Anmerkung: Liebe Leser, es tut mir wahnsinnig Leid, dass ich euch erneut so lange habe warten lassen. Ich hatte in den vergangenen Wochen leider kaum eine freie Minute, was das Schreiben erheblich erschwert hat. Ich hoffe, das Warten hat sich wenigstens ein bisschen gelohnt. Viel Spaß beim Lesen und herzlichen Dank für eure Rückmeldungen!
verbrennen, von innen
iii || lodern
Als Charlie aufwacht, malt die Flamme der Kerze, die auf seinem Nachttisch steht, wilde Schatten an die Zeltwand. Er gähnt leise, schüttelt den Kopf und versucht, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben. Die Nacht (und der vorherige Tag, auch wenn er es sich nicht gerne eingesteht) steckt ihm noch in den Knochen und soweit er erkennen kann, ist es draußen auch noch nicht vollständig hell geworden. Dank einiger sorgsam platzierter Zauber ist es angenehm warm im Zelt, aber Charlie zwingt sich selbst dazu, unter der Decke hervorzukriechen, die Plane am Eingang beiseite zu schlagen und die kalte Morgenluft hereinzulassen. Immerhin wird sie hoffentlich die Träume vertreiben, die in seinem Kopf herumfliegen.
Müde fährt sich Charlie mit einer Hand durch die wirr abstehenden Haare, schwenkt den Zauberstab und sieht zu, wie eisiges Wasser in seine Waschschüssel regnet. Er bekommt Gänsehaut vom Waschen, aber er beißt die Zähne zusammen und lässt es über sich ergehen, weil er aus Erfahrung genau weiß, dass er hinterher zumindest ein wenig wacher sein wird. Er arbeitet mit gefährlichen Drachen, Merlin nochmal, da ist es wichtig, die Augen offen halten zu können.
Während Charlie seine Schlafsachen gegen Arbeitskleidung wechselt, scheinen draußen mindestens fünfzehn seiner Kollegen bereits auf den Beinen zu sein. Mihai brüllt irgendwas so schnell auf Rumänisch, dass Charlie kein Wort verstehen kann, aber Barbu antwortet laut und gemächlich, also ist offenbar alles in Ordnung. Die Uhr zeigt halb sieben und der Himmel ist hellgrau, während er darauf wartet, dass endlich die Sonne aufgeht.
Beim ersten Schritt aus seinem Zelt heraus prallt Charlie beinahe mit seinem Chef zusammen. „Da bist du ja", stellt Mihai fest und sein Tonfall lässt Charlie verwirrt die Stirn runzeln. „Morgen", sagt er, „Stimmt etwas nicht? Ist mit dem Eisenbauch alles in Ordnung oder hat er wieder randaliert?" Mihai winkt ab und setzt gerade zu einer Antwort an, als Iancu schimpfend und fluchend auf sie zukommt. „Und?", will Mihai wissen und Iancu, der die Pflege und Aufzucht der Langhörner betreut, verzieht grimmig das Gesicht. „Nichts", spuckt er regelrecht aus und verschränkt die Arme vor dem breiten Oberkörper.
Er ist groß, mit zottigen, schwarzen Haaren, grauen Augen und einem Kreuz, hinter dem Charlie sich verstecken könnte, wenn er wollte. Iancu hat schwielige Hände und Unterarme voller Brandmale, die zeigen, dass er keine Gefahr scheut, wenn es um seine Arbeit geht. Und Charlie kennt ihn lange genug, um zu wissen, dass irgendetwas nicht nach Plan verlaufen ist, wenn Iancu bereits morgens um halb sieben so aussieht, als wäre seine Frühstücksmilch sauer gewesen, wo ihn doch sonst nicht einmal eine Meute feuerspuckender Langhörner dazu bringen kann, seine gute Laune zu verlieren.
