Chapter 3:
Es war bereits dunkel, als Ryou am Abend sein Apartment in dem teuren Hochhaus verließ, um noch rasch einkaufen zu gehen, bevor die Läden zumachten.
Für gewöhnlich erledigte er dies am Nachmittag solange es noch hell war, aber als er von der Schule nach Hause gekommen war, hatte gerade ein spannender Film im Fernsehen angefangen und ihn so sehr gefesselt, dass er die Zeit vergessen hatte.
Er wollte gerade den kleinen Supermarkt, der sich nur wenige hundert Meter von seiner Wohnung entfernt befand, betreten, als er nicht weit von sich eine ihm wohl vertraute weißhaarige Gestalt ausmachte.
Ryou lief Bakura nach um ihm kurz Hallo zu sagen, als er verdutzt registrierte, wohin Bakura gerade so zielstrebig ging.
Das Viertel hatte nicht gerade den besten Ruf der Stadt. Im Gegenteil. Gewalt, Alkohol, illegaler Handel mit Drogen und Waffen, Schlägereien und Tod waren hier allgegenwärtig.
Was bitte hatte Bakura um diese Uhrzeit im schlimmsten Viertel der Stadt zu suchen? Neugierig und misstrauisch zugleich schlich Ryou seinem Freund nach. Dieser verschwand plötzlich in einem der Häuser. Ryou zögerte kurz, dann folgte er ihm.
Der Ort, den er gerade betreten hatte, schien eine Mischung aus Kneipe und Disko zu sein. Nicht gerade ein Ort, an dem er sich gerne aufhalten würde.
Er ließ seinen Blick über die vielen Leuten schweifen und hielt Ausschau nach einem weißen Haarschopf.
Nach kurzem Suchen entdeckte er ihn.
Bakura stand an der Bar und zwar nicht vor, sondern hinter dem Tresen und war gerade dabei ein paar Drinks zusammen zu mixen.
Etwas zögerlich ging Ryou durch den proppenvollen Laden. Auf der großen Tanzfläche drängten sich die Leute und tanzten im bunten Scheinwerferlicht zu lauter Discomusik.
Ryou schob sich durch sie durch, bis er vor der Theke stehen blieb.
„Hey, Kura…"
Bakura, der ihm den Rücken zugewandt hatte, schrak zusammen und ließ fast eine Bacardi-Flasche fallen, die er gerade in das Regal hatte stellen wollen.
Er wirbelte herum. „Ry!" Er war kreidebleich geworden.
„Was zum Teufel hast du hier zu suchen?!", flüsterte er. Ryou zuckte mit den Schultern.
„Ich hab dich gesehen, als du hierhin gingst, da bin ich neugierig geworden und bin dir gefolgt." „Verdammt, Ry. Wegen dir hab ich fast nen Herzstillstand gekriegt. Du kannst hier doch nicht einfach ganz allein rumlaufen."
„Du bist doch auch allein hier unterwegs gewesen." „Ja, aber ich kann mich gegen das, was hier manchmal rumläuft, wehren." Ryou senkte den Blick.
„Tschuldige. Ich wollte dich nicht wütend machen." Bakuras Blick wurde sanfter. „Ich bin nicht wütend. Ich hab mir nur Sorgen gemacht. Das hier ist nicht gerade die richtige Umgebung für jemanden wie dich."
Er fuhr sich mit der Hand durch die langen weißen Haare. „Setz dich. Was möchtest du trinken? Ich geb dir was aus, solange es nichts Alkoholisches ist." Ryou folgte der Aufforderung und setzte sich auf einen der Barhocker.
„Warum… arbeitest du eigentlich an so einem Ort?", fragte Ryou vorsichtig und sah sich etwas nervös im Raum um. Bakura zuckte mit den Schultern.
„Irgendwie muss man doch an sein Geld kommen.", murmelte er, sah Ryou aber nicht in die Augen, sondern konzentrierte sein Augenmerk auf das Glas, das er gerade abtrocknete.
„Du…willst nicht darüber reden…oder…?" „Nein.", brummte Bakura und stellte das nun trockene Glas weg.
Als er sich dem Nächsten zuwandte, fing er Ryous Blick auf. „Sorry, aber vielleicht ein anderes Mal, ja? Das ist nicht persönlich gemeint, Ry."
Ryou nickte. Bakura war nicht der Typ, der sich die Antwort über eine Frage, die er nicht beantworten wollte, aus der Nase ziehen ließ. Wenn er nicht darüber reden wollte, dann redete er auch nicht darüber. Basta und Schluss. Ryou würde einfach warten, bis Bakura bereit war es ihm zu erzählen.
