03
Wie Gewehrschüsse hallten die dumpfen Trommelschläge durch die Nacht und zerteilten Harrys neuerlichen Alptraum, als er langsam erwachte. Einen Augenblick lang versuchte er, sich zu orientieren. In einem Moment hatte er auf der leuchtenden Bodenplatte gekniet, bereit, dem Schrecken seines Schlafes entgegenzusehen und im nächsten fand er sich in verschwitzten, zerwühlten Laken wieder, fröstelnd in der Kälte, die ungehindert durch das offene Fenster strömte. Ein weiterer Schlag donnerte durch das Haus und beantwortete die leise Frage, die durch seinen Schädel hallte. Er schluckte gegen den metallischen Geschmack in seinem Mund an.
Er griff nach seiner Brille, dankbar, dass der Traum vor seinem immer wiederkehrenden Tod endete, und setzte sich auf. Ein Gähnen schüttelte seinen abgemagerten Körper und er schlang sich die Arme vor die Brust, bevor er aufstand und in die Finsternis des Flurs eintauchte. Kurz blieb er an dem Treppengeländer stehen und lugte hinab, erspähte den gedämpften, flackernden Lichtschein einer Kerze.
"Kreacher?", rief Harry leise in die Schatten des Treppenhauses. Beunruhigt registrierte er, dass Mrs. Blacks Portrait still blieb und aus irgendeinem Grund rieb dieser Fakt seine Nerven auf nachdrücklichere Weise auf, als das nächtliche Klopfen es vermochte.
"Meister Harry, soll Kreacher die Tür öffnen?", raunte es von unten zu ihm herauf.
Harry schüttelte den Kopf, obwohl Kreacher es nicht sehen konnte. "Moment, ich komme runter."
Er zog seinen Zauberstab aus der Brusttasche seines Pyjamas und flüsterte: "Lumos." Der Lichtstrahl teilte die Dunkelheit vor ihm und Staubpartikel wirbelten in seinem Schein umher wie Schneeflocken. In solchen Momenten erschien ihm das Haus viel zu groß, zu unheimlich, für Kreacher und ihn allein.
Ein erneuter Schlag gegen die Tür ließ ihn zusammenzucken. Beunruhigt nahm Harry zwei Stufen auf einmal und schlitterte in seiner Eile über den Boden, als er auf die Tür zuging. In der Eingangshalle stand Kreacher, nur mit einer schmuddeligen Decke bekleidet, die er über seine Schultern geschlungen hatte, und blinzelte in das helle Licht, das aus Harrys Zauberstab strömte. "Kreacher sollte wirklich die Tür öffnen", grummelte er. "Sonst weiß bald jeder, wo Meister Harry wohnt."
"Aber wie soll jemand wissen, wo ausgerechnet ich -?"
In diesem Augenblick klang ein zorniger Ruf durch die Tür, von dem dicken Holz gedämpft. "Harry, jetzt mach' diese verdammte Tür auf!" Harry verzog den Mund. Es klang verdächtig nach Hermine. Sie schlug gegen die Tür, dass sie in den Angeln erzitterte. "Ich weiß, dass du da bist!"
"Und ich will nicht mit dir reden", murmelte Harry bitter. Er sah zur Seite und bemerkte, dass Kreacher ihn anstarrte. "Hör' mal, Kreacher, ich werde die Tür öffnen. Aber nach einer halben Stunde spätestens wirfst du Hermine wieder raus, verstanden?"
"Sehr wohl, Meister Harry." Ein düsteres Grinsen zog sich durch das bleiche Gesicht des Elfen und Harry, der geglaubt hatte, Kreacher hätte die Abscheu vor Hermine inzwischen abgelegt, verdrehte die Augen, bevor er zur Tür trat und sie mit einem Ruck aufriss.
Eigentlich hatte er sich vorgestellt, Hermine wütend anzustarren. Ihr etwas Fieses entgegenzuschnauzen. Ihr klarzumachen, wie sehr er es hasste, dass sie sich so aufführte, wie ekelhaft es ihm vorkam, dass sie Sorgen vorschützte und sich drei Wochen nach ihrem Urlaub mitten in der Nacht zum ersten Mal wieder sehenließ - und dann auch noch so.