Charlie seufzt leise auf, starrt in den Morgenhimmel und hat das Gefühl, dass er es vielleicht gleich bereuen wird, wenn er erfahren wird, was die Ruhe im Lager gestört hat. „Okay", sagt er betont heiter, „Was ist eigentlich los? Alle rennen herum, obwohl es viel zu früh ist, und ihr Zwei macht auch nicht gerade den Eindruck, als hättet ihr eine angenehme Nacht und ein ausgiebiges Frühstück hinter euch. Und soweit ich mich erinnern kann, war keiner von euch für die Nachtwache eingeteilt. Also?"
Iancu starrt ihn an und vergräbt seine riesigen Hände in den Hosentaschen. „Die Antwort wird dir nicht gefallen", meint er schließlich und blinzelt zu Mihai, der mit stoischer Gelassenheit an Charlie vorbei in Richtung Wald sieht. „Sei ruhig", verlangt Mihai mit rauer Stimme und weil er schließlich der Chef ist, verstummt Iancu, zuckt die Achseln und schlendert weiter. Charlie dreht sich leicht nach rechts, um Mihai besser anschauen zu können. „Was ist los?", wiederholt er, „Ich finde es sowieso raus, ob du es mir sagst oder nicht. Und ich könnte helfen, wenn ich wüsste, was passiert ist."
Mihai stößt einen rumänischen Fluch aus, den Barbu Charlie an seinem dritten Tag im Lager beigebracht hat und obwohl nichts darauf hindeutet, dass dieser Tag ein guter werden kann, muss Charlie bei der Erinnerung unweigerlich grinsen. „So schlimm kann's gar nicht sein", versucht er, seinen Chef zum Reden zu bewegen, „Der Eisenbauch hat nicht randaliert und unsere übrigen Drachen sind doch eigentlich im Moment recht friedlich. Welche Laus ist dir also über die Leber gelaufen? Und sag bitte bl0ß nicht, dass Ollivander mit weiteren Wünschen bei dir aufgetaucht ist. Falls ja, dann kann ihn nämlich gerne ein Anderer herumführen."
Mihais finsterer Blick bringt Charlie innerhalb einer Sekunde zum Schweigen. Charlie legt die Stirn in Falten, verschränkt die Arme vor dem Oberkörper und blinzelt scheinbar unbeteiligt nach oben in den Morgenhimmel. Wenn Mihai etwas von ihm will, dann wird er ihm früher oder später mitteilen müssen, was passiert ist. Und wenn Mihai keine besonderen Aufgaben für Charlie hat, ist das auch in Ordnung, dann kann er sich wenigstens mit etwas beschäftigen, was einen lebendigen Drachen beinhaltet. Wäre eine hübsche Abwechslung zum gestrigen Tag, findet Charlie.
„Naja", beginnt Mihai mit einer Stimme, die keine Widerworte zulässt, „mit Ollivander hat es indirekt zu tun. Er wünscht keine weiteren Körperteile von Drachen, falls du das befürchtet hast. Er wünscht nur, seinen Lehrling wieder zu bekommen." Charlie glaubt, sich verhört zu haben. Es gibt gar keine andere Erklärung. Vorsichtshalber lässt er die Augen nach oben gerichtet, während er beherrscht nachhakt. „Wie bitte? Seinen Lehrling? Den Todesserjungen? Hat Ollivander ihn verloren, oder was? Er sollte lieber froh sein und schleunigst abreisen. So eine Möglichkeit bietet sich bestimmt kein zweites Mal."
„Noch so einen Spruch", knurrt Mihai, „und du steckst in Schwierigkeiten. Ich meine es ernst, Charlie. Ich kann verstehen, dass dich der Krieg mitgenommen hat und dass du um deinen Bruder trauerst und lass mich ausreden, verdammt nochmal!" Charlie schließt überrascht den Mund, als sein Chef ihn wütend anfunkelt. „Aber das alles gibt dir nicht das Recht, über einen Jungen zu urteilen, den du überhaupt nicht kennst. Während er und Ollivander hier sind, wirst du deine Vorurteile schön in deinem Zelt lassen, verstanden? Der Junge hat dir nichts getan. Nichts. Und du behandelst ihn derart schlecht, dass sich deine Kollegen schon wundern, was in dich gefahren ist, weil der gut gelaunte Drachenbändiger Charlie Weasley gerade offenbar in Urlaub ist und seine griesgrämige Vertretung geschickt hat."
