Kapitel 3: Die Zeit nach Mitternacht
Die Schlinge um seinen Hals zog sich zu, er bekam kaum noch Luft. Verzweifelt klammerte Shinichi sich an den Strick und versuchte gegen die Bewusstlosigkeit anzukämpfen, doch er wurde schnell immer schwächer. Der fehlende Sauerstoff machte ihm immer mehr zu schaffen, die schwarzen Punkte vor seinen Augen wurden immer grösser. Verzweifelt schnappte er nach Luft, doch mit jeder Sekunde wurde der Kampf aussichtsloser. Plötzlich verspürte er einen ungeheuren Schmerz, dann wurde es schlagartig schwarz um ihn.
Die vier Kudo-Kinder Shinichi Jr., Reika, Miyuki und Shunsaku sassen in Reikas Zimmer und schwiegen sich an. Beim Abendessen hatte keiner von ihnen auch nur einen Bissen herunterbekommen, der Schock über den Weggang ihres Vaters war zu gross und sass noch zu tief. Sie alle waren noch immer stark verunsichert.
"Was denkt ihr, wo Dad jetzt ist?", fragte Shunsaku leise und schaute in die Runde.
Shinichi Jr. zuckte mit den Schultern.
"Keine Ahnung", antwortete er und fuhr dann mit besorgter Stimme fort. "Ich hoffe nur, dass es ihm gut geht. Wer weiss, was er gemacht hat, als er das Haus verlassen hat."
"Hoffentlich hat er nicht kopflos irgendeine Entscheidung gefällt, so drauf, wie er war", pflichtete Reika ihrem gleichaltrigen Bruder bei. "Vielleicht hätten wir energischer sein und ihn mit aller Kraft zurückhalten sollen."
"Dann hätte Mum ihn aber womöglich umgebracht."
"Gibt's eigentlich Beweise für Dads Verhalten?", fragte Reika, die Shunsakus Worte in einem leicht anderen Licht sah. "Ich meine zum Beispiel das angebliche Ende der Telefonate, wenn sie ins Zimmer kam."
"Ich wüsste nicht, wann."
"Und dass Dad eine Affäre haben soll, glaube ich auch nicht."
"Ich am allerwenigsten", pflichtete Shunsaku seiner Schwester bei. "Dad macht sowas nicht."
"Aber warum war Mum so wütend?"
Diese Frage konnte Reika nicht beantworten, dafür fiel ihr etwas anderes auf.
"Aber wenn ich es recht bedenke... das mit den Telefonaten, das stimmt", sagte sie leise. "Auch bei mir hat er mal ganz schnell das Gespräch beendet, als ich in die Bibliothek kam und ihn etwas fragen wollte."
Diese Aussage liess Shinichi Jr. seine Schwester erschrocken anstarren.
"Dann soll das heissen, dass Dad tatsächlich mit anderen Frauen...?"
Im Zimmer war es still, ihnen allen wurde klar, dass die Hinweise auf Shinichis Schuld immer erdrückender wurden.
Shinichi Jr. schluckte schwer.
"Dad würde so etwas doch nie tun. Oder?"
"Aber es sieht ganz danach aus", sagte Shunsaku nun ganz leise. "Mir ist eingefallen, dass Dad manchmal, wenn ich zu ihm wollte, am telefonieren war. Er hat dann ganz schnell gesagt, dass er zurückrufen würde, und dann aufgelegt."
"Also bei dir auch", murmelte Reika leise. "Weisst du, wer dran war?"
"Nein."
"Dann stimmt es also", murmelte Shinichi Jr. zögernd, doch Shunsaku wollte es einfach nicht wahrhaben.
"Ich glaube das nicht", sagte er, während ihm Tränen in die Augen stiegen. "Ich glaube das einfach nicht!"
"Aber es sieht alles danach aus, dass-"
"Ich will, dass Dad mir das selber sagt", sagte Shunsaku mit ernster Stimme. "Ich will es von ihm selber hören, und solange er das nicht getan hat, werde ich nicht akzeptieren, dass er... dass er... ihr wisst schon."
Miyuki schüttelte den Kopf.
"Das ist typisch Shunsaku, weisst du das?", fragte sie an ihn gewandt, doch ihr gleichaltriger Bruder zuckte nur mit den Schultern.
"Ist mir doch egal, mir liegt Dad nun mal sehr am Herzen."
"Ja, das wissen wir", murmelte Shinichi Jr. nur und seufzte.
