Voldemort lag auf der angemessen harten Matratze seines angemessen grossen Bettes und blickte mit starrem Blick zum magischen Sonnenaufgang vor den Fenstern seines Schlafzimmers, welches ihm Parkinson im ersten Stock des Ministeriums eingerichtet hatte. Rosagefärbte Wattewölkchen zogen vor einem pastellfarbenen Himmel dahin und sahen aus wie – waren das etwa Herzchen? Und die eine Wolke erinnerte schrecklich an Lucius Malfoy, einen nackten Lucius Malfoy. Jetzt warf ihm die Wolke auch noch Kusshändchen zu und zerfloss in einer lasziven Bewegung.
Voldemort schloss die Augen und zählte bis zehn, während er sich schwor, Lucius diese Aufgabe zu entziehen und sie Amycus zu übergeben mit der strikten Anweisung, angemessen trübes Dezemberwetter zu produzieren.
Wäre es nach ihm gegangen, seine Anhängerschaft bestände nur noch aus den Carrows, McNair und vielleicht einigen Snapes. Rodolphus Lestrange war ganz brauchbar, aber schon bei Rockwood hatte er Zweifel: Seit dem Tag ihrer Ankunft im Zaubereiministerium bewegte der sich seltsam steif, wollte sich partout nicht setzen, und trat jemand zu leise an ihn heran, zuckte er zusammen und spähte ängstlich um sich. Flügelsnape hatte das „Rockwooderschrecken" zu einer wahren Kunst erhoben und murmelte bei jeder sich bietenden Gelegenheit „Remus" oder heulte verhalten in Rockwoods Ohr. Und Bellatrix – Parkinson hatte Voldemort schwören müssen, dass er ihr nicht verriet, wo sich Voldemorts Schlafzimmer befand. Oh ja, hätte er sie allesamt loswerden können, es wäre ihm den einen oder anderen Horkrux wert gewesen. Aber das ging ja nicht.
Wollte er diesem Bannspruch jemals entkommen, brauchte er ihre Arbeitskraft, die sich manchmal in beinahe produktive Höhen schwang. Überhaupt fanden sie es enorm schick, dass er nun Zaubereiminister war, und verstanden nicht, warum sie es niemandem erzählen durften. Nichtsdestotrotz hielten sie dicht, wenn auch aus verschiedenen Gründen:
Die Carrows und McNair schwiegen, weil es ihrem eignen Ehrgeiz entgegenkam; Flügelsnape war ihm ganz ergeben; Greyback und Rockwood weilten in fernen Realitäten, und der Rest war so verliebt in ihn, dass sie selbst den Sprung durch den Torbogen in der Mysteriumsabteilung für eine grandiose Idee gehalten hätten, hätte er es ihnen befohlen.
Und wenn einer von ihnen sich doch Gedanken darüber machte, warum ihr Herr sie nicht mehr folterte oder zumindest Parkinson beseitigte, erstickte die Arbeit all ihre Zweifel. Voldemort jedenfalls setzte sie gehörig zu: Liess ihn der Bannspruch abends endlich ins Bett kriechen, schlief er wie ein Stein; etwas, das er seit Jahren nicht mehr erlebt hatte. Für ihn war Schlaf immer Zeitverschwendung gewesen. In den Jahren seines Aufstiegs zur Macht, hatte er sich kaum Ruhe gegönnt und als er danach als elende Kreatur in den Wäldern vor sich hinvegetiert hatte, wagte er kaum ein Auge zu schliessen, für den Fall, dass ein unerhört unsensibles Tier daherkam und ihn einfach frass.
Jetzt konnte die Nacht gar nicht lang genug sein, hiess doch jeder neue Morgen Aktenberge abtragen und Dokumente wälzen und sich mit zwei Monate alten unwichtigen Dingen beschäftigen, wie jener ältlichen Muggeldame in Yorkshire, die seit mehreren Wochen von ihrem Teeservice gefangen gehalten wurde.