Erneut setzt Charlie zu einer Antwort an, aber gegen Mihai in voller Fahrt hat er keine Chance. „Du wirst jetzt deinen Hintern in Bewegung bringen", befiehlt ihm sein Chef mit grimmiger Miene, „und dich genau wie alle Anderen auf die Suche nach dem Jungen machen. Und solltest du ihn finden, dann rate ich dir, dass du ein bisschen netter zu ihm bist als du es gestern offenbar warst."
Charlie nickt. (Nicken ist einfach. Er muss nur den Kopf hängen lassen und mit ein wenig Kraftaufwand wieder nach oben ziehen. Nicht zu vergleichen mit dem Aufwand, den er betreiben müsste, um jetzt mit Mihai zu diskutieren, weshalb er von der Suche ausgeschlossen werde möchte, um sich lieber Drachen zu widmen.) „Kann ich wenigstens vorher noch frühstücken oder soll ich ausprobieren, ob das Knurren meines Magens laut genug ist, um einen verlorenen Jungen auf mich aufmerksam zu machen?", erkundigt er sich und kann den beißenden Spott nicht vollständig aus seiner Stimme verbannen.
„Ileana hat Milch aufgesetzt und Haferbrei gekocht", gibt Mihai unwillig zurück, „Hol dir deine Schüssel und beeil dich. Danach will ich keinerlei Ausflüchte mehr hören. Heute gibt es kein stundenlanges Frühstück am Feuer, mit netten Unterhaltungen unter Kollegen. Dein Redebedürfnis kannst du stillen, wenn du den Jungen gefunden hast." Er nickt Charlie kurz zu, dreht sich dann um und stapft mit schweren Schritten Richtung Wald. Er sieht aus wie einer, den nichts mehr erschüttern kann, und für einen Augenblick wünscht sich Charlie, mehr wie sein Chef zu sein, mit einer Haut wie Drachenschuppen, an der so vieles abprallt, ohne ernsthaft zu verletzen.
Charlie seufzt, beobachtet seinen verhangenen Atem in der Morgenluft und ertränkt seine Müdigkeit in der Tasse heißer Milch, die Ileana ihm wortlos reicht, als er sich neben sie an das wärmende Feuer stellt. Sie füllt eine große Kelle Haferbrei in eine Holzschüssel und streut Zucker darüber, während Charlie in raschen Zügen seine Milch austrinkt. Sie kennen sich lange genug, dass Ileana weiß, wie er seinen Haferbrei am liebsten isst, und so greift Charlie nach einem Löffel und versucht, nicht darüber nachzudenken, wie verrückt es ist, dass eine Schüssel voll weichem Haferbrei ihm ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln kann.
(Es hängt mit seiner Mum zusammen, er weiß das, schließlich ist sie Schuld daran, dass er Zuhause für immer mit dem Geruch von frisch gekochtem Essen verbinden wird, mit dem Duft von Tee und ofenwarmen Keksen und Pies und Kartoffel-Lauch-Suppe und – Aber der Gedanke an seine Mum ist verbunden mit dem Gedanken an den ganzen Rest und dieser Rest ist alles, nur nicht vollständig.)
„Gehst du ihn suchen?", fragt Ileana leise und Charlie starrt auf die kahlen Äste, die sich dem Himmel entgegenrecken, und sagt „Ja", weil es das Einzige ist, was er erwidern kann, weil Ileana es schafft, dass er sich fühlt, als wäre es das Richtige, jetzt loszugehen und diesen Jungen zu finden, bevor es die Drachen tun.
