Der Tag der Urteilsvollstreckung war für einen Winter zu mild. Feuchte Seeluft war bis hierher nach Fornost vorgedrungen und hatte schwere Wolken und nicht zu verachtende Mengen Regen mit sich gebracht. Die letzten Reste des Schnees, die sich bis jetzt hielten, waren nur noch unansehnliche, braune Matschpfützen.

Wie passend für eine Exekution, befand Elrond.

Er hatte sich bereits am Ort des Geschehens eingefunden, gemeinsam mit Earendur und Estel. Auf dem Platz vor dem Stadthaus war eine Holztribüne mit einem Richtblock aufgestellt worden, vor welcher sich bereits eine große Menge Schaulustiger eingefunden hatte. Immerhin war die Hinrichtung Valandils ein Großereignis von politischer Tragweite.

Auch jetzt, eine Woche nach dem Fällen des Urteils, hatte sich keiner der Mittäter selbst gestellt. Sowohl Estel als auch Elrond hofften, dass sich dies mit der Hinrichtung ändern würde.

Ein Raunen ging durch die Menge, als der Verurteile in Ketten gelegt auf die Bühne geführt wurde. Schon die eine Woche in der Gefängniszelle hatte ihre Spuren an ihm hinterlassen. Sein Gesicht wirkte eingefallen und fahl und seine Haltung war gebeugt. Zumindest hatte er sich vor seiner Hinrichtung noch einmal waschen und saubere Kleidung anziehen dürfen. Auch seine Henkersmahlzeit hatte er bereits eingenommen. Doch die Furcht vor dem Kommenden stand ihm unmittelbar ins Gesicht geschrieben.

Elrond konnte es ihm nicht verübeln. Jeder fürchtete den Tod und nicht jeder war tapfer genug, ihm ins Gesicht zu blicken. Doch immerhin wahrte Valandil die Fassung. Er war ein Verräter, doch war er noch immer ein Manne Gondors.

Die Wachen, die ihn begleiteten, führten ihn zum Richtblock, hinter welchen er sich nun stellte. Valandil versuchte Fassung zu wahren, doch aus der Nähe konnte Elrond erkennen, wie er zitterte, und roch seine Furcht. Er selbst bemühte sich um einen möglichst emotionslosen Ausdruck.

Nun trat Earendur vor und ob eine mit dem königlichen Siegel versehene Schriftrolle hoch, welche er effektvoll vor dem Volk entrollte.

„Hiermit verkünde ich das Urteil", rief er mit deutlich vernehmbarer Stimme. „Dieser Mann hier wurde vom König wegen Hochverrates zum Tode durch das Schwert verurteilt. Valandil, vormals Herr dieser Stadt, ist seines Amtes enthoben und sein Erbe geht restlos an die Krone als Ausgleich für die Schäden, die er durch seinen Verrat anrichtete.

Denn dieser Mann paktierte mit dem Feind und ging Bündnisse mit ihm ein. Er stahl der Krone Gelder und Waren, die für den Wiederaufbau des nördlichen Königreiches bestimmt waren, und lieferte sie dem Feind, um dessen Position zu stärken. Seine Pflicht wäre es gewesen, die bloße Existenz einer solchen Gefahr umgehend dem König zu berichten und jede mögliche Maßnahme zu ergreifen, um eben diese Gefahr einzudämmen. Stattdessen schlug er sich auf die Seite des Feindes und verriet den König und uns alle.

Die Strafe auf solch ein Vergehen ist üblicherweise der Tod. Dies soll durch eine Enthauptung geschehen, durchgeführt von Seiner Majestät. Auch auf die Mittäter dieses Verräters wartet dieselbe Strafe, wenn sie sich nicht freiwillig der Justiz unseres Königs stellen. In solch einem Falle werden sie eine Strafmilderung im angemessenen Maße erfahren und dürfen ihr Leben behalten."

Langsam wurde der kalte Regen lästig. Elronds Kleidung war bereits klamm, und er hoffte, dass das hier bald ein Ende hatte. Hinrichtungen waren niemals eine schöne Angelegenheit, nicht bei Sonnenschein und warmen Sommerwetter und erst recht nicht während eines Winterregens.

Immerhin war Earendur nun tatsächlich fertig und trat zurück, um dem König das Wort zu überlassen. Estel trat nun vor und an die Seite Valandils.

