tonfall, „… und der Rat die Notwendigkeit zu schnellem Handeln als angebracht erachtet, soll es nun an diesem Schiff liegen, zumindest die Basisstation auszuschalten, bevor sich eine Angriffsflotte in diesem Quadranten einfindet, um die Werft zu zerstören."

„Das ist doch Irrsinn!", rief Sarah Cantrell aus. „Man bräuchte schon eine ganze Flotte um nur die Basisstation auszuschalten! Nicht eingerechnet die ganzen Schiffe, die dort versammelt sind!"

„Und steht auch nicht der offene Kampf zur Verfügung, Sarah. Stattdessen werden wir… Sikara unterstützen, die Angelegenheit auf ihre Art zu erledigen." David hatte sich zurückgelehnt und seine Arme vor der Brust verschränkt. Ihm gefiel die Idee genauso wenig wie den restlichen Anwesenden.

„Ich vermute, ihre Art besteht in Sabotage?", fragte Malcolm nach.

Der Captain neigte den Kopf und blickte hinüber zu Sikara. „Ich denke, das wird sie euch gleich selbst erzählen…"

Doch diese schüttelte nur den Kopf und schwieg.

„Was ist? Sollen wir nicht erfahren, auf welche Art von Himmelsfahrtkommando du uns mitnehmen sollst oder was?" Sarah hielt ihre Wut nur mühsam im Zaum.

Leise, sehr leise, antwortete die Kriegerin: „Diese Zusammenarbeit gefällt mir ebenso wenig wie euch. Aber allein und ohne funktionsfähiges Schiff werde ich kaum auch nur in die Nähe der Station kommen."

„Unsere Befehle sind eindeutig: wir haben fünf Tage, um die Station zu erreichen, außer Gefecht zu setzen und den Weg für die Flotte vorzubereiten. Vorschläge zur Vorgehensweise werde ich mir jederzeit anhören, auch wenn das, was Sikara mir bereits als vorläufigen Plan unterbreitet hat, schon sehr große Aussichten auf Erfolg verspricht. Bis dahin wünsche ich, dass die ‚Liandra' in einwandfreiem Zustand ist, besonders die Waffensysteme und Schutzschilde, das wird die Aufgabe von Na'Feel und Sarah sein. Malcolm und Dulann, ihr werdet die Aufzeichnungen studieren und eventuelle Schwachpunkte von Basis und Werft suchen. Tafeek, ich brauche alle Informationen, die du über die Brissakk finden kannst." Damit beendete der Captain die Versammlung. Zu Sikara sagte er: „Ich bin nicht mit deinem Plan einverstanden. Wenn du ihn wirklich durchführen willst, solltest du zurück zu Firell gehen und dich erholen, bis wir an unserem Ziel sind."

Die Kriegerin grinste spöttisch. „Ich würde lieber versuchen, meinen Gleiter wieder zusammenzusetzen. Wenn mir das rechtzeitig gelingt, brauche ich dieses Schiff und seine Crew nicht für die endgültige Aktion."

„Nun gut." Martel wusste, dass die Kriegerin so wenigstens beschäftigt und aus dem Weg sein würde. „Tirk kann dir helfen, auch wenn er nicht gut auf dich zu sprechen ist."

Auf dem Weg zu Frachtraum Acht und den Überresten ihres Gleiters suchte Sikara Tafeek auf und überreichte ihm den zweiten Datenkristall, den sie in ihrer Uniform verborgen gehalten hatte. „Hier sind einige vielleicht nützliche Informationen über die Brissakk. Sieh zu, dass der Kristall seinen Weg zum Grauen Rat oder der Allianz findet."

Verwundert drehte der Politoffizier den Datenspeicher in der Hand, bevor er ihr hinterher rief: „Wäre das nicht deine Aufgabe?"

Aber Sikara schwieg und ging weiter, so gut sie konnte. Minbar war jetzt keine Option mehr für sie.