Erster Teil: Jenseits der Festung

Kapitel 2:

Im Schatten der Achterbahn

Vor dem dunklen Nachthimmel sah das Gerüst der Achterbahn schwarz und riesig aus, wie das bucklige Skelett eines Monsters. Zwischen den höchsten Steilhängen konnte man ein paar Sterne erkennen, über die sich aber Wolken schoben, noch während er hinsah.

Er freute sich, dass die Magic Mouse mal wieder mit dabei war – die Leute stießen nur in den größeren Städten zu ihnen, wo sich der Aufbau auch lohnte. Er liebte die halsbrecherischen Fahrten auf der Achterbahn. Manchmal war das fast wie Fliegen.

Den ganzen Tag über hatten sie aufgebaut. Jetzt saßen sie alle drüben bei Barry zusammen, der wie an jedem Abend, an dem nicht gerade ein Sturm tobte, seinen Grill angeworfen hatte. Und da warteten sie auf ihn, genauer gesagt auf die Ladung Koteletts, die er gerade bei Jane abgeholt hatte. Jane und Simon hatten eine Tiefkühltruhe in ihrem Wagen.

Er ging über den nassen Platz, zwischen den geschlossenen Buden und stillen Fahrgeschäften hindurch, wo auch jetzt schon der Duft von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln mit dem von gebratenen Würstchen um die Vorherrschaft zu kämpfen schien. Es hatte heute immer wieder geregnet, und er versuchte, nicht in die Pfützen zu treten. Man konnte nur hoffen, dass das Wetter besser wurde, wenn sie morgen öffneten.

Jenseits des Jahrmarktplatzes drängten sich Transporter und Wohnmobile. Schwaches Licht, Stimmen und Kochdünste drangen aus geklappten Fenstern auf die grasigen Pfade hinaus, aber die meisten Leute hatten sich zweifellos vor Barrys Wagen am Ende der Reihe eingefunden. Waren heute wirklich viele; fast alle, die beim Aufbau der Bahn geholfen hatten, saßen jetzt da auf Klappstühlen und Hockern und was sie sonst an Sitzgelegenheiten aus ihren Wohnmobilen herbeigeholt hatten.

„He, James! Mach mal'n bisschen Tempo! Wo warste denn so lang?", rief ihm Mr Kravic entgegen, der wie jeden Abend in seinem Korbsessel nah beim Grill saß. Mr Kravic war sein Chef und strich das manchmal ziemlich heraus.

„Bin noch mal über den Platz gegangen", gab er zu und überreichte Angela, Barrys Frau, das Paket mit den Koteletts.

„Genau die richtige Temperatur!" Barry, der fachmännisch die Glut anfächelte, war offenbar zufrieden und stach nun mit der Fleischgabel in eines der Speckstücke auf dem Grill. „Leute, die Ladung hier ist gar."

„Komm, Mann, setz dich!", rief einer von den Achterbahnleuten ihm zu und scheuchte einen kleinen Jungen weg, der den Klappstuhl neben ihm mit Beschlag belegt hatte. „Nimm dir'n Bier." Er deutete mit dem Kopf auf den Kasten, der neben ihm im Gras stand.

Diesmal nahm er das Bier und beschloss, es ganz langsam zu trinken. Seine bisherigen Versuche damit waren – na ja, kein großer Erfolg gewesen. Er fühlte sich ein bisschen geschmeichelt, dass der Typ von der Achterbahn – Adam – ihm den Platz neben sich anbot. Mit Adam hatte er heute zusammengearbeitet, nachdem sie mit Mr Kravics Kinderkarussell schon am Morgen fertig gewesen waren.

„Gute Arbeit heute!", sagte Adam freundlich und hob seine Flasche. „Du gehörst zu Kravic, oder? Was haste denn im Winter vor, wenn der dicht macht?"

Er zuckte die Schultern und nahm einen kleinen Schluck Bier. Jetzt, als er endlich saß, fühlte er, dass er müde bis in die Knochen war und alle seine Muskeln schmerzten. „Keine Ahnung. Vielleicht – irgendwas in 'nem Laden. Dosen stapeln oder so. Hab ich früher schon gemacht."