Aber nur einen kurzen Augenblick, nachdem die Tür nach innen aufgeschwungen war, traf ihn ein Schlag gegen die Brust, der ihm den Atem nahm. Er taumelte nach hinten, damit sie ihn nicht noch einmal traf und erhob den Zauberstab. "Ich bin bewaffnet", knurrte er, bevor er aufblickte. Hermine stand vor ihm, das Gesicht blass, Regen tropfte ihr von den Haaren aus ins Gesicht und perlte von ihren Wimpern auf die Wangen. Ihre Faust war in ihrem Schrecken auf Brusthöhe erstarrt. Offenbar hatte sie nicht damit gerechnet, dass er die Tür tatsächlich öffnen würde.
"Harry, ich - es tut mir leid", stammelte sie, die braunen Augen weit aufgerissen. Harrys Zauber beleuchtete sie unvorteilhaft. Sie sah aus wie ein Geist.
Er verschränkte die Arme vor der Brust, ohne den Zauberstab loszulassen, der nun seinen Ärmel erhellte, und sagte nichts, starrte sie bloß finster an. Auch Hermine tat nichts. Nieselregen tropfte hinter ihr auf die Steintreppe und ließ sie glänzen.
"Also, kommst du nun rein oder sollen alle wissen, dass ich hier wohne?", sagte Harry dunkel und sah Kreacher an, der ihm zunickte.
"Ja, natürlich. Ich wusste nicht -" Sie trat ein und schloss die Tür vorsichtig hinter sich, das leise Prasseln des Regens aussperrend.
Vor vier Wochen, als Kingsley ihn besucht hatte, hatte Harry geglaubt, es wäre besser, wenn Hermine nicht hier aufkreuzte. Er hatte sich vorgestellt, wie sie vor ihm stand, ihn mitleidig anblickte und gewusst, dass seine Wut ihre Freundschaft in Stücke schlagen würde, wenn sie sich ihm nähern würde. Doch nun, die Vorstellung in die Realität gegossen, schien seine Abscheu, so berechtigt sie seiner Ansicht nach sein mochte, an ihrem jämmerlichen Anblick zu Asche zu zerbröseln. Sie wagte kaum, ihn anzublicken, stattdessen starrte sie auf ihre Hände, die den Regen aus ihrem Umhang wrangen.
"Warum bist du hier?", fragte Harry leise.
Hermine blinzelte. "Ich habe versucht, dir Freiraum zu lassen", flüsterte sie und ihre Augen glänzten feucht, und ein furchtbar schlechtes Gewissen trieb durch Harrys Magen. Dennoch starrte er sie weiterhin an.
"Ja, den hatte ich. Zwei Monate lang." Harry ärgerte sich über den kleinlauten Klang seiner Worte und versuchte, mehr Kraft hineinzulegen. "Allein. Hier. Es war so richtig erholsam." Befriedigt lauschte er dem wütenden Bellen, das sie zusammenzucken ließ.
"Nur, Harry, ich habe doch gemerkt, dass etwas in dir vorging, bevor wir aufgebrochen sind. Dass dich etwas beschäftigt hat. Und als du weg warst, dachte ich -" Sie unterbrach sich selbst und blickte ihn mit gesenktem Kopf durch ihre Wimpern hindurch an. Darauf war er nicht vorbereitet und er schluckte an dem Kloß in seinem Hals herum. Es wäre so einfach, ihr zu vergeben. In Wahrheit spürte er die Vergebung bereits, doch der aufsässige Stolz, aus dem er in den letzten Wochen Kraft gezogen hatte, wollte nicht so rasch weichen.
Er sah zur Seite und stellte fest, dass dort, wo vor kurzem noch Mrs. Blacks Portrait gehangen hatte, ein großer, leerer, heller Fleck zu sehen war. Von einem Klebefluch konservierte, nahezu frische Tapete, die einen scharfen Kontrast zu den vergilbten Stücken bildete, die über Jahre hinweg Zigarrenrauch und Verfall ausgesetzt waren. Das erklärte natürlich, warum das Bild schwieg.
Hermine war seinem Blick offenbar gefolgt. Aus den Augenwinkeln sah Harry, wie sie vor Kreacher in die Hocke ging. "Kreacher, was ist mit dem Portrait deiner Herrin geschehen?", fragte sie ihn freundlich und lächelte. Er jedoch verschränkte die Arme vor der Brust und stieß ein unwilliges Knurren aus, antwortete aber nicht. Hermines Lächeln verblasste. Sie stand auf und trat dicht an Harry heran.
