Jaaah, wir sind zwei Und die ersten beiden Kapitel hat Laura gaaanz allein geschrieben..
Tja, und jetzt gibt's mehr Harry Und mehr Familie Potter .
Der 30.Lyn gewöhnte sich schnell bei Harry und Ginny ein. Am ersten Abend war sie sich noch ein wenig fehl am Platz vorgekommen, schließlich tauchte sie nicht immer eine gute Woche vor dem eigentlichen Termin auf, doch Harry und Ginny hatten sie so herzlich empfangen, als wäre ihre Ankunft nicht besonders ungewöhnlich gewesen.
Lyn schlief gut in dem neu hergerichteten Kinderzimmer und auf eine gewisse Art machte es sie stolz, das Zimmer als Erste bewohnen zu können, auch wenn es sich nur um wenige Tage handelte. Als sie am nächsten Morgen erwachte, stieg ihr noch bevor sie die Augen geöffnet hatte der Geruch von Pfannkuchen über Rührei bis hin zu frischem Kaffee in die Nase.
„So lässt es sich aushalten", nuschelte Lyn, als sie aus ihrem provisorischen Bett stieg. Noch ein wenig schlaftrunken suchte sie in ihrem Koffer nach dem Morgenmantel, der sich irgendwo unter sonstigen Klamotten und Schulsachen befinden musste. Gerade hatte sie den leichten Stoff gefasst, da klopfte es an der Tür.
„Ja?", rief Lyn und riss ruckartig den Morgenmantel heraus, wobei sowohl einige ihrer Schulbücher als auch mehrere Rollen Pergament herausflogen. Rasch richtete sie sich auf und im selben Moment öffnete sich die Tür.
„Ah, du bist schon wach", sagte Ginny und lächelte, „kann ich reinkommen?"
„Klar", sagte Lyn und bemühte sich, das Chaos hinter ihrem Rücken zu verbergen. Immerhin sollte nicht der Eindruck entstehen, als würde sie zum Dank für die Gastfreundschaft das Zimmer in Schutt und Asche legen.
„Eigentlich wollte ich nur kurz fragen, ob du runter frühstücken kommst", sagte Ginny, nachdem sie ein paar Schritte näher getreten war, „ich hab nämlich keine Lust allein zu frühstücken und du sicher auch nicht, oder?"
„Wo ist denn Harry?", fragte Lyn, „arbeitet er wieder im Ministerium?" Über die Ferien hinweg war ihr erst klar geworden, dass sie Harry von nun an sehr selten zu Gesicht bekommen würde. Immerhin hatte er nur ein Jahr die Vertretung für Tonks gemacht und soweit Lyn es aus Gesprächsfetzen seiner Freunde mitbekommen hatte, war er wohl ziemlich arbeitswütig.
„Nein, zum Glück noch nicht", antwortete ihr Ginny, „ich hoffe auch, dass es nicht so weit kommen wird." Sie grinste geheimnisvoll. Lyn verstand nicht, was sie ihr damit sagen wollte.
„Im Moment ist er bei Dumbledore", fuhr Ginny fort.
„Was macht er denn da?", fragte Lyn, nun sichtlich verwirrt.
„Tja, das weiß ich auch nicht." Trotzdem sah sie ziemlich glücklich aus. „Na ja, dann bis gleich, okay?"
Lyn schüttelte verwundert den Kopf, zog sich hastig den Morgenmantel über und hüpfte die Treppe herunter.
Auf der Terrasse fand Lyn Ginny wieder. Sie hatte bereits angefangen zu essen und hielt ein Marmeladenbrötchen in der Hand.
Lyn ließ sich auf einen der hölzernen Gartenstühle fallen und begutachtete die aufgetischten Speisen.
„Dobby legt sich noch mehr ins Zeug seit er weiß, dass wir Besuch haben", lachte Ginny, als sie Lyns Blick bemerkte.
„Da kann sich ja kein Mensch entscheiden", sagte Lyn und studierte den frischen Obstkuchen.
„Wem sagst du das? Ich hab keine Ahnung, was er an Harrys Geburtstag auftischen wird."
Lyn entschloss sich, einfach mal alles durchzuprobieren, und lud sich einen goldgelben Pfannkuchen auf den Teller.
„Sag mal, was ich jetzt nicht verstanden habe: Warum hoffst du, dass Harry nicht wieder anfängt zu arbeiten, weil er im Moment bei Dumbledore ist?", fragte Lyn schließlich.
Ginny grinste sie nur vielsagend an.
