Disclaimer: Wenn es mir gehören würde, dann würde ich mir nicht dreimal überlegen müssen, ob ich mir ein neues Regal für meine Bücher leisten kann oder nicht, obwohl meine alten beiden kurz davor sind unter ihrer Last zusammen zu brechen.

Viel Spaß beim Lesen!

Grey-Wings

Kapitel Fünf – Die Weiße Stadt

Der neue Frühling verbreitete Aufbruchsstimmung nach einem langen und harten Winter. Die Ernte im Herbst war jedoch reich gewesen, ein gutes Ergebnis für ein gutes Jahr, nichts würde knapp werden in den dünnen Monaten.

Die schneegefüllten Tage verbrachten sie größtenteils in der direkten Umgebung des Gehöftes mit nur gelegentlichen Ausflügen in den Wald zur Jagd. Es waren besinnliche Stunden, gefüllt mit Geschichtenerzählen und Lernen. Faith wurde von Tag zu Tag geschickter mit dem Schnitzmesser und produzierte kleine Holzfiguren ebenso gekonnt wie Möbelstücke, Besteck und Waffen – letztere waren jedoch zu niemandes Überraschung ihre Stärke. Ihr besonderer Stolz waren ihre Bögen und Pfeile.

Eldreth versuchte ihr einige der weiblichen Fertigkeiten beizubringen, zu allseitiger Belustigung wurde jedoch schnell klar, dass man die Jägerin weder in die Nähe eines Kochtopfes lassen noch mit Nadel und Faden bewaffnen sollte. Harry hatte weder mit dem einen noch dem anderen Probleme, Dank seiner Jahre bei den Dursleys und lernte daher schnell, sich eigene Hemden zu nähen und die hiesigen Gerichte zu zubereiten. Um die Weihnachtszeit legte er heimlich seine Geschenke auf Faiths Bett, eine neue Kleidungsgarnitur aus weicher, warmer Wolle und jene feine Kette, die er in den Bergen gefunden hatte.

Unbemerkt hatte Faith den gleichen Gedanken gehabt und er fand zu seiner Freude einen Köcher voller neuer, kunstvoll verzierter Pfeile und eine fein gearbeitete Kiste für seine Kräuter, Salben und Tinkturen in seinem Zimmer vor. Eine Wolke wohliger Glückseligkeit begleitete sie die gesamte folgende Woche.

In den Morgenstunden hatten sie sich zudem angewöhnt, gemeinsam zu meditieren, denn Faith hatte während ihres Abenteuers in den Weißen Bergen festgestellt, dass ihre Fähigkeiten als Jägerin sich zu verändern begannen und sie wollte dieses Phänomen ergründen. Offenbar hatte die innere Ruhe, die sie an diesem Ort gefunden hatte, die Zerrissenheit in ihrem Inneren geheilt. Der Teil des Menschen Faiths und der Teil der Jägerin Faith und dessen dämonischer Ursprung hatten einander gefunden, sich komplett miteinander verbunden. Dies bedeutete, dass diese Seiten ihrer selbst nicht mehr im Krieg miteinander lagen und versuchten Herrschaft übereinander zu gewinnen, sondern waren miteinander verschmolzen. Ihre Stärke, Schnelligkeit und Reflexe waren miteinander kombiniert und verbessert wurden, während die geistlose Tötungsmaschine der Jägerin die Intelligenz des Menschen gefunden und angenommen hatte, sich also nicht mehr im Rausch der Jagd verlieren konnte. Diese Entdeckung spornte Faith nur noch mehr an, sich selbst zu fordern, zu sehen ob es Grenzen gab und falls ja, wo diese lagen. Wie viel mehr Potential konnte sie nutzen?

Harry förderte ihren Ehrgeiz dahingehend, denn er konnte spüren, wie es sie erfreute, diese Entdeckungen selbstständig zu machen. Gleichzeitig arbeitete Harry an seiner Magie, die wie vorgesehen noch immer am Wachsen war und sich anscheinend seinen neuen Umständen und Zielen anpasste. Seit er das Studium der Heilkunst und Kranke zu behandeln begonnen hatte, schien es ihm, als würde jene Gabe, die Eldreth erwähnt hatte, sich selbst verfeinern. Wenn er jemanden mit Schmerzen berührte, konnte sein Inneres Auge (Trelawney würde in Ohnmacht fallen, wenn sie das jemals aus seinem Munde hören könnte) den Linien der Krankheit bis zum Ursprung folgen und damit die Ursache ergründen. Gleichzeitig fühlte er die verschiedenen Eigenschaften der Kräuter und Tinkturen, deren Einsatzmöglichkeiten und wann es besser war diese oder jene Pflanze zu verwenden, obwohl verschiedene beinahe gleiche Charakteristika besaßen.

Währenddessen breitete sich seine Magie im gleichen Maße in seinem Körper aus, um ihn zu verbessern und gesund zu halten, wie sein Verständnis von der menschlichen Anatomie wuchs. Er konnte dem Fluss seiner Kernmagie folgen, wenn er sich beispielsweise schnitt und die Wunde in erstaunlich schneller Zeit selbst heilte. Oder als er sich einen Muskel gezerrt hatte und seine Magie erst zaghaft, dann bewusst den Schaden konterte.

Harry grinste, als er diese Entwicklung beobachtete. ‚Arzt heile dich selbst', oder so ähnlich hieß es doch?

Nun arbeitete er vor allem daran, diese Fertigkeit in ihm zu verbessern, als auch einen Weg zu finden, sie nach außen zu richten, um jemand anderen zu heilen. Doch damit musste er vorsichtig sein, denn Faith war noch immer die einzige, die wusste, dass er ein Zauberer war. Er hatte sich umgehört, einige subtile Fragen gestellt, doch stets nur Gerüchte und Hören-Sagen zu Ohren bekommen. Es gab wohl Zauberer in Mittelerde, doch niemand wusste Genaues und ein gutes Maß Furcht begleitete alles, was über jene Istari erzählt wurde.

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Als der Schnee schmolz, kam die Zeit des Abschiedes, schwermütig und aufgeregt über die Zukunft zugleich. Eldreth und Berelard hatten ein ausgiebiges Frühstück für sie bereitet und sie redeten ein letztes Mal ausgiebig über ihre Pläne, als auch die Nachricht, die sie von ihren Söhnen erhalten hatten. Sie würden bald zurückkehren und hätten großartige Neuigkeiten für ihre Eltern.