"Du bist immer noch wütend", stellte sie fest, plötzlich klang ihre Stimme fest und ihr Blick lag stetig auf Harrys Gesicht. "Du weißt, dass ich mich um Ron kümmern musste. Es hat ihn richtig mitgenommen. Er hat seinen Bruder -"
Ohne sie anzublicken, unterbrach Harry sie. "Ja, ich weiß. Auch Kingsley hat mich freundlicherweise daran erinnert, dass Fred gestorben ist. Und ihr alle scheint zu glauben, dass mir das nicht klar ist." Er biss die Zähne aufeinander. "Aber ich sehe ihn immer noch vor mir. Wie all die anderen, die wir verloren haben. Und ich verspreche dir, dass ich das nicht vergessen werde. Wie könnte ich auch? Die vergessen, die ich nicht retten konnte?" Erst, als er ihn in seinen Worten nachklingen hörte, spürte er den Kummer darüber in seiner Brust und plötzlich schmerzte auch sein Hals in all den zurückgehaltenen Tränen.
"Ich hätte es wissen müssen", flüsterte Hermine und blieb dann stumm. Noch immer stand sie nur wenige Zentimeter von ihm entfernt. Er konnte ihr Shampoo riechen und die leicht säuerliche Note des Regens, der wie ein feines Gespinst auf ihrem Lockenhaar lag.
Es schien ihm, als würde er jeden Augenblick überlaufen und bevor alle Dämme brachen, wollte er sie hier herausschaffen. Er müsste Hermine loswerden, sonst würde er sich in seiner eigenen Trauer auf sie stürzen. Sich ihr aufbürden. Der Drang, sie dermaßen zu verletzen, dass sie nie wieder herkommen würde, wurde so mächtig, dass sein Kiefer verkrampfte und seine Fingernägel sich in die Lackierung des Zauberstabes bohrten, den er noch immer umklammerte.
"Kreacher", sagte Harry krächzend, um sich abzulenken. "Was hast du mit dem Portrait von Mrs. Black gemacht? Wieso hängt es nicht mehr hier im Eingangsbereich?" Seine Brust schmerzte und er schluckte.
"Kreacher hat sie nach oben in Herr Regulus' Zimmer gebracht, damit sie sich nicht mehr aufregt." Er sprach leise und aufrichtig und der Hintergrund seiner Worte rührte Harry noch mehr. "Mpf", sagte er und biss sich auf die Lippe.
"Das ist sehr freundlich von dir, Kreacher." Tapfer versuchte Hermine erneut, mit ihm zu sprechen, doch er tat, als könnte er sie nicht hören und ging langsam in die finstere Küche. Wenige Sekunden später hörte Harry das Geklapper von Töpfen. "Was... Was hat er denn?", fragte sie unsicher. "Hast du ihm befohlen -?"
"Nein, ich habe ihm nicht befohlen, sich zu benehmen, als wäre das letzte Jahr nie geschehen." Harry schluckte erneut und verfluchte sich dafür, überhaupt etwas gesagt zu haben. Vielleicht sollte er einfach die Klappe halten, bis Hermine genug hatte und verschwand.
"Harry, es tut mir wirklich leid. Ich hätte wissen müssen, dass du dir die Verantwortung dafür zuschiebst, dass so viele Menschen gestorben sind." Er spürte, wie ihre klammen, kalten Hände sich auf seine Oberarme legten und eine Gänsehaut verursachten. Seine Zähne begannen zu schmerzen, doch er lockerte seinen Biss nicht, denn ein tiefer Seufzer drang aus seiner Brust empor und er würde nicht -
"Aber es ist nicht deine Schuld. Du hättest es nicht verhindern können. Im Krieg sterben Menschen. In Wirklichkeit, Harry, hast du etwas Unmögliches geschafft und uns befreit." Ihre Stimme bebte und verebbte. Harry starrte weiterhin stur auf die Tapete, in der Hoffnung, Hermine würde ihn bloß bald loslassen und ihre Worte würden an ihm vorüberziehen, ohne in seiner verdorrten Brust aufzukeimen. "Ich hätte dich nicht so vernachlässigen dürfen. Du bist mein bester Freund und ich war nicht für dich da, ich hätte -"
"Lass' es sein", sagte Harry leise. "Du bist auch nicht für alles verantwortlich." Ohne sie anzusehen, wandte er sich um, riss sich von ihrem Griff los, der tröstlich und schmerzlich zugleich war, und ging rasch auf den kleinen Salon zu, bevor er es sich anders überlegen konnte. Im Türrahmen stehend, entzündete er den Kamin und wunderte sich, wie heimelig der Raum wirkte, wenn er von dem orangefarbenen Licht überspült wurde. "Kommst du endlich?", sagte Harry und stampfte, ohne eine Antwort abzuwarten, hinein. Er ließ sich auf einen mit grünem, abgegriffenen Samt bespannten Ohrensessel fallen und spürte, wie ihn eine Welle aus Müdigkeit und Verzweiflung überrollte.
