Wachsames Kennenlernen

Nachdem Tom sich ein Abteil gesucht hat, beobachtete er chaotische Treiben am Bahnsteig von seinem Abteil aus. Nur weil er jetzt unter seinesgleichen kommt, heißt das nicht, dass er von jetzt auf gleich seine Abwehrmechanismen ablegen kann. Eine gewisse Vorsicht war immer bei den Kindern im Waisenhaus geboten, bis er sich kontrolliert gegen sie wehren konnte. Spätestens in Hogwarts muss er allerdings versuchen Freundschaften zu schließen, wenn er nicht wieder der seltsame Junge sein möchte, der lieber für sich alleine ist.

Nachdem der Zug schon einige Zeit King's Cross verlassen hat und Tom beobachtet, wie die Zivilisation langsam der grünen Landschaft weicht, hört er wie sich die Tür zu seinem Abteil öffnet.

„Hallo. Ist hier noch frei?"

Dort in der Tür steht ein Mädchen, welches aussieht wie Schneewittchen. Eine weniger perfekte und bodenständige Version von dieser, aber die Attribute lassen sich nicht verneinen.

Ihre Haut ist so blass, dass Tom sich fast fragt ob sie jemals in der Sonne war. Bis er die Sommersprossen auf ihrer Nase bemerkt.

Die roten Lippen haben nicht ganz die Farbe von Blut, doch erfüllen sie sicher ein Schönheitsideal, das viele Mädchen verfolgen. Nur etwas schmal erscheinen sie um jemals den idealen Schmollmund zu erreichen.

Ihre schwarzen, langen Haare, die nicht glatt und perfekt in Szene gesetzt sind, sondern ihr wild und ungezähmt im Gesicht hängen, vollenden das perfekte Bild der unvollkommenen Prinzessin.

„Hat dich ein Silencio getroffen? Kann ich mich nun setzen, oder muss ich mich weiter durch die Horden wild gewordener Hippogreife da draußen quälen?", fragt sie schließlich etwas genervt als Tom es versäumt ihr zu antworten.

„Ja, natürlich! Setz dich ruhig."

Er weiß zwar nicht was Hippogreife sind oder was in getroffen haben soll, doch schon vor Hogwarts Kontakte zu knüpfen, scheint ihm nicht verkehrt zu sein. Besonders wenn sie scheinbar auch noch niemanden kennt. Die anderen Kinder laufen in Gruppen herum und scheinen sich schon seit Ewigkeiten zu kennen.

„Weißt du, der Anstand gebietet es eigentlich, dass sich der Junge dem Mädchen vorstellt und sie nach seinem Namen fragt. Da ich aber keine große Freundin von festgefahrenen Regeln bin, verzeihe ich dir diesen Faux-Pas. Ich bin Eileen."

„Tom!", antwortet er kurz. Auf ihre angehobene Augenbraue fügt er noch schnell hinzu: „Freut mich dich kennenzulernen."

„Natürlich tust du das!", grinst Eileen ihn an.

Tom ist etwas erstaunt. Nicht das er viel Kontakt mit Mädchen seines Alters oder Älteren hatte, doch diese Eileen führt sich so gar nicht auf, wie die Mädchen im Waisenhaus. Jene lachten immer laut, hielten nie den Mund und gaben auch sonst immer eine gewisse Form von Lärm von sich.

Wie er doch die Mädchen hasst, die alt genug sind Schuhe mit Hacken zu tragen.

Doch wenn Jungen in der Nähe waren, lies der Geräuschpegel ab und sie waren plötzlich ruhig, zurückhaltend und fingen höchstens an zu kichern, wenn besagte Jungen sie anblickten, oder Gott bewahre sie ansprachen.

„Und in welches Haus willst du kommen?", erkundigt Eileen sich weniger zurückhaltend als gelangweilt, während sie aus dem Fenster schaut.

„Ist Hogwarts denn unterteilt?", rutscht es Tom heraus, bevor er die Frage so stellen kann, dass er nicht wie ein vollkommener Dummkopf erscheint, der nichts über Hogwarts weiß.

„Wusst ich doch, dass du ein Schla... ein Muggelgeborener bist", freut sich Eileen plötzlich. „Habt ihr wirklich Kerzen in einem Glasball die angezündet werden indem man einen Schalter an der Wand drückt?"

Sie klingt nicht herablassend oder verletzend, doch Tom kommt nicht umhin wütend zu werden. Es gibt keinen Beweis, dass sein Vater kein Zauberer gewesen ist. Er geht nicht nach Hogwarts um dort nur ein zweitklassiger Zauberer zu sein.

„Ich bin kein Muggel!"

„Ja, natürlich nicht! Du fährst nach Hogwarts, also bist du ein Zauberer.", versichert sie ihm stutzig. „Tut mir Leid, wenn ich dich beleidigt habe. Ich dachte nur Muggelgeborene kennen die Häusereinteilung in Hogwarts nicht."

