Die Abenteuer des Watson

2. Zwischenspiel

„David? David, wach auf", forderte Lisa spät nachts. „Was?", murmelte David. „Meine Fruchtblase ist geplatzt." – „Es ist mitten in der Nacht." – „Hast du mir überhaupt zugehört? Meine Fruchtblase ist geplatzt. Ich kann natürlich zurück ins Bad gehen und versuchen, die Pfütze wieder in meinen Bauch zu kriegen." Zwischenzeitlich hatte David sich aufgesetzt und sah seine Frau entsetzt an. „Du bist erst im siebten Monat, deine Fruchtblase kann nicht einfach platzen." – „Ist sie aber. Also, würdest du mich bitte ins Krankenhaus bringen?"

„Ui, das ist aber schon jemand kräftig am Pusten", begrüßte die Hebamme Lisa und David auf der Entbindungsstation. „Ja, aber es ist noch viel zu früh", brachte David aufgeregt hervor. „Glauben Sie, mir macht die Nachtschicht Spaß?", lachte die Geburtshelferin. „Das meine ich nicht. Meine Frau ist erst im siebten Monat." – „Ach so. Erstaunlich, wie die sprachlichen Fähigkeiten eines Mannes nachlassen, wenn er das erste Mal das Wort ‚Wehen' gehört hat. Kommen Sie erstmal rein. Wir schließen Ihre Frau an den Wehenschreiber an und machen eine Untersuchung."

„So, Frau Seidel, atmen Sie mal kräftig durch und mit der nächsten Wehe schieben Sie noch mal so fest Sie können", wies die Hebamme die erschöpfte Lisa an. Diese ließ sich in die Kissen sinken. David tupfte ihr fürsorglich die Stirn trocken. „Du machst das ganz großartig, mein Schatz. Nicht mehr lange und unserer kleiner Engel ist auf der Welt", redete er beruhigend auf seine Frau ein. Lisa griff erneut nach Davids Hand und bäumte sich wieder auf. „Ahhhhh!!", untermalte sie ihren Pressversuch. „Sanja, rufen Sie bitte den Dienst habenden Arzt", raunte die Hebamme der Schwesternschülerin zu. „Sagen Sie ihm, dass wir hier ein Baby im Geburtskanal haben und dass die Herztöne langsam schwächer werden." Die eifrige Schwesternschülerin ließ sofort zum Telefon und gab die Informationen weiter. „So, Frau Seidel, das Baby steckt fest. Ich setzte jetzt die Saugglocke an, um ihm den Weg nach draußen zu erleichtern. Bekommen Sie jetzt keinen Schreck, das ist nichts Ungewöhnliches", wandte die Hebamme sich dann entschlossen an Lisa.

„Okay, weg mit der Saugglocke, wir können nicht länger warten", befahl der Arzt, nach einigen Versuchen, dem Seidelschen Nachwuchs auf die Welt zu helfen. „Was haben Sie jetzt vor?", verlangte David zu wissen. „Wir bereiten Ihre Frau auf einen Kaiserschnitt vor. Die Herztöne des Kindes werden immer schwächer. Wir sollten einfach kein Risiko eingehen."

Langsam wurde es hell über Bremen, als Rokko wach wurde. Er hatte irgendetwas Wirres geträumt, konnte sich aber nur an einen Schrei erinnern, den er im Traum zu hören dachte. Kurz vor fünf Uhr morgens zeigte Rokkos Wecker. Viel Zeit zum Schlafen blieb ihm nicht mehr. Er hatte seiner Mutter versprochen sich heute den ganzen Tag um seinen Vater zu kümmern, damit Melanie ein paar Behördengänge erledigen und einkaufen gehen konnte.

„Es ist ein Junge", verkündete der Arzt und hielt ein ziemlich blaues, aber laut schreiendes Baby hoch. „Können Sie Ihren Sohn sehen, Frau Seidel?", fragte er Lisa. Diese nickte schwach und versuchte zu lächeln. „Geh schon mit der Schwester mit", ermutigte sie David matt. „Dann verpasst wenigstens du nichts." David beugte sich vor und gab seiner Frau einen Kuss auf die Stirn. „Ich berichte dir denn alles haarklein, mein tapferer Schatz."

