Raffael: Um nochmal auf meinen Vater zurückzukommen ...
Jinai: Ja, Sohn?
Raffael: Das war ein Scherz, oder? Oder?
Jinai: Angesichts der Tatsache, dass du sicher nicht durch unbefleckte Empfängnis entstanden bist, würde ich sagen, du bist so etwas wie Uranos.
Raffael: Wie wer?
Jinai: Schlag's nach.
Raffael: Das werde ich! Warte nur ab!
Jinai: So, jetzt ist er erst einmal beschäftigt. Entschuldigt die späte Stunde, ich habe meiner großen Schwester in ihrer neuen Wohnung beim Zusammenbauen der Möbel geholfen und das hat den ganzen Tag gedauert. Und zu allem Überfluss werde ich wahrscheinlich noch krank - meine ganze Familie hatte es schon und nachdem ich mich eine Woche lang um sie gekümmert habe, hat es schlussendlich anscheinend auch mich erwischt.
Lysslass: Na na na, er taucht ja wieder auf, nur ruhig Blut :D Und äh, was Jinais Leid angeht ... da schweig ich mich lieber aus, ich hab noch nicht alle deine Briefbomben gefunden xDD Wir wissen doch alle, wie es mit Allen weitergeht, um den brauchen wir uns keine Sorgen machen. Der Junge hat sich noch aus jedem Schlamassel befreit, in den er sich gebracht hat :D Er ist ja der Protagonist, er kann nicht sterben o.o *hoffe, dass hoshino-sensei nie hamlet gelesen hat**die zeit nehm* Ist ja schon wieder Sonntag :D Du quälst mich doch nicht O.O *fynn an mich zieh* Du hast Fynn erschaffen, nur ganz für mich, du quälst mich nicht o.o
Psychomantium: Luv und Lee sind die Seiten des Bootes, die der Richtung, aus der der Wind kommt, zu- bzw. abgewandt sind. ich wollte nicht immer Backbord und Steuerbord schreiben xD Na gut, du kriegst violence, mal sehen wie dir das gefällt. Wir werden ja sehen, wer zuletzt lacht. Ich nehm dich beim Wort, wenn du sagst, dass ich Kanda ruhig ein bisschen quälen darf *jinai auch gleich mitquäl* In Afrika sind wir ja noch lange nicht, muhaha. Meine Kapitel sind jeweils acht Seiten lang, und zwar seit einiger Zeit mit der Präzision eines Uhrwerks :D Short and pregnant, wie man so schön sagt. Zwanzig Seiten pro Kapitel schaff ich rein lesetechnisch nicht, da mach ich bei der Formatierung von spätestens nach der Hälfte schlapp. Außerdem ist es nicht gut für die Augen, so lange auf den Bildschirm zu starren *nick* Ich überlege es mir, wenn du mir sagst, WANN im Oktober :P
Yunaria: Breaking Benjamin sind toll *-* Von Nightwish hab ich auch ein Lied, aber ich brauch zum Schreiben was mit mehr ... Bass xD Kraft, Metal, Wut xD Das macht so richtig munter. Das mit der Ironie war auch so beabsichtigt (juhu, es ist jemandem aufgefallen und war erwähnenswert). Wie du siehst, hat Raffael keinen Vater, bloß einen Vater im Geiste (moi).
Rated: T
Disclaimer: Da ist ein Disclaimer! Haltet ihn, er läuft davon!
3. Gibraltar
Das Wetter hatte sich gebessert. Das war aber auch das einzig positive, das er im Moment vermelden konnte.
Natürlich hatten sie in der vergangenen Nacht nicht übersetzen können, nachdem das Boot gekentert war. Der Kapitän hatte, nachdem er wieder zu sich gekommen war, Ersatz für seinen alten Kahn verlangt, und Kie nicht gehen lassen. Leider war Kanda irgendwie auf den Finder angewiesen, da dieser seine einzige Verbindung zum Orden war und außerdem die spärlichen Gelder verwahrte, die man ihnen mitgegeben hatte, weswegen er nicht alleine weiterreisen konnte. Während Kie also den Kapitän beschwichtigte und mit dem Orden telefonierte – auch um ihnen von Kandas unwiderlegbarer Theorie zu berichten, was den Grund für das plötzliche Auftauchen des Akumas anging – war der Japaner zum Warten verdammt.