„Nicht dein Ernst! In 'nem Laden – nee, Mann! Frag doch mal morgen bei Brimmer nach, vielleicht hat der was für dich. Zuverlässige Leute kann der immer brauchen. Ich leg'n gutes Wort für dich ein!"

„Das wär' super!" Und das wäre es wirklich gewesen. Bisher hatte er den Gedanken an den Winter erfolgreich verdrängt. Aber im November mit der Achterbahn zum Überwintern auf einen festen Platz zu ziehen, anstatt sich irgendwo in einem Supermarkt mit dem faulenden Gemüse abzuplagen – das wäre einfach klasse!

„So 'ne Bahn, die hätt' ich auch gern!", seufzte Barry, der die Speckseiten verteilt hatte und nun die Koteletts auf den Grill warf. „Irgendwann leg ich mir auch so'n Ding zu!"

„Ist klar, mein Lieber", sagte Angela. „An dem Tag, an dem du bei Gino endlich die Bank sprengst!"

„Genau. An dem Tag. Morgens komm ich mit der Kohle bei Gino raus – und abends bauen wir das Ding schon auf! Falls Gino mich nicht vorher umlegt, heißt das."

„Vergiss es", lachte Adam. „Hör dir vorher lieber mal Brimmers Gejammer an! Wenn du den fragst, steht der immer am Rand der Pleite. Nee, wirklich. So ein Ding muss ständig gewartet werden – Sicherheitsvorschriften ohne Ende – dauernd irgendwer von der Stadt, der jede Schraube kontrolliert. Das Risiko ist einfach zu hoch – da machst du auf Dauer keinen Schnitt. Und dann die Konkurrenz von den Vergnügungsparks –"

„Da hörst du's, Barry!", sagte seine Frau. „Genau was ich dir immer sag! Wir sind mit dem Scooter ganz gut bedient. Aber er wär' nun mal scharf auf 'ne Veränderung!"

„Schlag's dir besser aus dem Kopf, Kumpel", sagte Adam und trank einen langen Zug. „Du zahlst dich blöd an Versicherung und Wartung und hast ständig irgendwelche neuen Auflagen am Hals –"

James, der früher einmal Harry geheißen hatte, gähnte – nicht, weil es langweilig gewesen wäre, sondern weil er so müde war.

„Die übertreiben's doch überall, mit ihren Vorschriften und diesem ganzen Kram", murmelte einer der anderen Achterbahn-Leute, dessen Bier wohl nicht sein erstes an diesem Abend war. „Früher haben wir's einfach kapiert, dass Gefahr nun mal dazugehört! Da könnt ich euch Geschichten erzählen – als ich noch bei den Drachenfliegern gearbeitet hab – das war gefährlich! Nicht so ein Dings hier aus Stahl und Elektrik oder wie immer ihr das Zeug nennt!"

„Drachenflieger?", hakte Angela nach, und das hörte auch Harry, nachdem er ausgegähnt hatte und das Rauschen und Knacken in seinen Ohren verklungen war.

„Was meinst'n mit Drachenflieger, Mann?", fragte auch Barry. „Doch kein Fahrgeschäft, oder?"

„Nee, nee!", lachte der andere. „Nee, nicht so ein Zeug! Das war'n richtige, lebendige Viecher! Das Gefährlichste, was es gibt auf diesem Planeten, sag ich euch. Die ham auch schon mal versucht, 'n paar Zuschauer zum Dinner zu verdrücken. Aber die Leut' sind trotzdem in Scharen gekommen, manche von denen sin' uns durch halb Europa nachgereist!"

„Drachen?", fragte Harry. Die Frage platzte wie von selbst aus ihm heraus. „Sie meinen – echte – Drachen?" Adam machte eine vielsagende Geste und grinste, aber Harry beachtete ihn nicht. Auf einmal war er hellwach.

Der Mann streifte ihn mit einem leicht verächtlichen Blick. „Genau das, Jungchen. Die Dinger mit den Zähnen! Die Feuer spucken! War 'ne tolle Show."

