Guten Freunden gibt man ein Küsschen (Ferrero)
Die Geburt des Prinzen war ein Großereignis von internationalem Interesse, zumal Ereinion der Sohn des Kronprinzen, des Erben des Hohen Königs Fingolfin, war. Schon zur Geburtsfeier waren viele Würdenträger eingeladen und es wurde ein großes Volksfest abgehalten. Auch danach hatte das Kronprinzenpaar immer wieder aus allen Teilen Beleriands Geschenke für sich und ihren Sohn erhalten. So auch von Maedhros und Maglor. Sie beide hatten zur Feier nicht persönlich erscheinen können, doch zumindest Maedhros konnte dies nun nachholen. An diesem Tag kam er nach Dor-lómin zu Besuch.
Die Freude über das Wiedersehen zwischen den beiden Freunden war groß wie immer, wenn sich Maedhros und Fingon trafen. Da Maedhros das Oberhaupt der älteren Erblinie der Noldor war, wurde er, obwohl er seinen besten Freund besuchte, doch mit allen Ehren empfangen. Man stand für ihn Spalier, als er in der großen Halle dem Prinzenpaar entgegentrat. Fingon kam ihm lachend entgegen. Elloth folgte mit ihrem Söhnchen auf dem Arm.
Fingon breitete die Arme aus. „Wie schön es doch ist, dich wieder zu sehen, Maitimo!", rief er aus.
Sie umarmten sich herzlich.
„Lang, lang ist's her", bestätigte Maedhros. Er winkte seinen Diener Rethtulu herbei, welcher eine Kiste öffnete und sie ihm reichte. Maedhros nahm einen prachtvollen Helm mit einem goldenen Drachen oben auf heraus.
„Ah, schau an, der Drachenhelm", stellte Fingon fest.
„Er soll dir gehören", bot Maedhros an. „Ein Geschenk von Freund zu Freund."
Dankend nahm Fingon den kostbaren Helm, entgegen. „Ich danke dir", sagte er. Schmunzelnd fügte er an: „Jetzt muss ich mir ja überlegen, was ich dir schenken kann, das diesem Wert entspricht."
„Dann mach dir einmal Gedanken darüber", ging Maedhros auf den Scherz ein. Dann wandte er sich erneut an Rethtulu, der ihm dieses Mal auf seinen Wink hin einen Plüschbären reichte. „Aber nicht, dass du denkst, dass auch der für dich ist, mein Freund! Den hat Makalaure allein für dein Söhnchen genäht. Und jetzt lass mich den Kleinen einmal ansehen."
Mit einer Handbewegung schickte Fingon die Höflinge fort, bis nur noch seine kleine Familie und Maedhros anwesend waren. Der rothaarige Noldo trat zu Elloth und besah sich den kleinen Jungen auf ihrem Arm. Er erwidere den Blick abschätzend, als wolle er abwägen, mit wem er es da zu tun hatte. Maedhros lächelte und reichte ihm den Bären.
„Sieh mal hier, kleiner Mann, was ich für dich habe", sagte er freundlich.
Zunächst noch verbarg Ereinion sein pausbackiges Gesicht an Elloths Hals und schlang seine Ärmchen um sie. Sie lachte.
„Du musst doch keine Angst vor Maitimo haben", versicherte sie. Sie nahm den Bären entgegen und reichte ihm Ereinion. Vorsichtig lugte der Junge auf das Plüschtier, nahm es dann aber doch zögernd an. Schon bald schien er Gefallen daran zu finden und drückte den flauschigen Bär an sich.
„Was sagt man da?", erinnerte Elloth ihn.
„Danke", nuschelte Ereinion schüchtern.
Lächelnd kam Fingon an die Seite seiner Frau. „Da muss wer seinen Mut wohl noch finden", neckte er seinen Sohn. „Du musst doch vor Onkel Maedhros keine Angst haben, er beißt schon nicht."
Ereinions Blick verriet eindeutig, dass er an den Worten seines Vaters zweifelte. Kritisch musterte er Maedhros von oben bis unten und schien nach noch mehr Plüschbären zu suchen. Als er keine fand, beschäftigte er sich beleidigt mit seinem Bären.
Maedhros musste lachen. „Er tut nur so schüchtern, aber darunter ist er ein frecher Bursche!", stellte er fest. „Dieser Blick hat Bände gesprochen."
„Du hättest Süßigkeiten mitbringen sollen", erklärte Fingon. „Der Kleine ist bestechlich: Gibst du ihm Süßigkeiten, ist er dein bester Freund. Aber wehe, wenn nicht!"
„Armer Makalaure, das wird ihm das Herz brechen", sagte Maedhros melodramatisch. „Da hat er sich so viel Mühe mit dem Bären gegeben und nun wird sein Geschenk nicht gewürdigt."
Ereinion zeigt sich völlig unbeeindruckt. Er ließ sein Kuscheltier auf der Schulter seiner Mutter auf und ab hüpfen, drückte es an sich und schob sich hin und wieder eine Pfote in sein noch fast zahnloses Mündchen. Dann hielt er sein neues Spielzeug seiner Mutter ins Gesicht.
„Bär!", quietschte er vergnügt.
Elloth lachte. „Ja, mein Kleiner, das ist ein Bär", lobte sie und kitzelte ihn ein wenig. Ereinion lachte glockenhell.
Maedhros konnte einfach nicht anders, als sich von diesem Lachen anstecken zu lassen.
„Ach, zu lange ist es her, als meine eigenen Brüder noch Kinder waren", sagte er ein wenig wehmütig. „Selbst Telperinquar ist mittlerweile erwachsen."
„Ah, erinnre mich nicht an diese Zeiten!", rief Fingon an. „Ambarussar waren die schlimmsten von allen. Sobald sie auch nur krabbeln konnten, war doch nichts mehr vor ihnen sicher gewesen."
Maedhros sah ihn nur mit hochgezogener Augenbraue an. „Das sagt der, der dieses Irrenhaus nicht tagtäglich um sich herum hatte zu jenem, der in der Regel der Vaterersatz für die kleinen Brüder sein musste, weil dieser nur selten Zeit für seine Söhne hatte."
Fingon knuffte ihn in die Seite. „Na komm, ich hab dir oftmals dabei ausgeholfen, wenn du dich um deine Brüder kümmern musstest."
Sie wurden vom kleinen Ereinion unterbrochen. „Adda!", brabbelte er; noch war es bei ihm nicht immer allzu weit her mit dem Reden. Er streckte seine kleine Hand nach Maedhros aus und schien Interesse an dessen kupferroten Haaren gefunden zu haben.
Kurzerhand reichte Elloth ihren Sohn Maedhros. Ereinion schien zunächst nicht sonderlich begeistert darüber zu sein und sperrte sich gegen Maedhros' Griff, doch dieser war geübt darin, kleine widerspenstige Kinder unter die Kontrolle zu bekommen. Ohnehin siegte nun Ereinions Neugierde und er befingerte Maedhros' Haare.
„Na, nein, das ist nichts zum Essen!", rief Elloth aus, als sich Ereinion schon eine Haarsträhne in den Mund schieben wollte. Schnell war sie ihm aus dem kleinen Händchen gewunden. Maedhros schmunzelte nur darüber. Erinnerungen an längst vergangene Zeiten in Aman kamen in ihm auf.
„Er hat dich wohl doch zum Fressen gern", stichelte Fingon.
Maedhros zuckte nur schmunzelnd mit den breiten Schultern.