Als Hermine sich auf einen bequemen, breiten Sessel ihm gegenüber setzte, sah er sie zum ersten Mal richtig an. Inzwischen hatte sie sich mit einem Zauber getrocknet und ihr Haar stand kraus von ihrem Kopf ab. Obwohl ihre Augen in tiefen Schatten lagen, die durch das gedämpfte Licht der tanzenden Flammen betont wurden, blickten sie sich wach und aufmerksam um. Ihre blassen Hände krallten sich in das weiche Kissen.
"Es ist seltsam, oder?", sagte sie leise. "Obwohl ich ihm nie etwas unterstellen würde, frage ich mich langsam, ob Kingsley uns alles über diese Impfung erzählt hat."
Harry schüttelte den Kopf, leicht schwindelig von ihrem Themensprung. Er folgte ihrem Blick und stieß auf das Posttischchen, das er nach einer besonders schmerzhaften Konfrontation mit seinem Knie aus dem Eingangsbereich hierher geschafft hatte, und auf einen Stapel Zeitungen. Aus seiner Perspektive konnte er nur eine der Schlagzeilen lesen (Virus raubt Zauberkräfte), doch natürlich kannte er sie auswendig.
"Als Kingsley hier war, habe ich das sichere Gefühl gehabt, dass er lügt", antwortete er langsam, seine Worte abwägend. Wenn er ihr seine Zweifel gar zu unverblümt eröffnen würde, würden sie, so befürchtete er, nur wieder streiten. "Es gab da ein paar Momente, in denen er sich komisch benommen hat."
"Ja, das Gefühl hatte ich auch, als er im Fuchsbau war", gab Hermine zu und rutschte unruhig auf dem Sessel umher, als wäre sie in Hogwarts und würde einen Lehrer anschwärzen. Ein leichtes Lächeln legte sich auf Harrys Gesicht, als ihm erleichtert bewusst wurde, dass sie ihm zustimmte. Sie nickte zu der Zeitung hinüber. "Wie können sie ihre Kräfte verlieren, wenn sie immun gegen das Virus sind?"
"Weil sie es entweder nicht sind - oder es sich um Nebenwirkungen handelt." Harry wartete, bis Hermine den Mut gesammelt hatte, ihn anzusehen. Als ihre Blicke sich nun trafen, nachdem sie neutrales Terrain betreten hatten, fühlte es sich an, als hätten sie nie gestritten. Als sie zaghaft lächelte, deutete er auf den Zeitungsstapel. "Die unterste Zeitung - hast du sie? - da ist ein Foto von einer blonden Hexe." Hermine hielt die Ausgabe hoch, deren Titelseite Harry verknittert hatte, als er sie zornig durchgeblättert hatte.
Obwohl er das Bild jetzt durch seine Brille hindurch nur verschwommen sehen konnte, erinnerte er sich an jede Einzelheit. Die Frau sah müde und geplagt aus, ihre Haut war bleich und ein kränklicher Schein lag über ihrer gebeugten Gestalt. Ihre Hand fuhr unablässig durch das stumpfe Haar, um sich in einer Strähne festzukrallen, als würde sie Halt suchen. Squib über Nacht stand in dicken Lettern über der unglücklichen Frau.
"Einen Tag, bevor diese Zeitung herausgekommen ist, habe ich diese Hexe beim Impfen getroffen. Ich erinnere mich genau an sie, sie hat sich nämlich einen Kaffee geholt und ihn über mich gegossen, als sie gestolpert ist. Sie war vor mir dran und hat sich noch einmal entschuldigt, bevor ich in das Behandlungszimmer gerufen wurde." Harry sprach leise und beobachtete, wie Hermines Gesicht sich unwillig verzog.
"Und du und Ron werdet bald eine Ausbildung als Auroren beginnen. Ich hoffe, ihr macht nicht mit bei diesem... Klüngel."
