5 Jahre später…
Arya
Staunend betrachtete sie sich im Spiegel. Sie trug die Gesichter nun zwar schon eine ganze Weile, trotzdem kam es ihr immer noch wie ein Wunder vor.
„Es dauert lange bis man sich daran gewöhnt." Sie zuckte zusammen, obwohl sie ihr Gehör in den letzten Jahren geschärft hatte, hörte sie nie, wie der Priester näher kam.
„Wer bist du?"
„Niemand." Sie konnte nicht mehr sagen, wie oft er sie das in den letzten fünf Jahren gefragt hatte.
„Du lügst, aber immerhin lügst du besser als am Anfang." Sie war Arya Stark und das würde sich auch niemals ändern. Das hieß aber nicht, dass sie dem Gott nicht auf ihre Weise dienen konnte.
„In der Zeit, in der du bei uns warst, hast du viel gelernt, doch ein Teil wird nie ganz zu uns gehören." Die Richtung in die das Gespräch geriet, gefiel ihr gar nicht.
„Ihr wollt mich wegschicken?"
Er seufzte. „Du hast von uns alles gelernt, was für dich wichtig ist und ich weiß, dass du nicht für ein Leben das zum Größtenteil aus beten besteht, geschaffen bist." Da hatte er zwar Recht, trotzdem wollte sie nicht gehen.
„Wo soll ich denn hin? Das Haus von „Schwarz und Weiß" ist meine einzige Zuflucht."
„Genau darüber wollte ich mit dir sprechen. Die Stadtverwaltung sucht jemand neutrales für einen Auftrag und wer wäre dafür wohl besser geeignet, als jemand aus dem Haus von „Schwarz und Weiß"?"
„Was für ein Auftrag?"
„Königsmund schuldet der eisernen Kasse von Braavos 10'000 Golddrachen."
„Und warum brauchen sie dann dafür jemanden von uns? Können sie nicht einfach einen Abgeordneten schicken?" Wieder seufzte der Priester.
„Es ist so… Der Gott mit den vielen Gesichtern verlangt ein Opfer, ein sehr großes Opfer." Sie wusste nicht, worauf er hinaus wollte.
„Seid König Joffrey mündig geworden ist, kann ihn niemand mehr bremsen." Joffrey,
bereits bei dem Gedanken an ihn musste sie einen Wutschrei unterdrücken. Ihr war es sogar lieber, das ihre Schwester den Zwerg geheiratet hatte und nicht diesen elenden Bastard.
„Er hat einen unserer Männer getötet." Entgeistert sah sie den gütigen Mann an.
„Warum zum Teufel hat er das getan?" War er denn jetzt von allen guten Geistern verlassen? Wenn es eine Stadt gab, die man nicht zum Feind haben wollte, dann war es Braavos.
„Anscheinend hat er Gefallen an den Gesichtslosen Männern gefunden und da niemand von unseren Leuten ihm dienen will, möchte er herausfinden, wie man die Gesichter wechselt."
„Also wollt Ihr, dass ich König Joffrey töte." Der Gedanke gefiel ihr, doch es war kein leichtes Unterfangen.
„Das wäre wahrscheinlich die einzige Lösung, wie man einen Krieg zwischen Braavos und Königsmund verhindern kann. Durch die Schulden der Königskasse brodelt es schon seit Jahren, aber der Mord an einem Gesichtslosen Mann? Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Als Abgeordnete der Bank von Braavos hast du die beste Tarnung."
„Wann soll ich los?"
„Sofort, das Schiff legt in zwei Stunden ab."
Bereits eine Viertelstunde später stand sie mit einer großen Reisetasche vor dem Priester. Als Novizin hatte sie eigentlich alle ihre Besitztümer hinter sich lassen müssen, doch Nadel hatte sie in den letzten fünf Jahren sicher verwahrt und nun wieder hervorgeholt. Das Meiste in der Tasche waren Kleider, denn im Norden herrschte tiefer Winter und es würde bitterkalt sein.
„Ich fürchte, das wird ein längerer Abschied. Auch wenn du nicht unbedingt alle Kriterien des vielgesichtigen Gottes erfüllst, bist du doch eine sehr gute Dienerin geworden." Er lächelte sie mit demselben gütigen Lächeln an, mit dem er sie damals aufgenommen hatte. Auch die Heimatlose kam um sich zu verabschieden. Sie umarmten sich schweigend, keine von ihnen sagte etwas.
„Du wirst diese Bürde nicht alleine tragen müssen", sagte der gütige Mann, nachdem sie sich von der Heimatlosen getrennt hatte. „Ein alter Freund erwartet dich bereits auf der Sommerregen."
Sie drehte sich noch einmal zu dem Gebäude um, das in den letzten fünf Jahren ihre Zuflucht und ihr Zuhause gewesen war. Dann drehte sie sich um und ging, mit gemischten Gefühlen Richtung Hafen. Sie freute sich zwar darauf, endlich Rache üben zu können, doch sie wusste nicht genau, was sie erwarten würde… Außerdem fragte sie sich, welchen alten Freund der gütige Mann wohl gemeint hatte.
Zumindest diese Frage wurde geklärt als sie die Sommerregen
betrat. Diesen roten Haarschopf mit den weißen Strähnen hätte sie schon aus einer Entfernung von zehn Meilen erkannt.
„Jaqen!" Ohne auch nur einmal an ihre Ausbildung zu denken, rannte sie quer über das ganze Deck und fiel ihm um den Hals. Es tat so gut, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Lachend hielt er sie einen Moment fest und setzte sie dann ab.
„Du bist groß geworden." Tatsächlich war sie in den letzten fünf Jahren einige Zentimeter gewachsen, doch sie war immer noch kleiner als die meisten anderen Sechzehnjährigen. Sie musterte auch ihn, sein Gesicht hatte sich soweit sie erkennen konnte, kein bisschen verändert. Sie hatte keine Ahnung, ob das hier sein wahres Gesicht war oder nur eines der vielen, das würde sie ihn einmal danach fragen. Zumindest trug sie, im Moment, wieder ihr angeborenes Gesicht. So fühlte sie sich am Wohlsten.
Jaqen
Er konnte seine Augen kaum von ihr wenden, als er sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie ein Mädchen gewesen, nun war sie unbestreitbar eine Frau. Ihr Körper hatte weibliche Rundungen bekommen und ihr Gesicht war reifer geworden. Ihr braunes Haar, das sie früher kurz getragen hatte, war nachgewachsen und fiel ihr in sanften Wellen über die Schultern.
„Wo warst du in den letzten Jahren?", neugierig sah sie ihn an.
„An vielen Orten… Lys, Tyrosh… Hauptsächlich in den freien Städten."
„Und was hast du dort gemacht?" Sie war immer noch genauso neugierig wie damals.
„Aufträge ausgeführt." Früher hätte sie ihn wahrscheinlich gefragt, um was für Aufträge es sich gehandelt hatte, doch nun war sie immerhin so taktvoll und fragte nicht weiter.
„Willst du vielleicht erst einmal dein Gepäck verstauen?" Er deutete auf ihre Reisetasche.
„Gar keine schlechte Idee." Als er ihr ihre Kabine zeigte, kam ihm das alles wie ein Déjà-vu vor. Zumindest schlief sie diesmal nicht ein sondern kam mit ihm wieder an Deck. Mittlerweile hatten sie abgelegt und entfernten sich Meter für Meter von der Küste. Unbehagen machte sich in ihm breit, wenn er daran dachte, was sie nun erwartete.
