Eine Stunde später saßen sie in einer mittelgroßen, gemütlichen Bar in einer Ecke und hatten ihre erste Runde Biere bestellt. Die Winchester Brüder waren vom Whisky schon etwas angeschickert, aber nur soweit, dass sich ihre Laune immer weiter hob. Sie saßen zusammen, lachten und witzelten herum, während sie auf die Bedienung mit ihren Getränken warteten, und es tat gut, nach so viel Schmerz, Trauer, Entbehren und Sich-Zusammenreißen, endlich mal wieder etwas locker zu lassen, sich einfach daran zu freuen, sich gegenseitig noch zu haben und trotz allem irgendwie noch am Leben zu sein und in einer Bar zu sitzen und die Gesellschaft der anderen genießen zu können.
Als die Bedienung mit den drei Bieren kam und sie auf dem Tisch absetzte, versuchte die hübsche, große Blondine Deans Blick einzufangen, doch Dean lächelte ihr nur ein knappes Dankeschön entgegen und wandte sich wieder Cas zu, der ihm schräg gegenüber saß. Sam hingegen bedankte sich mit einem deutlich breiteren Lächeln, und, auch wenn er wusste, dass Dean ihre erste Wahl gewesen wäre, fand er sie ziemlich attraktiv.
„Dankeschön, …?" mit fragendem Blick und seinem charmantesten Lächeln schaute er zu ihr hoch, musterte ihr Gesicht, ihre dunkelblonden Haare waren hastig in einem kunstvollen Chaos nach oben gesteckt, und ihre Augen waren von einem hellen und klaren haselnussbraun, Sam fand sie augenblicklich sympathisch.
„Ivy" lachte sie ihm zu, und ihre Augen weiteten sich ein wenig mit Interesse.
„Danke, Ivy, ich bin Sam, das hier ist mein Bruder Dean, und das ist Cas."
Dean und Cas nickten jeweils freundlich aber nur kurz in Ivys Richtung jeweils beim Erwähnen ihrer Namen, wandten sich jedoch schnell wieder ihrem Gespräch zu.
„Ehm, ja… Also, ich steh euch heute zu Diensten, wenn du etwas brauchst, ruf mich einfach…" meinte sie keck und warf beim Weggehen Sam noch einen Blick über die Schulter zu, den Sammy mit einem Lächeln erwiderte, bevor sein Blick wieder auf ihren wohlgeformten Arsch fiel.
„Ah, Cas, du musst deine „Superheilungskräfte" für heute Abend mal abstellen, vertrau mir, das wird sehr viel witziger ohne deine superschnelle Entgiftungspower" befahl Dean gerade Cas als sich Sammy wieder dem Gespräch zuwandte.
„Dean, ich vertraue dir, das weißt du. Aber…"
„Kein Aber, du betrinkst dich heute mal gescheit, damit du dich bisschen locker machen kannst" schnitt Dean ihm den Satz ab und lachte.
Sam schaute Dean ein bisschen besorgt an, aber vergaß den Grund dafür schnell wieder, als Dean die erste Runde Tequila bestellte. Das wird ein guter Abend, dachte Sam, war aber auch wirklich mal wieder Zeit!
Nach ein paar weiteren Runden Tequila, viel Gelächter und sehr, sehr viel Flirt zwischen Sam und Ivy, entschuldigte Sam sich und schlenderte zur Theke, um die hübsche Ivy in ein ernsthafteres Gespräch zu verwickeln.
Nachdem Sam zur Theke gegangen war, setzte ein Schweigen ein, nicht unbedingt ein unangenehmes, aber doch gespanntes Schweigen. Dean hatte es geschafft, die Gedanken an Cas von seiner Duschsession mehr oder weniger zur Seite zu schieben, aber dennoch erwischte er sich immer öfter, wie er sich im Betrachten Cas' Gesicht verlor, den Blick am feinen Nasenrücken entlang wandern ließ, voller Staunen in dem so ungewohnten Lachen versank, und immer und immer wieder zurück zu seinen Augen wanderten. Die Augen eines Engels, wortwörtlich. Und er ärgerte sich fast darüber, aber auch nur fast, dass Cas ihn so oft dabei erwischte, und ihn dann mit einem nachdenklichen Blick bedachte, aber trotzdem weiter lächelte, bevor Dean schnell den Blick woanders hin richtete. Das Lächeln, das ihm dabei jedoch auf die Lippen kroch, konnte er einfach nicht unterdrücken.