Sein Knöchel war noch immer ein wenig empfindlich und geschwollen, doch er heilte so rasch wie jede andere seiner Verletzungen und Kanda bemerkte den Schmerz kaum noch. Zumindest würde sie seine Verletzung nicht unnötig aufhalten, denn bis sie endlich eine Fähre besteigen konnten, wäre die Verstauchung sicher wieder ganz geheilt.
Jetzt saß Kanda auf dem gepflasterten Platz vor einer presbyterianischen Kirche im Zentrum der Stadt Gibraltar und wartete. Die Kirche war wirklich winzig, aber hübsch anzusehen. Sie war noch nicht sehr alt, noch nicht einmal vierzig oder fünfzig Jahre und die Außenmauern waren noch sehr sauber und leuchteten weiß, wodurch sich die tiefblauen Türen und hohen Fensterscheiben aus blauem, grünem und türkisem Glas besonders stark abhoben. Ebenfalls blaue Kästen zu beiden Seiten des Haupteingangs beinhalteten Papierbögen, auf denen verschiedenste Aktivitäten, die Zeit, zu der der sonntägliche Gottesdienst stattfinden würde, und die üblichen Öffnungszeiten des Haus Gottes für Gläubige angegeben wurden.
Dafür, dass er gestern Abend beinahe ertrunken wäre, war es jetzt sehr friedlich.
Die Sonne schien, es war angenehm warm und die Bäume, die von Zirkeln aus Erdreich umgeben und an den Rändern von steinernen Einfassungen gesäumt waren, spendeten wohltuenden Schatten für jeden, der eine Weile hier sitzen wollte.
Nur behagte das Kanda gar nicht.
Müßiggang war nicht seine Art. Meditation war eine Sache, aber herumsitzen und warten, ohne dabei irgendetwas Produktives zu machen, das mochte er nicht. Und außerdem beschäftigte ihn das Akuma von gestern immer noch. Es war zu zufällig aufgetaucht. Genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um sie an der Überfahrt zu hindern, ihr Boot zu zerstören und ihre Körper an den Klippen zerschellen zu lassen, damit sie niemals gefunden wurden. Das Timing war zu gut gewesen, um Kanda an einen Zufall glauben zu lassen. Er vermutete eher, dass das Akuma den Moment abgepasst hatte, an dem sie an Bord gewesen waren.
Und das bedeutete, es hatte gewusst, wie sie nach Afrika übersetzen wollten. Hatte vermutlich ihre Verhandlungen mit dem Fischerkapitän mitangehört und dann auf sie gelauert. Für den Exorzisten bedeutete das, dass es auf sie angesetzt worden war. Nur damit sie Afrika nicht erreichten. Was verbarg sich in Afrika?
Kanda merkte auf, als er Kie auf sich zukommen sah. Sie hatten diesen Platz als Treffpunkt vereinbart, weil die Kirche einem ins Auge stach und nicht leicht zu übersehen war. Der Exorzist konnte allerdings nicht erkennen, ob Kie gute Nachrichten brachte oder schlechte, bis der Chinese neben ihm auf der steinernen Umfassung eines Baumes Platz nahm.
„Ich habe ihnen alles berichtet", sagte Kie in geschäftsmäßigem Ton, was Kanda irgendwie überraschte. So hatte er den Finder auf ihrem Weg hierher noch kein einziges Mal sprechen hören. „Komui ist der gleichen Meinung wie du … und hält es für besser, wenn wir auf Verstärkung warten."
„Ich muss noch Wasser in den Ohren haben", sagte Kanda ein wenig verärgert. „Ich bilde mir ein, gerade gehört zu haben, dass wir auf Verstärkung warten werden."
„Das werden wir auch."
„Warum, verdammt noch mal? Ich werde alleine mit den Akuma fertig."
„Du wärst gestern Abend beinahe ertrunken und das wegen einem einzigen Akuma. Komui hält es für sicherer, einen zweiten Exorzisten zu schicken."