Eldreth führte sie hinaus zu Berelard, der stolz beide Pferde am Zügel hielt. „Es war ein gutes Jahr, das ihr bei uns verbracht habt. Ihr werdet in diesem Heim stets willkommen sein, eine Mahlzeit und ein Bett stets bereitstehen.", sagte sie ernsthaft zum Abschied.

Berelard trat vor. „Reist sicher und achtet aufeinander. Ihr mögt nicht die Kinder meines Blutes sein, doch meines Herzens gewiss. Möge Minas Tirith eure Träume erfüllen."

Faith und Harry schniffelten noch immer leicht, als sie das Haus schon längst aus den Augen verloren hatten. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer ist."

„Ich auch nicht.", gestand Harry leise. „Ich bin jedoch froh, dass ihre Söhne zurückkehren. Mir wäre nicht wohl bei dem Gedanken, sie allein zu lassen."

„Geht mir genauso, Brüderlein."

„Yup, Schwesterlein." Sie lachten leise. Sie hatten einander und einen Ort, zu dem sie immer zurückkehren konnten, sowie Pläne für eine interessante Zukunft. Mehr konnten sie nicht verlangen.

Erst als sie am Abend ihr Lager vorbereiteten, entdeckten sie die Überraschung in ihren Satteltaschen. Neben Verpflegung, warmen Decken und je zwei Flaschen des guten Weines, fanden sie was man wohl als feine Kleidung für gehobene Kreise bezeichnen konnte.

Faith stotterte. „Das … das … das ist … das ist ein Kleid!"

„Aus grünem Samt.", bestätigte Harry lachend, während er seine eigene Samtrobe betrachtete. „Eldreth war wirklich fleißig, uns so gute Sachen zu schneidern." Plötzlich blickte er erstaunt auf. „Hey, ich habe dich noch nie in einem Kleid gesehen!"

„Hmpf! Wenn es nach mir geht, wird das auch nicht in absehbarer Zukunft geschehen!" Sie murmelte noch etwas über ‚Mädchen-Sachen' und ‚unmöglich für High-Kicks', ehe sie es mit einem widerwilligen Lächeln sorgfältig verstaute. Harry tat so, als würde er es nicht bemerken.

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Minas Tirith war überwältigend. Schön, grandios und prachtvoll, eine Stadt für Könige – selbst wenn es seit zwei Jahrhunderten keinen mehr darin gegeben hatte. (Anm.: damit wird deutlich, dass wir uns etwa 2230/III befinden und Statthalter über Gondor regieren) Ihre Mauern bestanden aus weißem Stein, der in der Sonne leuchtete, und die sieben Ringe reichten weit, weit hinauf, als wollten sie den Himmel berühren. Standarten flackerten im Wind, stolz das Zeichen des Weißen Baumes zeigend. Der Anblick war atemberaubend.

„Wow!", flüsterte Faith. „Ich hatte es mir niemals so gigantisch vorgestellt!"

„Ich habe ein gutes Gefühl, Schwesterherz, ein wirklich gutes Gefühl."

„Tatsache? Ich bin einfach nur nervös.", bemerkte sie trocken. Faith hatte es sich in den Kopf gesetzt, in der Armee oder Wache anzuheuern und war besorgt, dass sie nicht aufgenommen würde, nur weil sie eine Frau war. Harry selbst war sich nicht sicher, ob das eine gute Idee war. Auf dem Lande, bei den Bauern war es selbstverständlich, dass jeder nach besten Kräften mit anpackte, sei es Mann, Frau oder Kind. Es war einfach lebensnotwendig. Dennoch war der Platz einer Frau eher in Herd und Heim zu finden, als mit Schwert und Bogen inmitten einer Horde Soldaten. Zudem kamen seine Befürchtungen, dass Faith verwundet oder gar getötet werden könnte, sollte sie in den Einsatz geschickt werden.

Während ihrer Reise hatten sie sich ein wenig umgehört und Gondor war fortdauernd in größere und kleinere Auseinandersetzungen mit den Orks, Südmenschen, den Haradrim, und Korsaren verwickelt. Also war es recht wahrscheinlich, dass, sollte sie angenommen werden, auch würde kämpfen müssen.

Allerdings hatte sie sich dazu entschlossen und Harry hatte sich vorgenommen, sie zu unterstützen, solange es seine Schwester im Herzen nur glücklich machen würde. Schließlich war sie hauptsächlich wegen ihm hierher gefolgt.

Sich in den stetigen Strom der Reisenden und Händler in die Stadt einreihend, trotteten sie gemächlich durch das verstärkte Stadttor. Es umgab sie eine rege Aktivität, die offensichtlich kennzeichnend für Tagesgeschäfte war. Karren mit Nahrung und Holz beladen rollten gemächlich die Pflastersteinstraßen entlang, entluden ihre Ladung in Geschäften und Gasthäusern. Ein Maulesel trug störrisch die Last mehrerer Bierfässer, Botenjungen liefen eifrig hierhin und dorthin, die Stadtwache behielt alle Neuankömmlinge und das Geschehen in den Stadtmauern im Auge, Händler priesen lautstark ihre Waren an und die Einwohner gingen ihrem Tagewerk nach, einige kauften ein, plauderten miteinander, den neuesten Klatsch austauschend.

„Ihr da!", wurden sie plötzlich von einer uniformierten Stadtwache angerufen. Gehorsam wandten sie sich im zu. „Die Pferde sind in den oberen Ringen nicht erlaubt."

„Oh! Können wir sie vielleicht irgendwo unterstellen?", erkundigte sich Harry.

Der Mann nickte freundlich. „Ah, ihr seid neu hier, was? Wohin wollt ihr denn?"

„Zu den Häusern der Heilung und das Garnisonsquartier."

„Die liegen beide im vorletzten Ring, die Pferde könnt ihr im nächsten lassen. Da gibt es einen großen Stall für Besucher. Wartet mal … Hey, Junge!", rief er einen der eifrig umhereilenden Botenjungen zu sich. Er mochte vielleicht neun Jahre alt sein. „Führ die beiden doch zu den Ställen und danach sowohl zu den Häusern der Heilung als auch dem Kommandanten, ja."

„Jawohl, Herr." Der Junge grinste sie fröhlich auf den Fußballen wippend an. „Kommt, folgt mir!", und stürmte mit einem leichten Humpeln los.

Überrascht folgten sie ihm im wahnwitzigen Tempo durch die Gassen, nur um Haaresschärfe etliche schmerzhafte Zusammenstöße mit Karren und anderen Gefährten vermeidend.