Wo bitte lag das Problem? Ganz offensichtlich wurde sie nicht vermisst und wäre es nach der Dame gegangen, hätte sie die fortdauernde Geiselhaft dem Besuch von Bunthaarsnape gewiss vorgezogen. Der hatte sich nämlich nicht damit begnügt, die Dame zu befreien, sondern sie einer zweitägigen Haarkur zweifelhafter Natur unterzogen und ihr damit den Rest gegeben. Ob gefangen von Geschirr oder in der Nervenheilanstalt machte wirklich keinen Unterschied – hatte es von Anfang an nicht.
Voldemort knirschte mit den Zähnen. Schon allein, dass er für so etwas wertvolle Hirnkapazität opfern musste, war unerträglich. Er drehte sich auf den Rücken und seufzte. Er sollte aufstehen, ehe der Bannspruch zuschlug und…
Weiter kam er nicht. Plötzlich schloss sich etwas um seinen linken Knöchel und zerrte ihn aus dem Bett. Kaum schlug er auf dem Boden auf, schwang die Tür auf, und er wurde in den Flur geschleift.
„Parkinson!" brüllte er, während er sich am Türrahmen festkrallte und sich bemühte, die irritierten Blicke der fünf Naginis zu ignorieren, welche den halben Boden seines Schlafzimmers bedeckten.
Ein weitere Ruck, Voldemort verlor den Halt und schabte über das Parkett des Flurs, immer dem Büro des Zaubereiministers entgegen. Wütend verschränkte er die Arme vor der Brust, schlug mit dem Kopf an der Ecke an, als der Bannspruch ihn in den nächsten Flur schleifte, und blickte brodelnd zur vorbeiziehenden Decke hoch.
„Guten Morgen – Sir", begrüsste ihn Parkinson mit enervierender Frische, als Voldemort an dessen Büro vorbeikam.
„Tu etwas", zischte er; Parkinson schüttelte bedauernd den Kopf.
„Das ist mir leider nicht möglich – Sir. Aber Sie haben das Büro ja beinahe erreicht. Ausserdem: Wenn Sie pünktlich erscheinen würden, wäre der Bannspruch nicht zu solch, hm, energischen Massnahmen gezwungen." Voldemort scheuchte ein übereifriges Memo aus seinem Gesicht und warf Parkinson einen vernichtenden Blick zu.
„Ich war ganze fünf Minuten wach", fauchte er.
„Zeit genug zum Aufstehen", entgegnete Parkinson. „Und sich anzuziehen, möchte ich meinen. Vorsicht, die Ecke."
Voldemort legte eilig die Arme um den Kopf, als er den Ruck nach links fühlte, suchte dann in den Taschen seines Nachthemds nach seinem Zauberstab und kommandierte seinen Umhang herbei. Auf den Taschen hatte er bestanden, so wie Parkinson darauf insistiert hatte, dass ein Zaubereiminister gefälligst in einem Nachthemd zu nächtigen habe. Der Umhang sauste heran und erreichte Voldemort just in dem Moment, als der Bannspruch mitten im Büro des Zaubereiministers von ihm abliess. Voldemort blieb liegen.
„Ähm – Sir, Sie sollten sich vielleicht in den Sessel setzen; Sie wissen doch…"
„Ja", presste Voldemort hervor, erhob sich und zog sich um. Die Erfahrung, vom Bannspruch in den Sessel gewuchtet zu werden, was anscheinend nur ging, indem sein Kopf mehrfach gegen die Schreibtischbeine gestossen wurde, war nichts, was er zu wiederholen gedachte – ebenso wenig wie ein Tag ohne Zauberstab. Sein Blick fiel zum mit Herzchen und Luciussen übersäten Panorama vor seinen Fenstern, was seine Schritte enorm beschleunigte. Er plumpste in den Sessel, von wo aus ihm der Anblick dankenswerterweise erspart blieb, griff nach einer Feder und verfasste ein Memo, welches Amycus zum Oberwettermacher beförderte und Lucius zum Latrinenputzen verdonnerte. Voldemort wusste weder, ob das Ministerium Latrinen besass, noch welchen Lucius er verdonnerte, aber das davonflatternde Memo verschaffte ihm grimmige Befriedigung, welche allerdings durch den entbrennenden Kampf der eingegangenen Memos um den besten Platz auf seinem Schreibtisch etwas gedämpft wurde.