Bei ihm und seinen Geschwistern war es zwar natürlich dasselbe, aber bei seinem kleinen Bruder war es sehr ausgeprägt. Shunsaku Kudo Junior war ein richtiges Vater-Kind.
Miyuki hatte ihn schon öfter als Vatersöhnchen bezeichnet, doch das fand dieser überhaupt nicht schlimm. Schon als kleines Kind war er immer lieber beim Vater anstatt der Mutter gewesen, und das hatte sich bis heute nicht geändert. Er vergötterte Shinichi und vermisste ihn schon, wenn sein Vater nur mal beim Abendessen nicht da war. Die jetzige Situation war für ihn somit sehr schwer zu ertragen.
Nach dieser kurzer Zeit des Schweigens versuchten die vier Kinder, das Thema zu wechseln und über etwas Schöneres zu sprechen, doch so wirklich gelang das nicht.
In der Zwischenzeit hatte Ran den Tisch abgeräumt, das Geschirr in den Spüler getan und die Küche saubergemacht. Auch die beiden jüngsten Sprösslinge, Yusaku Jr. und Yuriko, hatte sie inzwischen ins Bett gebracht, wo diese nach kurzem Zögern endlich eingeschlafen waren.
Bis jetzt hatte Ran sich gut vom Streit ablenken können, doch jetzt, wo sie nichts mehr zu tun hatte, kehrte die Auseinandersetzung mit ihrem Ehemann mit voller Wucht in ihre Gedanken zurück.
Mit diesen wollte sie aber alleine sein, deswegen entschloss sie sich, sich zurückzuziehen. Nachdem sie sich umgezogen und die Zähne geputzt hatte, ging sie zu Reikas Zimmer, wo sie zu recht ihren Nachwuchs vermutete.
"Kinder? Ich gehe jetzt ins Bett, okay? Tut mir einen Gefallen und räumt die Küche auf, wenn ihr euch noch etwas zu Essen machen wollt. Die Reste sind im Kühlschrank."
"Okay, Mum", sagte Reika. "Ich glaube aber nicht, dass wir heute noch etwas essen werden."
"Na gut, wie ihr meint", murmelte Ran bedrückt. "Schlaft gut."
"Mum?", fragte Shunsaku sofort, als sie die Tür wieder schliessen wollte.
"Was ist?"
"Mum... Willst du dich jetzt von Dad scheiden lassen?"
Nach kurzem Zögern antwortete seine Mutter, doch es war bei weitem nicht die Antwort, die er erhofft hatte. Im Grunde genommen war es gar keine Antwort.
"Versuch zu schlafen. Gute Nacht."
"Mum, bitte tu das nicht!"
Doch sie schloss nur die Tür, und die vier Kinder schauten sich erschrocken an. Eine Scheidung...
Ihre heile Welt hatte schon Risse bekommen, aber bei einer Scheidung ihrer Eltern würde sie vollkommen zerbrechen. Ihre Welt wäre dann für immer zerstört.
Ran währenddessen war ebenfalls sehr nachdenklich geworden, sie bekam diesen Gedanken nicht mehr aus dem Kopf. Scheidung...
Ihr Vater Kogoro hatte sie immer vor Shinichi gewarnt, er hatte immer versucht, ihr die Augen zu öffnen. Und er hatte ihn auch immer schlecht gemacht, egal wie sehr Shinichi sich bemüht oder sie ihn verteidigt hatte. Kogoro hatte auch gesagt, dass sie eines Tages erkennen würde, an welchen Mistkerl sie ihr Herz verloren hatte. Er hatte ihr prophezeit, dass sie eines Tages bereuen würde, ihn geheiratet zu haben, und sie würde bereuen, ihn überhaupt zu lieben.
Die sechsfache Mutter schluckte trocken.
Sollte es jetzt tatsächlich so weit sein? Es schien, als hätte Kogoro die ganze Zeit über Recht gehabt.
Doch genau das war etwas, was ihr überhaupt nicht gefiel. Seit sie mit Shinichi zusammen war, hatte sie Dauerstreit mit ihrem Vater gehabt, noch schlimmer wurde ihr Verhältnis nach der Hochzeit, schliesslich hatte er sie mit dem Arzt Tomoaki Araide verheiraten wollen. Ihm war wohl jeder junge Mann recht gewesen, nur nicht Shinichi Kudo. Aber das Allerschlimmste für Kogoro war, als er erfahren hatte, dass Ran schwanger war. Seit diesem Zeitpunkt war ihr Vater-Tochter-Verhältnis nicht mehr so wie früher, was Ran heute noch bedauerte.
