„Im Wasser berühren wir uns" - Kapitel 3
Lange hatte Septima das Bild, das Alan an ihrem letzten Geburtstag von ihr geschossen hatte, zweifelnd betrachtet. Ihre langen schwarzen Haare kamen darauf gut zur Geltung. Ihr lange Nase und der nicht gerade flache Bauch leider auch. Aber sie mochte, wie sie sich geschminkt hatte. Und ihr Lachen mochte sie auch auf diesem Bild.
Voller Angst hatte sie an diesem Morgen das Foto zusammen mit einem Brief an Enigma geschickt.
Würde es ihr gefallen? Kurzzeitig hatte Septima sich sehr über Enigmas Bitte geärgert. Sie brachte sie in die Situation, die Anonymität durchbrechen zu müssen. Fotos konnten identifizieren.
Außerdem ärgerte es Septima im Nachhinein sehr, dass sie vor lauter Aufregung über Enigmas Bitte um ein Foto ganz vergessen hatte, diese auch um ein Foto von sich zu bitten.
'Na ja, was noch nicht ist, kann ja noch werden', seufzte Septima innerlich.
„Professor?", fragte die rothaarige Schülerin direkt vor ihr. Septima schreckte aus ihren Gedanken auf. Was war nur mit ihr los? Pausenlos musste sie an Enigma denken.
„Ja?" „Ich verstehe nicht, wie ich den Zahlenwert von 'Hundehütte' berechne"
Mit einem Seufzen stand Septima auf und ging zu dem Mädchen, um ihr im Lehrbuch die Tabelle, mit der der Zahlenwert zu errechnen war, zu erklären.
Als Septima am Abend endlich wieder zurück in ihr Zimmer kam, lag auf ihrem Tisch ein Brief. Erschrocken blickte sich Septima um. Wie war er hier hin gelangt? Schnell vergewisserte sie sich , dass ihr Fenster tatsächlich geschlossen war.
Vielleicht war er ja von einem Kollegen und betraf irgendetwas im Schulleben. Das wäre eine Erklärung, denn sie hatten sich im Lehrerkollegium angewöhnt, Nachrichten über die Hauselfen zu verschicken.
Schnell riss sie ihn auf.
„Septima... Ja, nun kenne ich deinen Namen. Ich habe dich erkannt.
Du bist wunderschön. Und obwohl ich dich schon so lange vor Augen habe, fällt mir das erst jetzt auf. Dafür möchte ich mich entschuldigen.
Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich dich begehre. Und der Gedanke, dass du so nah bist, hilft mir nicht gerade dabei, mein Begehren zu zügeln. Enigma", las Septima.
Der Schock traf sie und sie musste sich auf ihr Bett sinken lassen.
Enigma hatte sie erkannt! Sie kannte sie! Septima hatte in keinem Brief ihren Namen genannt, und doch wusste die Briefeschreiberin ihn. Sie war Enigma also nicht nur vom Aussehen her bekannt, sondern sogar namentlich. Wahrscheinlich wusste sie also auch, dass sie, Septima, Lehrerin in Hogwarts war.
Merlin, wie war ihr das peinlich! Sie hatte doch nicht gewollt, dass ein Mensch, der mit ihr im Alltag zu tun hatte, wusste, dass sie – bekanntermaßen verheiratet! Und zwar mit einem Mann! - auf der Suche nach einer Frau an ihrer Seite war! War dies nicht der Grund gewesen, warum sie über den Propheten gesucht hatte? Die Anonymität?
...aber war das nicht kurzsichtig von ihr gewesen? Denn wenn sie eine Hexe finden wollte, dann musste sie diese ja irgendwann auch persönlich kennen lernen. Auf kurze Zeit funktionierte so ein Beisammensein vielleicht auch ohne dass man vom Umfeld der jeweils anderen wusste, aber auf Dauer würde so eine Beziehung wohl dem Alltag nicht verborgen bleiben.