„Wie lauten Eure letzten Worte?", fragte er.

„Ich habe nur getan, was jeder getan hätte", sagte Valandil mit fester Stimme. „Ich habe versucht zu überleben."

Estel ließ dies kommentarlos stehen und bedeutete Valandil sich hinzuknien und den Kopf auf den Richtblock zu legen. Zitternd kam der Verräter dem nach, die Augen unnatürlich weit aufgerissen und voller Panik. Dann zog Estel mit weit ausholender Geste Andúril; man musste den Leuten immerhin ein angemessenes Schauspiel bieten. Auch wenn Elrond die Faszination der Menschen an solchen Spektakeln nie verstanden hatte.

Estel nahm nur kurz Maß. Dann hob er die Flamme des Westens weit über seinen Kopf und schlug zu. Mit einem sauberen Streich trennte er den Kopf von den Schultern. Blut spritze, doch Estel war kampferfahren genug, um zu wissen, wie er stehen musste, um nicht besudelt zu werden. Ein Stöhnen und Raunen ging durch die Menschenmassen, als der leblose Körper langsam zu Boden rutschte.

Der Verräter hatte seine angemessene Strafe erhalten.

Wenig später hatte sich Elrond in Estels Gemächern eingefunden. Sie waren allein. Nachdenklich sah er zum Fenster hinaus, während Estel seine Unterlagen sichtete und Botschaften las, welche jüngst eingetroffen waren.

„Ich frage mich, wohin die Menschen nach ihrem Tod gehen", murmelte der Halbelb leise und dachte an seinen geliebten und schon vor viel zu langer Zeit gestorbenen Bruder.

„Wenn einer diese Frage beantworten kann, dann wohl du", erwiderte Estel. „Du bist kundiger als ich in vielen Dingen."

„Elros meinte in seinen letzten Momenten, dass wir uns eines Tages wieder sehen", sagte Elrond betrübt. „Ich habe bis heute nicht herausfinden können, was er damit meinte."

Estel erhob sich und trat an seine Seite. „Es tut mir leid, dass ich deine Tochter ehelichte, auch wenn ich dir zutiefst dankbar bin, dass du mir dies mir am Ende doch gestattetest." Kummer stand in seinem Blick.

Verwundert wandte sich Elrond ihm zu. „Warum sollte es dir leidtun?"

„Dein Schmerz geht tiefer, als ich es wohl jemals werde begreifen können, so sehr ich es auch können wollte", sagte Estel. „Du hast niemanden mehr in dieser Welt."

„Nur Celebrían …", flüsterte er und dachte an seine Gemahlin, fern von ihm im Westen. Er glaubte fest daran, dass sie in den Unsterblichen Landen Heilung gefunden hatte, doch tief in seinem Herzen wusste er, dass er sich dessen nicht sicher sein konnte. Was war also, wenn sie am Ende doch ihrem Schmerz erlegen, und ihr Geist in Mandos' Hallen eingegangen war? Pflegten die Valar ihren Leib ebenso wie den Míriels?

Erschrocken fegte er diese Gedanken beiseite. Er wollte nicht daran denken! „Lass uns bitte über etwas Anderes reden", bat er. „Was steht in den Berichten?"

„Nichts allzu Erfreuliches, fürchte ich", sagte Estel. „Eigentlich hatte ich vor, demnächst nach Annúminas weiter zu ziehen, jetzt, da hier alles weitestgehend geregelt und Earendur der neue Herr dieser Stadt ist, doch nun bin ich mir nicht mehr sicher. Meine Schlüsselhüter berichten mir, dass jemand Unbefugtes in die Archive des Orthanc eingedrungen ist, können aber nicht sagen, um wen es sich handelte oder was er da suchte. Anscheinend liegt dies nun schon länger zurück, doch wurden ihre Raben immer wieder abgefangen und kamen nicht bis hierher.

Ebenso erreichte mich eine Botschaft eines Kundschafters nahe des Gebirges. Feindliche Aktivitäten sind zu verzeichnen und anscheinend zieht er seine Heere zusammen. Auch Legolas schrieb mir, und diese Mitteilung gibt mir wohl am meisten zu denken. Ein Drache wurde in den Grauen Bergen gesichtet, welcher Earenis entführt hatte."

„So beginnt es also", sagte Elrond bedeutungsschwer. „Der Krieg findet nie Ruhe."