Bakura wandte sich ab, um sich um die Bestellungen einiger Gäste zu kümmern und Ryou trank seine Cola, die Bakura ihm spendiert hatte, aus.
Das war auch seltsam. Bakura arbeitete in einem Club im schlimmsten Viertel der Stadt hinter der Theke, ein Ort wo es fast nur Alkohol gab, aber er selbst hatte eine derartige Abneigung gegen Alkohol, die schon fast ans Extreme reichte.
Er wurde aus Bakura einfach nicht schlau.
Während er gedankenversunken sein leeres Glas in der Hand drehte, bemerkte er den Mann nicht, der sich auf den Barhocker neben ihn fallen ließ.
„Na, Kleiner? *hicks* Ganz allein hier?", lallte der Mann. Ryou verzog das Gesicht. Der Mann hatte bereits einiges an Hochprozentigem intus, das sah und vor allem roch man schon aus ein paar Metern Entfernung.
„Willst du *hicks* nicht mitkommen? *hicks* Kenn da ein paar Orte, wo *hicks* wir uns bestimmt wunderbar *hicks* amüsieren könnten." Der Mann lehnte sich näher zu ihm. Sein Blick gefiel Ryou ganz und gar nicht…
„Und ich kenn einen Ort, an dem du gleich ganz bestimmt landest, wenn du ihn nicht sofort in Ruhe lässt.", meinte Bakura drohend, der plötzlich wieder bei ihnen stand. „Lass die Finger von ihm, klar?"
Wenn Blicke töten könnten, dann wäre der Mann in diesem Augenblick tot vom Hocker gefallen. Doch er lachte nur.
„Lass mich *hicks* doch ein wenig Spaß mit ihm haben. Bin heute *hicks* Abend so einsam.", lallte er und griff nach Ryous Arm. Ryou wollte sich losreißen, doch der Betrunkene hatte mehr Kraft, als er gedacht hatte.
„Hast du mich nicht verstanden?! Ich sagte: Finger weg! Sonst fliegst du!", zischte Bakura.
„Misch dich *hicks* nicht ein!"
Der Mann holte aus und zielte mit der Faust direkt auf Bakuras Gesicht. Doch Bakura wich dem Schlag gekonnt aus, stützte eine Hand auf die Arbeitsplatte und hatte sich im nächsten Augenblick auch schon über die Theke geschwungen und stand nun zwischen dem Betrunkenen und Ryou.
„Das war deine Eröffnung.", stellte Bakura fest. „Und das…" Er hob eine Hand und ballte sie zur Faust. „…ist meine Antwort darauf."
Seine Faust kollidierte mit dem Kiefer des Besoffenen. Ein ekelhaftes Knacken und ein lauter Schrei war zu hören.
Im nächsten Moment war auch schon eine heftige Schlägerei zwischen den beiden in Gange. Zwar schien der Mann deutlich mehr Kraft zu haben, als es anfangs aussah, doch es war auf den ersten Blick zu sehen, wer bei diesem Kampf die Oberhand hatte.
Ein paar Gläser, die bis dahin auf der Theke standen, fielen zu Boden und gingen scheppernd zu Bruch, als Bakura dagegen knallte.
Sein Gegner schlug erneut nach ihn, doch wieder wich er dem Schlag aus, packte ihn am Handgelenk, verdrehte ihm den Arm und drückte ihn auf den Rücken, so wie es die Polizisten mit Kriminellen taten.
„Auseinander!"
Ein schlaksiger, ganz in weiß gekleideter Mann trat zu ihnen. Plötzlich fiel Ryou auf, wie still es im Raum war. Jemand hatte die Musik ausgeschaltet und aller Augen waren auf sie gerichtet.
„Das ist der Chef vom Club, Mr. Kageshima und der riesige Kerl hinter ihm ist Hiro, der
Sicherheitsdienst.", flüsterte eine junge Frau, die neben ihm stand, Ryou ins Ohr.
Sofort ließ Bakura sein Opfer los, das wie ein nasser Sack zu Boden fiel.
„Was ist hier los?", fragte Kageshima und sah mit finsterem Blick in die Runde.
„Dieser Kerl hatte ein bisschen zu viel getrunken und den Jungen hier bedrängt. Bakura hat ihm gesagt, dass er das lassen soll, da hat er zugeschlagen und Bakura hat sich nur gegen ihn gewehrt.", erklärte ein Stammgast.
„Ist das so, Bakura?", hakte Kageshima nach. „Ja, Chef." Der Chef musterte Ryou mit kritischem Blick. „Ich hoffe du weißt, dass Minderjährige hier keinen Zutritt haben, Kleiner. Wie alt bist du? 15? 16?"
„Er ist volljährig, Chef."
„Er sieht aber nicht so aus. Wie kommst du darauf?"