Schon fällt Tom in bekannte Muster zurück. Andere von sich weg zustoßen kann er sich nun aber nicht mehr so einfach leisten. Die Leute die er ab heute kennenlernt sind die Menschen zu deren Welt er nun gehört. Er will... Nein, er muss dazu zugehören. Doch dafür muss er aufhören seine Mitmenschen von sich wegzustoßen. Außerdem scheint Eileen ihm keine Unfähigkeit unterstellen zu wollen. Sie schien vorher wirklich interessiert zu sein.

„Entschuldige. Aber ich kenne meine Eltern nicht", erklärt er ihr schließlich. „Ich bin in einem Muggelwaisenhaus aufgewachsen."

Diese Offenbarung verschafft es die angespannte Lage nicht wirklich zu lockern. Wenn man von ihrem halb mitleidigen, halb verschämten Ausdruck ausgehen kann.

„Die Kerze in der Glaskugel ist übrigens eine Glühlampe und funktioniert mit Elektrizität. In meinem Zimmer hatte ich sogar zwei davon." Langsam schleicht sich, neben unzähligen Folgefragen, ein Lächeln in ihr Gesicht. „Wie war das mit den Häusern in Hogwarts?"

„So leicht kommst du mir nicht davon, Tom. Ich möchte mehr über diese Glühlampen und Elektrizät erfahren. Aber ganz unvorbereitet kann ich dich ja nicht nach Hogwarts lassen."

So erfährt Tom von ihr über die vier Häuser Hogwarts mit den seltsam anmutenden Namen. Deren Geschichte, angefangen von den Gründern bis hin zum letztjährigen Sieg des Haus- und Quidditchpokals durch Hufflepuff.

Daraufhin erklärte sie ihm sogleich die Regeln für den „Besten und eigentlich auch einzigen Sport der Zaubererwelt". Er hat von den Regeln nur mitgenommen, dass es sich auf fliegenden Besen spielt und es verschiedene Ballarten gibt. Sonst hört es sich eigentlich sehr unübersichtlich an.

Natürlich sagt Tom ihr das nicht. So aufgeregt und energisch, müsste er sich bei Kritik wahrscheinlich Sorgen machen, dass sie erzürnt aus dem Abteil stürmt und nie wieder mit ihm redet. Dieses Risiko möchte er nicht eingehen.

Nicht nur das Eileen scheinbar alles über die Hogwarts und die Zaubererwelt weiß, sie ist auch noch sehr umgänglich für ein Mädchen und hat sich nicht von der Tatsache abschrecken lassen, dass er nichts über seine Zaubererverwandtschaft weiß.

„Und in welches Haus möchtest du?", fragt Tom, nachdem Eileen ihre Ausführung dazu beendet hat, warum es überhaupt nicht unfair ist, dass es für den Snitch 150 Punkte gibt.

Verschwörerisch beugt sie sich ihm entgegen. „Du kannst es dir zwar nicht aussuchen und eigentlich weiß es niemand vorher, aber die Princes kommen immer nach Slytherin."

„Princes? Du bist eine Prinzessin aus einer königlichen Familie?" Tom ist über seinen übereifrigen Ton selber schockiert und auch fast ein wenig von sich angewidert.

„Nein! Es gibt keine Könige in der Zaubererwelt", lacht Eileen nur über die Frage und nicht über ihn, wie Tom hofft. „Mein Name ist Prince. Eileen Prince."

„Darf ist dich also nicht Schneewittchen nennen?" Das erste Mal seit Jahren fühlt sich Tom gelöst genug um zu scherzen.

„Schneewas? Hast du mich gerade beleidigt?", fragt Eileen jedoch nur verwirrt und ein wenig verletzt. „Weißt du, nur weil ich niemanden außer dir kenne der bei Muggeln aufgewachsen ist, heißt das nicht dass ich in Hogwarts niemanden finde, der mir solche Begriffe erklären kann."

„Nein, nein. Schneewittchen ist eine Märchenfigur. Eine Prinzessin."

Er könnte sich ohrfeigen. Seine erste richtige Bekanntschaft in der Zaubererwelt verschreckt er durch dumme Muggelreferenzen. Warum hat er sich nicht vorher besser über die Zaubererwelt informiert. Egal wohin er kommt, er wird niemals richtig dazugehören.

„Oh, wie dumm von mir. Tut mir Leid."

Tom ist verwirrt. Warum entschuldigt sie sich dafür, dass er sich nicht in der Zaubererkultur auskennt. Sie sollte ihn auslachen und alleine sitzen lassen. Er ist kein Muggel und auch kein richtiger Zauberer.

„Ich hätte dir nichts Böses unterstellen dürfen." Sie legt eine ihrer schneeweißen, zierlichen Hände auf Toms geballte Fäuste. Als er aufschaut, sieht er wie sie wieder lächelt. „Komm erzähl mir etwas zu der Elektrizät, die du erwähnt hast. Und falls du nach Slytherin kommst, musst erzählst du mir das Märchen von dieser Schneeprinzessin und ich erzähle dir das Märchen von Babbitty Rabbitty und dem gackernde Baumstumpf. Schau mich nicht so skeptisch an, ich hab mir den Namen nicht ausgedacht."