„Eines würde mich interessieren", zischte er, während er mit einem Wink seines Zauberstabs den Papierkrieg beendete.
„Wie kommt es, dass ich mich derart anstrengen muss? Bürokratie ist weder für ihre Effizienz noch für ihre Schnelligkeit bekannt." Parkinson rückte seine Brille zurecht und machte ein gekränktes Gesicht.
„Das hat Bertrand Drachenfeuer der Akkurate auch immer bemängelt", erwiderte er steif.
„Natürlich hat er das", knirschte Voldemort und zerknüllte eines von Bellatrix' Liebesmemos.
„Aber ich habe gute Neuigkeiten – Sir", fügte Parkinson strahlend hinzu, was sich bei ihm in einem minimalen Lächeln ausdrückte.
„Tatsächlich", murmelte Voldemort und fegte ein Liebesmemo von Lucius 3 vom Tisch. „Darf ich dich endlich töten?" Parkinsons Lächeln wurde verbindlich.
„Nichts derart Erfreuliches – Sir, aber dank Ihres eifrigen Einsatzes und den, hm, Bemühungen Ihrer, hm, Mitarbeitern, sind wir endlich in der Lage, uns dem Tagesgeschäft zu widmen; teilweise zumindest. Es ist höchste Zeit: Der abnorme Realitätszustand hat sich in den letzten Wochen verschärft."
Voldemort las flüchtig die Memos durch. Was zum – das waren ja alles Liebesmemos, und das letzte war – igitt!
„Ich brauche einen Kaffee", stiess er hervor, zerriss den ganzen Haufen in kleine Schnipsel und stürmte aus dem Büro.
Von Kaffee hatte er nie viel gehalten, immerhin war es ein Muggelgesöff und beschwor verhasste Erinnerungen ans Waisenhaus herauf, doch seine bisherige Amtszeit hatte ihn gelehrt, dass Kaffe einige Vorzüge besass: Er war ungemein nützlich, ja geradezu unverzichtbar, wollte er einen Arbeitstag mit ein wenig Würde überstehen, was wiederum den Bannspruch davon zu überzeugen schien, dass er ihn Voldemort gestatten musste. Das Beste aber war, dass weder die Todesser noch Parkinson wussten, wie man Kaffee kocht. Und das nutzte Voldemort aus:
Er hatte sich eine kleine Espressokanne besorgen lassen (der mehr als erstaunte Muggelverkäufer, der sie Flügelsnape verkauft hatte, erzählte die Geschichte noch immer jedem, der ihm über den Weg lief) und schuf sich so mehrmals am Tag eine Pause, die er in der kleinen Küche am Ende des Flurs verbrachte, allein mit seinem Groll und seiner Frustration aber immerhin ungestört. Das hiess, wenn Parkinson ihm nicht hinterher trabte, wie er es jetzt tat.
„Der erste Punkt, den wir angehen sollten, sind die zahllosen Verstösse gegen die Zaubereigesetze", dozierte er eine fette Akte in Händen. „Die Zauberei Minderjähriger hat sprunghaft zugenommen. Ausserdem finden sich in den Beschwerdebriefen immer mehr Klagen über abstruse Zaubersprüche, die jedem Sprachgebrauch spotten. Das Komitee zur Erhaltung der magischen Formeln verlangt umgehende Massnahmen." Voldemort verharrte in der Bewegung, die Hand schon auf der Klinke der Küchentür.
„Willst du damit sagen, dass irgendwelche Zauberer Zeit haben ein schwachsinniges Komitee zu bilden, während ich mich hier abrackere?" Parkinson schenkte ihm einen strengen Blick.
„Es ist ein sehr altwürdiges Komitee. Seine Gründung geht zurück auf…"
„Lass mich raten: Bertrand Drachenfeuer der Akkurate." Parkinson hob eine Augenbraue.
„Woher wissen Sie das?"
„Nur so eine Ahnung", knirschte Voldemort, stiess die Tür auf und hetze in die Küche. Jetzt brauchte er definitiv einen Kaffee.
Er riss einen der Schränke auf, nahm die Kaffeedose heraus und machte sich ans Werk.