„Die Ställe!", verkündete er schließlich stolz und deutete zu dem lang gestreckten Holzgebäude, das eher leer und trostlos aussah. „Eine Nacht ist kostenlos, danach wird es teuer.", wurden sie fröhlich informiert.

Harry und Faith gaben ihre Pferde in die Obhut eines pickeligen Stallburschens, nachdem sie ihre Satteltaschen abgenommen und sich bei ihren vierbeinigen Gefährten für die miserable Unterkunft entschuldigt hatten. Doch vorerst konnten sie nichts dagegen tun und würden sich später etwas einfallen lassen müssen. Die Taschen geschultert war es leicht, dem Jungen zu Fuß zu folgen. Verwinkelte Gassen entlang, durch verborgene Tore, durch die die Pferde ohnehin nicht gepasst hätten, erklommen sie Ring für Ring die Weiße Stadt.

Vor einem ausgesprochen wehrhaft wirkenden Gebäude hielt ihr kleiner Führer an, Harry einen erwartenden Blick zuwerfend. Es war jedoch Faith, die ihre Schultern straffte und fatalistisch los marschierte: „Wir sehen uns, wenn alles geklärt ist."

„Viel Glück!", wünschte er ihr vom Herzen kommend, ehe er sich dem Botenjungen wieder zuwandte. „Die Häuser der Heilung?"

„Ähm … ja, Herr." Etwas langsamer machten sie sich erneut auf den Weg. Aus den Augenwinkeln nahm Harry die perplexen Blicke wahr, die ihm von dem Jungen zugeworfen wurden. „Ihr seid sicher, dass Ihr zu den Heilern möchtet?"

„Ja, ich bin mir ganz sicher.", erwiderte Harry amüsiert.

„Oh."

„Ich hoffe, dort weiter ausgebildet zu werden.", informierte er ernsthaft.

„Ah … und Eure Frau?"

„Faith ist meine Schwester und sie möchte in der Garnison aufgenommen werden."

„Aber sie ist eine Frau!", kam der geschockte Ausruf.

„Ja, natürlich ist sie das."

Der Junge blieb voller Horror wie angewurzelt stehen. „Aber sie kann doch nicht … Frauen kämpfen nicht!" Vehement den Kopf schüttelnd versuchte er Harry diese profunde Regel deutlich zu machen. „Ich kenne keine einzige Frau, die kämpft!"

„Nun, jetzt schon … und meine Schwester ist wirklich gut."

„Aber wer passt dann auf sie auf? Frauen müssen doch beschützt werden!"

Sich innerlich vor Lachen schüttelnd kämpfte Harry um einen ernsten Gesichtsausdruck. „Tja, Faith würde dir da widersprechen und zu Recht. Sie kann Dinge, die eine Menge Männer nicht einmal können und ich würde, alles was ich besitze darauf verwetten, dass sie alle anderen Anfänger in der Garnison ohne Probleme im Zweikampf besiegen kann … und wahrscheinlich auch wird.", fügte er murmelnd hinzu. „So, wo sind nun die Häuser der Heilung?"

„Es ist nicht mehr weit." Damit trotteten sie in nachdenklicher Stimmung los. Harry hoffte, dass Faith die Chance erhielt, sich beweisen zu können, ansonsten würden sie sich etwas einfallen lassen müssen, damit sie sich in Minas Tirith nicht zu Tode langweilen würde. „Wir sind da, Herr."

„Danke für deine Hilfe. Warte einen Moment." Harry kramte in seinem Kräuterkasten und brachte einen kleinen Tiegel hervor. „Das ist eine Beinwellsalbe, massiere sie zwei Mal täglich in deinen Knöchel und die Verstauchung wird bald vergessen sein."

Der Junge grinste breit. „Danke, Herr!", und stob glücklich davon, den Tiegel fest an sich pressend.

Harry blickte ihm nach, bis er in einer Seitengasse verschwand, ehe er sich aufrichtete, tief Luft holte und durch das Eingangsportal trat. Der Geruch von Krankheit und Kräutern bestürmte seine Sinne. Er fühlte sich sofort Zuhause. Sich nachdenklich orientierend, sortierte er die Anwesenden ein. In der Eingangshalle warteten Patienten, Frauen mit Kleinkindern, alte Menschen, Wachmänner und Handwerker, auf Holzbänken auf Behandlung.

Gelegentlich huschte eine Pflegerin die Gänge entlang, einen der Kranken zu sich winkend und in einen der anliegenden Untersuchungsräume leitend. Selbst seinem ungeübten Auge, was diese Hallen anbelangte, war deutlich, dass die Heiler überlastet waren.

Seinen Blick über die Kranken gleiten lassend, sortierte er im Geiste jene ein, die am meisten litten. Entschlossen ging er zu einer junge Frau, die ein Kleinkind im Arm hielt und mit einem flüssigen Brei zu füttern versuchte. Das Kind sah aus, als litte es seit Wochen unter Mangelernährung und dem gestressten Blick der Mutter zufolge begann sie bereits die Hoffnung aufzugeben. Mit einem sanften Lächeln kniete er sich vor ihr nieder. „Lasst mit einen Blick auf den kleinen Burschen werfen, ja."

„Ihr könnt ihm helfen?"

„Hoffentlich.", erwiderte Harry und begann seine Untersuchung des Kindes, das apathisch kaum auf ihn reagierte. „Er hat Durchfall und kann keine Nahrung bei sich behalten, nicht wahr? Deswegen wird er immer magerer und kraftlos."

„Ich habe alles versucht. Milchbrei, Haferbrei, kleine Brocken Brot … aber er behält nichts bei sich.", bestätigte die verzweifelte Mutter.

Harry nickte und suchte in seinem Kräuterkasten nach. „Er hat eine Unverträglichkeit gegenüber den üblichen Getreidesorten, die den Durchfall hervorruft und ihm notwendige Körperflüssigkeit und Minerale entzieht. Füttern Sie ihn stattdessen mit Buchweizen, so wird sein Darm keinen Schaden mehr nehmen." Er reichte ihr ein kleines Säckchen. „Das hier ist Majoran. Nutzen Sie es zum Würzen seiner Speisen, das hilft gegen die Verdauungsprobleme und legen Sie ihm einen warmen Umschlag davon auf den Magen, das wirkt gegen die Magenkrämpfe, in Ordnung?"

„Ja, danke."

„Gut, sobald der Durchfall abnimmt, benötigt er viel Flüssigkeit und frisches Obst, vielleicht auch etwas Brunnenkresse und Petersilie."