„Hast du einen blassen Schimmer, warum Professor Dumbledore Harry zu sich bestellen könnte?", fragte Ginny lächelnd und nippte an ihrem dampfenden Kaffee.
„Nein", sagte Lyn. Woher sollte sie das auch wissen?
„Eben, ich auch nicht", rief Ginny fröhlich, „aber Harry wäre wohl kaum da, wenn es sich nicht um ihn handeln würde. Und was sollte Dumbledore schon von ihm wollen? Ich meine, es kann sich ja nur um Hogwarts handeln."
„Du denkst, er wird Harry fragen, ob er noch ein Jahr unterrichtet?", fragte Lyn aufgeregt.
Ginny wiegte den Kopf.
„Zumindest hoffe ich das. Es wäre das Beste für Harry", meinte Ginny, „er war früher wirklich anders. Das Jahr in Hogwarts hat ihm gut getan. Du hast keine Ahnung, wie er als Auror drauf war." Sie seufzte.
„Emma und Claire haben mir erzählt, dass er ziemlich scharf darauf war, diese Bellatrix zu kriegen", sagte Lyn leise.
„Ja, das war so ziemlich das Schlimmste. Ich denke, jeder kann es nachvollziehen, dass er sie kriegen wollte. Du weißt ja sicher, dass sie damals seinen Paten ermordet hat. Klar, dass er sie in Askaban sehen wollte. Aber er hat sich phasenweise wirklich so da reingesteigert, dass ich ihn nicht wiedererkannt habe. Er hat nur noch gearbeitet – na ja, du hast ja im Winter mitbekommen, weshalb wir uns getrennt haben – "
„Bruchstückweise", antwortete Lyn. Ginny nickte.
„Auch wenn sie jetzt tot ist – es gibt noch genug von diesen Leuten, die er fangen will. Ich denke, Hogwarts tut ihm gut und vor allem tut es unserer Familie gut. Ich meine, was soll das Kind denn von seinem Vater halten? Nie daheim, wenn er dann tatsächlich mal da ist nur am arbeiten..."
„Na ja, aber so, wie ich Harry kenne, wird er wohl kaum sein eigenes Kind vernachlässigen", sagte Lyn und schenkte sich eine Tasse Kakao ein.
„Tut mir Leid, so hatte ich das auch nicht gemeint", warf Ginny schnell ein, „es ist nur so, dass – ach, ich weiß auch nicht. Jedenfalls ist er als Lehrer viel ausgeglichener, außerdem hat er geregelte Arbeitszeiten und ist wenigstens am Wochenende daheim. Das ist doch schon was, oder?"
Den restlichen Morgen verbrachte Lyn damit, auf der Schaukel zu sitzen und mit Ginny zu plaudern, die im Blumenbeet saß, Sonnenblumen pflanzte und Unkraut jätete.
„Sag mal, wo arbeitest du überhaupt?", fragte Lyn und drehte sich auf der Schaukel ein.
„Weasleys Zauberhafte Zauberscherze", antwortete Ginny ihr, „aber im Moment hab ich Urlaub. Ich kann Dobby einfach unmöglich hier allein alles machen lassen. Er sagt zwar, es macht ihm Spaß, aber wenn er sich auch noch um den Garten kümmern und die Geburtstagsvorbereitungen machen muss, schafft er das nicht mehr, egal, was er sagt. Außerdem hab ich einfach mal Lust, ein bisschen daheim zu sein. Wenn Harry schon daheim ist, soll es sich auch lohnen. Ich hoffe nur, Lorrain hat nicht den Laden in die Luft gejagt, bis ich wieder arbeiten komme." Sie lachte und strich sich mit der dreckigen Hand die Haare aus der Stirn. „Du kennst sie doch, oder?"
„Lorrain Miller?", fragte Lyn, „klar! Sie ist immerhin die Quidditch-Kapitänin."
„Und Vertrauensschülerin, so weit ich weiß. Keine Ahnung, wie Dumbledore auf die Idee kam", grinste Ginny.
„Ich find sie eigentlich ganz nett", meinte Lyn.
„Ja, ich auch. Trotzdem ist sie irgendwie verrückt. Aber sie bringt Fred und Georges Zeug gut an den Mann. Ich hatte ja schon eine Menge Aushilfen und Vertretungen, aber Lorrain ist mit Abstand die beste. Sie hat wenigstens Ahnung davon, was sie verkauft."
„Das kann ich mir gut vorstellen", stimmte Lyn ihr zu.
„Sie macht das erst seit den Osterferien, aber sie ist echt gut", lobte Ginny.