Iancu durchforstet das Gebiet der Langhörner, sämtliche anderen Betreuer diverser Drachenarten erledigen das Gleiche für ihre zuständigen Reviere, Mihai ist mit einem Trupp losgezogen, um die Grenzen des Reservats abzulaufen, Ileana beruhigt den aufgewühlten Ollivander und Charlie hat beschlossen, auf eigene Faust loszuziehen. Er fragt sich, ob es nicht vielleicht zu simpel gedacht ist, wenn er den gleichen Weg zurücklegt wie am Tag zuvor und Richtung Westwald marschiert. Er wüsste zwar nicht, warum der Todesserjunge zu dem Kadaver des Opalaugenmännchens zurückkehren sollte, aber er hat auch keine bessere Idee und so schnappt sich Charlie seine Umhängetasche, kontrolliert den Sitz seines Zauberstabs und stapft los.
Die Luft ist kalt und rau an diesem Morgen. Sie schneidet Charlie Furchen ins Gesicht und lässt ihn denken, dass er nach diesem Tag bestimmt ein paar mehr Falten auf der Stirn und um den Mund herum haben wird. Da wird auch der Bart nichts ausrichten können, den er sich seit einiger Zeit stehen lässt. Aber es gibt Schlimmeres, findet er, als wie einer auszusehen, der sein Leben unter freiem Himmel verbringt. Und die Natur ist gut darin, ihre Zeichen auf der weichen Haut der Menschen zu hinterlassen.
Irgendwo rechts von Charlie ist in weiter Ferne das wütende Fauchen eines Drachenweibchens zu hören und er lächelt kurz, weil das Brüllen der Drachen bereits derart zu seinem Alltag gehört, dass es ihm regelrecht fehlt, wenn es zu still ist. Charlie findet den Wald viel gespenstischer, wenn er keinerlei Geräusche vernehmen kann, doch ihm ist bewusst, dass es jemandem, der bei Ollivander in die Lehre geht und die meisten Nächte wahrscheinlich unter einem Dach verbringt, nicht unbedingt genauso gehen wird. Sein Mitleid hält sich zwar in Grenzen (schließlich hat niemand den Todesserjungen dazu gezwungen, aus dem Lager wegzulaufen), aber Charlie erinnert sich gut genug daran, wie es sich angefühlt hat, das erste Mal bei Dämmerung alleine durch den damals unbekannten Wald zu stapfen und sich bei jedem Knacken und Rauschen zu fragen, ob gleich ein Drache durchs Dickicht geflogen käme.
Die Bäume stehen stumm und starr neben dem Wegrand und richten trutzig ihre kahlen Äste Richtung Himmel. Ihre Schatten sind fahl und kaum zu erkennen, weil die Sonne sich Zeit lässt und sich nur gemächlich an den Wolken vorbeischiebt, um diesen Morgen ein bisschen heller zu gestalten. Der Tag verspricht, klar und kalt zu werden, und obwohl Charlie sich wirklich Besseres vorstellen kann, als nach jemandem zu suchen, den er ohnehin nicht wieder sehen will, genießt er es dennoch, die frische Luft zu atmen, den knirschenden Schnee unter seinen Schuhen zu spüren und durch den Westwald zu streifen.
Er würde es nicht zugeben, vor Iancu und Barbu und Ileana nicht, vor Mihai erst recht nicht und vor Ollivander und seinem verdammten Lehrling schon gleich dreimal nicht, aber es hat ihn mitgenommen, dieses Opalaugenmännchen aufbrechen zu müssen, um sein Herz bergen zu können. Und wofür der ganze Aufwand? Um Zauberstäbe machen zu können, die mit seinen Herzfasern ausgestattet werden können. Charlie tut, was er kann, doch er bekommt den Anblick des toten Drachens einfach nicht aus dem Kopf.