Ran seufzte. Damals hatte Shinichi ihr mit Rat und Tat zur Seite gestanden, er hatte sie unterstützt, wo immer es ging, und er hatte sich als liebevoller Vater entpuppt. Die Jahre nach der Geburt der ersten Zwillinge gehörten zu den schönsten, die Ran je erlebt hatte, und sechs Jahre später wurde es sogar noch besser. Die Geburt von Miyuki und Shunsaku hatte Ran noch weiter in ihrem Eindruck bestärkt, dass Shinichi ein sehr guter Vater war. Weitere zehn Jahre später erlebten sie den bisherigen Höhepunkt ihres Lebens, sie wurden nach einer komplikationsvollen und nervenauftreibenden Schwangerschaft erneut Eltern eines weiteren Zwillingspärchens.
Doch jetzt schien es, als wäre Shinichi das alles nichts mehr wert. Es schien, als hätte er sich mit anderen Frauen eingelassen, es schien, als wäre er ein Ehebrecher. Es schien, als wäre ihre Ehe am Ende. Warum wäre er sonst nach dem Streit einfach verschwunden? Im Moment sprach alles gegen den erfolgreichen Detektiv und sechsfachen Vater.
Die ganze Nacht über lag Ran wach und überlegte hin und her, doch sie kam einfach nicht auf einen grünen Zweig. Ihre Wut auf Shinichi war inzwischen etwas verraucht, jetzt bekam sie langsam Angst. Sie hatte schon oft von Fällen gehört, in denen Elternteile erbittert um ihre Kinder gekämpft hatten, vor Gericht zogen, um das Sorgerecht zu erhalten, oder sogar Verbrechen begangen hatten, weil sie ihre Kinder entführt hatten. Doch sollte sie das Gleiche mit Shinichi erleben? Er liebte seine Kinder, das wusste sie sehr genau, und er würde es wohl nicht haben wollen, wenn sie, Ran, das alleinige Sorgerecht erhalten würde. In dieser Hinsicht war mit Shinichi nicht gut Kirschen essen, immerhin ging es um seine Kinder, sein eigen Fleisch und Blut. Aber würde er so rücksichtslos seiner Frau gegenüber sein? Sie war schliesslich die Mutter seiner Kinder, sie hatte ihm die drei Zwillingspärchen geboren.
Ran befürchtete einen hässlichen Rosenkrieg.
Für den Rest der Nacht plagten sie die Angst um ihre Kinder und auch Existenzängste, denn schliesslich war es bisher immer nur Shinichi, der das Geld nach Hause brachte.
Am nächsten Morgen fühlte Ran sich wie gerädert. Sie hatte keine einzige Minute geschlafen, ihre Gedanken hatten es nicht zugelassen. Doch jetzt hatte sie keine Zeit mehr, sich über irgendetwas den Kopf zu zerbrechen, jetzt hatte sie anderes zu tun. Schnell stand sie auf, warf sich einen Morgenmantel über die Schultern und ging in die Küche, um das Frühstück für die Kinder vorzubereiten.
Eine knappe Viertelstunde später erschienen schon Shinichi Jr. und Reika.
"Morgen, Mum."
"Guten Morgen. Habt ihr gut geschlafen?"
Shinichi Jr. warf Ran einen kurzen, abschätzenden Blick zu und antwortete mit ihr mit einer Gegenfrage.
"Nach dem, was gestern passiert ist?"
Doch noch bevor Ran antworten konnte, betraten Miyuki und Shunsaku die Küche.
"Morgen zusammen!"
"Morgen."
Miyuki seufzte.
"Mum, nimm es mir bitte nicht übel, aber ich hab keinen Hunger. Ich mag nichts essen."
"Ich auch nicht", sagte Shunsaku sofort, dann stellte er die Frage, die ihm schon länger auf der Zunge brannte. "Ist Dad gestern zurückgekommen?"
Jetzt war es Ran, die seufzte.
"Nein, ist er nicht."
"Wo ist er?"
"Ich weiss es nicht."
Shunsaku räusperte sich.
"Du hast meine Frage von gestern nicht beantwortet, Mum. Lässt du dich von Dad scheiden?"
Erneut seufzte Ran.
"Ich weiss es nicht", wiederholte sie leise ihre Antwort. "Ich warte erst mal ab, bis er wieder da ist, dann sehen wir weiter."
Daraufhin erwiderte Shunsaku nichts mehr, aber Ran wusste trotzdem ganz genau, was ihm nun durch den Kopf ging. Sie wusste, welchen grossen Wunsch er hatte. Trotzdem konnte sie nichts tun.