Adam lachte. „Lass dir nix erzählen! Alfie hier hat'n Problem mit dem Bier. Nach dem dritten ist er regelmäßig dicht. Dann lässt er immer'n paar wilde Geschichten raus. Damit könntste eigentlich auch Geld machen, Alfie!"

Harry verschlang Alfie jetzt mit den Augen. Der war deutlich älter als Adam, und selbst im schwachen Glühbirnenlicht der in dieser Hinsicht chronisch sparsamen Wagenleute konnte er auffällige, wulstige Narbenstriemen auf seinen Unterarmen erkennen. Aber betrunken kam er Harry nicht vor.

„Ah ja, ja, immer dieselben Sprüche", murmelte Alfie und kippte den Rest seiner Flasche. „Blöde Muggel."

Und weil in dem Moment noch ein paar Leute dazukamen, hörte das keiner außer Harry. Aber der wäre beinahe aufgesprungen. Schon bei der Erwähnung der Drachen hatte sein Herz heftig zu schlagen begonnen, noch bevor ihm richtig klar war, was er da gehört hatte. Aber jetzt – was redete der da bloß? Wie konnte der diese Sachen kennen – dieses Zeug, das irgendwo tief im Hintergrund seines eigenen Gehirns lagerte und von dem er selbst nicht mehr so recht wusste, was er davon halten sollte –

„Erzählen Sie mir was von dieser Show!", sagte er, bevor die Wachsamkeit seine Neugier zum Schweigen bringen konnte.

„Ach, vergiss es. Rutscht mir manchmal so raus. Bin nur'n bekloppter Alter, der das Bier nich' mehr verträgt."

„Nö, glaub ich nicht", sagte Harry. Und merkte erstaunt und mit aufkeimendem Misstrauen, dass es ihm auf einmal wichtig, unheimlich drängend wichtig war, etwas von diesem Mann zu erfahren – etwas, das mit der Welt zu tun hatte, die er langsam vergaß. Er beachtete den leisen Alarm nicht, den das in ihm auslöste, sondern wühlte in seinen verblassenden Erinnerungen. „Hattet ihr – hattet ihr auch einen – ähm – Stachelbuckel dabei? Oder einen – Hornschwanz?"

Alfie setzte die Bierflasche ab und sah Harry mit neu erwachtem Interesse an. „Machst du Witze?", sagte er dann. „Die beiden waren die Glanzlichter der ganzen Sache!"

Okay. Jetzt schrillte die Alarmglocke in ihm. Nicht weiter gehen. Nichts mehr davon. Das lag alles hinter ihm, fest verschlossen in einem dunklen Haus. Und doch –

„Bitte, erzählen Sie doch was davon!" Oh Mann. Er hörte sich an wie ein kleines Kind, das um eine Gutenachtgeschichte bettelt.

„He, Junge – kommste denn auch von da? Biste 'n – Squib?"

Harry schüttelte den Kopf. Er hätte das selbst gern gewusst. Aber so einfach war's wohl nicht. „Warum sind Sie nicht mehr dabei?"

Der Mann lachte. „Die Show – Mann, das ist schon ewig her – das war in den frühen Achtzigern! Genau – zweiundachtzig ham sie's verboten, die Blödschwätzer vom Ministerium. Zu gefährlich, klar. Der Hornschwanz – na gut, der hat mal 'ne Extrarunde gedreht un'n paar Leute aus'm Publikum mitgenommen. Is' keinem ernsthaft was passiert – aber du kennst die Typen ja, danach war's vorbei!"

„Ja, die Typen kennen wir", warf Adam ein und zwinkerte Harry zu, dann beschäftigte er sich wieder mit seinem noch halbrohen Kotelett. Harry warf ihm einen Blick zu, der hoffentlich genug Einverständnis ausdrückte – schließlich wollte er sich die Achterbahnleute warm halten – in dem er sein verzweifeltes Interesse aber kaum verbergen konnte. Dann wandte er sich wieder an Alfie. „Was haben Sie gemacht – ich meine, was gab's in der Show?"

