3. Dezember

Nichts ist sicher

(artis . magica)

Es war der Abend des letzten Schultags vor den Weihnachtsferien.

Severus Snape saß missgelaunt am großen Tisch im Lehrerzimmer. Er zog die Stirn in Falten, wenn er daran dachte, womit man ihn in den letzten Stunden gequält hatte. Die Besprechung zog sich nun schon eine Ewigkeit hin. Immer und immer wieder wurde diskutiert und beratschlagt. Und was war es, worum sich im Augenblick alles drehte? Den Weihnachtsball!

Snape schnaubte unwillkürlich aus.

Die alljährliche Hysterie seiner Kollegen um dieses Ereignisses war etwas, das sich dem Tränkemeister nicht erschloss. Dabei gab es doch wirklich nichts, was anders war als im letzten Jahr. Warum also jedes Mal einen solchen Brimborium darum veranstalten. Alles war zum hundertsten Mal besprochen, alles war perfekt geplant und akribisch vorbereitet. Nichts würde fehlen, nichts würde schief gehen. Seit Jahren schon war alles gleich.

Es war wirklich alles gleich…

Snape schüttelte sich innerlich, wenn er an die quietschbunte Dekoration dachte, die Albus ganz sicher auch dieses Jahr aus dem Hut zauberte. Er schüttelte sich, wenn er an die furchtbar süßen Leckereien dachte, die man ihm immer wieder aufzuzwingen versuchte und jedes Mal wieder machte er einem riesigen Bogen um jeden einzelnen der unzähligen Mistelzweige, die Albus im ganzen Schloss aufgehängt hatte. Nur ungern erinnerte sich Snape an die Szene, die Trelawney ihm gemacht hatte, als er sich unvorsichtiger Weise in ihre Nähe wagte, gerade in dem Moment, als sie unter einem dieser Zweiglein stand und er sie nicht mit der ihrer Meinung nach gebührenden Belohnung bedachte.

Wieder ein leises Schnauben und er strich diesen Gedanken aus seinem Hirn.

Schon jetzt ging ihm die giggelnde Schülerschar auf die Nerven, keine Disziplin, keine Ruhe mehr, seit Tagen schon. Am schlimmsten aber war diese überfröhliche Vorfreude. Und dann der Ball selbst, reine Zeitverschwendung, dachte er, dazu die entnervende Musik und die verordnete Geselligkeit. Zum Glück würde morgen Abend alles vorbei sein.

Snape drehte seine Tasse mit dem kalt gewordenen, viel zu süßen Punsch in den Händen und gab sich den Anschein, als würde er aufmerksam zuhören.

Dumbledore wusste genau, dass er sich niemals bereit erklären würde, auch nur einen Finger krumm zu machen, um bei den Vorbereitungen mitzuhelfen. Aber Albus konnte es einfach nicht lassen, ihm jedes Mal wieder die Zeit zu stehlen.

Dabei könnte Snape gerade jetzt die Hausarbeiten korrigieren, die sich auf seinem Schreibtisch stapelten, und mit dem Erkältungstrank für Poppy hätte er auch schon längst beginnen können und die Vorräte in seinem Labor hätten eine Auffrischung dringend nötig. So viel zu tun, so wenig Zeit.

Dumbledores letzte Worte rissen Snape aus seinen Gedanken: „Es wird ein wunderbares Fest werden", sagte Albus abschließend mit einem Blick auf die Uhr, die schon kurz vor Mitternacht anzeigte, und entließ die Lehrerschaft in die verdienten Weihnachtsferien.

Snape erhob sich und wandte sich zur Tür. Mit weiten Schritten durchquerte er den Raum und verschwand im Gang, ungemein erleichtert, dass der Schulleiter nicht wie in den letzten Jahren in ihn drang, seiner Gewohnheit entgegen doch an dem Ball teilzunehmen. Voller Eile schritt Snape aus und atmete erst auf, als er aus Dumbledores Blickfeld verschwunden war.

Entspannt lief er nun die Gänge entlang, an den zugigen Fenstern vorbei, durch die der Wind immer wieder feinen Schnee stäubte, der lautlos auf den kalten Steinboden niedersank und wie ein weißer Teppich wirkte.