„Das hat keine Priorität", sagte er bestimmt, während er das Pulver in den Behälter füllte.
„Da irren Sie sich – Sir. Sprache ist das Fundament der Magie. Wenn wir sie verkommen lassen, betreiben wir unser Ende."
„Und ich dachte, der abnorme Realitätszustand als Ganzes wäre schlimm." Parkinson schwieg; Voldemort schraubte die Espressokanne zu und heizte ihr mit dem Zauberstab ein.
„Na gut", fügte er sich schliesslich, „dann sollen die Carrows, Bellatrix und einer der Snapes die ‚Verbrecher‛ einfangen und nach Askaban bringen."
„Aber die Dementoren haben Askaban verlassen", gab Parkinson zu bedenken. „Tatsächlich sind sie einer der Punkte auf meiner Traktandenliste."
„Glaub mir, sobald sich das Gefängnis füllt, kommen sie zurück."
„Hm", machte Parkinson und kritzelte in die Akte.
„Ausserdem müssen wir Gerichtstermine festsetzen. Es gehen täglich Beschwerden über ungebührendes Verhalten in der Öffentlichkeit ein, und dann stehen einige Klagen an, hauptsächlich Vaterschafts- und Hinterziehungsklagen; und einige Erbschaftsstreitigkeiten."
„Flügelsnape soll ein paar Luciusse nehmen und dann Kläger und Beklagte nach Askaban schaffen."
„Die Kläger? Aber das geht nicht!" schnappte Parkinson.
„Schutzhaft", zischte Voldemort. Parkinson zögerte einen Moment, aber als der Bannspruch sich nicht bemerkbar machte, notierte es auch diese Anweisung.
„Gut. Dann ist es zu einer Häufung magischer Unfälle und Katastrophen gekommen."
„Askaban", meinte Voldemort lakonisch.
„Aber ich habe doch noch gar nicht gesagt, worin die Unfälle bestehen", protestierte Parkinson. Voldemort fühlte wie der Bannspruch einer strengen Gouvernante gleich an ihm zupfte, und seufzte.
„Dann raus damit."
„Das grösste Problem stellen die Super-Sues dar. Sie erinnern sich, Fudge erwähnt sie in seinem Bericht. Nun, sie scheinen sich zu Horden zusammengeschlossen zu haben und duellieren sich quer durch England. Quellen haben mir auch zugetragen, dass die Sues attraktive Zauberer zusammentreiben, um sie auf einfallslose Weise zu, hm, verbandeln."
„Die sind doch stark, oder?" unterbrach ihn Voldemort. Parkinson blinzelte.
„Ich glaube schon", antwortete er zögernd. Die Espressokanne zischte.
„Schick den Hässlichsten meiner Mitarbeiter zu ihnen. Er soll sie für die Jagd nach meinen Imitaten und den gefährlicheren Doppelgängern anheuern. So fangen wir zwei Hippogreife mit einer Schlinge."
„Aber er muss ihnen erklären, dass sie sich an die Gesetze halten müssen", verlangte Parkinson.
Er kann es ja versuchen, dachte Voldemort und nickte.
„Was machen wir mit den Segelschiffen?"
„Was für Segelschiffe?" fragte Voldemort und füllte Kaffee in eine grosse Tasse. Schon der Duft machte ihn leidlicher.
„Segelschiffe eben. Im Lake District schippern mehrere von denen über die Seen und liefern sich Schlachten."
„Setz die Super-Sues darauf an."
„Und das Auge?" Voldemort nahm einen tiefen Schluck und genoss die Hitze, die seine Kehle hinunter rann.
„Ein lidloses Auge – Sir", versuchte Parkinson Voldemorts Aufmerksamkeit einzufangen. „Es schwebt über den Highlands und macht einen äusserst missmutigen Eindruck."
„Die Super-Sues." Parkinson fixierte ihn.
„Ich gehe wohl recht in der Annahme, dass sie auch die Zauberer mit den weissen Bärten, die Elfen, Dämonen, Vampire, Engel und diese seltsamen halben Portionen den Super-Sues überlassen wollen?" Voldemort wusste nicht so recht, worauf Parkinson hinauswollte, aber es klang gut genug.