Der heutige Tag war ein Samstag, und die Kinder waren heilfroh, dass sie keine Schule hatten. Sie hatten sowieso nur mehr schlecht als recht schlafen können, und noch während der Nacht hatte Shinichi Jr. eigentlich beschlossen, heute seine Mutter auszuquetschen, warum sie am Vortag ihren Vater so dermassen niedergemacht hatte. Doch den ganzen Tag liess Ran ihre älteren Kinder tun und lassen, was sie wollten, und verbrachte die Stunden mit den Zwillingen Yuriko und Yusaku Jr. Dabei war sie so friedlich, dass Shinichi Jr. beschloss, mit seinem Vorhaben noch zu warten, und stattdessen auf seinen Vater zu warten, der immerhin ebenfalls ein paar Fragen offen gelassen hatte.
Doch den ganzen Tag über liess auch er sich nicht blicken, was besonders die jüngeren Zwillinge beunruhigend fanden, je mehr das Tagesende näher rückte. Dennoch versuchten sie, ihrer Mutter gegenüber nichts anmerken zu lassen und überbrückten so gekonnt die Zeit bis zum Abendessen.
Miyuki, die eine Vorliebe für Tageszeitungen hatte, war noch kurz weg um die abendliche Gratiszeitung zu holen, ehe sie leicht ausser Atem doch noch pünktlich zum Essen zurückkam.
"Kinder, Essen!"
"Hat Dad sich mal gemeldet?", fragte Rans erstgeborener Sohn, als er als erster der Kudo-Sprösslinge die Küche betreten hatte.
Seine Mutter seufzte wie schon so oft in letzter Zeit.
"Nein, hat er nicht."
"Hast du versucht, ihn zu erreichen?"
Ran stöhnte auf.
"Shinichi, schau mich nicht so an, ja? Ich hatte anderes zu tun."
Doch das war nur die halbe Wahrheit. Sie hatte heute extra viel Zeit mit den Kleinsten verbracht, um sich abzulenken. Selbst jetzt versuchte sie, Shinichi Jr. nicht anzuschauen; Der Anblick ihres Sohnes, der exakt so aussah wie sein Vater, konnte sie nicht ertragen. Es schmerzte zu sehr.
Dennoch hatte sie auf die Rückkehr oder den Anruf ihres Ehegatten gewartet, aber das wollte ihr sturer Kopf nicht zugeben.
Beim Abendessen war es so still wie schon lange nicht mehr. Ran fütterte Yuriko und Yusaku Jr., Miyuki las die Zeitung, während sie ass, Shinichi Jr. und Reika warfen nur hin und wieder einen Blick darauf, und Shunsaku, der seiner gleichaltrigen Schwester gegenübersass, las die Zeitung ebenfalls, so gut er konnte. Durch Miyukis Art, die Zeitung zu halten, konnte er immer die jeweilige Seite vor seiner Schwester lesen, doch bisher war nichts wirklich Interessantes dabei gewesen, so dass er begann, die Artikel nur noch zu überfliegen. Als Miyuki jedoch bald weiterblätterte und Shunsaku nun eine andere Seite vor der Nase hatte, stiess er einen erstickten Laut aus.
"Was ist denn mit dir los?", fragte Shinichi Jr. sofort, dem das Geräusch nicht gerade geheuer vorkam, und auch Ran sah ihren zweiten Sohn fragend an.
"Shunsaku?"
"Was ist los, Brüderchen?"
"Mum?"
Shunsakus Stimme war ganz leise. "Dad hat sich heute nie gemeldet, oder?"
"Nein, das hat er nicht. Warum meinst du?"
Shunsaku schossen Tränen in die Augen, seine Stimme wurde brüchig.
"Er wird sich auch nicht mehr melden."
"Warum nicht?", fragte Reika sofort alarmiert und erwartete schon das Schlimmste.
"Weil er es nicht kann", schluchzte Shunsaku und wischte sich die Tränen mit dem Ärmel aus den Augen.
Miyuki verstand nur Bahnhof.
"Wie kommst du darauf?"
"Hier", erwiderte er nur und deutete auf einen relativ kurzen Artikel ohne Bild.
Shinichi Jr. beugte sich vor, dann riss er kurzerhand die Zeitung aus Miyukis Händen.