Eifrig nickend, memorierte sie all seine Anweisungen, ehe sie sich mit einem letzten, von Herzen kommenden Danke verabschiedete. Harry lächelte leise und wandte sich dem jungen Mann neben ihm zu, der krampfhaft um Luft rang. „Der Luftmangel tritt regelmäßig auf?"

Der Mann nickte keuchend.

„Was tun Sie normalerweise dagegen?"

„Pfefferminze."

„Ah, das ist gut. Brühen Sie sich dazu täglich zwei Tassen Thymiantee auf und trinken Sie ihn so heiß wie möglich, ohne Zusätze. Über Nacht legen Sie sich einen Umschlag aus zerhackten und in Schweineschmalz gebratenen Zwiebeln auf die Brust, das wird das Asthma lindern. Bis dahin öffnen Sie bitte Ihr Hemd." Leicht nervös folgte der junge Mann Harrys Anweisung und der junge Heiler rieb Eukalyptusöl in dessen Brust. Bereits nach kurzer Zeit atmete der Mann tiefer und eindeutig erleichtert. „Fragen Sie in der nächsten Apotheke nach Eukalyptusöl. Sollte es das nächste Mal zu solch einem Anfall kommen, reiben Sie sich ein … oder fragen jemanden, der Ihnen hilft. Aber gehen Sie sparsam mit dem Öl um, zu viel kann schädlich wirken."

Es folgten verstauchte Gelenke, eine ausgekugelte Schulter, eine Erkältung, ein entzündeter Schnitt, Menstruationsbeschwerden und eine gestresste Mutter, deren Kinder sich Würmer eingefangen hatten.

„Der Sauerampfer war eine gute Idee.", kommentierte eine knarrige Stimme schließlich hinter ihm. Überrascht wandte Harry sich um und erblickte einen alten, auf einen Krückstock gestützten Mann, dessen gestickte Insignie über der linken Brust ihn als Heiler auswies. „Das war keine schlechte Arbeit. Die eingerenkte Kugel war etwas rudimentär, aber deine Kräuter kennst du, Junge."

„Ähm … danke.", murmelte Harry und errötete.

„Ich habe dich noch nie hier gesehen.", forschte der Fremde nach.

„Wir sind heute erst in die Stadt gekommen."

„Und wer ist wir?"

„Meine Schwester Faith und ich. … Ich hoffe, ich habe keine Vorschriften gebrochen und verspreche, dass ich diejenigen, die ich aus mangelndem Wissen nicht behandeln konnte, an die hier weilenden Heiler verwiesen habe."

„Ah, hast du das. Und wen konntest du nicht behandeln?"

„Mit gebrochenen Knochen und schweren Fleischwunden kenne ich mich nicht aus, die habe ich sofort zu den Pflegerinnen geschickt. Oh, und schwangere Frauen kann ich ebenfalls nicht behandeln …"

„Hmm. Offensichtlich mangelt es dir an Verständnis über das Innere des Körpers.", grummelte der Heiler nachdenklich. „Wer hat dich über Kräuter gelehrt?"

„Während meiner Kindheit verschiedene Lehrer, das meiste Wissen stammt jedoch von Eldreth, sie hilft den Menschen in ihrer Gegend. Dort gibt es keine ausgebildeten Heiler und sie hat sich dessen angenommen.", erläuterte Harry nervös. Worauf wollte der Alte hinaus?

„Ich bin Heiler Turgon. Folge mir." Damit wandte er sich um und hibbelte einen der schmalen Gänge entlang. Verwirrt folgte Harry und wurde in ein lichtes Laboratorium geführt, das mit Regalen voller Kräuter und Tischen, auf denen verschiedene Apparaturen standen, gefüllt war. „Hier, sortiere diese Pflanzen nach Anwendungsbereich und Wirksamkeit."

Turgon wedelte in Richtung eines Kastens, der chaotisch mit Glasflaschen und Stoffbeuteln gefüllt war. Dem alten Heiler seinen Willen lassend machte Harry sich ans Werk, neugierig was die Holzkiste wohl zutage bringen würde.

Als die Sonne am Horizont versank, kehrte der Alte zurück. „Fertig?"

„Ja. Allerdings war ich mir bei diesen beiden nicht sicher." Harry deutete auf eine Flasche. „Dies kenne ich nicht und dies …" Er reichte nach einem Stoffsäckchen. „… kann derart vielfältig angewendet werden, dass man es fast überall einsortieren könnte."

Die getane Arbeit sorgfältig inspizierend, murmelte der Heiler undeutlich vor sich hin, ehe er die Glasflasche aufnahm. „Dies ist Geissraute und wird bei stillenden Müttern angewandt, die nicht genug Milch produzieren. Das ist deine erste Lektion, Junge."

„Lektion?"

„Ab heute bist du mein Lehrling. Du wirst mir zur Hand gehen, zuschauen, lernen und vor allem Zuhören, wenn ich etwas sage. Verstanden?"

„Ja, Heiler Turgon."

„Gut, dann hol deine Schwester ab und komm in den fünften Ring. Frage nach dem Haus von Heiler Turgon und man wird dir den Weg weisen." Der Alte hibbelte zur Tür, ehe er noch ausrief: „Und bummle nicht herum!"

Perplex starrte Harry dem Mann nach, geschockt nach einer Lösung suchend … ehe sich ein langsames Lächeln über sein Gesicht stahl und zu einem breiten Grinsen ausbreitete. Er hatte einen Lehrmeister! Er würde tatsächlich ein Heiler werden! Mit einem Hüpfen im Gang eilte er zur Garnison, die Soldaten vor seiner Schwester zu retten.

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Faith verabschiedete sich von ihrem Bruder und schritt entschlossen auf den Wachmann der Garnison zu. „Wo kann man sich hier einschreiben?"

Der Mann gab eine gute Imitation eines Karpfens ab, entschied Faith, ließ ihn mit einem Schulterzucken stehen und marschierte weiter. Dann würde sie jemand Kompetenten und Zuständigen eben allein finden, nichts und niemand würde sie aufhalten können. Sie war DIE Jägerin, diese kleinen, tapferen Soldaten standen keine Chance, redete sie sich zu. Es half sogar ein wenig.

Oh Mann, aber diese Mächte hatten echt daneben gehauen. Erst kein fließendes Wasser, keine Maniküre und obendrauf hatte hier noch nie jemand was von Gleichberechtigung und Frauenpower gehört!

Mit einem lauten Krachen stürmte sie in den nächst besten, offiziell aussehenden Raum. „Wo kann ich mich hier anmelden?"