„Na, was man so macht. Vor allem Grusel für die Leute. Die Biester war'n der Horror, Junge. Denen einzutrichtern, dass sie gehorchen sollten – das war eigentlich unmöglich. Hab später noch mit Tigern gearbeitet – in 'nem Zirkus – und das sind Bestien, glaub's mir, denen kannst du auch nach zwanzig Jahren nich' den Rücken zukehren – nich' mal für 'ne Sekunde – aber gegen die Drachen war'n das Kätzchen. Mit denen kannst du nur mit'm Zauberstab, und mit verdammt starken Nerven!"

„Die Tiger waren's, James", flüsterte Adam an Harrys linker Seite. „Einer von denen hat ihm wohl mal eins aufs Dach gegeben. Seitdem …"

„Halt die Klappe, Adam", sagte Alfie, nicht einmal wirklich verärgert. „Der Junge hat gefragt, oder nich?!"

„Ja, hab ich", sagte Harry. „Und ich will noch mehr hören!"

„Da hörst du's!"

„Also, was gab's in der Show?"

„Na, vor allem mussten die eben fliegen, 'n bisschen Feuerspucken, 'n paar Mätzchen machen – glaubst nicht, wie lang das dauert, bis wir die so weit hatten, dass sie das auch gemacht haben! Und wir immer mit den Besen dazwischen – nehm' mal an, du hast von Besen gehört." Er spießte ein kalt gewordenes Stück Speck auf seine Gabel. Das Interesse seines Zuhörers ließ ihn förmlich aufblühen – und Harry wandte den Blick nicht von ihm. Er war jetzt so aufgeregt, dass er ihn hätte schütteln können, damit er weiterredete. Aber Alfie musste den Bissen erst mal mit einem Schluck aus der nächsten Flasche runterspülen. „'ne Weile hatten wir auch so 'nen Typen, der is' da noch mit seinem Motorrad zwischen rumgeflogen. Is' gut angekommen beim Publikum, muss man schon sagen."

„Habt ihr den aus so 'ner Kanone geschossen? Mit dem Motorrad, mein ich?", fragte Adam, der anscheinend beschlossen hatte, das Spiel mitzumachen.

„Ich sagte fliegen, Mann. Und das hab ich auch gemeint!", sagte Alfie mit Würde.

Harry wusste nicht, wie ihm geschah. Plötzlich waren da grelle Bilder, die sich in sein Bewusstsein drängen wollten, Bilder, die er nicht sehen, Gedanken, die er auf keinen Fall denken wollte. „Geflogen? Mit dem Motorrad?", flüsterte er dennoch.

„Jau. War'n ziemlicher Angeber. Hatte aber wirklich was drauf. Und keine Angst, was bei dem Job das verdammt Wichtigste ist."

„Wissen Sie noch, wie er hieß?" Obwohl ihm völlig klar war, dass diese Fragerei ihn nur unglücklich machen würde, konnte Harry nicht anders, er musste das einfach hören.

„Nee. Is zu lang her, und der war ja auch nur'n paar Monate mit dabei. Namen – vergess ich sowieso immer."

„Das hätt' ich dir vorher sagen können", sagte Adam an Harry gewandt. „Mach dir nix draus, Alfie – solang du die Geschichten nicht vergisst, sind die Namen nicht so wichtig!"

Harry war anderer Ansicht, und er überlegte schon verzweifelt, wie er noch mehr aus Alfie herausholen konnte, ohne aufzufallen. Aber die Geschichte war offenbar zu Ende. Alfie konzentrierte sich jetzt ganz auf seinen Teller und sein Bier.

Harry lehnte sich zurück und sah in den Nachthimmel hinauf, wo inzwischen eine dichte Wolkenfront die Sterne überdeckt hatte. Sein Herzschlag beruhigte sich allmählich wieder. Vielleicht besser, wenn aus Alfie nichts weiter rauszuholen war. Das hatte ja alles keinen Sinn. Wenn er ehrlich war, hätte er jetzt gar nicht mehr ertragen können.