Seine leblosen Augen schauen ihn, bohren sich in Charlies Gedanken und lassen ihn zittrig ein- und ausatmen. Er wurde ausgebildet, um Drachen zu schützen, zu verteidigen, zu pflegen, zu heilen, nicht, um ihnen beim Sterben zuschauen zu müssen oder um sie in ihre Einzelteile zu zerlegen. Er will die Tiere bestaunen und nicht entsetzt feststellen, dass die Augen toter Opalaugen die Farbe von Nebel annehmen. Er will ihr Feuer an seiner Haut lecken spüren statt ihre Schuppen aufzubrechen.
Charlie zwingt sich, den Fluch, der ihm auf der Zunge liegt, wieder herunterzuschlucken. Sollte der Junge wirklich in der Nähe sein, würde er ihn sonst hören können und vermutlich erneut davonlaufen (und dann wäre die ganze Suchaktion umsonst gewesen). Charlie hat nämlich nicht den geringsten Zweifel daran, dass dem Jungen aufgefallen sein dürfte, dass er ihm nicht sonderlich sympathisch ist. Also wird er sich wohl Besseres vorstellen können, als ausgerechnet von Charlie gefunden zu werden.
(Sowieso wäre es vielleicht für alle Beteiligten besser. Merlin weiß, was Mihai sich dabei gedacht hat, Charlie ebenfalls loszuschicken. (Ja, ja, Charlie weiß leider nur zu gut, was im Kopf seines Chefs vorgegangen sein wird: er wird die Hoffnung hegen, dass Charlie sich am Riemen reißt, sich entschuldigt, seine Vorurteile einräumt und dem Jungen zuhört. Charlie ist sich nur nicht sicher, ob er sich geschmeichelt fühlen soll, dass Mihai ihm diese Verhaltensänderung zutraut, oder ob sein Chef nun hoffnungslos naiv handelt.) Es könnte böse enden. Und Charlie fürchtet sich vor dem, was zum Vorschein kommen kann, wenn er explodiert.)
Für einen kurzen Augenblick schließt Charlie die Augen, lässt den Wind über sein Gesicht streifen und marschiert dann langsam weiter. Er weiß, dass Mihai in ihn vertraut, in ihn und in seine Vernunft, aber er weiß auch, dass es Situationen gibt, in denen seine Vernunft ihn verlässt und etwas Anderem Platz macht, für das Charlie keinen Namen hat, das jedoch an Wut ziemlich dicht herankommt. Manchmal brodelt es unter der Oberfläche und dann reicht eine Kleinigkeit und die Wut sucht sich ein Ventil, um aus ihm herausbrechen zu können.
(Manchmal war er wütend, wenn sie Quidditch spielten und drauf und dran waren, zu verlieren, oder wenn er oder einer seiner Mannschaftskameraden sich einen wirklich dämlichen Fehler geleistet hatten, doch das Wunderbare an Quidditch war, dass man seine Wut sofort wieder loswerden konnte, indem man so fest wie nur möglich gegen einen Klatscher schlug, mit aller Wucht den Quaffel warf oder abwehrte, schneller und waghalsiger flog als jemals zuvor und den Schnatz fing.)
((Und wenn sie doch verloren, trotz aller verrückten Aktionen, dann half es, sich unter der Dusche die Seele aus dem Leib zu schreien und mit der flachen Hand gegen die Wand zu schlagen. Charlie ist keiner, der seine Wut mit ins Bett nimmt. Wozu auch? Sie lässt ihn nicht einschlafen und kann ihm nicht einmal die kalten Füße wärmen. Sie ist unnütz und es ist das Beste, sie sofort wieder loszuwerden.))
Sie gehen nicht weg, die Gedanken, nicht einmal dann, als sich Charlie mit den Fingern durchs Haar fährt und den Kopf schüttelt, als wäre er ein nasser Hund. Die Gedanken halten sich störrisch fest und lassen sich nicht abwerfen. Sie wollen ausgesprochen werden, aber Charlie zwingt sich, sie zurückzuhalten. Er hat so vieles hinuntergeschluckt, seitdem Fred gestorben ist, da kann er die paar Sätze jetzt auch noch für sich behalten.