Und wieder war da dieses Etwas in den Augen, dass Dean nicht so recht definieren konnte. Er hatte ähnliches schon bei Sammy gesehen, wenn sie mal wieder einen ihrer Bruder-Familien-Wir-Sind-Füreinander-Da Momente hatten. Aber das war es nicht ganz.
Dean hatte anscheinend sich schon wieder in der Zeit verloren, denn Cas bewegte sich etwas unruhig auf seinem Platz, eine so menschliche Bewegung dass Dean fast lachen musste. Dean räusperte sich, setzte sich ein bisschen auf, und legte seinen Arm auf die Lehne der Sitzbank, die andere Hand um seine Bierflasche. Er fühlte sich schön warm und wohlig, er streckte die Beine etwas aus.
„Na, Cas, alles klar noch bei dir?" witzelte er und merkte, dass seine Zunge ein kleines bisschen schwerer geworden war.
„Hm, ich fühl mich ein bisschen schwindelig, Dean… Und das Sprechen fällt mir etwas schwerer als sonst. Aber ansonsten geht es mir gut. Ich fühl mich gut, es ist angenehm, hier mit dir zu sitzen." Cas versuchte ihn doch tatsächlich schief anzulächeln, und der Versuch pflanzte ein breites Grinsen auf Deans Gesicht. Es sah einfach so liebenswert aus. Cas Augen leuchteten zu ihm herüber, er lächelte, und hatte sich sogar zurückgelehnt, war entspannt, und der Anblick gefiel Dean, gefiel ihm sogar sehr gut. Er würde sich heute Abend noch dümmlich zu Tode grinsen, wenn das so weiter ging. Er streckte seine Beine noch etwas weiter aus, und streifte mit einer Wade gegen Cas' Bein. Cas zuckte ein wenig, aber als Dean sein Bein nicht wegzog, entspannte er sich wieder, schaute neugierig zu Dean herüber, und presste sein Bein versuchsmäßig gegen Deans. Dean schaute fest auf die Bierflasche die er mit beiden Händen umschlossen hielt, wie um sich daran festzuhalten, denn sein Herz fing an immer heftiger gegen seinen Brustkorb zu schlagen, und er wagte nicht wirklich aufzuschauen.
„Dean?"
„Hm?"
„Mir wird warm. Ist das normal?" fragte Cas.
Dean schaute mit einem leicht verschmitzten Lächeln auf „Ja, Cas, das ist normal… Alkohol wärmt dich von innen"
Cas bewegte sein Bein etwas, neugierig auf dem Körperkontakt mit Dean. Es gab ihm ein aufregendes Gefühl in Bauchgegend, und in seinem Unterleib zog es etwas, aber nicht unangenehm, und es schien, als würde sich die Hitze dort sammeln. Cas wunderte sich jedes Mal wieder über Alkohol, er fühlte sich nach ein paar Gläsern seiner Vessel schon sehr viel mehr verbunden als sonst, und seine Gedanken waren ein bisschen vernebelt, also verließ Cas sich auf sein Gefühl, und der Kontakt zwischen Deans und seinem Bein fühlte sich so gut an. Er wusste, dass normalerweise Dean sein Bein weggezogen hätte, das konnte Cas aus der Spannung zwischen den beiden herauslesen, aber er war neugierig, wieso Dean das heute Abend eben nicht tat, und er brannte darauf, mehr zu fühlen, es noch besser zu fühlen, mehr als nur die kleine Fläche am Bein unter dem Tisch.