Zum ersten Mal blieb Severus Snape stehen und sah durch die gefrorenen Scheiben der Fenster hinaus in die frostklirrende Nacht.

Eine leise Erinnerung schob sich in seinen Geist und es war ihm, als nähme er den vagen Duft von Zimt wahr. Für einen Moment schloss er die Augen und gab sich ganz dieser Erinnerung hin, doch dann verscheuchte diesen Gedanken aus seinem Kopf. Er wandte sich ab und setzte seinen Weg fort, ging langsam durch das nachtschlafende Schloss, in dessen leiser Unruhe die Vorfreude auf den Weihnachtstag überdeutlich zu spüren war. Auch für Severus Snape…

Er schritt schneller aus, ganz so, als müsste er diesen frohen Gedanken entkommen, und hielt erst wieder an, als er vor seinem Arbeitszimmer angekommen war. Er trat ein und warf mit einem lauten Aufatmen die Tür ins Schloss. Für eine Sekunde verharrte er und sah sich misstrauisch um.

Etwas war anders…

Feuer flackerte im Kamin, obwohl er sicher war, dass er es gelöscht hatte, bevor er aus dem Zimmer gegangen war. Hauselfen konnten es nicht gewesen sein, denn ihnen hatte er bei Strafe verboten, sich an seinen Räumlichkeiten zu vergreifen.

Snape ging langsam durch das Zimmer und blieb schließlich vor seinem Schreibtisch stehen. Ganz oben auf dem Stapel mit den Hausarbeiten lag ein kleines Kuvert, das vorher, als er ging, noch nicht dort gelegen haben konnte.

Er schüttelte den Kopf. Nein, es konnte nicht sein. Wie konnte es jemandem gelungen sein, ohne seine Erlaubnis in dieses Zimmer zu gelangen, den darauf liegenden Schutzzauber zu durchbrechen?

Ärgerlich griff er nach dem Briefchen und erkannte im gleichen Augenblick die Handschrift auf dem Umschlag. Es war eine Handschrift, die er aus tausenden heraus würde erkennen können.

Wut stieg in ihm auf. Natürlich, dieses neunmalkluge Gör, das ihn ein ums andere Mal den letzten Nerv raubte.

Er warf den Brief zurück auf den Schreibtisch und ging zum Schrank, der dahinter an der Wand stand. Er öffnete ihn und entnahm seinem Dunkel eine verstaubte Flasche Feuerwhisky und ein Glas. Er schenkte sich großzügig ein und setzte sich auf den Stuhl hinter seinem Schreibtisch.

Er nahm einen Schluck aus seinem Glas und lehnte sich zurück. Trotz aller Verstimmung, die ihn seine Rache in glühenden Farben ausmalen ließ, siegte schließlich doch die Neugier ob des Inhaltes dieses kleinen Briefes.

Kopfschüttelnd und wütend auf sich selbst und seine Inkonsequenz stellte er das Glas vor sich auf den Tisch, nahm den Umschlag wieder auf und öffnete ihn beinahe vorsichtig. Er zog eine kleine Karte daraus hervor, öffnete sie und las die schlichten Worte, die schnörkellos darauf geschrieben waren und das Gefühl, das er noch vor wenigen Minuten strikt von sich gewiesen hatte, fing ihn wieder ein. Es machte ihn für einen winzigen Augenblick weich und verletzlich.

Für Minuten starrte Snape auf dieses unscheinbare Geschenk, dann steckte er die Karte ein und erhob sich.

Nein, er würde heute keine Arbeiten mehr korrigieren.

Er verließ sein Büro und schritt die dunklen Gänge entlang. Und jeder Schritt brachte ihn dem näher, was er bisher so vehement von sich gewiesen hatte. Es zog ihn machtvoll mit sich und füllte sein Herz mit einem Funken Wärme und Zuversicht. Ein leises anerkennendes Lächeln huschte über seine Züge und wischte den Gedanken an Rache endgültig fort.

Er blieb stehen und fühlte nach dem Briefchen in seiner Tasche.

Dennoch… er würde sie bestrafen … ganz sicher … aber nicht heute.

~ ENDE ~