Und wenn sie die Peinlichkeit mal beiseite ließ, hatte es ja vielleicht sogar seine Vorteile. Enigma kannte sie bereits. Wie sie mittlerweile selbst gemerkt hatte, war es schwer, einander nur über Briefe kennen zu lernen. Wenn Enigma sie also erkannt hatte und immer noch an Kontakt oder vor allem sexuellem Kontakt interessiert war, dann wollte sie wirklich sie und nicht irgendeine Traumfrau, die sie sich in ihrem Kopf ausgemalt hatte.
Und zuletzt: wenn Enigma sie kannte, dann musste auch sie Enigma kennen!
Diese Erkenntnis gefiel ihr. Enigma musste also aus Hogwarts oder der Umgebung kommen, denn an anderen Orten hatte sie außer ihren Eltern und Alan keine Bekannten. Sie war in ihrem Heimatdorf nie ausgegangen und sie glaubte einfach nicht, dass es sich bei Enigma um eine ehemalige Kommilitonin handeln konnte. Und wenn sie ehrlich war, verließ sie währen des Schuljahres Hogwarts kaum. Also fiel Hogsmead auch weg.
War Enigma eine ihrer Kolleginnen? Oder sogar eine Schülerin?!
'Oh Merlin, bitte lass sie keine Schülerin sein!', dachte sie entsetzt. Wie von selbst schlichen sich die Bilder von ihr und einer pubertierenden Hermione Granger in ihren Kopf. Hermione, deren Gesicht sich dem ihren immer mehr genähert hatte - nein! Das durfte nicht noch einmal gesehen. Sie hatte damals einen Fehler gemacht und sich geschworen, dass dieser ihr kein zweites Mal passieren würde. Als Lehrerin eine Beziehung mit einer Schülerin zu beginnen, war unverzeihlich. Merlin sei Dank hatte sie es damals noch rechtzeitig beenden können und nichts davon war zu anderen durchgedrungen. Jedenfalls hoffte sie das.
Und wer sie auch immer war - was war, wenn Enigma Anderen davon erzählte, dass die Arithmantiklehrerin Septima Vector mit ihr anzügliche Briefe austauschte?! Was würden die Schülerinnen und Schüler dann von ihr denken? Oder ihre Kollegen? Oh Himmel, nein, was würde sie denken? Die eine, deren Meinung ihr mehr als wichtig war.
Und wenn um Merlins Willen genau sie diejenige war, die - ? Nein. Daran durfte sie nicht mal denken.
Wer war Enigma?!
Schwungvoll leerte Septima ihr Glas. Der Alkohol beruhigte und ermutigte sie zugleich. Und wenn sie sich nicht sehr irrte, hatte Horace hier wohl noch einen seiner berüchtigten Tränke hineingemischt. Auch gut. Eigentlich wussten sowieso alle der hier anwesenden Erwachsenen, auf was sie sich einließen – auch ein Grund dafür, dass sie erst zum ersten Mal auf einer dieser Partys anwesend war.
Also, wem traute Septima zu, Enigma zu sein? Welche von ihren Kolleginnen hatte frauenliebende Anwandlungen?
Ein lautes Lachen ließ sie den Kopf drehen. Rolanda Hooch, Besenfluglehrerin, Quidditch-Schiedsrichterin und auf 100 Meter als Lesbe erkennbar. Auch wenn Quidditch schon immer der totale Lesbensport war, hatte Septima sich noch nie dafür begeistern können. Es war nicht so, dass sie nicht einmal die Spieler auseinanderhalten konnte, wie so viele andere Hexen, aber die Leidenschaft hatte sie bei einem Spiel noch nie gepackt.
Ganz anders sah das mit ihrer Leidenschaft für Quidditch-Spielerinnen aus, oder in diesem Fall für Quidditch-Schiedsrichterinnen. Eine Zeit lang hatte sie regelrecht für Hooch geschwärmt, obwohl diese als Butch-Hexe nicht ganz in ihr sonst bevorzugtes 'Beuteschema' passte. Ihre harsche und direkte Art hatte sie stets eingeschüchtert. Genau wie jetzt: Hooch schaute sie ganz direkt an. Wissend, wie sich Septima einbildete.
Vorsichtig erwiderte Septima den Blick und als Hooch sich wieder an Sinistra wandte, die neben ihr saß, begutachtete Septima Hoochs Gestalt. Rolanda Hooch hatte eine sportliche Figur und breite Schultern. Sie war in einen schwarzen Umhang gekleidet, der eben diesen Eindruck nur noch verstärkte. Ihre kurzen schwarzen Haare mit den grauen Strähnchen ließen sie stark und selbstbewusst wirken.