Es musste Monate her sein, dass er überhaupt an früher gedacht hatte, an diese andere Welt, in der er einmal gelebt hatte. Für Leute, die mit ihrer Vergangenheit nichts mehr zu tun haben wollen, war der Betrieb auf so einem Rummelplatz genau das Richtige. Alle paar Tage eine neue Stadt, die nie abreißende Flut von verschiedenen Gesichtern, der Lärm, die Gerüche. Einfache Aufgaben, die gerade genug Aufmerksamkeit erfordern, um den Kopf beschäftigt zu halten: Die Fahrchips auf dem Karussell einsammeln – kontrollieren, ob die Türen zu den kleinen Autos geschlossen waren und die Kinder nicht von den Pferdchen oder Motorrädern herunterfielen – dabei die ewig gleichen Songs, die das holpernde Rauschen des Karussells überdröhnten, das Getute der kleinen Rennautos, die nervtötende Glocke, die am Feuerwehrauto hing und die er an manchem Abend am liebsten abgerissen hätte – all das beschäftigte die Augen, die Ohren, füllte den Kopf. Er mochte das. Das Leben hier war Gegenwart, eine ewige Gegenwart, und so war es ihm gerade recht.

Und nichts hatte ihn aus dieser Gegenwart aufgeschreckt, nichts, in all den Monaten, die er jetzt mit dem Jahrmarkt unterwegs war! In der Zeit davor war ihm noch hin und wieder aufgefallen, wie seltsam rasch seine Erinnerungen zu verblassen schienen. Anfangs hatte er sogar überlegt, ob das vielleicht auch mit diesem unglückseligen Zauber zusammenhängen konnte. Vielleicht hatte der ja auch mit seinem Hirn tabula rasa gemacht, und er würde jetzt langsam verblöden – bis er irgendwann nicht mal mehr seinen Namen wusste?!

September. Jetzt war es gerade ein Jahr her – vielleicht sogar auf den Tag genau –

Ja, wenn er sich konzentrierte, konnte er das meiste noch irgendwo in den Tiefen seines Gedächtnisses finden: Gesichter und Namen und Ereignisse. Aber diese Erinnerungen waren wie alte Schwarzweißfotos, und mit ihm schienen sie eigentlich gar nichts mehr zu tun zu haben. Zuerst fand er das unheimlich. Dann fiel es ihm nicht mehr auf. In seinem neuen Leben erinnerte nichts mehr an früher. Es schien keine Verbindung zu geben zwischen dieser Welt hier und der anderen.

Bevor er sich im April den Rummelplatzleuten angeschlossen hatte, war er eine Weile allein umhergezogen. Er dachte nie daran zurück, aber er hatte die Vermutung, dass in dieser Zeit durchaus etwas mit seinem Kopf passiert sein konnte –

Vielleicht –

Konnte es sein, dass er sich dieses Früher nur – na ja – irgendwie ausgedacht hatte –?!

Dieser Gedanke hatte ihn im vergangenen Sommer tatsächlich ein paar Mal gestreift. Okay, er wusste, dass das Quatsch war. So was konnte man sich nicht ausdenken, es sei denn, man war wirklich bekloppt. Nur schien es manchmal beinahe bequem, die Dinge so zu sehen.

Und jetzt tauchte nach all der Zeit plötzlich ein Typ auf, der von Drachen und Squibs redete! Der ihn mit ein paar Worten aus dem angenehmen Dahintreiben riss, an das er sich gewöhnt hatte, und Gefühle aufweckte, die er schon vergessen hatte.

Harry atmete tief ein. Die Vergangenheit – das war ein dunkles Haus in seinem Kopf. Ein Haus mit geschlossenen Fensterläden und einer verrammelten Tür. Er wollte da nie wieder reinsehen. Und es sollte auch nichts daraus hervorkommen!

Dieser Alfie – der stand jetzt gerade beim Grill und wartete auf sein Kotelett, und Harry beschloss, ihn einfach nicht mehr zu beachten. Stattdessen sah er zu dem hohen Gerüst hinüber, das auch in der Dunkelheit den gesamten Platz dominierte, und versuchte darüber zu spekulieren, ob Brimmer ihn wohl wirklich für den Winter einstellen würde –

Er gähnte. Fühlte sich eigentlich sogar zu müde um zu essen.