„Er ist mein Bruder." „Dein Bruder?" „Ja, wir sind Zwillinge, Chef." „Zwillinge?"
„Ey, Chef?", mischte sich nun ein anderer Mitarbeiter des Clubs ein, dem Aussehen nach zu schließen wohl der DJ. „Ich glaub, er sacht die Wahrheit. Ich mein, guck ma wie ähnlich die beiden sich seh'n, dat können doch nur Zwillinge sein, meinste nich?"
Der Chef schwieg und musterte abwechselnd Ryou und Bakura. Dann nickte er.
„Scheint so. Hiro…", wandte er sich an den riesigen Kerl hinter sich „…bring diesen Kerl…" er deutete auf den am Boden liegenden Typen „…nach draußen. So was wie der verscheucht mir die Kundschaft. Und Bakura, räum das zerbrochene Glas hier weg und arbeite dann weiter. Möglichst keine weiteren Schlägereien."
„Ja, Chef."
Kageshima nickte und ging wieder.
Hiro brachte den Besoffenen vor die Tür und Ryou half ‚seinem Zwilling' das zerbrochene Glas aufzusammeln, danach gingen alle Anwesenden wieder zur Tages- bzw. eher Nachtordnung über.
„Tut mir Leid.", murmelte Ryou betreten, als die beiden die traurigen Überreste dessen, was einmal Gläser waren, im Hinterhof in eine Mülltonne schmissen. „Hm?"
„Dass du dich meinetwegen prügeln musstest und Ärger mit deinem Chef bekommen hast."
„Ach was."
Bakura tat die Sache mit einer Handbewegung ab.
„Das war nichts. Der Chef würde mich nie rauswerfen. Ich mach meinen Job in seinem Laden gut
und in einem Viertel wie diesem ist es schwer einen neuen vernünftigen Mitarbeiter zu bekommen.
Das weiß er.
Bevor er mich rausschmeißt und dann monatelang nach einem neuen Barkeeper suchen muss, behält er mich lieber und mosert und meckert nur ein bisschen rum, wenn man sich mal daneben benimmt.
Außerdem hab ich nach den Mitarbeiterregeln richtig gehandelt. Wenn einer der Kunden Stress macht, sei es mit einem von uns oder mit einem anderen Kunden, dürfen wir uns einmischen und da er als erstes zugeschlagen hat durfte ich auch zurückschlagen und hab keine Konsequenzen zu fürchten.
Eine der obersten Regeln: ‚Schlag nie als erstes zu. Sonst hast du hinterher immer den Ärger am Hals. Provozier wenn es sein muss, aber lass immer erst den anderen zu schlagen.'"
Bakura grinste. „Der Chef kann es auf den Tod nicht ab, wenn es Ärger in seinem Laden gibt. Er hat Angst um den guten Ruf seines Ladens."
„Aber wegen mir musstest du lügen…" „Na ja, so sehr gelogen war das nun auch wieder nicht. Es ist einfacher zu behaupten, dass wir beide Brüder wären, wo wir doch sowieso schon so aussehen, als nur zu sagen, dass wir Freunde wären."
„Aber sag mal…", meinte Ryou plötzlich, dem gerade etwas einfiel. „Du hast behauptet, dass ich volljährig wäre, weil wir beide Zwillinge und damit gleich alt wären. Aber du bist doch selbst noch gar nicht 18."
Bakuras Grinsen wurde noch ein wenig schiefer. Er sah nun aus wie ein kleiner Schuljunge, der bei einem Streich ertappt wurde.
„Als ich mich beim Chef für diese Stelle beworben habe, hab ich mit dem Alter ein bisschen geschummelt. Anders ging es nicht. Außerdem sind es doch nur ein paar Monate, bis ich 18 werde."
„7 Monate." „Muss doch keiner wissen.", meinte Bakura, als sie wieder rein gingen.
„Deshalb wäre es mir auch ganz lieb, wenn du nichts ausplaudern würdest. Weder hier noch in der Schule oder anderswo, in Ordnung? Mir ist dieser Job nämlich wichtig."
Als Bakura ein paar Stunden später Feierabend hatte, brachte er Ryou noch nach Hause. Nachdem die beiden sich voneinander verabschiedet hatten, wandte Bakura sich noch einmal zu Ryou um.
„Ach und eins noch. Falls du mich das nächste Mal bei der Arbeit besuchen willst, sag mir bitte vorher Beschied, damit ich dich abholen kann, oder wenn nicht, dann nimm wenigstens ein Messer zur Selbstverteidigung mit. Nur für den Fall der Fälle."
Er grinste und hob kurz die Hand, dann drehte er sich um und verschwand in der Dunkelheit.
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