„Wohin wir gehen, gibt es nur Wüste. Da kann man nicht ertrinken."
„Erstens ist das nicht ganz richtig und zweitens gibt es so etwas wie Treibsand, also kann man das doch. Jedenfalls haben wir nicht die Erlaubnis, Gibraltar zu verlassen, bis Verstärkung eintrifft. Laut Komui sollte das spätestens morgen Abend der Fall sein und wir können direkt danach aufbrechen."
„Wir sollen ganze zwei Tage hier herumsitzen und nichts tun?", fragte Kanda ungläubig.
Kie hatte wenigstens den Anstand, ein wenig betreten auszusehen. „Es dauert ja nicht lange. Sieh es als eine Art Urlaub?"
„Che." Kandas Gesicht verdüsterte sich. Urlaub, so etwas hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gehabt. Und auch nicht gebraucht. Er stellte sich die nächsten zwei Tage als fürchterliche Einöde der Langeweile vor, von denen er keine Ahnung hatte, wie er sie überstehen sollte, ohne jemanden umzubringen.
„Und wo sollen wir schlafen?", fragte er nach einer langen Weile des Schweigens. „Wir sind ein wenig knapp bei Kasse oder hat Komui das etwa nicht bedacht?" Kanda wäre jede Wette eingegangen, dass der Chinese mit dem lächerlichen weißen Barrett das Geld des Ordens lieber für einen neuen Komurin ausgab.
Man hätte meinen können, Kanda wolle gar nicht mit anderen auskommen. Aber das stimmte nicht. Er war nur äußerst wählerisch in seiner Entscheidung, wen er in seiner Nähe duldete und wen nicht. Und die meisten Menschen bestanden diese Prüfung nicht. Kie gehörte auch nicht dazu. Er war … zu fröhlich und … zu freundlich für ihn, genauso wie Moyashi. Mit solchen Menschen kam er einfach nicht klar. Was er Kie anrechnen konnte, war, dass der Chinese es verstand zu schweigen, wenn es angebracht war. Das bezog sich leider allerdings nur auf seine Person und auf niemanden sonst. Und es hatte überhaupt nichts mit Jinai zu tun, dass es ihm schwer fiel, diesen Finder zu mögen.
Jetzt war aber nicht der Moment zu schweigen, jetzt war der Moment, Rede und Antwort zu stehen. Kie war ja nicht auf den Kopf gefallen – okay, das war Pluspunkt Nummer zwei – und hatte Komui sicher auf ihre ein wenig begrenzten Mittel hingewiesen.
„Er meinte, wir sollen unsere verbliebenen Gelder verwenden, um zu bezahlen, was wir in diesen zwei Tagen brauchen", erwiderte der Chinese. „Für alle weiteren anfallenden Kosten wird er dem zweiten Exorzisten Geld mitgeben."
Kanda brummte so etwas wie Zustimmung. Es hätte aber auch genauso gut eine Verwünschung oder Beleidigung sein können. Bei ihm konnte man da nie so sicher sein. „Hat er wenigstens gesagt, wen er schickt? Oder warum wir erst jetzt angegriffen wurden, aber bis hierher unbehelligt reisen konnten?", fragte er missmutig.
„Nein, hat er nicht. Und er denkt, dass die Akuma oder wer auch immer dahintersteckt, nicht früher auf uns aufmerksam geworden sind."
„Schwache Ausrede."
„Fällt dir eine bessere ein?"
Schweigen.
Verdammt, Kie konnte denken. Der würde nicht einfach die Klappe halten, nicht einmal, weil er so etwas wie Respekt vor Kanda hätte. Bisher hatte der Japaner nämlich nicht einmal einen Funken von Respekt bei Kie entdecken können. Das fing schon damit an, dass Kie ihn vom ersten Moment an gedutzt hatte. Und weil er seinen warnenden Blick einfach übersehen hatte, hatte er sich das auch nicht abgewöhnt.
„Na schön, ich werde mich ein wenig in der Stadt umsehen", sagte Kie und stand auf. „Wir könnten uns heute Abend wieder hier treffen, bis dahin habe ich sicher eine Unterkunft für die Nacht organisiert. Brauchst du Geld für ein Mittagessen?"