Lyn nickte nur und schaukelte leicht hin und her. Sie hatte seit Ewigkeiten nicht mehr geschaukelt, aber hier in Hogsmeade machte es ihr wirklich Spaß, auch wenn sie eigentlich schon längst aus diesem Alter raus war. Ihr Blick wanderte über die zahlreichen, kunterbunten Sommerblumen und blieb schließlich an dem kiesbestreuten Weg hängen, der sich durch den Vorgarten schlängelte und die Straße direkt mit dem Garten verband.
Unter der Birke sah sie Harry strahlend auf die Terrasse zukommen.
„Morgen", rief er fröhlich.
„Morgen ist gut", sagte Ginny mit einem Blick auf die Uhr, „Dobby ist schon am Herd und bereitet das Mittagessen vor." Sie stand auf und klopfte sich die erdigen Hände an der alten Jeans ab.
„Tja, ich hatte zu tun", verkündete Harry und gab Ginny einen Kuss.
„Dann lass mal hören", sagte Ginny und setzte sich neben der Schaukel ins Gras.
„Ich bin ein wichtiger Mann", ließ Harry vernehmen. Ginny verdrehte die Augen.
„Was wollte Dumbledore von dir?", fragte sie gespannt.
„So wie es aussieht, mag Tonks Lily so gern, dass sie dieses Jahr noch daheim bleiben will", sagte er, „also bleibe ich weiter ihre Vertretung." Er blickte stolz in die Runde.
„Das ist ja toll!", rief Ginny glücklich und sprang auf, „das ist einfach toll!"
„Find ich auch", meinte Harry, „und das finden die Schüler sicher auch!" Er grinste.
„Du bist ja so was von selbstgefällig, Professor Potter!", neckte ihn Ginny.
Die Tage verstrichen wie im Flug und schon bald hatte Lyn das Gefühl, dazu zu gehören. An den Nachmittagen saß sie am Terrassentisch und hatte ihr gesamtes Schulzeug ausgebreitet. Mit gelegentlicher Hilfe von Harry und Ginny erledigten sich die Hausaufgaben viel leichter, und auch Dobby, der ihr andauernd frische Cocktails oder Eis vorbei brachte, versüßte die lästige Arbeit.
Am Abend zuvor war Herbert plötzlich aufgetaucht und Lyn hatte schuldbewusst festgestellt, das sie ihn fast vergessen hatte. Auch ihm schien das nicht entgangen zu sein, denn er hatte sie vorwurfsvoll aus seinen Bernsteinaugen angeschaut und beleidigt mit dem Schnabel geklackert. Aber sie war froh über die Ankunft Herberts, denn so hatte sie die Möglichkeit, wieder Kontakt zu Emma und Claire aufzunehmen.
Nachdem sie den endlosen Aufsatz für Zaubertränke endlich beendet hatte, war es schon am dämmern. Harry saß neben ihr auf der Terrasse und war in ein Buch vertieft, das nun vom Licht einer Petroleumlampe beleuchtet wurde. Ginny war in der Küche und bereitete das Abendessen zu, denn es war Samstag und wie immer am Wochenende besuchte Dobby Winky in Hogwarts.
Lyn hatte den angefangenen Brief hervorgekramt und schrieb rasch die letzten Ereignisse auf, berichtete vom Streit mit ihrer Mutter und der Flucht zu Harry und Ginny. Auch Claire schrieb sie eine kurze Notiz, dass sie momentan in Hogsmeade war, damit ihre Eule Lyn auch in Zukunft finden würde.
In genau einer Woche würde sie die beiden wieder sehen, genauso wie Gabriel. Sie freute sich schon ziemlich auf das Wiedersehen. Zwar war es ganz nett bei Harry und Ginny, aber auch sehr ruhig, fast ein wenig idyllisch. Sobald Claire hier wäre, würde sich das schlagartig ändern. Beim Gedanken daran musste sie grinsen.
„Tja, wer hätte das gedacht", sagte Harry und ließ sein Buch auf den Tisch sinken.
„Was?", fragte Lyn geistesabwesend.
„Na ja, es hast sich so einiges geändert. Vor gut einem Jahr war ich Auror, hatte nie Zeit, war ständig unterwegs, hab alleine in einem Muggelort gewohnt", zählte Harry auf.
„Jetzt bist du Lehrer in Hogwarts, verheiratet, wohnst in Hogsmeade, bekommst bald ein Kind und isst mit der Tochter deines verhassten Cousins zu Abend. Schlimmer noch, sie wohnt sogar im Moment in deinem Haus", fuhr Lyn lachend fort.