Dean fragte sich was mit ihm los war. Was soll das? Erst sich auf seinen besten Freund einen runterholen, und jetzt heimlich unter dem Tisch mit ihm füßeln. Aber Dean kam nicht sehr weit mit seinen Gedanken, sie verhedderten sich in sich selbst und drifteten langsam ab, versanken im Sirup der Gedanken an das warme Bein, dass sich gegen das seine presste. Cas schaute ihn aufmerksam an, versuchte jede noch so kleine Bewegung die Dean machte, wahr zu nehmen, und Dean musste unwillkürlich grinsen. Der Alkohol hatte jetzt mittlerweile schon gut Wirkung gezeigt, und Dean fühlte sich gerade mehr als wohl als dass er sich weiter Gedanken machte. Also schob er alle Sorgen und Gedanken beiseite und grinste Cas nur breit an.
„Cas… weißt du eigentlich, wie froh ich bin, dich wieder zu haben, Buddy? Ich bin echt froh dass es dir besser geht… Und… wenn irgendwas ist, du weißt, du kannst immer mit mir reden?"
Wo kam der Chickflick-Moment denn auf einmal her? Egal, heute Abend keine Sorgen, kein Denken.
„Danke, Dean, ich schätze das sehr… Es gibt da tatsächlich etwas, worüber ich gerne mit dir reden würde-„
In diesem Augenblick kam Sam zurück, offensichtlich erfolgreich, denn er hatte den Arm um Ivys Hüfte gelegt, und kündigte an, dass sie mit ihnen jetzt ihr Schichtende feiern würde und dass Dean gefälligst seinen Arsch um die Ecke bringen sollte, damit Ivy neben Sam Platz habe.
Da der Tisch nicht sonderlich groß war, saß Dean jetzt nun deutlich innerhalb Cas' persönlicher Umgebung, direkt neben ihm. Und als Sam und Ivy anfingen, loszureden und zu lachen, konnte Dean nur an seinen Oberschenkel denken, der dicht an Cas' Oberschenkel gepresst war, und der Tatsache, dass Cas keinen Millimeter abrutschte. Sein Herz hämmerte, und er musste sich an seiner Bierflasche festhalten, damit sie nicht auf Cas' Oberschenkel krochen.
Cas erlebte seine Vessel praktisch ganz neu. Obwohl der Alkohol seine Sinne recht betäubte, und seine Gedanken langsam und schwer machte, fühlte er den Druck von Deans Oberschenkel gegen den seinen mit Millionen überempfindlichen Nervenenden, er hörte sein Blut durch seinen Körper rauschen, heiß und schnell, und konnte nichts anderes mehr wahrnehmen außer die Präsenz dieses außergewöhnlichen, wunderschönen Menschen neben ihm. Als er seinen Kopf drehte, und Dean anschaute, dieses schöne Gesicht mit den kleinen Lachfältchen um die Augen herum, die ihm nur schmeichelten, mit den unzähligen Sommersprossen auf seinen Wangen, dem Dreitagebart, der ihm unheimlich gut stand, und dann –
Dean starrte auf ihre Oberschenkel. Er war wie gebannt, er starrte darauf, als könnte er es nicht glauben, wobei er es mit jedem Millimeter seiner Haut spürte, die Hitze durch seine Jeans und Cas' Hose spürte. Als er Cas' Blick auf sich spürte, schaute er auf, und sah direkt in diese unendlich tiefen, unglaublich blauen Augen. Und da war es wieder. Dieses Schimmern.
Cas schaute in Deans unnatürlich grünen Augen, die Iris mit dunkelgrünen Sprenkeln übersät. Er hatte selten so schöne Augen an einem Menschen gesehen, wie die von Dean. Und, vor allem bei Dean, verstand er die Faszination von Augen: sie waren die Spiegel der Seele.
Deans Pupille weiteten sich mit der Erkenntnis.
Dieses etwas, dieses Leuchten in Cas' Augen. Es war bedingungsloses Vertrauen gemischt mit Bewunderung und der Wunsch, zu beschützen.