"34-jähriger Detektiv und sechsfacher Familienvater von Auto überfahren worden. Der Gesundheitszustand des Opfers S.K. war bis Redaktionsschluss unbekannt", fasste Shinichi Jr. leise zusammen, dann liess er die Zeitung sinken und schaute seine Mutter starr an. "Soll das heissen, Dad lebt gar nicht mehr-?"
"Nein!", schrie Shunsaku verzweifelt und sprang auf. "Dad ist nicht tot, das darf er einfach nicht sein! Dad ist nicht tot! Niemals!"
Ran war für einen kurzen Moment erstarrt, doch dann stand sie schnell auf, schloss Shunsaku in die Arme und versuchte ihn zu beruhigen. Doch das gelang ihr nicht.
"Es ist ja gar nicht gesagt, dass der Mann, der in der Zeitung erwähnt wird, wirklich euer Vater ist."
Reika stöhnte genervt auf. Sie hatte es satt.
"Mum, das glaubst du doch wohl selber nicht, oder? Wie viele sechsfache Väter, die Detektive sind, gibt es in Tokyo? Noch dazu mit den Initialen S.K.?"
Diese Frage konnte die Erwachsene nicht beantworten, was Shinichi Jr. zum Handeln animierte.
"Wir müssen es nachprüfen", sagte er mit ungewöhnlich gefasster Stimme.
"Und wie?", fragte Reika mit grossen Augen.
"Ich rufe ihn an, ganz einfach. Und wenn er wohlauf ist, sage ich, dass er wieder heimkommen soll."
"Und wenn er nicht wohlauf ist? Was, wenn der Mann in der Zeitung wirklich Dad ist?"
Doch Shinichi Jr. antwortete nicht, sondern holte stattdessen sein Handy hervor und wählte die Nummer seines Vaters aus den Kontakten aus. Das Gerät stellte die Verbindung her - und ein Klingeln erklang.
Ausnahmslos alle starrten sich an. Das Klingeln kam aus der Eingangshalle!
Sofort befreite sich Shunsaku aus den Armen seiner Mutter und rannte freudestrahlend aus der Küche, mit seinen Geschwistern an den Fersen. Doch so schnell, wie das Lachen auf sein Gesicht gekommen war, so schnell war es auch wieder verschwunden, als er die Situation überblickte.
Shinichis Handy, seine Brieftasche mitsamt seinen Ausweisen und der Hausschlüssel lagen auf der Kommode unter den Kleiderhaken. Er hatte alles zu Hause liegen lassen.
Shinichi Jr. drückte auf den roten Hörer, und das Klingeln aus Shinichis Handy erstarb.
"Dad?", fragte Shunsaku leise an das verstummte Gerät gewandt. "Dad?"
Eine Antwort erhielt er logischerweise nicht.
Ran, die den Kindern gefolgt war, drehte sich um und ging zum Telefon, und Reika sah ihr nach.
"Mum, was machst du da?"
"Ich rufe jetzt jedes Krankenhaus in Tokyo an und frage nach, was hast du denn erwartet?"
Reika traten Tränen in die Augen.
"Dass du genau das endlich tust."
Ran schaute ihre Tochter einen Moment lang an, dann holte sie das Telefonbuch hervor und begann, ein Krankenhaus nach dem anderen anzurufen.
Die ersten beiden Versuche schlugen fehl, was Ran verwunderte. Es waren die beiden am nächsten gelegenen Krankenhäuser vom Beika-Viertel aus, und sie hatte eigentlich erwartet, dass Shinichi, sollte er wirklich schwer verletzt worden sein, in einem der beiden liegen würde. Das tat er jedoch nicht, und Ran blieb nicht anders übrig, als weiterzumachen.
Erst beim vierten Krankenhaus, das am anderen Ende der Stadt lag und am weitesten vom Beika-Viertel entfernt war, war sie endlich an der richtigen Adresse. Doch die Informationen, die sie dort bekam, waren alles andere als positiv.
Wie betäubt legte sie den Hörer Minuten später zurück auf die Gabel, schlug sich die Hand vor den Mund und erstickte so ein Schluchzen.
Sofort waren die Kinder alarmiert
"Mum, was ist los? Sag schon!"
"Was ist mit Dad?"
"Lebt er noch?"
"Mum, sag schon!"
Doch die Erwachsene fand ihre Stimme nicht. Stumm schaute sie ihre Kinder an, die sie nun ebenfalls stumm, fragend und voller Angst anstarrten. Dann fiel Ran auf die Knie und brach in Tränen aus.
Sie wusste nicht, wie sie es ihren Kindern beibringen sollte.
Fortsetzung folgt...
