-3- Von Geistern und nächtlichen Spaziergängen
„Ich möchte keine Geister hier haben! Sie würden die Schüler erschrecken!" Rowena stand mit funkelnden Augen in der Mitte der großen Halle und redete auf den absolut ruhigen Salazar ein.
„Aber auch nur im ersten Moment. Ich bitte Euch, Rowena, zu einem Schloss gehören nun einmal Geister."
„Aber…"
So ging es nun schon seit gut einer Stunde. Helga hatte sich einen bequemen Sessel herbeigezaubert und verfolgte interessiert das hitzige Wortgefecht. Godric hatte schon früh den Kampfplatz verlassen, nachdem er einen Kompromiss vorschlagen wollte, der von den beiden Streithähnen aber erbarmungslos abgeschmettert wurde.
Helga grinste. Man könnte fast meinen, den beiden mache die ganze Angelegenheit Spaß.
Zum ersten Mal hatte die junge Frau Gelegenheit den Herren der Schlange genauer zu betrachten, da er zu konzentriert auf Rowena war, um Helga mit arroganten Blicken zu bombardieren.
Seine schwarzen Haare waren zu einem Zopf zusammengefasst, der leicht über den Rücken reichte und dessen Strähnen leicht gewellt waren. Helga fand, dass er für einen Mann ungewöhnlich schönes Haar hatte.
Dunkle, fast schon schwarze Augen blitzten aus einem scharf gezeichneten Gesicht hervor und die schmalen Lippen hatten sich zu einem fast schon vergnügten Lächeln verzogen, wobei kleine Falten um seine Mundwinkel entstanden. Objektiv betrachtet würde man Salazar Slytherin nicht unbedingt als gutaussehend bezeichnen, dafür war seine Gesichtszüge zu hart und undurchdringlich, doch dass er eine gewisse Ausstrahlung besaß, die auf manche Frauen vielleicht anziehend wirken könnte, war nicht zu leugnen.
„Na gut, aber niemand mehr als einen einzigen Geist!" Rowena hatte ihre Lippen zu einem Schmollmund verzogen. „Seid Ihr jetzt zufrieden?"
„Vollkommen, my Lady." Salazar deutete eine galante Verbeugung an. „Ich hoffe Ihr habt nichts dagegen, wenn ich den Blutigen Baron in unser Schloss bitte. Er hat sehr über sein Ableben im Krieg gelitten und ich habe sowieso noch eine Schuld bei ihm zu begleichen."
„Den … den Blutigen Baron …" Rowena war blass geworden. „Ach, macht doch was Ihr wollt." Kraftlos ließ sie sich ebenfalls in einen Sessel sinken. „Mal sehen, was Godric dazu sagt."
„Vermutlich wieder viel zu viel", grummelte Salazar in seinen nichtvorhandenen Bart und schlenderte langsam zu einem Fenster.
„Ich werde ihn mal suchen gehen, wahrscheinlich ist er schon wieder in seinem Gemeinschaftsraum", meinte Helga hilfsbereit und war ein paar Augenblicke auch schon aus der Großen Halle verschwunden.
„Es ist anstrengend mit Euch zu streiten, Salazar." Erschöpft von der harten Arbeit im Inneren des Schlosses und dem Wortgefecht mit ihrem Kollegen, schloss Rowena die Augen und genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut, die sich im bunten Glas der Fenster brachen.
„Nun… ich finde es eher unterhaltsam."
„Ihr findet es unterhaltsam mit mir zu streiten?" Die junge Frau hob ungläubig eine Augenbraue. „Ein so ungewöhnliches Kompliment habe ich noch nie bekommen."
„Es macht auch Spaß sich mit Euch zu unterhalten. Ihr gehört zu den wenigen Leuten, die Ahnung haben, von dem was sie sagen. Wenn ich es recht bedenke, könnte es vielleicht auch noch andere Dinge geben, die mit Euch Spaß machen würden."
„Ihr solltet die Zweideutigkeit Eurer Worte bedenken", Rowena hob in gespielter Empörung eine Augenbraue, „so etwas bin ich von Euch ja gar nicht gewöhnt."
„Vielleicht könnte sich das ja in Zukunft ändern…", entgegnete Salazar mit leiser Stimme und einem für ihn ungewöhnlich sanften Blick, der Rowena unwillkürlich schauern ließ.
„Geister, hier in der Schule?" Godric stürmte aufgebracht in die Große Halle und bemerkte die zornigen Blicke von Salazar gar nicht. „Und dann auch noch der Blutige Baron? Slytherin, wie könnt Ihr…?"