(Wenn er tief in sich hineinhorcht, muss er sich eingestehen, dass er Angst hat vor dem, was herauskäme. Denn zwischen all der Wut und all dem Zorn würde so viel Trauer stecken, dass er es kaum ertragen könnte. Aber es ist leichter, sich selbst diese Wahrheit zu verheimlichen.)
Die kalte Luft nagt an Charlies Fingern und bringt ihn langsam in die Realität zurück. Er kramt in seiner Tasche nach den Arbeitshandschuhen, streift sie sich über und erstarrt mitten in der Bewegung, den Kopf nach unten auf den Boden gerichtet. Man muss schon ziemlich dämlich (oder müde oder gedankenverloren) sein, um nicht auf die Idee zu kommen, nach Fußspuren im Schnee Ausschau zu halten, findet er.
An einem Baumstamm, vielleicht zehn Fuß von dem leblosen Opalaugenmännchen entfernt, sitzt jemand, gehüllt in einen dunklen Winterumhang, und Charlie schluckt sachte, weil er nicht weiß, ob er sich nun darüber freuen soll, dass ihn sein Gespür nicht getrogen hat, oder ob er nicht besser umdrehen und jemanden holen soll, jemanden, der weniger Wut mit sich herumträgt.
Bevor er sich entscheiden kann, hört er den Jungen „Ist schon in Ordnung", sagen, gerade laut genug, dass Charlie ihn hört, obwohl er noch gut dreißig Schritte entfernt ist. Der Junge hat den Blick nicht von dem toten Drachen genommen und er starrt unbeirrt geradeaus, während er weiterspricht. „Sie suchen mich vermutlich alle, nicht wahr? Tut mir Leid. Ich wollte nicht, dass - Ist ja auch egal. Ich komme gleich."
Charlie runzelt die Stirn, vergräbt die Hände in den Hosentaschen und nähert sich dem Jungen, von dem er noch immer vorgibt, den Namen vergessen zu haben. „Meinetwegen kannst du da auch sitzenbleiben", erwidert Charlie achselzuckend, „Dann gebe ich Ollivander Bescheid, er kann aufhören, sich Sorgen zu machen und wir können allesamt wieder unserer Arbeit nachgehen. Der Drache vor dir tut dir nichts mehr und die Anderen verirren sich nur selten hierher. Ich glaube, sie haben es gerochen, dass er hierher kam, um zu sterben."
Er hat keine Ahnung, nicht die geringste, wieso er dem Jungen etwas erzählt hat, was er nicht einmal mit seinen Arbeitskollegen geteilt hat: diese merkwürdige, vage Vermutung, dass die übrigen Drachen wussten, was mit ihrem jungen Artgenossen passieren würde und dass sie ihn gehen ließen. Drachen sind stolze Tiere und Charlie ist ziemlich sicher, dass das Opalaugenmännchen nicht vor den Augen aller Anderen hätte leiden wollen. Bindehautentzündungen sind schmerzhaft für diese Drachenart, so schmerzhaft, dass die Drachen Schreie ausstoßen können, die dafür sorgen, dass es Charlie schlecht wird, weil er sich so furchtbar nutzlos fühlt.
Der Junge zuckt zusammen und weil Charlie eine große Klappe hat, denkt er nicht allzu angestrengt über das nach, was er sagt. „Du bist doch hoffentlich nicht ebenfalls zum Sterben hergekommen?", erkundigt er sich und schiebt die Hände in die Hosentaschen, „Hast du eine Ahnung, wie viel Stress und Papierarbeit das bedeuten würde? Ganz zu schweigen von den negativen Schlagzeilen und all den Artikeln, die man über unser Lager schreiben würde."