Kanda kam sich irgendwie lächerlich ausgehalten vor. Für gewöhnlich trennte er sich aber auch nicht von seinen Findern, nur Kie ging ihm auf die Nerven. Also hielt er wortlos die Hand auf und der Chinese ließ ein paar Münzen hineinfallen und verschwand dann.
Jetzt wusste Kanda nicht mehr, was er mit seiner Zeit anfangen sollte. Geplant war gewesen, dass sie jetzt schon in Afrika sein und sich nach einer Möglichkeit umsehen sollten, wie sie nach Ouargla kamen. Stattdessen saß er hier auf dem äußersten Stückchen Land fest, das Europa zu bieten hatte, und hatte die afrikanische Küstenlinie beinahe schon vor Augen, ohne sie erreichen zu können.
Er wog die Münzen, die Kie ihm gegeben hatte, in der offenen Hand. Nein, damit konnte er auch keinen Platz auf einer Fähre bezahlen.
oOo
Komui legte den Hörer auf und nahm die Brille ab, um sich die Nasenwurzel zu massieren. Er sah die Kopfschmerzen schon kommen, die ihm jetzt bevorstanden.
„Nii-san, ist alles in Ordnung?"
„Alles in bester Ordnung, Linali-chan. Tust du mir einen Gefallen und holst Jinai her?"
Fünf Minuten später saß die Exorzistin mit leicht säuerlicher Miene auf dem Sofa vor seinem Schreibtisch. Sie war immer noch nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen.
„Na schön", sagte Komui. „Wie es aussieht, wirst du deinen Willen doch bekommen."
Jinai sah ihn nur fragend an. Sie konnte sich nicht vorstellen, was er damit meinte, aber er würde noch früh genug damit herausrücken, wenn sie ihn nur einfach weiterhin ansah. Das konnte sie ja recht gut.
„Wir haben Nachricht aus Gibraltar bekommen. Wie es aussieht, brauchen sie dort Verstärkung. Das … wäre doch etwas für dich, oder nicht?"
Der Blick, der Komui traf, war sowohl spöttisch als vernichtend. Jinai hatte viel von Kanda gelernt. Natürlich war das genau das, was Jinai wollte, aber es kam ihr so vor, als gäbe es da einen Haken. Komui würde ihr dieses Angebot nicht einfach so machen. Er kam ihr etwas gestresst vor.
„Warum ich?"
„Du wolltest diese Mission. Wenn du sie jetzt nicht mehr willst, kann ich gerne Mari oder Miranda schicken."
„Nein, schon gut. Aber warum brauchen sie auf einmal Verstärkung? Was ist passiert?", hakte Jinai ein wenig besorgt nach.
„Wie es aussieht, wurden sie bei dem Versuch, von Gibraltar nach Tanger überzusetzen, von einem Akuma angegriffen. Es hat den Moment abgepasst, an dem sie an Bord gingen."
„Und jetzt denkst du, das war kein Zufall."
„Nicht nur ich denke das. Erst die seltsamen Akumaaktivitäten in der Wüste und jetzt das. Da steckt mehr dahinter und auch wenn das heißt, dass wir nur noch zwei Exorzisten für andere Missionen entbehren können, will ich, dass Kanda dort unten nicht alleine ist. Wer weiß, womit wir es hier zu tun haben."
„Alles klar. Wann breche ich auf?", fragte Jinai und war schon im Aufstehen begriffen.
„Jetzt, wenn du soweit bist. In der Akte steht alles, was du wissen musst. Wenn etwas unklar ist, frag den Finder in Gibraltar. Bis du dort ankommst, bist du auf dich alleine gestellt. Kriegst du das hin?", fragte Komui, jetzt selbst ein wenig besorgt.
Jinai grinste. „Ich habe genug Zeit in dieser Welt alleine verbracht. Ich kann auf mich selbst aufpassen."
„Eigentlich meinte ich deine Verletzung."