Harry schnaubte und schüttelte den Kopf. "Als Scrimgeour mich damals - Merlin, es kommt mir so vor, als wäre das ein ganzes Leben her - in den Ferien gefragt hat, ob ich vor der Presse so tun kann, als wäre ich ein Unterstützer des Ministeriums, habe ich mir gesagt, so ein Ministerium vertrete ich nicht. Und leider, auch, wenn es unser Kingsley ist... Sein Ministerium vertrete ich auch nicht."
"Heißt das...?"
"Ich werde kein Auror. Nicht so." Diese Ausbildung war zweifellos ein langgehegter Traum, doch es kam Harry nicht mehr so vor, als würde er einen Teil seiner selbst begraben. Vielmehr fühlte sich das Aussprechen dieses Faktes an, als würde er verdorrtes Laub vom Gehweg fegen.
Hermine schwieg und stützte das Kinn auf ihre Handfläche. Ihre Augen musterten ihn mit einem seltsamen Ausdruck. Harry fühlte sich taxiert und wandte den Blick ab, beschäftigte seine Hände damit, in einem kleinen Brandloch im Sessel zu puhlen. "Mach' mir jetzt keine Vorwürfe deswegen. Ich habe mich nicht leichtfertig entschieden, das kann ich dir versprechen, aber -"
"Jetzt sei nicht albern, Harry", sagte Hermine resolut. "Ich finde, dass du wirklich erwachsen geworden bist. Es ist sicher nicht leicht, dieses Angebot abzulehnen, auch, wenn dir die Richtung des Ministeriums nicht gefällt. Ich finde das absolut bewundernswert."
"Warst du nicht auch der Meinung, dass es nichts Wichtigeres gibt als Zukunft, Beruf und was weiß ich?", fragte Harry mit einem neckenden Unterton in der Stimme und grinste.
"Wir haben einen Krieg überlebt. Wenn wir uns jetzt keine Zeit lassen können, um gute Entscheidungen zu treffen, wann denn dann?" Überrascht blickte Harry auf und sah, wie Hermine sich lächelnd im Sessel zurücklehnte. Als sie Harrys Erstaunen bemerkte, brach sie in helles Lachen aus. "Nein, in Wahrheit denke ich immer noch, dass wir mit unserer Zukunft nicht schludern dürfen. Aber ich denke auch, dass du es dir schuldig bist, etwas zu finden, das du auch wirklich tun willst."
Harry beugte sich vor, stützte sich mit den Ellbogen auf die Knie und ließ den Kopf hängen, bis sein Haar nach vorn rutschte und ihren Anblick vor ihm verbarg. Er fühlte sich plötzlich ausgesprochen unbehaglich und die ständigen Gefühlsausbrüche dieses Tages hatten ihn angestrengt. "Ich weiß nicht, ob ich jemals etwas finden werde. Es ist nicht mehr so leicht wie früher, an eine gute Zukunft zu glauben."
Auf einmal ließ sich Hermine vor ihm auf die Knie fallen und strich ihm sein Haar aus dem Gesicht. Er schloss die Augen, um ihrem Blick auszuweichen. "Aber von jetzt an werde ich für dich da sein. Ich will dir helfen." Ihre Hand lag warm und tröstend auf seiner Wange. "Warum bist du eigentlich gegangen?"
Müde sah Harry sie an und fragte sich, was es schon ausmachte, wenn er es ihr einfach sagte. So, wie er sie kannte, würde sie eine einfache Erklärung für alles, was ihm passiert war und für Kingsleys Worte aus dem Ärmel schütteln. Und ihm raten, mit Professor McGonagall zu sprechen. Sie zog die Augenbrauen nach oben.
"Weil ich vollkommen verzweifelt war. Jede Nacht hatte ich einen furchtbaren Alptraum und als ich aufgewacht bin, stand das Fenster offen. Aber ich habe es immer zugemacht. Ich habe einen Schutzzauber gesprochen, der niemals durchbrochen wurde. Aber andauernd dachte ich, jemand würde mich anstarren und mir in den Nacken atmen. Ich konnte nicht mehr schlafen. Und es hat nie aufgehört."
Er hatte leise gesprochen und aufmerksam zugesehen, wie sich Hermines Ausdruck von irritiert zu besorgt änderte. Nun wirkte sie verunsichert. "Wenn du etwas gesagt hättest, hätten wir dir doch helfen können. Vielleicht gibt es eine ganz einfache -"
Harry lächelte, als sie sich so verhielt, wie er es erwartet hatte. "Moment, es geht noch weiter. Erst hatte ich gehofft, es würde aufhören, wenn ich umziehen würde. Das hat es nicht. Dann hat Kreacher mir gesagt, dass Dinge ihren Platz gewechselt haben."