„Er ist so ganz gut drauf. Ein bisschen klein vielleicht, aber das ist klar – er ist ja doch einige Wochen zu früh", schloss der Kinderarzt seine Untersuchung ab. „Haben Sie und Ihre Frau sich schon auf einen Namen geeinigt?" – „Ja", antwortete David, ohne seinen Blick von dem Menschlein, das auf dem Untersuchungstisch lag und wimmerte, abzuwenden. „Er soll Paul heißen", lächelte David seinen Sohn an. „Möchten Sie ihn vielleicht anziehen?", fragte die Kinderkrankenschwester, die sich nun um den Jungen kümmern wollte. „Sehr gerne." – „Gut, dann zeige ich Ihnen, wie das geht und dann können Sie auch wieder zu Ihrer Frau, Herr Doktor müsste dann mit dem Nähen fertig sein."

„Morgen Mama", begrüßte Rokko seine Mutter. „Wie geht's Papa heute?" – „Ach", winkte Melanie ab. „Bei der Morgentoilette war er eigentlich ziemlich klar, aber jetzt…?" Sie zuckte mit den Schultern. „Ich geh ihn mal begrüßen", entschied Rokko. „Vielleicht kannst du ihn ja dazu bewegen, etwas zu essen."

Piiiiiieeeeeeeeppppppp! „Herzstillstand", kommentierte die Krankenschwester die Nulllinie auf dem Monitor. „Defibrilator", bellte der Arzt, während er Lisas Brustkasten wie wild bearbeitete.

„Hallo Papa", lächelte Rokko Henning an, doch dieser erkannte seinen Sohn wie so oft nicht. „Ein leckeres Frühstück hast du da und nicht aufgegessen. Tztztz, dabei gibt sich Mama doch immer so viel Mühe, dir ein gutes Frühstück zu machen." Rokko nahm ein Stück Toast und hielt es seinem Vater vor den Mund. „Na komm, mit lecker Erdbeermarmelade." Langsam öffnete Henning den Mund und ließ sich den angekündigten Leckerbissen hineinschieben.

„Die Plazenta hat sich vorzeitig gelöst", erklärte der Arzt. „Das hätte eigentlich auf dem Ultraschall erkannt werden müssen, aber…" – „Aber das haben Sie nicht", flüsterte David schockiert. „Was ist mit Lisa?" – „Ihre Frau liegt im Koma." Seufzend ließ David sich gegen die Stuhllehne fallen. „Wie lange wird das Koma dauern? Wird sie je wieder aufwachen?", fragte er über den Schreibtisch des Arztes. „Jedes Koma ist anders, Herr Seidel. Es kann nur ein paar Tage dauern…" – „Es muss aber nicht?", fragte David verzweifelt. „Nein, es muss nicht. Es kann Wochen oder Monate dauern." – „Wird meine Frau sterben?" – „Wir konnten die Blutung stillen. Ihre Frau hat Blutkonserven bekommen. Wir haben ihr wirklich die bestmögliche Versorgung möglich gemacht. Nichtsdestotrotz mussten wir sie wiederbeleben." – „Und jetzt?", fragte David verzweifelt. „Jetzt müssen Sie in allererster Linie für Ihren Sohn da sein. Er ist soweit stabil. Sie können ihn heute noch mitnehmen, wenn Sie möchten." – „Ich schätze, dann spart sich die Nachsorgehebamme ihre Tipps zum Stillen", versuchte David seinen Schock durch einen Witz zu kaschieren. „Ja, das stimmt – eines der wenigen Geheimnisse, das wir Männer nie erfahren werden." – „Leider", ergänzte David. „Ihre Schwiegereltern sind gerade bei Ihrer Frau, aber wenn ich mich recht erinnere, hatten sie eine Tragetasche für das Baby dabei. Wenn Sie dann soweit sind…" Entschlossen erhob David sich. „Ja, ich bin soweit. Ich möchte nur noch einmal nach Lisa sehen und dann hole ich Paul von der Kinderstation."