„Wie bitte?", stotterte ein zwei Meter großer Mann, den sie offenbar beim Mittagessen gestört hatte.

„Anmelden. Ich will hier mitmachen, ein paar böse Jungs verhauen, Gondor verteidigen, für Glanz und Glorie und dieser ganze Müll. Und mein Name ist Faith."

„Mädchen, ich denke, du bist hier falsch. Hier werden nur fähige Kämpfer aufgenommen.", erläuterte er in einem Ton, der normalerweise für Kleinkinder oder geistig Zurückgebliebene vorbehalten war.

Faith grinste ihn nur breit an. „Perfekt! Ich bin eine fähiger Kämpferin, also wo muss ich unterschreiben?"

„Hier gibt es keine Frauen!"

„Ist das verboten, oder was? Sollte das so sein, lege ich nämlich Beschwerde ein! Selbst wenn ich zu deinem Boss gehen muss."

Der Mann schluckte. Der Hauptmann würde ihn einen Kopf kürzer machen, wenn er erfuhr, dass einer seiner Kapitäne nicht einmal mit einem Mädchen zu Recht kam. „Schau her, das hier ist kein Spiel. Unsere Aufgabe ist es, die Stadt und das Land zu verteidigen. Wir ziehen in den Krieg gegen Kreaturen, die dir Alpträume bereiten würden, wenn du sie auch nur aus der Ferne sehen könntest."

„Ah, Orks und so was, ja? Nun, das ist kein Problem.", vertraute ihm Faith ernsthaft an. „Ich meine, die Viecher stinken abartig, was meines Erachtens wirklich nicht gut für die Umwelt ist und sind so dumm, dass man glaubt, sich anstecken zu können, aber ansonsten sind sie wirklich leicht zu töten. Enthaupten funktioniert einwandfrei, obwohl das gelegentlich etwas … schmutzig werden kann. Aber Herz durchstechen, in Brand setzen, mit Pfeilen abschießen, Genick brechen, Gedärme aufschlitzen geht ebenso gut." Grinsend schnappte sie sich ein Stück seines gefüllten Fladenbrotes und fuhr in aller Seelenruhe fort. „Die Kehle durchzuschneiden klappt auch, allerdings sind sie wirklich hartnäckig und wenn man nicht Acht gibt, schnappen diese Biester sogar im Sterben noch nach einem. Oh, und was ist mit diesem schwarzen Blut? Das kriegt man aus der Kleidung kaum raus. Hat mir mehr als ein feines Hemd versaut."

Leicht grün im Gesicht gab der Kapitän auf. „Einverstanden, du durchläufst wie jeder andere auch die Ausbildung und wenn du damit fertig bist, kommst du wieder her, mit einem Schreiben des zuständigen Ausbilders und wirst einer Kompanie zugeteilt."

„Cool! Wo muss ich hin? Was muss ich machen? Wie lange dauert der Kram?"

„Die Grundausbildung dauert neun Monate bis ein Jahr, Schwertkampf, Bogenschießen, Reiterei. Du gehst hiermit …" Er händigte ihr eine kurze Nachricht. „Zwei Räume weiter. Dort schreibst du dich ein und wirst anschließend ausgerüstet."

„Aye, Caiptan, mein Captain!", salutierte sie ihm albern und stob davon. Kapitän Hergon seufzte tief und hoffte, dass das Mädchen entweder bald aufgab oder er in spätestens neun Monaten nicht mehr hier war und sie niemals, niemals, niemals, seiner Einheit zugeteilt werden würde.

Faith indessen walzte den Schreiberling darnieder, marschierte anschließend weiter zum Einkleiden und grinste von Ohr zu Ohr, während ein Rekrut ungläubig nach einer passenden Rekrutenrüstung suchte. Yup, die Jägerin hatte gesiegt!

Nachdem sie die anwesende Männlichkeit genug belästigt und deren Nerven gekonnt in den Boden gerannt hatte, sorgte sie geschickt dafür, Harry und ihr Pferd im Stall der Reiterei unterzubringen, wo sie fürstlich – und vor allem umsonst – versorgt werden würden. Anschließend hievte sie ihre Rüstung, Satteltasche und Waffen zum Eingang, wo sie sich summend niederließ und auf ihren kleinen Bruder wartete, der hoffentlich ebenso großartigen Erfolg wie sie selbst hatte.

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Harry schüttelte nur den Kopf, als sie ihm von ihren Erlebnissen berichtete und dankte den Göttern nur dafür, dass niemand zusammen geflickt werden musste. Dann informierte er sie über Heiler Turgon, den Faith nur als schrullig bezeichnete.

Sie fanden das Heim von Harrys neuem Lehrherren ohne Probleme – der Alte schien eine bekannte Persönlichkeit zu sein – und staunten nicht schlecht, als sie an die mit Silber verzierte Tür des zweistöckigen Hauses klopften. Er schien nicht nur bekannt, sondern auch wohlhabend zu sein.

Eine Magd öffnete ihnen die Tür und führte sie in ein Bücher gefülltes Studierzimmer, wo der Heiler sie erwartete. Seine Augenbrauen hoben sich leicht, als er Faiths Habe erblickte, murmelte jedoch nur ein „Sonderbar.". Damit war die Sache erledigt und er bat sie, sich zu setzen. „Es ist Tradition, dass der Schüler im Hause seines Lehrherren lebt. Da ich annehme, dass du dich nur ungern von deiner Schwester trennen möchtest, habe ich ebenfalls ein Zimmer für sie herrichten lassen. Mahlzeiten gibt es pünktlich bei Morgengrauen und zur 19. Stunde. Das Mittagsmahl nehme ich gewöhnlich in den Häusern der Heilung ein. Ich erwarte dich morgen früh."

„Ich danke Euch, Heiler Turgon."

Damit waren sie entlassen und verließen das Studierzimmer. Die Magd geleitete sie in den zweiten Stock zu ihren nebeneinander liegenden Zimmern und sie waren wieder allein.

Faith grinste nur „Cool!" und ging in ihr Zimmer.

Harry nahm sich an ihr ein Beispiel. Es war einfach eingerichtet, ein Bett, eine Truhe für seine Habseligkeiten, ein Nachttisch mit einer tiefen silbernen Schüssel und einem tönernen Wasserkrug. Dafür bot es eine phantastische Aussicht über alle unter ihm liegenden Ringe der Stadt und die gesamte Weite des Pelennorfeldes. Zufrieden und aufgeregt zugleich erfrischte er sich, verstaute seine Besitztümer und glitt lautlos hinab ins Studierzimmer, wo er sich erkundigte, ob es erlaubt sei, sich mit den Schriftrollen und Büchern des Heilers vertraut zu machen. Mit einem Nicken war die Erlaubnis erteilt und Harry untersuchte den Inhalt der kleinen Bibliothek.