Harry grinste.
„Nein, im Ernst, das ist schon eine gewaltige Veränderung, oder?"
„Natürlich. Aber schau dir mich an: bis vor einem Jahr hatte ich keinen blassen Schimmer davon, dass es so was wie Zauberer gibt und nun?"
„Du solltest den weltbesten Großcousin nicht vergessen", lachte Harry.
„Nein, in der Tat, das wäre undankbar", stimmte Lyn ihm zu.
Harrys Geburtstag rückte näher und Dobby geriet zusehends aus dem Häuschen. Er putzte stundenlang und die Küche hatte er so in Beschlag genommen, dass sich keiner mehr hinein traute. Harry widmete sich des öfteren der Unterrichtsvorbereitung, während Lyn und Ginny einfach gar nichts taten.
„Ihr seid ja so faul", rügte Harry sie, als sie am letzten Tag vor Harrys Geburtstag auf der Wiese saßen und eine Partie Koboldstein spielten.
„Nur weil du dir so toll dabei vorkommst, wenn du hier rumsitzt und so tust, als würdest du ach so schwere Arbeit erledigen, heißt das nicht, dass es uns allen so geht", meinte Ginny halblaut und konzentrierte sich mit zusammengekniffenen Augen auf Lyns Spielzug.
„Jetzt werd aber nicht frech", rief Harry und drohte den beiden mit erhobenem Zeigefinger.
„Pssscht", machte Ginny, „ich versuche zu gewinnen!" Lyn ließ sich in das weiche Sommergras fallen. Sie hatte festgestellt, dass Ginny einige Zeit brauchte, um sich zu entschließen. Leider nützte auch das nichts, denn Lyn gewann in letzter Zeit immer häufiger.
„Willst du nicht mal was vorbereiten?", fragte Harry weiter.
„Was denn? Dobby macht doch schon alles", sagte Ginny, „und vor allem ist es ja dein Geburtstag."
„Eben", meinte Harry genüsslich.
„Ich bin schwanger", sagte Ginny, als würde das die Sache klären, „sei du mal schwanger, dann reden wir weiter. Lyn, du bist dran."
Lyn richtete öffnete die Augen und das erste, was sie sah, war eine riesige schwarze Schleiereule, die direkt auf sie zusteuerte.
„Ein Brief von Emma", rief sie erfreut und sprang auf. Wenige Augenblicke später hielt sie das dichtbeschriebene Stück Pergament in Händen.
Hallo Lyn,
das ist ja echt toll, dass du bei Harry und Ginny bist. Aber hast du deinen Eltern wenigstens mal Bescheid gegeben, dass du gut angekommen bist? Ich weiß, du findest sie schrecklich, allerdings machen sie sich sicherlich trotzdem riesige Sorgen!
Lyn schnaubte. Ihre Mum hatte nicht mal einen ernsthaften Versuch unternommen, sie aufzuhalten, wieso sollte sie sich dann Sorgen machen?
Harrys Geburtstag wird sicher spitze! Mum sagt, du kannst danach mit zu uns in den Fuchsbau kommen. Claire wollte ja auch kommen, aber ihre Eltern wollen wie jedes Jahr Urlaub in Marseille machen, und da muss sie mit. Ich weiß auch nicht, was hier los wäre, wenn Claire auch noch kommen würde. Du weißt ja, wie sie ist, wahrscheinlich würde sie Sirius und James auch noch Tipps oder so geben. Dann würde Mum in die Luft gehen. Sie ist eh schon ganz durch den Wind und Dad ist ziemlich überfordert mit der ganzen Sache. Ich glaube, er ist im Gegenteil zu Mum froh, wenn die beiden endlich in Hogwarts sind. Ich weiß nur nicht, was ich davon halte. Wahrscheinlich kommen sie nach Gryffindor und dann habe ich sie den ganzen Tag am Hals. Da wird sich ja keiner um Ruhe und Ordnung kümmern. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie Hogwarts schon in der ersten Woche in die Luft jagen. Irgendwas stellen sie ja immer an, und ohne Mum sind ihnen gar keine Grenzen mehr gesetzt.
Bis zu Harrys Geburtstag dann,
Emma
Lyn konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Es passte einfach zu Emma, sich schon im vornherein den Kopf über ungelegte Eier zu zerbrechen. Natürlich würde sich irgendjemand darum kümmern, dass die Zwillinge nicht zu viel Schaden anrichteten und sogar Lorrain würde etwas sagen, wenn sie den Gemeinschaftsraum in Brand stecken würden.