„Sie können nicht alles den Super-Sues überlassen!" rief Parkinson. „Die sind doch nicht zuverlässig! Seit Wochen veranstalten einige von ihnen Quidditchspiele mit abgewandelten Regeln im ganzen Land und haben sowohl englische als auch irische Ligateams gekidnappt. Und die Schäden an der Muggelinfrastruktur sind beträchtlich!" Der Bannspruch zog schon eine Weile heftig an Voldemort; der verstand den wenig subtilen Wink und machte sich auf den Weg zum Büro des Zaubereiministers.
„Schön", meinte er. „Dann sollen die Weasleyzwillinge die Aktion koordinieren, die verstehen sich auf magische Katastrophen. Ein Snape überwacht die Zwillinge, nur für den Fall, dass sie ihrerseits Katastrophen anrichten, und ein anderer kümmert sich um die Quidditchfanatikerinnen. Der kann auch gleich Greyback mitnehmen, dann wird dessen Energie in weniger obszöne Bahnen gelenkt. Er steht auf Bälle jeglicher Art."
„Aber Greyback ist ein Werwolf!"
„Scheint ihm nicht bewusst zu sein", erwiderte Voldemort und dachte mit Bedauern an die gute alte Zeit, als Greybacks Blutdurst kaum zu bremsen war. Dieser Tage entwickelte er ein ungeheures Talent dafür, sich mit dem Fuss hinter dem Ohr zu kratzen.
Sie erreichten das Büro. Voldemort registrierte zufrieden, dass das Wetter vor den Fenstern zu trübem Schneeregen gewechselt hatte, setzte sich und schlürfte Kaffee. Parkinson zog sich unaufgefordert einen der für Besucher reservierten Sessel heran – ein schlechtes Zeichen, das Voldemorts Hoffnung auf ein baldiges Ende der Unterredung zerstörte.
„Mir scheint, Sie nehmen die Situation nicht ernst – Sir", kritisierte Parkinson ihn, notierte aber dennoch die Zuteilung. Was er davon hielt, stand als dickes, missbilligendes Ausrufezeichen in seinem Gesicht.
„Du irrst dich. Ich nehme sie mehr als ernst." Und das stimmte sogar: Er wollte über die Zaubererwelt herrschen, aber doch nicht über eine Zaubererwelt, die derart aus den Fugen geraten war und ganz sicher nicht als Bannspruch geplagter Minister! In seinem ganzen Leben hatte er sich noch nie so hilflos gefühlt. Er schaffte es ja nicht einmal, Parkinson Wobbelbeine anzuhexen, er hatte es oft genug versucht, doch es endete immer in einem Röcheln seines Zauberstabs. Beamte hielten eben zusammen.
Einen Horkrux für einen Zeitumkehrer! Was würde er Bertrand Drachenfeuer dem Akkuraten nicht alles antun, wenn er nur könnte. Und sein Ruf litt jeden Tag mehr. Mittlerweilen glaubte Voldemort, dass die Zauberer selbst wenn er die unaussprechlichen Flüche benutzen könnte, nur ein Achselzucken für ihn übrig hätten, Flügelvoldemort und Konsorten sei's gedankt – nein. Nein! Den vermaledeiten Muggelgören sei's gedankt, die all das verbrochen hatten. Er leerte die Tasse in einem Zug und krallte die Finger ums Steingut.
„Ich finde", begann er mühsam beherrscht, „dass wir am Wesentlichen vorbeigehen. Was du vorschlägst, ist doch Symptombekämpfung, die Ursache des Chaos tasten wir damit nicht an. Findest du es etwa nicht seltsam, dass einige Muggel derart gut über uns Bescheid wissen, obwohl die Zaubererwelt auf strikter Geheimhaltung besteht? Dem sollten wir nachgehen und nicht irgendwelche kopulierenden Hohlköpfe jagen!" Parkinson musterte ihn über den Rand seiner Brille hinweg.
„Es gibt keine Beweise dafür, dass Muggel dahinter stecken", entgegnete er.
„Und was ist mit den Briefen, die Fudge in seinem Bericht erwähnt?" zischte Voldemort. Parkinson zuckte mit den Schultern.