„Die ist so gut wie verheilt und auskuriert. Eine Mission wird mir gut tun, Komui. Dann bin ich schneller wieder auf dem Damm als mit dem Händchenhalten und den Ermahnungen, mich nicht zu überanstrengen, die ich von den Ärzten als Kur bekomme."
„Dann viel Spaß. Du hast einen Zug zu erwischen."
Das fröhliche Lächeln in Jinais Gesicht, als sie Komuis Büro verließ, beunruhigte den Chinesen ein wenig. Natürlich konnte er sich vorstellen, dass Jinai sich mehr als alles andere darüber freute, der erstickenden Enge des Hauptquartiers zu entkommen, in dem zur Zeit so düstere Stimmung herrschte. Aber er war alles andere als blind. Sie wollte nur bei Kanda sein.
Früher oder später könnte das zu einem Problem werden.
oOo
Gibraltar war so klein, dass Kanda den ganzen Archipel an einem Tag durchwandern hätte können, von der Grenze zu Spanien bis zum südlichsten Punkt, der Europa-Punkt genannt wurde. Wenn er schätzen hätte müssen, wäre er vielleicht auf gerade mal sechs Kilometer gekommen.
Und so etwas schimpfte sich ein eigenes Land.
Ein schönes allerdings, wie er zugeben musste. Zerklüftet, umgeben von dunkler See, mit Gipfeln zwischen drei- und vierhundert Metern, was angesichts des umliegenden Wassers noch eindrucksvoller aussah, und mit einer ganz ansehlichen Hauptstadt. Kanda hielt sich hauptsächlich auf der Westseite der Insel auf, da es auf der Ostseite zum Mittelmeer hin nicht viel zu sehen gab. Vielleicht zwei oder drei kleinere Dörfer, aber mehr nicht. Und er musste sich immerhin noch bis morgen Abend nur die Umgebung ansehen.
Der Japaner langweilte sich jetzt schon und es war noch nicht einmal Mittag.
In den Straßen sahen ihn die Leute inzwischen nicht mehr seltsam an. Anfangs war er gemustert worden wegen seiner Uniform, seinem Aussehen, dem Schwert, das er mit sich trug, aber jetzt hatten sich die Leute an ihn gewöhnt. Neuesten Schätzungen zufolge lebten in Großbritannien circa vierzig Millionen Leute und in Gibraltar würde er nicht einmal einen Bruchteil dieser großen Zahl ansiedeln. Hier war alles ziemlich überschaubar, auch wenn durch die strategisch günstige Lage Gibraltars viele Fremde herumliefen, die so wie er nur auf die nächste Gelegenheit warteten, weiterzureisen.
Er konnte nicht den ganzen Tag nur herumwandern. Natürlich war es gut zu sehen und gesehen zu werden, vor allem von Akuma, aber bisher war er noch nicht angegriffen worden. Er kam sich auch nicht plump verfolgt vor, wie Akuma das meistens machten. Und um es wirklich zu testen, war er durch einige dunkle Seitengassen spaziert, ohne auch nur ein einziges Mal behelligt zu werden.
Wie langweilig.
Schließlich betrat Kanda einen kleinen Platz, umringt von niedrigen Häusern, über die man das Meer sehen konnte, und sah dort einen großen, alten Baum stehen, unter dessen schattiger Krone man ein paar Bänke aufgestellt hatte. Es war ziemlich ruhig hier, kaum Menschen auf dem Platz und so näherte er sich einer der Bänke. So ziellos umherzuwandern gefiel ihm nicht. Das hatte er mit Tiedoll oft genug erlebt. Sich jetzt hinzusetzen brachte zwar auch nicht viel, aber was sollte er sonst tun. Hier passierte ja nichts mehr, seit er gestern Abend das Akuma getötet hatte. Vielleicht sollte er sich nicht auf eine Bank setzen, sondern ins Meer springen. Es könnte ja sein, dass alle Akuma von Gibraltar beschlossen hatten, heute einen Badetag einzulegen.
