Fragend sah der grauhaarige Mann die junge Frau an. Er erkannte einen etwas verzweifelten Ausdruck auf ihrem Gesicht und hatte im selben Moment die Erleuchtung. „Kann es sein, dass ihr Techtelmechtel mit Gibbs nicht ohne Folgen geblieben ist?" In ihren Augenwinkeln glitzerten kleine Tränchen. Sie schaffte es aber, sich so sehr zu beherrschen, dass sie nicht vor den Augen des Direktors in hemmungsloses Schluchzen verfiel. Dies und die unkontrollierbaren Tränenströme wollte sie sich lieber später für die Damentoilette aufheben.

„Seit wann wissen sie es?" „Ganz sicher erst seit gestern." Schweigen. „Ich bin in der sechzehnten Woche.", beantwortete sie seinen fragenden Blick. Also hatte das ganze schon eher angefangen, als der Undercovereinsatz, dachte er. „Und sie wollen mir erzählen, dass sie es nicht eher gemerkt haben?", zweifelnd zog er seine Stirn nach oben. „Naja", meinte sie schuldbewusst, „ich hab es vermutlich verdrängt. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben." „Verdammt, Agent Shepard, sie sollten eigentlich so reif und vernünftig sein, um zu kapieren, dass sie damit nicht nur sich und ihr Kind gefährdet haben, sondern den ganzen Einsatz und somit auch ihre Kollegen!" Smith war etwas lauter geworden. Jennifer Shepard war zusammengezuckt. Er hatte ja Recht. „Ich nehme mal an das Agent Gibbs der Vater des Kindes ist?" Sie nickte schwach. „Nun mal ganz ehrlich: Seit wann läuft das zwischen Agent Gibbs und ihnen denn schon?" Sie zögerte wieder. „Seit….Seit, etwa eine Woche nachdem wir nach Paris geflogen sind. Also seit etwa acht Monaten:" Man durfte seine Mitarbeiter scheinbar nicht mal ein paar Wochen aus den Augen lassen. Das war echt zum Mäusemelken. Es ist ja echt bemerkenswert, dass sie nicht schon in der ersten Hälfte des Einsatzes schwanger geworden ist, schossen dem Behördenchef die gehässigen Gedanken in den Kopf. Er schob diese aber schnell zur Seite. Das er sich kurz vor seiner Pensionierung noch mit so etwas auseinandersetzen musste. Das schlimme daran war für ihn aber, dass er gezwungen sein würde, seinen ranghöchsten Agenten anzulügen.

Er hatte schon damals, als sich die Agenten Gibbs und Shepard im Großraumbüro gegenüberstanden, ein ungutes Gefühl. In dem Moment, als er die beiden einander vorstellte, wusste er, dass es ein Fehler war. Gibbs' Blick hat sie damals fast ausgezogen. Und er war sich ziemlich sicher, dass er Jennifer Shepard nur akzeptierte weil sie rein zufällig die Bedingungen „weiblich" und „rothaarig" erfüllte. Einmal hatte Smith Gibbs Frau Diana kennen gelernt. Er hatte sie fünf Minuten gesehen und beschlossen, dass man nichts verpasst hatte, wenn man sie nicht kannte.

„Was sagt denn der Vater dazu?", die Frage hätte James Smith sich sparen können. Die Antwort kannte er ja sowieso schon. „Ich möchte nicht, dass er davon erfährt!", sagte die junge Agentin mit einem festen, bestimmenden Ton. „Ich krieg das schon alleine hin." Zweifelnd sah der Direktor die junge Frau an. Dann überlegte er, dass es besser wäre sich nicht mehr dazu zu äußern. Ihm tat nur das Kind leid. Aber, wie sagt man so schön, des Menschen Wille ist sein Himmelreich.
„Ich hätte da einen Job in unserem Büro in Frankfurt. Was anderes kommt für sie in ihrem Zustand zurzeit sowieso nicht in Frage. Aber sie sollten noch mal mit Gibbs reden. Das Kind hat ein Recht zu erfahren wer sein Vater ist. Wenn Sie es sich nicht noch anders überlegen, geht ihr Flug morgen früh um acht. Aber überlegen Sie es sich gut. Sie sind jederzeit hier in Washington willkommen, sollten sie es sich noch anders überlegen!" Jenny hatte sich bereits erhoben und wollte nun gehen. „Vielen Dank Direktor, meine Entscheidung ist gefallen. Ich werde nach Deutschland gehen. Bitte erzählen sie Agent Gibbs nichts." „Ich wünsche ihnen alles Gute. Ich denke, dass sie meine Meinung kennen, aber ich werde Agent Gibbs gegenüber weder Ihre Schwangerschaft noch ihren Aufenthaltsort erwähnen. Das ist einzig und alleine Ihre Aufgabe." „Danke" sagte sie noch einmal knapp und verließ schnellen Schrittes das Büro.
Smith sah ihr kopfschüttelnd hinterher. Noch ein Kind mehr, was ohne Vater aufwachsen würde. Insgeheim hoffte er, dass sie es sich noch einmal überlegen würde.

Aber die rothaarige Bundesagentin machte keinerlei Anstalten ihre Entscheidung zu revidieren. Unten im Großraumbüro packte sie ihre persönlichen Gegenstände aus ihrem Schreibtisch in einen Stoffbeutel. Als sie fertig war, sah sie sich ein letztes Mal um. Mit einem wehmütigen Lächeln wandte sie sich dem Aufzug zu.
Zu Hause packte sie die nötigsten Sachen in ihren Koffer. Dann ließ sie sich auf ihre Couch fallen und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Am nächsten Vormittag, um kurz nach acht saß sie wieder im Flugzeug zurück nach Europa. Diesmal würde es nach Deutschland gehen, aber alleine. Nein nicht ganz alleine. Mit einem Lächeln im Gesicht strich sie sich über den noch fast unsichtbaren Babybauch. Irgendwie hatte sie schon ein wenig Angst vor ihrer Zukunft, weit weg von zu Hause. Aber noch mehr Angst hatte sie vor der Reaktion ihres Teamleiters, sollte er jemals erfahren, dass er Vater werden würde.