Der Junge dreht den Kopf in Charlies Richtung und starrt ihn an. Er sieht ein bisschen verblüfft aus, so, als könne er nicht recht glauben, was Charlie da soeben von sich gegeben hat (er kann es ja selbst kaum glauben. Das war eben war sicher nicht seine Sternstunde, auch wenn er nie sonderlich einfühlsam ist.). „Nein", erwidert der Junge schließlich, „Ich bin nicht hergekommen, um zu sterben. Tut mir Leid, wenn ich dich in der Hinsicht enttäuschen muss."
Charlie hebt die Augenbrauen und ignoriert die Spitze, die gegen ihn abgefeuert wurde. „Warum bist du dann hier?", will er wissen, „Um zu testen, wie schnell wir dich finden würden und wie gut du im Verstecken bist? Kleiner Tipp: verwisch beim nächsten Mal deine Fußspuren oder lauf erst wieder weg, wenn der Schnee geschmolzen ist und du nicht von lauter Leuten umgeben bist, die sich ihr Geld damit verdienen, Fährten zu lesen. Das würde deine Chancen erheblich verbessern."
Er ist überrascht, als der Junge die Lippen zu einem spöttischen Lächeln verzieht und kühl „Ich bin dir keinerlei Rechenschaft schuldig" antwortet. Charlie weiß nicht genau, weshalb, aber irgendwie hätte er diese Reaktion nicht unbedingt erwartet, sondern vielmehr mit einer wütenden Erklärung gerechnet. Doch vielleicht liegen die Gefühle von Slytherins nicht derart unmittelbar unter der Haut wie bei einem temperamentvollen, rothaarigen Drachenbändiger wie ihm. Er muss viel mehr Kraft aufwenden, um ruhig zu bleiben, während es diesem Jungen scheinbar mühelos gelingt.
(Charlie fragt sich, was er tun muss, damit er explodiert, damit er diesem Jungen all das entgegenschreien darf, was er so gern würde, aber er braucht einen Grund, sonst wird Mihai ihm den Kopf abreißen und den Drachen zum Nachtisch servieren.)
Statt „Ach nein? Bist du nicht? Hast du das dem Gericht auch gesagt, als du verhaftet wurdest? Oder haben sie dich übersehen, weil du ja fast noch ein Kind bist und deswegen bestimmt keinen Schaden anrichten konntest?" (und tausend andere Sachen, die Charlie mühsam herunterschluckt) sagt er „Ollivander wartet im Lager auf dich. Er macht sich Sorgen. Mir ist scheißegal, ob du hier bleibst und dir den Hintern abfrierst oder ob du mitkommst, aber vielleicht kümmert es dich ja, dass dich dein Chef bereits tot und von Drachen zerfleischt sieht. Kommst du jetzt mit oder nicht?"
Vor sich selbst kann Charlie zugeben, dass das nicht unbedingt die beste kleine Rede war, die er je gehalten hat (und er hat Erfahrung, oh ja. Vielleicht nicht gerade im Sprechen, aber umso mehr im Zuhören. Er kann schon lange nicht mehr zählen, wie oft ihm seine Mum diverse Strafpredigten gehalten hat, ganz zu schweigen von Professor McGonagall. Im Vergleich zu diesen Beiden muss Charlie noch einiges lernen, wenn er will, dass seine Worte den gleichen Effekt haben.), doch er gibt sich alle Mühe, seinen Blick so stählern werden zu lassen wie den von Mihai, wenn er den Chef raushängen lässt, und es genügt, den Jungen aufstehen zu lassen.
„Ich wollte nicht, dass er sich Sorgen macht", erklärt der Junge und klopft sich Schnee vom Umhang. Er sieht klein und einsam und verloren aus, wie er da in seinem dunklen Wintermantel im weißen Wald steht, flankiert von dürren, knotigen Ästen, und beinahe hat Charlie Mitleid mit ihm, denn was weiß dieses Kind schon vom Leben? Aber dann denkt er daran, wie viele Kinder und Schüler gestorben sind, die jünger waren als dieser Todesserjunge, und der Moment geht vorüber.