Allerdings freute sie sich schon auf den Fuchsbau. Es war zwar schön bei Harry und Ginny, aber der Fuchsbau war schon etwas anderes.
Am Morgen darauf wurde Lyn vom hektischen Rumgetrappel der Hausbewohner unsanft aus dem Schlaf gerissen. Es war schon spät, aber in dem gemütlichen Backsteinhaus schlief Lyn eindeutig besser als daheim. Sie zog die warme Daunendecke über ihren Kopf, aber schon bald hatte sie festgestellt, dass dies sinnlos war. Also stolperte sie schlaftrunken die Treppe hinunter.
Schon bevor sie überhaupt das Wohnzimmer erreicht hatte, hörte sie Harrys Stimme rufen:
„Wir müssen was vorbereiten!"
„Was denn? Dobby hat doch schon alles gemacht."
„Aber wir müssen doch irgendwas tun! Ich komm mir so nutzlos vor."
„Harry, jetzt lass aber mal gut sein! Die Tische decken können wir auch noch später", sagte Ginny entnervt.
„Heute ist mein Geburtstag und ich tue nichts! Ich geh nach draußen dekorieren."
Lyn hörte, wie die Terrassentür zuschlug. Gähnend lief sie weiter in Ginnys Richtung.
„Morgen", sagte sie und ließ sich am Küchentisch nieder.
„Morgen", sagte Ginny, „Harry ist draußen am dekorieren."
„Ich hab's gehört." Ginny verdrehte die Augen.
„In letzter Sekunde macht er noch einen Riesenwind. Und überhaupt, er kann gar nicht dekorieren", meinte sie.
Nachdem Lyn ein riesiges Stück Obstkuchen verputzt hatte, beschloss sie, dass es nun an der Zeit war, Harry zu gratulieren.
Als sie in den Garten trat, fiel ihr als erstes ein riesiger bunter Luftballon ins Auge. Mitten in einem Blumenbeet stand Harry und musterte fachmännisch die Bäume.
„Da könnte noch einer hin", murmelte er leise, machte drei Schritte vorwärts und ließ einen schillernden meerblauen Luftballon aus der Spitze seinen Zauberstabes steigen, den er am Apfelbaum befestigte.
„Und jetzt noch ein wenig Girlanden", fuhr Harry fort, und Lyn wollte seinen Monolog lieber nicht unterbrechen. Es sah einfach zu komisch aus, wie Harry quer durch den Garten tigerte und aufs Geratewohl irgendwelche Dekorationen befestigte.
Mit einem lauten Zischen flogen ein paar unförmige Girlanden aus dem Zauberstab und fielen zusammengeknüllt auf einen Klumpen in eine Astgabel.
„Happy Birthday, Harry", nuschelte er zerknirscht und ließ sich auf die Schaukel fallen.
„Das wollte ich auch gerade sagen", bemerkte Lyn und trat ein paar Schritte näher, „alles Gute zum Dreißigsten!"
Harry schaute auf und grinste sie an.
„Wie lange stehst du schon da?", fragte er belustigt.
„Lange genug um Mitzubekommen, dass deine Frau Recht hat und du unfähig bist zu dekorieren", meinte Lyn.
„Danke für die Blumen", sagte Harry und begutachtete sein Werk, „ich gebe ja zu, dass es kein Meisterwerk ist, aber so schlimm ist es doch wirklich nicht."
Lyn ließ ihren Blick über die zwei großen Luftballons und den Girlandenhaufen schweifen. Das eine wie das andere sah irgendwie fehl am Platz aus.
„Übung macht den Meister", ermunterte Lyn ihn, doch Harry hatte daraufhin nur ein knappes „Na das wollte ich hören!" zu erwidern.
„Ich helf dir", bot Lyn an.
„Und du denkst, du hast von so was Ahnung?"
„Na ja, viel schlimmer kann es ja nicht kommen, oder?"
Tatsächlich hatte es Harry mit Lyns Hilfe bis zum Mittag geschafft, den Garten in einen angenehmen Festplatz zu verwandeln.
Sie hatten die Girlanden quer durch den Garten gespannt und die Luftballons vermehrt auftauchen lassen, ebenso hatten sie die Bäume mit Lampions behangen und mehrere Holztische auf der Wiese aufgebaut. Wie auch schon an den Tagen zuvor hätte das Wetter besser nicht sein können und so hatten Harry und Lyn beschlossen, dass man den Kuchen sowie das Abendessen zwischen den Lilien und der Birke aufbauen konnte, wo es vor allzu viel Sonne geschützt war.