„Verzeiht, Godric, doch das Thema habe ich mit Rowena bereits ausdiskutiert. Wenn es sonst nichts mehr gibt, dessen Ihr mich beschuldigen oder kritisieren wollt, werde ich nun meine Gemächer aufsuchen, um noch ein, zwei Stunden Ruhe vor dem Abend zu finden. Oder habt Ihr etwa vergessen, dass wir heute Nacht den mysteriösen Wald in der Nähe untersuchen wollten?"
Salazar wartete Godrics Antwort gar nicht erst ab, sondern verließ gemächlichen und stolzen Schrittes die Halle.
Die verbrachte Nacht im Wald war ohne Zweifel sowohl äußerst anstrengend als auch sehr gefährlich gewesen, doch die sich anschließenden Ereignisse sollten Geschichte und Zukunft der Schule wesentlich nachhaltiger beeinflussen, als die vier Gründer zu diesem Zeitpunkt ahnen konnten.
Rowena stieg zitternd aus dem großen Badezuber in ihren Gemächern und dankte Helga im Geiste für die Umsicht, vor ein paar Tagen die ersten Hauselfen eingestellt zu haben.
Das warme Badewasser hatte ihren verspannten Muskeln und zahlreichen kleinen Kratzern gut getan. Sie fühlte sich müde und entspannt, doch als die junge Frau in ihrem großen Bett lag, wollte der Schlaf sich nicht einstellen. Im Gegenteil, mit jeder verstreichenden Minute wurde Rowena munterer. Ob es am nahenden Vollmond lag? Sie hasste den Vollmond und die mit ihm einhergehenden Schlafstörungen, die selbst dicke Vorhänge an den Fenstern nicht verhindern konnten.
Rowena kam unwillkürlich der Gedanke, ob sie in den Kerkern mehr Ruhe vor der hellen Scheibe finden würde. Immerhin hatte der Kerker keine Fenster.
Von einer plötzlichen Aufregung ergriffen stand die Gründerin des Hauses Ravenclaw auf und zog einen dunkelblauen Morgenmantel über ihr Nachtgewand. Sie war noch nie unten in den Kerkern gewesen, genau genommen, war noch niemand außer Salazar dort gewesen. Sowohl sie selbst als auch Helga und Godric hatten immer wieder geäußert die Kerker besichtigen zu wollen, doch Slytherin hatte es immer wieder geschafft, ihre Gedanken geschickt auf etwas anderes zu lenken.
Den Gedanken an Salazar verdrängend, schlich Rowena durch die dunklen Gänge des Schlosses. Bald schon würden Kinder durch diese Gänge schleichen, noch leiser als sie es jetzt tat, in der ständigen Angst von einem Lehrer erwischt zu werden.
Rowena verlor sich lächelnd in Träumereien. Vielleicht würden eines Tages ihre Kinder durch diese Korridore wandern…
„Rowena was tut Ihr hier?"
Die Angesprochene gab vor Schreck einen spitzen Schrei von sich. „Beim Merlin, Salazar, erschreckt mich nie wieder derartig."
„Verzeiht", lautete die trockene Antwort ihres Gegenübers, dessen Haare auf Grund der späten Stunde offen über seinen Nacken flossen. „Dürfte ich dennoch fragen, was Ihr hier unten tut? Ihr solltet schlafen, vor allem nach dem, was heute Nacht alles geschehen ist."
„Das ist ja das Problem…", Rowena lächelte schüchtern, „ich konnte nicht schlafen. Und da ich die Kerker noch nie gesehen habe…"
„Dachtet Ihr, Ihr kommt mich mal besuchen, wie nett von Euch."
Rowena überlegte ob sie wegen seinem zynischen Tonfall gekränkt sein sollte, doch Salazars Augen sahen sie freundlich an, ein Gesichtsausdruck, der bei ihm äußerst selten zu beobachten war. „Dann werde ich Euch jetzt wohl mein Reich zeigen müssen."
„Müsst Ihr, oder wollt Ihr?" Rowenas Stimme hatte einen neckischen Tonfall angenommen und Salazar hob eine Augenbraue.
„Ich muss. Wenn es nach mir ginge würde ich Euch viel lieber einen Tee in meinen Gemächern anbieten."
„Oh…" Rowena dankte der Dunkelheit des Kerkers, die verhinderte, dass ihr gegenüber sah, wie sie rot wurde. „Ähm… es ist nicht gerade warm hier unten. Eine Tee wäre bestimmt genau das Richtige."
„Nun, dann sind wir uns ja einig." Slytherin verbeugte sich galant. „Wenn Ihr mir folgen würdet."