„Fudge hat diese Briefe nicht persönlich gesehen, und wir können nicht mit Bestimmtheit sagen, dass McGonagall und Snape noch bei Sinnen waren, als er sie traf."
„Aber er hat ein paar der Geschichten gelesen, welche die Muggel an Snape geschickt hatten!"
„Welche die beiden Professoren gefälscht haben könnten."
„Fudge hielt sie für echt!"
„Er stand unter enormem Druck; da kann sich der beste Beamte einmal irren." Aus Parkinsons Ton war deutlich zu hören, dass ihm ein solcher Fauxpas niemals unterlaufen würde. Voldemort schnaubte. Der Mann war völlig einfallslos. Parkinson blätterte ungerührt eine Seite der Akte um und fuhr fort:
„Dann wäre da die Sache mit den magischen Tieren. Aus dem ganzen Land gehen Meldungen über Drachensichtungen ein; die Phönixpopulation ist enorm gestiegen und Einhörner haben letztens eine Fuchsjagd gestört – es gab Verletzte. Ausserdem haust seit neuestem ein Basilisk in der Londoner U-Bahn und versetzt die Passagiere mit seinem Heulen in Angst und Schrecken. Quintilius Benging, ein ehemaliger Kommilitone von mir und Spezialist für alle magischen Kreaturen, meint, der Basilisk mache einen ziemlich mageren Eindruck, scheine darüber hinaus aber harmlos zu sein, da er die Augen immer krampfhaft geschlossen hält."
Voldemort starrte ihn entgeistert an.
„Es ist dir völlig egal, warum das alles geschieht", stellte er fest. Parkinson blinzelte.
„Ich halte mich nur an den administrativen Ablauf – Sir", erwiderte er würdevoll.
„Natürlich", ätzte Voldemort.
„Was sollen wir nun wegen der Tiere unternehmen?" fragte Parkinson.
„Woher soll ich das wissen? Wir haben nicht genügend Personal, sie alle einzufangen, es sei denn, du überredest das Komitee zur Erhaltung magischer Formeln dazu, zur Abwechslung einmal etwas Nützliches zu tun." Parkinson schwieg.
Ich werde Sie nach Möglichkeiten unterstützen, giftete Voldemort in Gedanken. Von wegen! Bisher tat Parkinson nichts als sinnlose Informationen heranzukarren und – Moment. Voldemort fixierte den Beamten, mass dessen korrektes Auftreten, das sauber gescheitelte Haar und den bürokratischen Blick. Aber natürlich! Wie hatte er das übersehen können? Wenn er richtig lag, eröffneten sich hier ganz neue Möglichkeiten.
„Wie würdest du die Sache denn angehen?" fragte er langsam. Parkinson hüstelte, setze sich noch aufrechter hin und raschelte mit den Papieren.
„Wenn sie mich so fragen – Sir: Ich würde zuerst feststellen lassen, ob die Drachen, denn diese sind ja das Hauptproblem, unserem Drachen in der Eingangshalle ähneln."
Voldemort nickte. Einer der Luciusse hatte ihm davon erzählt: Es handelte sich dabei um einen norwegischen Stachelbuckel, der sich allem Anschein nach für einen Hund hielt – jedenfalls kläfften Greyback und der Drache sich ständig an. Und sah man einmal von seiner Grösse, den Stacheln auf seinem Rücken, dem Schwanz und den sporadischen Feuerfontänen ab, die er ausstiess, wenn er sich zu sehr freute, verhielt er sich wie ein quirliger Welpe, der jeden begeistert begrüsste und der Länge nach abschleckte; wobei es zuweilen zu Verbrennungen kam, aber ein Lucius mehr oder weniger spielte wirklich keine Rolle.
Parkinson fuhr fort:
„Wäre dem so, hätten wir eventuell eine Lösung für den Wertverfall der Galleonen gefunden." Voldemort runzelte die Stirn.
„Wertverfall?"