Ein Großteil der Werke beschäftigte sich verständlicher weise mit dem Menschen, dessen Gebrechen, Krankheiten, Gifte, Gegengifte, Kräutern und dem Heilen. Daneben fand er jedoch auch Geschichtsbücher, Landkarten, einige Schriften in unbekannter Sprache, sowie Bücher über Philosophie und Politik. Für den Anfang entschied Harry sich für ein Buch über die menschliche Anatomie und versank schon bald in den Worten und Zeichnungen, sie begierig aufsaugend.

Kapitel Sechs - Erkenntnisse

„Wiederholen!"

Faith stöhnte innerlich. Der Rekrutenausbilder war ein alter Schleifer und hatte es eindeutig auf sie abgesehen. Die ersten Tage hatte er ihr nur wenig Beachtung geschenkt, als es um Pflege und Handhabung ihrer Ausrüstung ging, doch in der zweiten Woche hatten sie mit dem physischen Training begonnen, genauer gesagt Schwerttraining. Sie hatte mit Leichtigkeit jeden ihrer Gegner ausgeschalten. Sie war einfach schneller, stärker und erfahrener als die anderen Anfänger.

Das Resultat dessen war die besondere Aufmerksamkeit Meredors, der sich stets neue Foltermethoden speziell für sie ausdachte. Er drillte sie durch jede Form des Schwertkampfes, einhändig, beidhändig, Lang- und Kurzschwert, diese Kombination und jene, wiederholen und noch einmal und noch einmal … bis sie glaubte, selbst im Schlaf noch seine Kombinationen durchzugehen.

Meredor verlangte von ihr, entweder stets die Rüstung oder Gewichte zu tragen, während er sie durch eine Form nach der anderen jagte. Gelegentlich war das Einzige, das sie auf den Beinen hielt, das beständige Fluchen, das sie mental auf ihn nieder regnen ließ, sowie ihr inneres Mantra: Nur noch sechs Monate. Nur noch sechs Monate.

„Wiederholen! Und immer in Bewegung bleiben, Mädchen!"

Yep, definitiv, er war ein Schleifer.

Gleichzeitig war ihr bewusst, dass sie keinen Grund zum beschweren hatte. Zum einen hatte sie sich das hier selbst ausgesucht, zum anderen erhielt Harry noch weniger Schlaf und Ruhe als sie. Heiler Turgon hielt ihn beständig auf Trab und wenn der alte Mann ihn nicht antrieb, tat Harry es von sich aus. Nach einem ganzen Tag entweder in den Häusern der Heilung oder unterwegs auf Krankenbesuch vergrub er sich in den Büchern aus dem Studierzimmer – und nicht alle handelten von Medizin. Sie hatte definitiv ein paar Wälzer über die Geschichte Gondors darunter entdeckt.

Die wenige Zeit, die Harry dann am Wochenende für sich hatte, verbrachten sie gemeinsam mit Trainieren – vor allem für ihn – und Meditieren – vor allem für sie, damit sie ihr inneres Gleichgewicht nicht verlor.

„Jetzt die andere Hand!"

Bastard!

Sie würde mit Harry reden müssen, sonst brannte er sich selbst aus. Irgendetwas hatte ihn verstört und sie musste dem auf den Grund gehen. Vielleicht sollte sie ihn betrunkene machen? Harry vertrug wirklich keinen Alkohol, das wäre also einfach … Hmm, keine schlechte Idee. Allerdings würde Turgon dann wieder mit gerümpfter Nase auf sie beide hinab sehen, bedeutungsschwer mit dem Kopf schütteln und mit endlosem Schweigen bestrafen, was Harry nur noch mehr anstacheln würde, sich in seine Studien zu verkriechen.

Also, kein Alkohol, stattdessen sollte sie subtil vorgehen. Na gut. Wann sollte sie ihn also ausfragen? Am besten nicht zu lange hinausschieben. Das Wochenende wäre wohl am besten.

„Noch einmal!"

Alter Mistkerl!

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

„Also, rück raus mit der Sprache, was ist dir in den Hintern gekrabbelt?" Soviel zur Subtilität.

Harry tauchte aus seiner meditativen Trance auf und zwinkerte verwirrt. „Was?"

„Etwas beschäftigt dich und alles, was du in letzter Zeit tust, besteht aus Lernen, Trainieren und noch mehr Lernen." Faith starrte ihn unverwandt und bedeutungsschwer an. „Erzähl es mir."

Seufzend lehnte Harry sich gegen einen Baumstamm und starrte in das Stück blauen Himmel, der vom Hinterhof aus zu sehen war. „Ich habe ich mit der Geschichte Mittelerdes vertraut gemacht."

„Dabei dachte ich, du nutzt die Geschichtsbücher nur, um besser einschlafen zu können.", kommentierte sie sarkastisch und erntete eine gehobene Augenbraue.

„Wir befinden uns im Dritten Zeitalter, im Jahr 2223."

„Ooookay. Und das sagt mir was?"

„Nicht viel.", grinste Harry trocken. „Ich muss nur meine Gedanken ordnen. Also, im vergangenen Zeitalter – das vor 2223 Jahren endete – kam ein Dunkler Lord namens Sauron zur Macht."

„Böser Junge?"

„Sehr böser Junge. Ich weiß nicht, woher er stammte, Turgons Geschichtsbücher berichten darüber nichts oder nur sehr vage. Was ich weiß ist, dass er als jemand anderes auftrat, als Bringer von Geschenken, und verschiedene Ringe der Macht erschuf. Neun gingen an Menschenkönige, sieben an Zwerge und drei an Elben. Was genau sie tun oder taten, konnte ich nicht herausfinden. Was ich jedoch fand, war, dass Sauron sie alle betrog, indem er einen Meisterring schmiedete: den Einen Ring. Es gibt einen Vers dazu: Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden/ Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden. Sauron vereinnahmte Mordor …"

Faith erstarrte. „Mordor? Das Mordor, dessen Grenzgebirge in Sichtweite liegt? Das Mordor?"