Der Exorzist ließ sich auf der hölzernen Sitzfläche der Bank nieder und zog die Füße an, um sie unterzuschlagen und sich in den Schneidersitz zu begeben. So konnte er Mugen quer über seinen Schoß legen und es war ihm nicht im Weg. Er war heute den ganzen Vormittag durch die Stadt gewandert und hatte seinen Knöchel kaum noch gespürt. Jetzt war von den Schmerzen von gestern Abend überhaupt nichts mehr zu spüren, also war er wieder ganz verheilt. Ein Hoch auf seine Regenerationsfähigkeit.
Kanda schloss die Augen. Jinai hatte ihn erst sehr spät nach dieser Fähigkeit gefragt, später als die meisten anderen. Entweder hatte sie erst so spät bemerkt, dass er diese ungewöhnlichen Kräfte besaß – was er nicht annahm – oder sie hatte ihn nicht danach fragen wollen. Vielleicht war sie davon ausgegangen, dass es seine Sache sei oder dass er ihr irgendwann von selbst davon erzählen würde. Hätte er das?
Er konnte es nicht wirklich sagen. Es wäre nur richtig gewesen, ihr davon zu erzählen, aber wenn er darüber nachgedacht hatte, hatte ihn die unbegründete Angst vor Ablehnung gepackt und er hatte es lieber gelassen. Nun, wie es aussah, war diese Angst nicht ganz unbegründet gewesen, denn Jinai hatte sich eindeutig von ihm distanziert, sobald sie es erfahren hatte. Nachdem sie miteinander gesprochen hatten, war er noch fast zwei Tage im Orden gewesen, ohne dass sie auch nur einmal zu ihm gekommen wäre. Das sprach doch eine äußerst deutliche Sprache.
Ein plötzlicher Instinkt ließ ihn Mugens Schwertscheide fester packen und näher an sich ziehen; Kanda öffnete die Augen.
Vor ihm stand ein dunkelhaariger Junge, höchstens zehn Jahre alt, die Hand nach dem Schwert ausgestreckt, das jetzt außerhalb seiner Reichweite lag. Sein Mund war auf fast komische Weise überrascht geöffnet und nur langsam, sehr langsam blickte er von dem Schwert auf zu Kandas Gesicht.
Hatte er es stehlen wollen? Der Exorzist ging nicht davon aus, denn besonders arm gekleidet oder schlecht ernährt sah das Kind nicht aus. Kindliche Neugier dürfte ihn hierher getrieben haben.
„Marco! Lass den Mann in Ruhe!" Eine Gestalt kam auf sie zu und zog die Hand des Jungen zurück. „Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Er muss einfach alles anfassen", sagte die Person mit einem Lächeln.
Jetzt war es an Kanda, überrascht auszusehen. Vor ihm stand Jinai.
oOo
Jinai hatte sich sehr beschwingt auf die Reise gemacht. Jetzt, wo Komui sie auf diese Mission geschickt hatte, würde es nicht mehr lange dauern und sie würde Kanda sehen. Dann konnten sie reden und diese Missverständnisse klären und dann würden sie sich hoffentlich vertragen.
Dass irgendjemand partout verhindern wollte, dass sie Afrika erreichten, das kam für sie an zweiter Stelle. Jinai hatte keine Zweifel, dass sie mit Kanda gemeinsam mit den Akuma fertig werden würde, die sie zweifellos erwarteten. Sie vertraute auf die Fähigkeiten des Schwertkämpfers und auf ihre eigenen.
Es war allerdings erst Mittag und sie hatte es gerade mal bis Frankreich geschafft. Diese Züge fuhren alle viel zu langsam. Dabei sollte sie eigentlich genau das nicht bemängeln, denn sie hatte ihren Zug nur erwischt, indem sie ihn auf den Gleisen abgepasst hatte und aufgesprungen war. Der Schaffner war nicht besonders begeistert gewesen, als sie duch die Hintertür des letzten Waggons eingestiegen war, vor allem, weil diese verschlossen sein sollte.
Trotzdem wäre sie jede Wette eingegangen, dass sie schneller fliegen hätte können als dieser Zug. Wenn sie nur gewusst hätte, in welche Richtung sie fliegen sollte.
