Ich wusste nicht genau wie viele Sekunden, Minuten oder vielleicht sogar Stunden vergangen waren, als ich endlich inne hielt. Nun erlaubte ich mir wieder zu denken. Noch immer war ich fassungslos, wenn mich wirklich ein Fluch getroffen haben musste, dann ein sehr starker und realistischer. Aber warum schrieen dann meine Lungen quälend nach Sauerstoff, und wieso spürte ich mein Herz in meiner Brust schmerzhaft pochen, wenn das alles nur Einbildung war? Das Aufröhren eines Benzinmotors ließ mich aufschrecken. War er mir etwa gefolgt? Ich ging dem Geräusch nach, spähte durch einen Himbeerstrauch, und hatte freie Sicht hinunter auf die Straße. Dort fuhr er mit seinem silbernen Volvo gerade davon. Ich atmete erleichtert aus. Hätte er wirklich vorgehabt mir zu folgen, hätte ich wohl kaum eine Chance gehabt ihm zu entkommen, selbst wenn ich einen Besen dabei gehabt hätte. Ich sah dem Wagen hinterher, und nahm an er würde gleich im Schatten der dichter werdenden Bäume, die sich über die Straße beugten, verschwinden aber vielleicht fünfzig Meter davor bog der Volvo rechts in den Wald hinein.
Ich saß noch gute zehn Minuten im Himbeerstrauch und überlegte zunächst angestrengt, ob ich nicht gegen das Geheimhaltungsabkommen verstoßen hatte.
Aber gehörten Vampire nicht zur Zauberergemeinschaft dazu? Schon, aber nicht wenn sie eigentlich nur in der Fantasie existierten
Mein Gott in was war ich hier nur rein geraten? Was sollte ich hier? Wie kam ich hierher? So weit zu apparieren war doch unmöglich, aber diesen Gedanken hatte ich schon. Ich sollte mich wohl viel lieber fragen, wie ich es geschafft hatte, mich in die Seiten eines Romans zu katapultieren. Denn so wie es aussah, träumte ich wirklich nicht, sondern war hellwach.
Tja Amalia, wenn du hier noch länger herumliegst, wirst du irgendwann Wurzeln schlagen. Wenn du weiter kommen willst, solltest du anfangen nach Antworten für deine Fragen zu suchen! Flüsterte meine innere Stimme mir zu. Und sie hatte Recht.
Ich stand auf, putzte mir die Blätter vom Leib, warf den Tarnumhang über und machte mich auf den Weg.
Keine Viertelstunde später, befand ich mich wieder auf der Straße und folgte ihr wie gehabt. Eine weitere halbe Stunde verging und ich kam an die Stelle an der der Volvo abgebogen war. Und wie ich schon geahnt hatte, zog sich, gut versteckt zwischen den Bäumen, eine breite Auffahrt den Weg entlang.
Obwohl ich wusste dass meine Hoffnung, dass nichts mehr hinter dieser Auffahrt kommen würde, ein Fass ohne Boden war, hielt ich daran fest. Als ich nach 2 Meilen immer noch nichts anderes sah außer den breiten Kiesweg, war ich guter Dinge das meine Hoffnung erfüllt wurde. Doch eine weitere Meile brachte die Enttäuschung. Plötzlich erhob sich riesiges Anwesen, mit samt Haus, großer Veranda, und einer Garage vor meinen Augen.
Mit einem noch größeren Seufzer ließ ich mich an den Rand der Auffahrt plumpsen. Alles sah so aus wie ich es schon gelesen hatte. Das helle Haus, bestand aus drei Stockwerken, die Veranda schlängelte sich um das erste Stockwerk herum, in der Garage standen so viele Autos, dass man ein gesamtes Autohaus damit hätte füllen können. Deutlich erkannte ich den silbernen Volvo, den schwarzen Mercedes und auch der große Jeep war mir nicht fremd. Und welches andere Grundstück hatte den Bitteschön eine über drei Meilen lange Auffahrt?
Ich zog die Beine an, und legte die Arme um die Knie, natürlich darauf bedacht nicht den Umhang verrutschen zu lassen. Was im nächsten Moment beinahe geschehen wäre, denn wie aus dem Nichts tauchten zwei Gestalten, kaum zehn Meter vor mir auf und ließen mich leicht zusammenzucken, was sie glücklicherweise nicht bemerkten.