„Das Mordor, ja. Dort bildete er seine Festung, Barad-Dur, wo er Heerscharen an Orks, Trollen und anderen Kreaturen der Dunkelheit erschuf, um ganz Mittelerde ihm untertan zu machen. Menschen und Elben bildeten ein Bündnis, das Letzte Bündnis der beiden Rassen. Elf Jahre lang kämpften sie in Mordor, doch der Sieg konnte nicht errungen werden, tausende und abertausende starben. Gil-Galad war der König der Elben, während Elendil der der Menschen war. In der Schlacht tötete Sauron Elendil und dessen Sohn, in seiner Not, ergriff das geborstene Schwert seines Vaters und schlug die Finger des Dunklen Lords ab und damit auch den Einen Ring."

„Lass mich raten: Puff! Und der böse Junge war Staub?"

„Ja und nein. Er verlor seine körperliche Gestalt, aber er war an den Einen Ring gebunden und der wurde nicht zerstört. Isildur nahm ihn an sich, wurde zum König von Gondor gekrönt und wurde in einer späteren Schlacht gegen Orks getötet. Der Ring ging verloren, aber er existiert noch und solange er nicht zerstört wird, existiert auch Sauron … in irgendeiner Form. Sollte er den Ring je finden, wird Mittelerde in Dunkelheit versinken."

„Ich verstehe das alles. Was ich nicht verstehe ist, weshalb dich das so fertig macht. Ich meine, es sieht nicht so aus, als würde das genau jetzt geschehen. Es ist Zeit, selbst Whistler hat das gesagt."

„Ich weiß, es ist nur … Ich habe diese Scheiße schon einmal erlebt, mit Voldemort. Gegen ihn hatte ich immerhin eine Chance, aber in Mittelerde gibt es niemanden, der es mit Sauron aufnehmen kann, sollte … nein, wenn er seine alte Macht zurück erlangt. Er ist nicht einfach ein Zauberer, er ist etwas anderes, etwas älteres und unglaublich gefährlich." Harry seufzte. „Ich weiß, dass ich überreagiere, aber zu lernen, zu trainieren, gibt mir wenigstens das Gefühl, mich vorzubereiten."

„Hör mir zu, kleiner Bruder. Ich verstehe dich und weiß, wie du fühlst, aber wenn du so weiter machst, wird das nichts bringen, abgesehen davon, dass du in absehbarer Zukunft vor Erschöpfung umfällst." Faith nahm seine Hand auf, in der Hoffnung der körperliche Kontakt würde ihn mehr für ihre Worte öffnen. „Zudem habe ich dieses Gefühl, keine Ahnung woher es kommt, dass wir tatsächlich Zeit haben, viel Zeit, ehe es gefährlich wird. Es wird weder heute noch morgen oder kommendes Jahr geschehen. Wir haben die Möglichkeit, unsere Anwesenheit hier zu genießen, die Pläne zu verfolgen, die wir uns selbst gemacht haben, bevor wir in eine solche Apokalypse gezogen werden. Werde der beste Heiler, der du sein kannst. Ich weiß, dass du ein verdammt guter sein wirst. Einverstanden?"

Harry drückte kurz ihre Hand. „Carpe Diem?"

„Das heißt so was wie ‚Nutze den Tag', oder? Dann ja, wir sollten genau das tun."

„Einverstanden."

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Versunken ein Liedchen summend verarbeitete Harry die Ausbeute des Sommers und Herbstes. Wohlverleih, Bärlapp, Baldrian, Sauerampfer, Wacholder, Salbei und Liebstock waren dieses Jahr besonders üppig gesprossen, zudem hatte er einen Händler aus dem Süden gefunden, der ihn kostengünstig mit Anis, Ginseng, Aloe Vera, Eukalyptus, Chili und anderen hier nicht heimischen Mitteln und Ölen versorgte.

Zum Geldverdienen – neben dem Einkommen als Heilergehilfe, das größtenteils aus Tauschwaren bestand – hatte er sich etwas einfallen lassen müssen und war eher durch Zufall auf einen einträglichen Nebenverdienst gestoßen. Faith hatte sich über mangelnde Pflegeprodukte beschwert. Zwar gab es krude Talgseife, mit der alles bearbeitet und gewaschen wurde, Haut und Haare inklusive, aber die Ergebnisse waren der Meinung seiner Schwester zufolge bestenfalls annehmbar. Besonders beklagte sie die Tatsache, dass es kein Shampoo gab. Also hatte er zu experimentieren begonnen.

Die normalen Heilsalben waren extrem fettig und besaßen oft einen durchdringenden Geruch, es war jedoch einfach zarter duftende Cremes herzustellen. Lavendel-, Rosenöl oder sogar Extrakte aus Wiesenblumen verliehen ihnen einen aromatischen Geruch. In der richtigen Kombination entwickelte er eine Creme, die sanft duftete, schnell einzog, keinen Fettfilm hinterließ und zusätzlich gegen Abschürfungen, Prellungen und andere oberflächliche Hautwunden wirkte.

Komplizierter war die Sache mit Seifen und Shampoos. Erst als er das erste Mal von Turgon in das Kellerlabor der Häuser der Heilung mitgenommen wurde, entdeckte er die Lösung für sein Problem. Dort stand eine kompliziert ausschauende Apparatur. Eine Wasserdampfdestille!

Tagelang beschäftigte er sich mit deren Eigenschaften und Produkten. Bislang hatte er nur mit den ätherischen Ölen in Reinform gearbeitet, was aber, wenn er das Hydrolat verwandte? Damit hatte er die Basis für Haarwasser und von da aus war es nur eine Frage des richtigen Emulgators (Kokos- und Palmkernöl) und schon konnte er Seifen und Shampoos herstellen.

Faith war begeistert!

Es war jedoch die Magd seines Lehrmeisters, die ihm die Idee gab, es an die Apotheken zu liefern und damit ein stetiges Nebeneinkommen zu verdienen. Offenbar hatte sie Faiths Haar bewundert, woraufhin Faith ihre Geheimnisse verriet: Harry. Schon am nächsten Tag bettelte sie ihn regelrecht an, ihr ebenfalls etwas herzustellen und bot ihm an, ihren Onkel anzusprechen, der eine Apotheke besaß und sicher bereit wäre, Harrys Produkte zu verkaufen.

Die Idee hatte Erfolg und inzwischen hatte er genug Geld gespart, um für Faith beim Rüstungsschmied eine passende Ausrüstung zu bestellen. Es war erstaunlich, was alles dazu gehörte und welche Bandbreite an Möglichkeiten es gab! Neugierig sah er sich um und inspizierte die ausgelegten Gegenstände.

„Kann ich dir helfen, Junge?", erkundigte der breit gebaute Schmied sich und Harry nickte.