Sie hatte es gerade mal von Le Havre über Paris nach Tours geschafft und mehr als die Hälfte der Strecke, die sie bis zur Abenddämmerung zurücklegen sollte, lag noch vor ihr. Jinai saß in ihrem Abteil und fuhr die Strecke auf der Karte mit dem Finger nach. Von Tours nach Poitiers, Angoulême, Libourne, Bordeaux und Bayonne. Dann hatte sie die spanische Grenze fast erreicht und würde von dort aus kreuz und quer durch halb Spanien fahren müssen, bevor sie endlich in San Fernando an der Südküste ankam. Es gab nun einmal keine Direktverbindung zwischen Paris und Madrid und von dort aus direkt nach Gibraltar. Sie konnte froh sein, wenn sie wirklich morgen Abend Gibraltar erreichen würde, denn zwischen San Fernando und Gibraltar gab es noch keine Zugstrecke. Diesen Teil der Reise würde sie in einer Kutsche zurücklegen müssen.
Und vorher durfte sie hundertmal umsteigen. Die Grenze würde sie in der Nähe von Hendaye überqueren, keine fünf Kilometer von der offenen See entfernt, dann ging es eine lange Zeit durch Kleinstädte, bis sie Vitoria erreichten. Danach ging es nach Burgos, der Hauptstadt der nächsten spanischen Provinz, an Palencia vorbei, durch Valladolid, Medina del Campo, Avila und wenn sie Glück hatte, hätte sie bei Sonnenaufgang Madrid erreicht. Von Madrid aus ging es weiter nach Aranjuez, Alcazar de San Juan, Manzanares, Andújar, Córdoba, Sevilla, zwischen Dos Hermanas und Alcalá de Guadaíra hindurch nach Utrera und dann, sehr viel später würde sie San Fernando in Cadiz erreichen. Leider war diese Provinz nur auf der Ostseite, wo die Hauptstadt lag, ans Netz angeschlossen. Es klang für Jinai unwahrscheinlich, dass sie bis zum Abend in Gibraltar sein sollte, aber Komui hatte diesen Plan so ausgelegt.
Gibraltar schien noch so weit weg. Jinai ließ die Mappe mit der Karte sinken. Dieser kleine Teil der iberischen Halbinsel war noch nicht einmal der südlichste Punkt des europäischen Kontinents auf dieser Seite. Tarifa lag viel weiter im Süden. Es war nur leider nicht ihr Ziel. Nach Tarifa wäre es von San Fernando aus nicht so weit, aber nach Gibraltar musste sie die gesamte Provind Cadiz durchqueren, über Vejer de la Frontera, wobei sie an Trafalgar vorbeifahren würde, wo Nelson seine berühmteste Schlacht geschlagen hatte, dann nach San Rogue und Gibraltar.
Was für ein unglaublich lange Reise.
Der einzige Lichtblick in dieser ganzen Sache war das Ziel. Es würde sich wirklich lohnen, so weit zu reisen.
Doch sie konnte nicht die ganze Zeit nur hier herumsitzen. Der Schaffner hatte ihr versichert, dass sie bis Bayonne nicht mehr umsteigen müsse. Erst an der Grenze müsse sie einen anderen Zug nehmen, denn die spanischen Gleise waren breiter als die französischen und nicht für diesen Zug geeignet. Es hieß, Spanien hatte so einen Einmarsch über die Gleise von französischer Seite verhindern wollen, aber niemand glaubte das so wirklich. Beide Länder hatten viel zu viel mit ihren eigenen poblemen zu tun, um einander anzugreifen. Napolein III war seit 1870 nicht mehr Kaiser und das Reich erholte sich von den Kriegen, die er geführt hatte, besonders vom Deutsch-Französischen Krieg, während dem er gefangengenommen und dann abgesetzt worden war. Auch der siebte Präsident der Dritten Republik Frankreich Félix Faure, war noch immer damit beschäftigt, Frankreich wieder herzurichten. Und dann war da ja noh die Dreyfus-Affäre … Und Spanien ging es nicht viel besser. Die Ausrufung der Ersten Republik nach dem dritten Carlistenkrieg, vier Präsidenten in elf Monaten, ein Putsch, dann ein Diktator, dann die Wiedereinführung der konstitutionellen Monarchie, das alles lief auf eine sehr lange Periode der Restauracion hinaus, zumal vor ein paar Jahren auch noch der Rifkrieg in den spanischen Kolonien in Westafrika ausgebrochen war. Undvor kurzem war Cánovas del Castillo, der Führer der Konservativen Partei, der die Wiedereinsetzung der Monarchie maßgeblich unterstützt hatte, ermordet worden. Nein, Frankreich und Spanien hatten genug mit sich selbst zu tun, um sich über den jeweils anderen Sorgen zu machen.