Gerade waren sie dabei, die Sommertischdecken auf den Tischen zu verteilen, als Ginny nach draußen kam.
„Wow, das habt ihr aber gut hingekriegt!", rief sie und stieß einen anerkennenden Pfiff aus.
„Da siehst du mal", sagte Harry stolz und kratzte sich den Hinterkopf, „ich bin gut im Vorbereiten und Dekorieren und so!"
„Womit du eindeutig Recht hast", pflichtete Ginny ihm bei, zwinkerte Lyn jedoch zu.
„In ein paar Stunden kommen die ersten Gäste, davon kann man sich doch nicht überraschen lassen!", sagte Harry altklug und ließ sich auf der Schaukel nieder.
Im Laufe des Nachmittags trudelten eine Menge Leute ein, an die sich Lyn zwar vage von der Hochzeit erinnerte, die sie aber trotzdem nicht einordnen konnte. Sie wartete gespannt auf die Ankunft von Emma und Claire, während sie die kleine Rosemarie anschaukelte.
Es war kurz nach fünf, als Lyn im Vorgarten einen ganzen Haufen Rothaariger wahrnahm, darunter viele kleine Kinder, die einen Höllenlärm machten und schließlich in den Garten sprangen.
„Liv!", quietschte Rosemarie und sprang von der Schaukel.
„Emma!", schrie Lyn und stürzte auf Emma zu.
„Hallo Lyn!", rief diese erfreut und schlang die Arme um Lyn. Wenige Minuten später, als Lyn die gesamte Familie Weasley ausgiebig begrüßt hatte, klingelte es erneut. Erst einmal, dann ein zweites Mal. Harry bemühte sich einen Weg durch die Gästeschar zu finden, aber bevor er überhaupt bis ins Haus vorgedrungen war, hörte Lyn eine Stimme, die rief:
„Was ist das hier eigentlich für ein Saftladen? Nicht mal die Tür kriegt man aufgemacht!"
„Claire", seufzte Emma, noch bevor sie sich überhaupt umgewandt hatte.
„Claire!", rief auch Lyn, allerdings weitaus erfreuter.
Die drei Mädchen suchten sich ein wenig abseits von all dem Rummel ein Fleckchen Wiese, das frei war.
„Und du bist einfach von daheim abgehauen?", fragte Claire.
„Klar, was hätte ich denn sonst tun sollen?", fragte Lyn.
„Gut gemacht", sagte Claire anerkennend, „und dann hast du hier gewohnt?"
„Das weißt du doch", mischte sich Emma ein.
„Aber ich will es noch mal live hören."
„Also, ich fand es echt gut von Harry und Ginny, dass sie mich so ohne weiteres aufgenommen haben", meinte Lyn dankbar.
„Was hätten sie denn sonst tun sollen?", fragte Claire theatralische und spießte ein Stück ihrer Sahnetorte auf, „Mann, dieser Kuchen ist einfach eine Wucht!"
„Dobby stand tagelang in der Küche", erklärte Lyn. Emma schnalzte mit der Zunge.
„Was denn, er wird bezahlt und hat freie Wochenenden", sagte Lyn nur.
„Harry und Ginny haben ja wohl wirklich genug Zeit für den Haushalt, oder?", fragte Emma.
„Also momentan schon. Aber was ist nach den Ferien? Harry und Ginny arbeiten beide, dann auch noch das Baby – "
„Welches Baby?", schrie Claire.
Lyn schaute verwundert von Emma zu Claire. Claires Miene war entsetzt, Emma schaute sie fragend an.
„Harry ... und ... Ginnys ... natürlich", sagte sie stockend.
„Sie kriegen ein Baby?", flüsterte Claire entgeistert, „WARUM ZUM TEUFEL SAGT MIR NIEMAND BESCHEID!"
„Wir haben fest mit dir gerechnet", sagte Caren Martin, eine ehemalige Kollegin Harrys.
„Na ja, ich hab auch damit gerechnet, dass ich dieses Jahr wieder in der Aurorenzentrale sein werde. Es kam ziemlich überraschend", meinte Harry. Er saß zusammen mit Caren, Julian Whallaby und Susan an einem der kleinen Tischchen. Selten stellte er fest, dass er sie alle doch sehr vermisste, aber gerade war es wieder soweit. Wie oft hatte er zusammen mit Susan Nachtschichten geschoben, wie oft hatte er mit Julian Überstunden in Pubs abgefeiert und wie oft war er mit Caren tagelang gemeinsam auf Einsätzen gewesen? Das alles waren Erlebnisse, die verbanden, und nun war er froh, wenn er die drei überhaupt noch mal zu Gesicht bekam.
