Kapitel 2

Die Tage vergingen und Carsaib wurde zusehends stärker. Anfangs lag er die meiste Zeit schlafend auf seinem Lager, nur unterbrochen von Anjia, die ihm Essen und Trinken brachte und gelegentlichen Besuchen von Haeg, der sich leise mit ihm unterhielt. Der junge Mann erzählte vom Tod seiner Eltern und wie er den Mördern entkommen war. Von seiner ohnmächtigen Trauer und seinem ziellosen Gang in die Wüste. Haeg nickte meist nur und gab brummende Töne von sich, wenn er glaubte, Carsaib benötige Zustimmung bei seinen Aussagen. Von sich und seiner Tochter erzählte er wenig, doch das fiel dem Kranken erst später auf. Anjia selbst summte die meiste Zeit irgendwelche ihm unbekannten Melodien und sprach nur wenig. Auch wenn sie sich um ihn kümmerte, schien sie nicht begeistert von Carsaibs Anwesenheit zu sein.

Eines Tages fühlte Carsaib sich stark genug, um aufzustehen. Mühsam kämpfte er gegen die bleiernde Schwere in seinen Gliedern und setzte sich auf die Kante seines Lagers. Schwindel überfiel ihn und er holte tief Luft, um Gleichgewicht ringend. In seinen Ohren rauschte wild das Blut. Als das Rauschen und der Schwindel nachließen, setzte er vorsichtig die Füße auf den Boden und stemmte sich hoch. Zuerst schienen seine Beine wegzusacken, doch mit Verbissenheit hielt er sich aufrecht, stützte sich an den rauhen Sandsteinwänden und folgte dem Summen und dem regelmäßigen Klacken, das ihn seit Tagen verwunderte. Schleppenden Schrittes zog er sich durch einen dunklen Gang, vorbei an mehreren kleinen Räumen, die in das Gestein geschlagen worden waren. Es gab kleine Öffnungen nach draußen, doch diese waren zum Schutz gegen die eindringende Wüstenhitze mit bunten Tüchern verhängt worden. Immer weiter zog er sich durch die Höhle, bis er in einen helleren und größeren Wohnraum trat.

Anjia saß mit dem Rücken zu ihm an einem großen Webstuhl und schoss Schiffchen um Schiffchen feinsten Garns durch das Gewebe, trat dem den Füßen auf ein Pedal um das Webfach zu wechseln, wobei das geheimnisvolle Klacken entstand. Sie hörte auf zu summen und sagte, nicht unfreundlich: „Solltest du nicht lieber noch etwas im Bett bleiben?"

Carsaib schüttelte den Kopf, dann fiel ihm wieder ein, daß Anjia dieses nicht einmal dann gesehen hätte, wenn sie nicht mit dem Rücken zu ihm gesessen hätte, immer noch webend. „Nein, ich kann nicht mehr liegen." Er schaute sich um und ließ sich auf einen Hocker an einem wackeligen Tisch fallen. „Wo ist dein Vater?"

Anjia webte ungerührt weiter und antwortete: „Auf dem Markt in Gil'ead. Er wird noch ein paar Tage unterwegs sein."

Erneut überkam Carsaib ein heftiger Schwindel und er klammerte sich an den wackligen Tisch. Leise fluchte er vor sich hin und versuchte, den Tisch wieder gerade zu richten. Doch sein Gewicht hatte einem der Beine den letzten Rest gegeben und es knickte immer wieder weg. Anjia hatte ihre Weberei kurz unterbrochen und wandte ihm halb das Gesicht zu: „Ich hoffe, du kannst mit Werkzeugen umgehen. Was du zerstörst, musst du reparieren!"

Er schnaubte leise. „Zeig mir, wo das Werkzeug ist, und ich werde den Tisch besser machen, als er vorher war!"

„Was keine Kunst wäre...", entgegnete sie und legte das Webschiffchen beiseite. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen und Carsaib wusste nicht, ob sie sich über ihn lustig machte oder ihn einfach nur hasste. Sie stand auf und zog unter einer Bank an der Wand eine Kiste hervor, in der sich Werkzeuge über einige wenige Nägel befanden. „Stell alles wieder dahin, wo es war, sonst finde ich mich nicht mehr zurecht", ermahnte sie ihn und ging zurück zu ihrem Webstuhl.

Wütend spielte der junge Mann kurz mit dem Gedanken, sämtliche Möbelstücke in der Höhle zu verrücken, nur um Anjia zu ärgern. Nein, das war keine Form, Dankbarkeit für seine Rettung zu zeigen, rief er sich selbst zur Ordnung und begann, den Tisch zu reparieren, während die Blinde mit höchster Kunstfertigkeit ein durchscheinendes blaues Gewebe erstellte. Immer wieder blickte Carsaib von seiner eigenen Arbeit auf und betrachtete das Voranschreiten der Weberei. In Stunden schienen nur wenige Zentimeter zu entstehen.

Er selbst nahm sich nach dem Tisch noch einen instabilen Hocker vor und schwitzte vor Anstrengung und Hitze, die trotz der Tücher durch die Fensteröffnungen kroch. Gegen Abend wurde die Hitze erträglicher und Carsaib entzündete eine Kerze. Endlich ließ auch Anjia von ihrer Arbeit ab und trat hinüber zum Tisch, an dem er mittlerweile müde saß. Sie prüfte die Stabilität des Tisches und lächelte breit. „Gut. Heute hast du dir dein Essen verdient." Mit schnellen Schritten trat sie zur Kochstelle und schürte ein Feuer, über dem ein Topf hing. Sie warf verschiedene Kräuter und einige kleine Fleischstücke hinein, aus denen sie einen dicken Eintopf kochte. Carsaib ahnte, daß es nur selten so ein reichliches Mahl in diesem Haus gab und schämte sich für seine Wut, die er schon wieder für die Blinde empfunden hatte.

Er half ihr, den Tisch zu decken und schnitt Brot auf, daß sie erst am Morgen gebacken haben musste. Es war frisch und der Eintopf schmeckte herrlich dazu. Über ihre dampfenden Schüsseln gebeugt, aßen sie schweigend und Carsaib versuchte, nicht ständig in ihre leblosen Augen zu starren. Sie waren schwarz wie die ihres Vaters, aber sie blickten stumpf, es fehlten das Glitzern und die Bewegung darin. Ob sie schon immer blind war? Noch bevor sie ihr Mahl beendet hatten, platzte es aus ihm heraus: „Warum bist du so abweisend zu mir?"

Anjia legte den hölzernen Löffeln beiseite und schluckte schwer. Die Antwort fiel ihr nicht leicht, das konnte er spüren: „Vater und ich kommen kaum aus. Und statt etwas zu essen mitzubringen, schleppt er dich nach Haus. Ich weiß, es ist nicht richtig, aber ich bin wütend auf dich."

Er nickte und fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Ja, er musste für diese Wüstenbewohner wirklich eine Belastung sein. „Es... es tut mir Leid", stammelte er, „ich... ich werde versuchen, mich nützlich zu machen."

Nun war es an Anjia, rot zu werden. „Nein, werde erst einmal gesund, dann sehen wir weiter. Es wird einen Grund geben, warum die Götter dich zu uns brachten." Sie nestelte verlegen an ihrem Gewand herum und Carsaib musste lächeln. Er stand auf und räumte den Tisch ab, wobei er Anjia mehrmals sanft auf ihren Stuhl zurück drängen musste. „Du hast genug getan und mir geht es schon wirklich viel besser", erklärte er und während er es aussprach, wusste er, daß es stimmte. Er wurde wieder gesund. Er, der eigentlich sterben wollte.

TBC