Sie schienen etwas älter als … Edward. Um die fünfundzwanzig hätte ich sie geschätzt, ein Mann und eine Frau. Er hatte blonde Haare, und sie rotbraune. Ohne viel nachzudenken wusste ich wen ich vor mir hatte: Esme und Carlisle Cullen. Ich wagte kaum zu atmen, saß reglos da und hielt krampfhaft den Umhang umklammert. Erst als die beiden im Haus verschwunden waren, entspannte ich mich.
Um zu vermeiden das ich noch mehr Familienmitglieder „kennen lernte", erhob ich mich und ging zuerst so leise wie möglich den Weg zurück, doch nach gut fünfhundert Metern fiel ich in den Laufschritt, um dann weiterte zweihundert Meter später zu rennen. Die Strecke bis zur Straße kam mir mit einmal endlos vor, der Kies knirschte in meinen Ohren unnatürlich laut. Jede Sekunde rechnete ich damit, dass einer von ihnen vor mir auftauchte, sie mussten diesen Lärm doch hören!
Nach gut zwanzig Minuten Dauerlauf, erreichte ich endlich wieder die Straße.
Ich versteckte mich, wie ich hoffte, weit genug entfernt von ihnen im Wald. Ich ließ mich auf einem Baumstumpf nieder und schlug mir die Hände vors Gesicht. Nein, ich weinte nicht sondern versuchte zu überlegen was ich als nächstes tun sollte. Eine kleine Weile später, stand ich auf, in der linken Hand kramte ich abwesend in meiner Hosentasche, und hielt zwei Dinge zwischen den Fingern als ich sie wieder hervor holte. Das eine war die verkleinerte Version von Breaking Dawn, das andere ein genauso kleines Dreieck. Fragend starrte ich es an, zuckte mit den Schultern, und platzierte es vor mir auf den Waldboden. Um herauszufinden was es war, musste ich es wohl vergrößern.
Ich richtete meinen Zauberstab darauf und rief:
„Engorgio!" Und das kleine Dreieck, schwoll rasend schnell heran, bis ich ein Zelt vor mir stehen hatte. Da fiel es mir ein. Klar! Am Abend vor der Abschlussprüfung im Disapparien, hatte ich es im Schulhof schrumpfen lassen. Luisa, eine meiner Freundinnen hatte mich für verrückt gehalten, aber jetzt erwies es sich als Glücksfall.
Ich trat durch die Zeltplane und fand mich in einer kleinen Wohnung, mit Küche, Bad, Schlaf- und Wohnzimmer wieder.
* * *
Eine Woche verging, mehrmals versuchte ich nach Hogwarts zurück zu apparieren, doch es wollte mir nicht gelingen. Ein weiterer Schock traf mich, als ich schließlich Breaking Dawn wieder auf normale Größe wachsen ließ, in die Hände nahm und aufschlug. Die Seiten waren: Leer! Blütenweiß leuchtete mir das Papier entgegen. Auf über siebenhundertfünfzig Seiten stand kein einziger Buchstabe mehr. Wütend klappte ich das Buch zu, und wollte es auf den Küchentisch werfen, da bemerkte ich wie feiner, weißer Staub auf den Zeltboden rieselte, ich starrte auf meine Hände. Das Buch! Es löste sich auf! Krampfhaft umklammerte ich es, drückte es mir sogar an die Brust. Aber vergebens, es floss wie weicher Sand durch meine Finger, bis nur noch ein weißer Staubhaufen auf dem Boden übrig war.
Fassungslos, setzte ich mich davor. Was hatte das jetzt zu bedeuten? Plötzlich fuhr ein kräftiger Windzug durch das Zelt und meine Haare flogen mir ins Gesicht. Der Staubhaufen wurde durcheinander gewirbelt, schien auf dem Boden zu tanzen und verschwand dann auf nimmer Wiedersehen aus dem Zelt. Ich starrte den Zelteingang an, wohl in der Hoffnung, der Staub würde zurückkehren und das Buch würde sich wieder zusammensetzten. Ich erhob mich als es mir zu kalt wurde und setzte mich auf einen Stuhl. Dann blickte ich ins Leere und konnte nicht glauben was gerade geschehen war. Einfach aufgelöst hatte es sich, als ob es niemals existiert hätte. Ich schlug so sehr mit der Faust auf den Tisch, dass mir die Hand danach wehtat. Dann stand ich abermals auf und tigerte im Zelt umher.
Verflixt noch mal, warum sitze ich hier den ganzen Tag tatenlos rum? Fragte ich mich selbst. Aber das sollte sich bald ändern.