„Tonks ist einfach unmöglich", bemerkte Julian, „erst haut sie selbst ab und dann musst du sie auch noch ein Jahr länger vertreten. Das ist einfach ein Unding!"
Harry sah zu Lupin und Tonks herüber, die zusammen mit der winzigen Lily die Frösche im Teich beobachteten. Er konnte gut verstehen, dass Tonks gern noch ein Jahr daheim bleiben wollte, außerdem freute es ihn nicht minder, ein weiteres Jahr Lehrer zu sein, obwohl er natürlich seine Kollegen vermisste.
„Na ja, wir haben ja Zeit", meinte Susan fröhlich, „egal, ob du jetzt noch dieses eine Jahr in Hogwarts bist, du bist ja nicht aus der Welt. Und wir genauso wenig, wenn du wieder in die Aurorenzentrale kommst."
Harry nickte. Sie hatte eindeutig Recht.
„Hoffen wir's", sagte Caren.
„Schwarzseherin!", lachte Susan. Caren zuckte nur die Achseln.
„Warum beim Barte des Merlin", hörte Harry eine aufgebrachte Stimme hinter sich, „wird mir hier alles als Letzte erzählt?"
Harry sah sich um und blickte in das zornverzerrte, rote Gesicht Claires.
„Was meinst du?", fragte er verdattert.
„Ich bekomme einen Cousin oder eine Cousine oder weiß der Teufel was und mir sagt's keiner!", rief Claire.
„Oh", sagte Harry, „also hör mal, Claire, wir hätten dir's schon noch gesagt. Aber das hier ist ja jetzt die erste Gelegenheit. Wir wissen es ja auch noch nicht so lange", versuchte Harry sie zu beruhigen. Claire zog eine Augenbraue hoch.
„Ach?", sagte sie dann. Harry stellte beunruhigt fest, dass sämtliche Gespräche rund um ihn herum verstummt waren.
„Tut mir Leid", nuschelte Harry. Er kam sich reichlich dumm dabei vor, sich bei einer Elfjährigen zu entschuldigen, aber sie würde ja ohnehin keine Ruhe geben, bis er es getan hatte.
„Das ist einfach genial!", schrie Claire dann, „ich bekomme noch eine Cousine oder einen Cousin oder weiß der Teufel was!"
„Mir war's ja klar, dass das alles irgendwann mal kommen würde, aber so Knall auf Fall – Respekt, Junge!", rief George und klopfte ihm auf die Schulter.
„Das ist ganz praktisch", sagte Hermine sachlich, „dann ist das Baby nicht viel jünger als Adam und die beiden können zusammen spielen, das macht die Sache erheblich leichter."
„Meine Güte, Hermine, deine Einstellung möchte ich haben. Nicht, dass du sagst: Harry, wie nett für dich, dass du auch bald so ein süßes, kleines, leises, gut erzogenes, anständiges, braves Etwas am Hals haben wirst, nein, du beziehst alles auf deine persönliche Erholung", sagte Fred. Hermine seufzte.
„Fred, du sprichst von Dingen, von denen du absolut keine Ahnung hast", belehrte Hermine ihn.
„Das kannst du glauben", stimmte Ron zu und schaute hinunter zu Adam, der friedlich in seinem Kinderwagen schlummerte.
„Sonst ist ja kein Kind in seinem Alter", stellte Hermine fest.
„Fragt sich bloß wie lange noch", meinte Susan und nahm einen Schluck von ihrem Butterbier.
„Mädchen, trink doch mal was richtiges, das da ist doch nichts Halbes und nichts Ganzes!", dröhnte Oliver Wood vom Nebentisch und schwenkte eine Rumflasche durch die Luft, woraufhin er ein strenges „Oliver!" von Norah zu hören bekam.
„Ist doch so, den ganzen Abend süffelt sie ihr Butterbier", empörte sich Oliver.
„Es kann sich halt nicht jeder so gehen lassen!", bemerkte Parvati spitz.
„Hör nicht drauf, was die sagen, sondern schütt mir noch was ein", meinte Dean. Parvati schnalzte mit der Zunge, erhob sich und drehte ihrem Mann empört den Rücken zu.
„Frauen", murmelte Dean und kippte seinen Rum mit einem Schluck runter. Ron prustete gehörig in sein Bier.