"Vielleicht folgt dir eine chaotische Energie, so wie ein -"
"Ein Poltergeist?", sagte Harry. "Habe ich auch gedacht. Aber das Beste kommt noch. Kingsley hat mich gewarnt, die Fenster geschlossen zu halten. Aber ich habe ihm nichts von den offenen Fenstern gesagt. Wie kommt er also darauf? Mit dem angeblichen Virus hat das jedenfalls nichts zu tun."
Hermines Hand sank an seiner Wange herab, als hätte sie sich just verflüssigt. In ihren Augen las Harry namenloses Entsetzen.
"Was ist denn? Was ist denn los?", fragte er mit sich überschlagender Stimme. Für einen kurzen Moment dachte er, sie würde ihm gleich eröffnen, dass sie irgendetwas in seiner Geschichte als eindeutig identifiziert hätte und er sterben würde. Es machte ihm Angst, denn selbst, wenn er in der Lage war, seinen Gegner zu benennen, gäbe es keinen Weg, sich vor ihm zu schützen oder ihn zu bekämpfen.
Hermine schlug sich die Hand vor den Mund und schüttelte den Kopf. "Ich dachte nur, es wäre - ich bin mir sicher, dass es das nicht ist. Hat Kingsley dir noch etwas gesagt?"
Harry zog die Augenbrauen zusammen, ein klammes Gefühl in seiner Brust. "Nur, dass ich niemanden, den ich nicht kenne, hereinbitten soll und mich insgesamt von Fremden fernhalten soll." Er verzog den Mund. "Komisch, wieso hat er extra betont, dass ich keinen ins Haus bitten soll, wenn ich ohnehin alle neuen Kontakte meiden muss?"
"Harry." Hermine krallte ihre Hände in seine Arme, der Griff so fest, dass er die Luft scharf durch den Mund einsog. "Du musst bitte sofort mit in den Fuchsbau kommen. Oder besser noch, geh' nach Hogwarts. Bitte."
"Wenn du mir nicht sagst, was los ist, wieso -"
"Liest du eigentlich nie?", schimpfte sie, bevor sie tief einatmete. "Jetzt ergibt alles einen Sinn", murmelte sie matt und stand auf, bevor sie begann, unruhig in dem kleinen Salon umherzugehen.
Harry schnaubte und schüttelte den Kopf. "Würdest du mich bitte, freundlicherweise, einweihen?"
Sie warf ihm einen undeutbaren Blick zu und blieb vor ihm stehen. "Ich glaube, dass ein Vampir die Zaubererwelt angreift."
Harry starrte sie an. Er wusste nicht, ob er grinsen oder ihr einen Feuerwhiskey anbieten sollte.
"Nun sieh' mich nicht so an. Vampire können Häuser nur betreten, wenn sie hereingebeten wurden. Das sollte doch inzwischen jedes Kind wissen." Sie verschränkte die Arme vor der Brust. "Allerdings gilt das für Türschwellen. Inzwischen ist bekannt, dass manche von ihnen durch Fenster hereinkommen können."
Mit einem Mal fühlte Harry deutlich, wie überreizt und müde er war, denn ein Lachen schien sich unaufhaltsam aus seinem Bauch emporzukämpfen. "Das klingt trotzdem nicht so furchterregend, wie du denkst. Dieser Vampir auf Slughorns Weihnachtsparty wirkte jedenfalls eher wie eine arme Wurst. Ich glaube nicht, dass so einer ernsthaft -"
"Aber Vampirbisse töten Hexen und Zauberer, statt sie zu verwandeln", sagte Hermine leise und plötzlich schob sich etwas in Harrys Gedanken an den richtigen Platz und rastete ein, ergab ein neues Bild.
"Die ganzen Toten -", krächzte er. Hermine nickte grimmig.
"Was auch immer dein Fenster öffnet, setzt dich einer großen Gefahr aus. Nach allem, was ich weiß, gibt es kein Gegenmittel und was auch immer in dieser Impfung war -" Sie unterbrach sich und blickte unglücklich auf die Zeitung, die von dem Stapel gerutscht war.
"Anscheinend gibt es eine grausame Nebenwirkung", sagte Harry und ein taubes Gefühl kribbelte auf seiner Zunge. "Und wir haben alle diese verdammte Impfung geschluckt."
Sie sahen sich wortlos an. Plötzlich klang Hogwarts nach einer großartigen Idee.