Jinai seufzte und stand auf. Sie verbrachte definitiv zu viel Zeit mit Lavi, wenn sie sich über solche politischen Dinge Gedanken machte. Natürlich waren ihr diese Dinge nicht fremd, angesichts ihrer früheren Position, aber als Exorzist tangierte sie das ganze nicht mehr. Sie hatte nichts mehr zu tun mit diesen politischen Machschaften, die in dieser Welt noch schlimmer waren als in ihrer.
Die Exorzistin verließ ihr Abteil und schlenderte den Gang entlang. Für Exorzisten gab es immer ein Abteil in der ersten Klasse – da sich die meisten Leute diese nicht leisten konnten, stand immer eines frei. So sparte der Orden das Geld für Zugtickets.
In den anderen Abteilen saßen Familien aus der Oberschicht, die eine lange Reise planten, oder Geschäftsleute die im Auftrag ihrer Geldbörse unterwegs waren. Nur ganz vereinzelt sah man Leute in ihrem Alter, die meisten davon in Begleitung eines Aufpassers. Auch sie bekam Blicke zugeworfen, die vermutlich sowohl ihrem Alter als auch der ungewöhnlichen Uniform galten. Frauen in Uniformen sah man äußerst selten. Eigentlich, fiel Jinai nun selbst auf, gab es so etwas wie Uniformen für Frauen sowieso nur im Orden.
Nachdem sie eine Weile durch den Zug gewandert war, sah sie in der Ferne eine weitere Stadt auf sie zukommen. Abteiltüren öffneten sich nach und nach und sie konnte sehen, dass in der zweiten Klasse die Leute bereits ebenfalls damit begannen, aufzustehen. Wie es aussah, erreichten sie ihre nächste größere Haltestation.
Ihre war es jedenfalls nicht. Wenn das nicht Poitiers war, dann eine andere Stadt zwischen Tours und Poitiers im Südwesten Frankreichs. Sie suchte nach dem Schaffner, der ihr freundlich in gebrochenem Englisch erklärte, dass tatsächlich Poitiers vor ihr läge und dass sie eine halbe Stunde lang hier Halt machen würden. So viele andere Sprachen Jinai auch beherrschte, des Französischen war sie nicht mächtig. Sie beherrschte nur ein paar Worte dieser komplizierten Sprache.
Eine halbe Stunde verlor sie also nur durch diesen Zwischenstopp. Mit Händen und Füßen kommunizierten sie und der Schaffner, aber in der Zwischenzeit würde kein anderer Zug den Bahnhof in Richtung Bayonne verlassen, so leid es ihm auch tat.
Missmutig sah sie aus dem Fenster, als sie im Bahnhof von Poitiers einfuhren. Der Bahnsteig war voller Leute, die einsteigen wollten, Familien und Freunde, die sich voneinander verabschiedeten und … Jinai sah verblüfft genauer hin. Mit einem Satz war sie auf, am Fenster, dann aus dem Abteil draußen und auf dem Bahnsteig. Sie suchte in der Menge, was sie so irritiert hatte, und fand schließlich die Stelle, die man von ihrem Fenster aus sehen konnte.
Vor ihr stand Kanda.
Raffael: Du hast mich ganz alleine erschaffen?
Jinai: Ja, mein Kind.
Raffael: Ich habe keinen Vater?
Jinai: Nein .. das einzige väterliche Vorbild, das du haben könntest, wäre vielleicht Froi Tiedoll. Und für Gespräche unter Männern steht er sehr gerne zur Verfügung.
Raffael: Kann ich ihn umtauschen? -.-