„Klar, wenn Harrys und Ginnys Baby erst da ist, dann wird sich das wohl ändern", sagte Hermine, die sämtliche Einwürfe ignoriert hatte.
„Wer weiß, vielleicht wird es da noch mehr Spielgenossen geben. So allein zu zweit ist doch irgendwie langweilig, oder?", sagte Susan.
„Na da will sich aber jemand ranhalten", entfuhr es Lee Jordan am Nebentisch.
„Vielleicht hat sich da schon jemand rangehalten", meinte Susan und schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln.
„Und da soll noch einer sagen, die Geburtenrate sei zu niedrig", sagte Lee und stand auf, um Oliver bei seiner Privatparty Gesellschaft zu leisten.
Aber Harry freute es für Susan und er hoffte aufrichtig, dass sie nicht noch einmal so eine herbe Enttäuschung einstecken würde. Doch wie sie ihm ein wenig später versicherte, sah alles bestens aus. Im Gegensatz zur ersten Schwangerschaft hatten sie und Justin mehrere Termine im St. Mungo vereinbart, um sicher zu gehen, dass mit dem Baby alles in bester Ordnung war und bis jetzt hatte man noch nichts negatives feststellen können.
„Das ist einfach toll, Susan!", sagte Harry begeistert.
„Ich weiß", sagte sie grinsend und trank den Rest ihres Butterbiers aus.
„Das mit dem Baby ist absolut genial", verkündete Claire.
„Mit welchen genau?", fragte Lyn abwesend. Sie beobachtete schon seit einiger Zeit die Glühwürmchen, die sich in den äußersten Winkel des Gartens aufhielten.
„Mit beiden! Ich liebe Kinder einfach und die Kinder lieben mich!", rief Claire. Emma seufzte.
„Und wie wird das bei euch jetzt laufen?", fragte Harry. Schon den ganzen Abend ging er von Tisch zu Tisch, um sich für jeden seiner Gäste genügend Zeit zu nehmen. Gegen elf Uhr hatte es ihn zu Lupin und Tonks verschlagen, und nun hielt er die schlafende Lily im Arm. Während sie so vor sich hinsabberte, merkte Harry, wie er begann, Ginnys Schwangerschaft zum ersten Mal so wirklich zu realisieren. Natürlich hatte er sich gefreut, aber dass er in absehbarer Zeit Vater sein würde konnte er noch gar nicht fassen.
„Was meinst du?", fragte Lupin und runzelte die Stirn. Im Schein der Lampions sah er um einige Jahre jünger aus.
„Na ja, ich meine, du bist ja eigentlich nicht arbeiten gegangen, sondern hast die Selbsthilfegruppe geleitet. Das war ja eher so ehrenamtlich", sagte Harry, der Lupin keinesfalls zu nahe treten wollte.
„Hat Hermine dir nicht davon erzählt?", fragte Tonks.
„Nein, was denn?", erkundigte Harry sich.
„Seit ein paar Wochen arbeite ich im Werwolf-Unterstützungsamt in der Zauberwesen-Behörde. Hermine hat mir da eine Stelle beschafft und ich muss sagen, dass es mir besser gefällt, als ich gedacht hatte", erwiderte Lupin grinsend.
„Ich frage Dad ja andauernd, ob er mir auch was von seinem Feuerwhiskey abgibt, aber er will ja einfach nicht", sagte Gabriel und blickte sehnsüchtig auf die gläsernen Flaschen, die sich auf dem Tisch türmten, um den sich mittlerweile außer Dean Thomas und Oliver Wood auch noch die Weasley-Zwillinge, Harry und Seamus drängten. Offenbar hatten sie beschlossen, die Feier in vollen Zügen zu genießen.
„Was ein Glück, ich will nicht wissen, wie du nach diesem Whiskey drauf bist", lachte Dylan. Gabriel schnitt eine Grimasse.
„Schlimmer kann es doch eigentlich nicht werden, oder?", behauptete Claire und knuffte Gabriel in die Seite. Dieser zuckte nur die Schultern.
„Ich will nur nicht hoffen, dass das ganze so ausgeht wie auf der Hochzeit", meinte er beunruhigt.
„Jaaah, das Geschwisterchen lauert in der Ecke, kannst du's noch nicht sehen?", fragte Dylan mit einer Stimme, die Lyn einen schlechten Horrorfilm-Erzähler erinnerte.
„Der einzige Unterschied ist, dass Harry diesmal mitmacht", sagte Lyn mit einem Blick auf Harry, vor dem mit Abstand die meisten leeren Flaschen standen.