„Ja – Sir. Es scheint, als seien einige der, hm, abnormen Personen sehr wohlhabend, vornehmlich die Harry Potters. Das Pottersche und das Blacksche Verliess platzen aus allen Nähten, und darüber hinaus sind in letzter Zeit mehrere Verliesse auf die Namen von, Moment", er blätterte vor, „Luzifer, Calcifer Lucifer Slytherin, Salazar Dray Luzifer Gryffindor-Slytherin, Luzifer Luzifer, Ich-bin-der-einzige-Luzifer, Alex Alexander Aleksandro, Harry Raymondo Veritas Riddel-Malfoy, Draco Jay Alexey Malfoy-Luzifer-Slytherin, Amanda Amelia Amanitia Annabella Smith…"
„Das genügt", schnitt Voldemort Parkinson eilig das Wort ab, als dieser Anstalten machte, erneut umzublättern.
„Wie Sie sehen – Sir, ist das ein Problem. Darüber hinaus behauptet die Hälfte der neuen Verliessbesitzer, Dumbledore bediene sich unrechtmässig am Inhalt der Verliesse, wozu noch Vaterschaftsklagen und Heiraten kommen, welche zu Besitzverschiebungen führen. Ausserdem wird der Immobilienmarkt derzeit mit Manors überschwemmt, deren Besitzsituation gelinde gesagt unklar ist. Kurz – das Gold ist einfach nichts mehr wert." Voldemort rieb sich die Schläfen, merkte, was er da tat und liess die Hände beiläufig sinken. Jetzt kam es drauf an.
„Du schlägst also vor, dass wir die Drachenressourcen, so fern sie geeignet sind, dazu verwenden, die Platzprobleme bei Gringotts zu lösen, indem wir das Gold mithilfe der Drachen auslagern – in einem Meeresgraben zum Beispiel." Parkinson nickte erfreut.
„Ich wusste, dass Sie der richtige Mann für die Bewältigung des abnormen Realitätszustandes sind." Voldemort überging das zweifelhafte Kompliment.
„Dann würde ich vorschlagen, du kümmerst dich persönlich um zusätzliches Personal und setzt diese Lösung um. Und vielleicht wären Restaurierungsmassnahmen an den Manors unter zu Hilfenahme der Drachen geeignet, den Immobilienmarkt zu entlasten?" Parkinson balancierte hart an der Grenze zur angenehmen Überraschung.
„Sehr wohl, Sir. Und Sie brauchen sich keine Sorgen wegen der Kobolde von Gringotts zu machen; die sind viel zu beschäftigt mit Tratsch und Würfelspielen."
Voldemort, dem die Kobolde ganz egal waren, nickte abwesend.
Er hatte sich nicht geirrt: Parkinson war durch und durch Beamter, völlig beherrscht von bürokratischen Normen. Und Bürokratie beachtete nur, was aufgeschrieben und im weitesten Sinne gesagt wurde. Dazwischen aber lagen graue Bereiche, die Raum für Interpretation boten – ohne diese Grauzonen würde das System gar nicht funktionieren. Und der Bannspruch, der ja unwillige Personen in ein eigentlich zu wählendes Amt zwang, musste auch diesem grauen Bereich zwischen den Gesetzen entspringen, stellte also eine bürokratisch akzeptable Umgehung des Normzustandes dar. Wenn Bertrand Drachenfeuer der Akkurate nun ähnlich gedacht hatte wie Parkinson – Voldemort rutschte ungeduldig auf dem Polster herum.
„War's das?" fragte er. Parkinson konsultierte die Akte.
„Da wären noch die internationalen Beziehungen. Wir brauchen dringend Drachensehnen und Kumquats. Ich weiss zwar nicht, was eine Kumquat ist", gestand er etwas ratlos, „aber sie scheint für den Zaubertrank wichtig zu sein."
„Drachen haben wir doch genug", entgegnete Voldemort und Parkinsons Feder schabte übers Papier.
„Dennoch müssen wir die Beziehungen wieder aufnehmen, Sir", meinte er dann.
„Das kann Rodolphus Lestrange machen." Parkinsons Gesicht versteinerte.
„Aber er ist ein Todesser – Sir."
„Alle meine Mitarbeiter sind Todesser."
„Aber er ist ein verurteilter Todesser!" beharrte Parkinson.