Charlie seufzt. Er kann mit Drachen besser umgehen als mit Menschen (sicher, sie spucken Feuer und haben giftige Zähne und stachlige, gewaltige Schwänze und eine Schuppenhaut, durch die kaum etwas dringt, doch trotzdem sind sie um so vieles einfacher zu händeln als Menschen.), also warum muss ausgerechnet er in dieser verteufelten Situation stecken? „Komm", befiehlt er barsch und setzt sich wieder in Bewegung, „Ollivander wartet. Am Feuer ist es viel wärmer als auf dem gefrorenen Boden und Ileana hat hoffentlich eine heiße Suppe gekocht." Wenn den Jungen das nicht überzeugt, dann weiß Charlie wirklich nicht mehr, was er noch tun soll.
Hinter ihm knirscht es und verrät Charlie, dass ihm der Junge folgt, wenn auch in leichtem Abstand. Er gibt Charlie keinerlei Veranlassung, wütend zu werden oder ihn anzuschreien, und in gewisser Hinsicht macht es Charlie rasend. Da ist all diese Wut und Verzweiflung, direkt unter seiner Haut, sie will nach draußen, sie drängt und drückt und brodelt so sehr, dass Charlie glaubt, es würde ihm den Brustkorb sprengen, aber er hält sie gerade noch zurück und weiß nicht, wohin mit ihr.
„Wieso ist der Drache zum Sterben hergekommen?", fragt der Junge, als sie gerade zurück auf den Weg gelangen, „Warum ist er nicht bei den Anderen geblieben? Hätten sie es ihm nicht leichter machen können? Er wäre in Gesellschaft gewesen. Er hätte nicht einsam sterben müssen. Jemand wäre da gewesen, auch wenn sie ihm nicht mehr hätten helfen können."
Trotz seiner schützenden Arbeitskleidung wird es Charlie kalt. Er hält den Blick starr geradeaus gerichtet und versucht, seine Stimme ruhig klingen zu lassen. Er will nicht, dass dieser Junge auch nur auf die Idee kommt, zu vermuten, wie nahe Charlie das Ganze geht. Keine Schwäche zeigen, bloß nicht, und schon gar nicht vor so einem, das hat er sich fest vorgenommen. „Er wusste es", gibt er laut zurück, „Er wusste, dass er sterben würde und dass ihm die übrigen Drachen nichts von seinem Schmerz würden nehmen können. Drachen sind klüger, als du vielleicht glaubst. Und stolz. Er muss sehr gelitten haben, bevor er starb. Denkst du, er wollte, dass ihn jemand so sah? Er war jung und stark. Schwäche zu zeigen, hätte er sich nicht erlaubt. Das war er sich schuldig."
Die Schritte hinter Charlie halten abrupt inne und bringen ihn dazu, sich stirnrunzelnd umzudrehen. Der Junge ist stehengeblieben und hat sich in Richtung der Stelle gewandt, an der sie den Drachen zurückgelassen haben. Charlie sieht das Profil des Jungen und fragt sich, weshalb er so wehmütig lächelt. Aber er will vieles, nur eines ganz bestimmt nicht: Interesse an einem Todesserjungen zeigen.
Und so sagt er „Komm" und stapft los, dem Lager entgegen, wo Ollivander und Ileana sie erwarten. Charlie reicht den Jungen weiter, ist dankbar dafür, dass ihm diese Last abgenommen wird, dass er endlich seiner normalen Arbeit nachgehen kann, doch etwas nagt an ihm und lässt ihn rastlos werden.
Wehmut klebt an dem Todesserjungen wie sein Schatten und Charlie zwingt sich irgendwann, den Blick abzuwenden. Es geht ihn nichts an und er will es wirklich nicht wissen.
tbc.