Als Hooch wieder zu ihr schaute und sie direkt anlächelte, schaute Septima reflexartig weg. Peinlich, beim Starren erwischt worden zu sein. Vorsichtig linste sie wieder zu ihr, aber Hooch schaute noch in ihre Richtung und lächelte, so als wisse sie, was Septima gerade dachte. Über was Septima rätselte und was in ihr vorging: War sie es? War sie es nicht? Enigma? Sollte sie hingehen? Lieber doch nicht?
Die Stimmung im Raum war gut, es wurde viel geredet und die Luft war vom Rauch geschwängert. Pomona hatte wieder einmal einige Kräuter aus ihren Gewächshäusern mitgebracht und bereits großzügig verteilt. Septima sah sie rauchend mit Minerva diskutieren. Minerva rauchte nicht, wirkte aber offener und lockerer als sonst. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen und ihre Haare waren in einer lockeren Frisur hochgesteckt. Ein paar lose Haare umrahmten ihr Gesicht und lagen auf ihren Schultern. Wunderschön sah sie aus in ihrem smaragdgrünem Kleid. Minerva lachte über irgendetwas und legte ihre Hand auf Pomonas Arm.
Septima spürte einen kleinen Stich. Schnell schaute sie weg und traf wieder auf Hoochs Blick. Kurzentschlossen ging sie auf sie und Sinistra zu. Zwar glaubte sie nicht wirklich, dass sie Enigma war - es wäre nicht logisch, als einzige geoutete Lesbe des Kollegiums ein Geheimnis um die Identität machen zu wollen - aber ein Versuch war es wert. Manchmal war ja durchaus die offensichtlichste Antwort auch die Richtige.
„Aber irgendwie mag ich ja auch gerade das an ihm", sagte Sinistra gerade zu Hooch.
„Wenn du willst kann ich das beim nächsten Mal auch mal machen", antwortete Hooch und lachte. Hooch nippte an ihrem Glas Elfenwein – jedenfalls dachte Septima, dass es das war, Elfenwein.
Über den Rand ihres Glases hinweg warf Hooch Septima einen Blick zu, schluckte und lächelte ihr dann zu.
„Septima, hallo", begrüßte Hooch sie charmant lächelnd. „Setzt dich doch zu uns!"
Sinistra rutschte etwas, damit Septima Platz hatte.
„Wie gefällt euch die Party?", fragte Septima nervös. Es kam ihr komisch vor, die beiden zu duzen, waren sie sich sonst doch größtenteils aus dem Weg gegangen.
Sinistra – Aurora – lächelte schief und warf Rolanda einen bedeutsamen Blick zu.
„Sie wird gerade besser", antwortete Rolanda, ignorierte Auroras Blick und schaute stattdessen Septima an. Septima wurde rot im Gesicht.
Flirtete Hooch nun etwa mit ihr? Oder bildete sie sich das nur ein?
„Ehrlich gesagt bin ich zum ersten Mal auf einer von Horace' Partys.", lachte Septima. „Habe ich mir das übrigens eingebildet oder ist da etwas in den Punsch gemischt?"
Aurora lachte auf. „Ja", antwortete sie. „Ich weiß zwar nicht, was für ein Trank, aber er macht...", sie schien nach Worten zu suchen. Septima wunderte sich kurz über ihren Akzent. Sie wusste gar nicht, dass Aurora anscheinend gar nicht Engländerin war. „...dass man sich näher kommt", endete Aurora und warf Rolanda erneut einen langen Blick zu.
Prompt lief Septima knallrot an. Ein Trank, der machte, dass man sich näher kam?
Unauffällig sah sie sich im Kerker um, der nur von einem schummrigen Licht beleuchtete wurde, das von kleinen gelblichen Kugeln, die von den Decken hingen, ausging. Es waren wirklich viele Gäste anwesend, auch einige die Septima vom Sehen kannte oder aber noch nie gesehen hatte. Und tatsächlich, als sie sich an die Rauchschwaden gewöhnt hatte, erkannte sie erschrocken, dass einige sich bereits näher kamen. Bei dem Anblick, der sich Septima bot, schoss ihr erneut die Schamesröte in das Gesicht. Schnell wandte sie sich wieder an Rolanda und Aurora.