„Ja", entgegnete Voldemort, „und annähernd der Alte, wie ich glaube. Farblosigkeit scheint sich dieser Tage auszuzahlen. Das Wichtigste aber ist, dass ihn die Ehe mit Bellatrix diplomatisch gemacht hat: Er kann wegsehen, wenn es sein muss, und ist im richtigen Moment taub und stumm." Parkinson wiegte den Kopf.
„Und er hätte nichts gegen Auslandsaufenthalte?"
„Kaum."
„Sehr wohl – Sir. Dann werde ich mich um alles Weitere kümmern."
Parkinson klappte die Akte zu, erhob sich, verneigte sich minimal und wandte sich zur Tür. Voldemort wollte schon erleichtert aufatmen, da drehte sich der Beamte, schon halb im Flur, nochmals um.
„Wissen Sie – Sir, vielleicht könnte Giorgio etwas mit Lestranges' Aussehen anstellen, damit man ihn nicht gleich erkennt."
„Gute Idee", stimmte Voldemort zu und wünschte den Plagegeist fort.
„Giorgio kommt ja morgen ohnehin hierher, um Sie für Ihre Unterredung mit dem Muggelminister herzurichten." Voldemort erstarrte.
„Wie bitte?" presste er hervor.
„Sie können ihm unmöglich so gegenübertreten – Sir. Er würde sich ja fürchten."
„Und?"
„Aber Sie müssen doch einsehen, dass es nicht angemessen wäre, ihm als, hm, so wie sie nun einmal, hm – es geht einfach nicht."
„Ich habe dem Muggelminister nichts zu sagen", zischte Voldemort. Parkinson lächelte dünn.
„Ich bin sicher, es wird sich Gesprächsstoff finden – Sir." Und damit liess er Voldemort allein.
Eine ganze Weile ergab sich Voldemort seinem aufgestauten Hass auf die Menschheit im Allgemeinen und Parkinson im Speziellen, bis er sich wohl zum tausendsten Mal seit seinem unfreiwilligen Amtsantritt zur Geduld mahnte. Immerhin hatte er heute eine grossartige Entdeckung gemacht. Er nahm ein Pergament zur Hand und verfasste eilig ein Memo an Flügelsnape, das bald pflichtschuldig davon flatterte und Voldemort mit einem weiteren Einfall zurückliess.
Er musste nicht lange warten, das musste er nie. Seine glühenden Anhänger turnten stets in der Nähe seines Büros herum, und so erschien Flügelsnape nach wenigen Minuten mit verdächtig zerzausten Haaren und offenem Hosenstall, aber geistig einigermassen anwesend.
„Ihr wünscht, mein Lord?" stiess er atemlos hervor und zog den rechten Flügel, der sich gerne verselbstständigte, unauffällig unter den Umhang. Voldemort lehnte sich zurück.
„Ich habe zwei Aufträge für dich, Snape: Du weisst doch, was wir mit meinen Doppelgängern gemacht haben, bevor ich Zaubereiminister geworden bin?" Snape nickte.
„Ja, wir haben sie…"
„Sprich es nicht aus!" herrschte Voldemort ihn an. „Tu es einfach und sag den anderen Bescheid. Parkinson wird euch Aufträge zuteilen; diesen hier erledigt ihr nebenbei, hast du verstanden?"
Snape nickte erneut.
„Gut", meinte Voldemort. „Und zweitens: Schaff mir einen möglichst intelligenten Arthur Weasley her. Den Echten wirst du kaum noch finden, aber einer, der ihm nahe kommt, sollte aufzutreiben sein." Snape strich sich eine glänzende Strähne hinters Ohr.
„Wozu?" fragte er zögernd.
„Das geht dich nichts an, nicht wahr?" Snape zuckte unter dem stechenden Blick seines Herrn zusammen, verneigte sich tief und eilte aus dem Büro, bemüht, auf dem Weg nicht allzu viele Federn zu lassen.
Voldemort beobachtete die einzelne schwarze Feder, die hinter Snape langsam zu Boden schaukelte und lächelte grimmig. Bürokratie war doch etwas Feines, hatte man sie erst einmal durchschaut.
So – und nun brauchte er einen neuen Kaffee.
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