„Meine Schwester ist momentan noch im Rekrutenlager, wird aber bald fertig sein und einer Einheit zugeteilt werden. Ich möchte ihr eine passende Grundausstattung beschaffen."

„Hmm." Der Schmied grinste breit. „Die Kleine ist deine Schwester? Habe schon von ihr gehört. Also, was soll es sein?"

„So, wie ich es verstanden habe, wird sie zu den Waldläufern gehen, demnach wird sie wohl kaum eine Plattenrüstung benötigen."

„Aye, Bursche, das ist recht. Ein verstärktes Lederwams wird da besser sein, dazu Handschuhe, Armschützer, festes, hohes Schuhwerk und ein gutes Schwertgehänge.", schlug der Fachmann vor. „Vielleicht sogar ein leichtes Kettenhemd, das noch unter dem Wams getragen werden kann und ein langer Überwurf, damit die Beine Freiraum haben, aber gleichzeitig geschützt sind."

„Alles, was recht ist, guter Mann.", lachte Harry. „Das Einzige, was ich beitragen werde, ist die Bezahlung … und ich habe gesehen, dass die meisten Gegenstände verziert werden. Wäre es möglich ein spezielles Set an Zeichen anzubringen?"

„Was soll es denn sein?"

„Warten Sie, ich zeige es Ihnen." Damit schnappte er sich ein Stück Kohle und skizzierte verschiedene Runenzauber. „Das sind alte Schutzzeichen. Hier, Aegishjalmur steht für Schutz und Unwiderstehlichkeit in der Schlacht, daneben Gapaldur und Ginfaxi je für Erfolg und Mut im Kampf. Das hier sind Hræthigaldur und Ottastafur, beide sind dazu da, Furcht im Feinde zu erwecken. Oh, und diese beiden letzten Zeichen stehen für Glück und Gesundheit, was man immer gebrauchen kann." Zufrieden fuhr Harry fort. „Sie müssen zuerst geweiht werden, üblicherweise mit einem Gebet oder indem man es leicht mit seinem Blut nachzeichnet. Letzteres ist aber nicht notwendig."

„Interessant. Ich habe diese Zeichen noch nie gesehen."

Harry verkniff sich ein Grinsen, denn das war kein Wunder. Diese Runen stammten aus einer anderen Dimension. „Sie stammen aus dem Norden" – gewissermaßen – „und werden aus einem Runenalphabet zusammengesetzt. Jedes der 24 Zeichen hat eine spezielle Bedeutung, die in Kombination miteinander ausgewählte Funktionen erfüllen."

„Tja, solange sie helfen."

„Das tun sie sicher!", bestätigte Harry bestimmt. Sie würden helfen und er ärgerte sich über sich selbst, dass er nicht früher daran gedacht hatte. Hermine hatte ihm die Nützlichkeit, Eigenschaften und Verwendungen endlos eingebläut. Muggel nutzten sie vor allem für Zukunftslesen, als Zauberer jedoch konnte er sie für regelrecht alles anwenden. Gegenstände konnten dadurch mit bestimmten Eigenschaften versehen werden. Beispiel dafür waren die Runenzauber, die er an Faiths Rüstung anbringen würde, aber es ging noch weiter. Damit konnte man auch Waffen widerstandsfähiger, unzerstörbar machen, oder sie zu machtvollen Waffen gegen das Böse werden lassen – so wie Legenden es einst über berühmte Schwerter beschrieben. Des weiteren konnte man damit magische Barrieren zum Schutz errichten, die solange hielten, wie die Runen bestanden – ohne den Zaubernden zu erschöpfen. Sogar in der Offensive konnte man durch Runen die Elemente Leiten, Feuer- und Hagelstürme herbeirufen, den Wind und die Ozeane aufpeitschen und beruhigen, Blitze herabregnen lassen.

Was ihn jedoch wirklich anpisste, war die Tatsache, dass er vergessen hatte, dass man Runenzauber auch zum Heilen einsetzen konnte. Seit dem Beginn seiner Ausbildung hätte er sich selbst treten können, weil er nie die Heilzauber Madame Pomfreys gelernt hatte und einen Weg gesucht, seine Magie zur Heilung anderer einzusetzen. Aber abgesehen davon, seinen Stab mit großem und Aufmerksamkeit erregendem Hokuspokus herumzuwedeln, hatte er keine Möglichkeit dazu gefunden.

Bis jetzt!

Runen konnten unmerkbar gezeichnet und anschließend als Fokus genutzt werden, so dass seine Magie wusste, welche Aufgabe ihre gestellt wurde und seinen Wünschen folgen konnte.

Aufgeregt rannte er zum Haus seines Lehrmeisters, stürmte die Treppe hinauf ins Zimmer seiner Schwester und grinste sie breit an. „Ich weiß jetzt wie!"

„Ähm … schön für dich.", erwiderte Faith trocken. „Nur zur Information der einfach gestrickten: Was weißt du?"

Harry achtete kaum auf sie, während er in Gedanken versunken auf und ab marschierte. „Es ist so offensichtlich! Aber was ist am meisten geeignet? Hmm, Sowilo Lebenskraft und Gesundheit … aber das ist zu allgemein. Außerdem brauche ich zuerst einen Fokus.", murmelte er aufgeregt. „Fokus … Fokus … Algiz kanalisiert Energien, daneben Isa, um den Effekt zu verstärken … Laguz und Berkano sind für Regeneration und die Lebenskraft zuständig, ja, das könnte gehen …"

Faith räusperte sich. „Könntest du womöglich in einer Sprache reden, die wir alle verstehen?"

„Oh! Entschuldige, es ist nur so aufregend!" Harry strahlte sie erneut an. „Ich weiß jetzt, wie ich meine Magie zum Heilen anderer einsetzen kann. Runen! Durch Runen erhält die Magie einen Vorsatz, ein Ziel und außerdem unterstützen bestimmte Runenkombinationen noch den Heilungsprozess! Es ist so … so genial! Ich verstehe nicht, warum ich nicht früher darauf gekommen bin?"

„Vielleicht eben weil es so offensichtlich war?"

Harry zuckte nur mit den Schultern ehe ein sardonisches Glimmen in seine Augen stieg. „Dir ist schon klar, dass du meine Testperson sein wirst!"

„Hey! Ich spiele kein verdammtes Versuchskaninchen für dich!"

„Das wird sich noch herausstellen.", fröhlich pfeifend verließ er ihr Zimmer.

Hat es euch gefallen?

Wollt ihr mehr?