„Kennt ihr eigentlich jemanden, der sich 'Engima' nennt?", fragte Septima sie sie. Sie hatte länger darüber nachgedacht, wie sie das Thema beginnen konnte, aber nur die direkte Frage war ihr eingefallen. Vielleicht hatte sie ja Glück und 'Enigma' war nicht nur ein Künstlername und sondern auch ein oft gesehener Gast.
Rolanda sah sie mit gekräuselter Stirn an, Aurora aber lächelte leicht. „Enigma? Wie das Rätsel oder Dunkel? In dunkel gehüllt?", fragte sie mit ihrer schönen dunklen Stimme. Septima nickte. Auch ihr war die Namensbedeutung schon aufgefallen.
„Und du suchst eine oder einen Enigma?" „Eine!", berichtigte Septima. „Wir haben uns geschrieben und - äh, ja. Ich suche eine Enigma."
„Enigma... ein wirklich schöner Name", murmelte Aurora. „Aber nein, ich kenne keine Engima." Sie lachte. „Aber ich glaube, ich lasse euch jetzt mal allein", bei diesem Satz schaute sie zur Kerkertür. Septima drehte sich um und sah einen in einen passend schwarzen Mantel gehüllten Cygnus Black, Professor für alte Runen, eintreten. Mit einem Schluck trank Aurora ihr Glas aus, küsste Rolanda zum Abschied auf die Wange und wandte sich dann an Septima. „Vielleicht sehen wir uns ja bald wieder", sagte sie, lächelte sie an und gab ihr die Hand. Aurora stand auf und ging in die Richtung, in der Septima Black vermutete.
Weizenduft, dachte Septima. Unverkennbar Weizenduft.
„Sie schwänzelt schon eine ganze Weile um ihn herum", sagte Rolanda mit einem Grinsen, „aber keine Sorge, sie ist nicht ganz verloren für unser Team."
„Unser Team?", fragte Septima und zog dabei ihre Augenbrauen zusammen.
„Ich meine, sie steht auch auf Frauen."
Septima nickte und versteinerte dann plötzlich.
„Wie kommst du darauf, dass ich auf Frauen stehe?!", rief sie erschrocken.
Rolanda lachte. Anscheinend hatte sie genau diese Reaktion erhofft.
„Tust du es etwa nicht?" „Ich bin verheiratet!", versuchte Septima einzuwenden. „Na und?", grinste Rolanda anzüglich. „Stört doch nicht..."
Septima seufze und ergab sich. Rolanda hatte ja recht.
„Dir ist also Treue nicht sonderlich wichtig?", fragte Septima Rolanda.
Irgendwo im Kerker schrie jemand kurz auf und lautes Gelächter brach aus. Rolanda sagte etwas, aber wegen dem Tumult verstand Septima sie nicht.
„Wie bitte?", fragte sie nach.
„Ich sagte, mir ist Treue schon wichtig, vor allem dass man sich das Gefühl gibt nicht wahllos zu sein. Aber mal ehrlich, du und dein Mann... Also ich kenne dich zwar nicht gut, aber ich stelle mir vor, wenn eine Frau mit einem Mann verheiratet ist, ihn höchstens zwei mal im Jahr sieht und dazu eigentlich noch auf Frauen steht, dass dann nicht sonderlich viel läuft. Stimmt doch, oder?"
Septima war mittlerweile pupurrot. Es stimmte zwar, was Rolanda sagte, aber musst sie das so direkt sagen? Es war ihr peinlich.
„Wie ist es denn bei dir?", fragte sie schnell um das Thema zu wechseln.
Rolanda lachte auf. Ein kurzes raues Lachen. Septima mochte diesen Laut.
„Also ich bin Single, falls du das meinst", grinste sie. Sie beugte sich ganz nah zu Septima und raunte so, dass sie überall Gänsehaut bekam, in ihr Ohr: „Hat denn da jemand Interesse?"
