Morgengrauen Ende Oktober ist etwas, das irgendwann - je nach Wolkendecke - zwischen 7 Uhr und 8 Uhr eintritt. Gestern war der Himmel noch klar gewesen, aber heute schien die graue Masse, die über der Stadt schwebte, sämtliche Sonnenstrahlen zu verschlucken. Das trübe Wetter passte perfekt zu meinem derzeitigen Gemütszustand, als ich meine Habseligkeiten aussortierte in 'Handgepäck', 'Umzugskartons' und 'was-zum-Teufel-ist-das'. Man würde gar nicht glaube wie viel Tand der letzten Kategorie sich ansammelt, wenn man beinahe drei Jahrhunderte im selben Ort wohnte. Ja, ich war zwei, drei Male übersiedelt. Aber das war von einer Straße in die nächste gewesen, da hatte ich selbst meine Möbel einfach mitgenommen - als Dämon ist man auf kein normales Umzugsservice angewiesen und kann sogar den Geschirrschrank voll bepackt mitnehmen, ohne nachher vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Jetzt hingegen fühlte ich mich, als hätte man nicht nur mein schönes Porzellan in Stücke gehauen. Kann ein Dämon überhaupt entwurzelt werden? Offensichtlich schon.

Das Klingeln meines Telefons riss mich aus meinen düsteren Gedanken. Obwohl in meinem Gerät eine einfache Klingel eingebaut war, die eigentlich immer genau gleich klingen sollte, war der Geräusch nicht so melodisch, das Klingeln nicht so regelmäßig wie normalerweise. Ich blinzelte das schwarze Gerät verwundert an und machte mir eine mentale Notiz diesen Apparat hier zu lassen und dafür einen neuen zu erwerben. Das Ding war offensichtlich defekt.

"Hallo? Spreche ich mit Lysandra? Hallo? Funktioniert dieses Ding überhaupt?" Ertönte eine tiefe, männliche Stimme. Reinhard Fuchs.

Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen, Reinhard schaffte es immer wieder, selbst die robusteste Technologie zum Aufgeben zu zwingen. Auch wenn sich diese Gabe erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt hatte und eigentlich Grund zur Sorge bot, hatte ich sie doch lieb gewonnen und brachte Reinhard regelmäßig damit auf die Palme, das ich mich über seine Unzulänglichkeit - oder die der Technik - amüsierte. Jetzt war mir auch klar, warum mein Telefon sich so seltsam benahm.

"Hallo, Fuchs. Was verschafft mir die Ehre? Und seit wann besitzt du einen Telefonapparat?"

"Ich bin nicht bei mir zuhause..."

Oh... interessant... Aber ich ließ ihn weiterreden.

"Hör mal... Ich brauche deine Hilfe bei einer Sache. Ich weiß, sag nichts. Das kostet mich etwas. Trotzdem... Ich bin da etwas auf der Spur..."

Mit einem Seufzen fuhr ich mir durch die Haare. Musste alles zusammen kommen?

"Reinhard, jetzt ist wirklich ein ungünstiger Zeitpunkt..."

"Lysandra, bitte, es geht hier um mehr... Ich bin einer wirklich großen Sache auf der Spur. Irgendetwas braut sich zusammen und ich... Hör zu, kannst du mich hier abholen?" Er gab mir eine Adresse in Hietzing durch, die mir nichts sagte.

"Na gut. Ich hab nicht viel Zeit, aber ich werde dich abholen und nach Hause fahren. Währenddessen kannst du mir ja erzählen, was los ist."

Ich beendete das Gespräch und ließ meinen Blick nochmals über mein Wohnzimmer schweifen. Es sah hier aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen - oder ein Einbrecher nach etwas Bestimmten gesucht. Ich würde wohl heute Nachmittag weiter machen müssen.