Ein fliegendes Motorrad. Wie viele mochte es davon geben in dieser anderen Welt? Vielleicht – vielleicht war das da ja gar nichts so Besonderes?

Er wusste es nicht. Und es war auch egal. Er würde jetzt sein Bier trinken, irgendwas Gegrilltes verdrücken und dann schlafen gehen.

oooOooo

Ein paar Tage später kam Harry wieder einmal von der mobilen Grillhähnchen-Station an der Straßenecke zum Platz zurück. Der Duft aus dem heißen, fettigen Paket in seinen Händen wäre verlockend gewesen, wenn er das Zeug nicht schon jeden Mittag seit ihrer Ankunft hier gegessen hätte. Mr Kravic hielt Kochen für Zeitverschwendung.

Noch stand hier alles still, und die meisten Wagen waren geschlossen; sie öffneten erst am frühen Nachmittag. Er empfand ein träges Wohlbehagen, als er da in seinen abgetretenen Sportschuhen über den nassen Asphalt schlenderte und den Pfützen auswich, in denen sich der blaue, wolkige Himmel spiegelte. Der Regen war ihnen treu geblieben in Birmingham.

Er kam eben am Kettenkarussell vorbei und betrachtete wieder einmal die atemberaubenden Bögen der Achterbahn – und da war es plötzlich, als träfe ihn ein Gedanke wie ein Wasserballon an den Kopf. Mitten in einer Pfütze blieb er stehen, fühlte, wie sich seine Schuhe voll Wasser sogen, und erinnerte sich. Diese Wasserlachen mit ihren Wolkenbildern darin – die waren es. Die riefen den Traum auf einmal in seinen wachen Tag hinein.

Den Traum hat er so oder ähnlich schon ein paar Mal geträumt. Anfangs ist es ein freundlicher Traum: Da geht er spazieren, unter einem hellblauen Himmel mit langen, weißen Wolkenbändern, der sich auf dem Asphalt unter seinen Schuhen hier und da in einer Pfütze spiegelt. Es muss Frühling sein, denn das Grün der Vorgärten zu beiden Seiten ist noch ganz frisch.

Er folgt der Straße, bis sie in einen kleinen Platz mündet – so was, wo normalerweise Kinder mit Rollern, Fahrrädern, Skateboards herumtoben. Das erwartet Harry auch jedes Mal, wenn er im Traum zu diesem Platz kommt. Aber hier ist alles menschenleer, und statt irgendwelcher Fahrzeuge steht da dieser komische Spitzbogen, der sich hoch über die geteerte Straße wölbt wie ein grauer, steinerner Regenbogen. Er ist bizarr und ohne erkennbaren Zweck, und vielleicht deshalb ein bisschen beängstigend. Jedenfalls stocken seine Schritte immer, und er geht nur zögernd weiter. Aber wenn er dann unter dem Bogen hindurchgeht, ist da – gar nichts. Es ist einfach ein Bogen, der über einem leeren Platz steht –

Erst wenn er sich umdreht, entdeckt er den Mann, der lässig an der einen Innenseite dieses Steinbogens lehnt. Er ist kaum älter als er selbst, ziemlich cool mit seinen Stiefeln und der schwarzen Lederjacke, und er winkt ihm zu. In seinem Traum kennt Harry ihn und fühlt wilde Freude darüber, ihn zu sehen. Der Mann erwidert den Gruß lächelnd und spricht dann mit ihm – aber Harry kann nie verstehen, was er sagt. Es ist wie verhext, es ist zum Verrücktwerden: Er hört kein einziges Wort. Er sieht nur, wie sich seine Lippen bewegen.

Und dann verändert sich die Stimmung plötzlich. Es wird dunkler, und das Lächeln auf dem unklar vertrauten Gesicht geht über in Beunruhigung. Der Mann versucht auch nicht länger, eine freundliche Unterhaltung mit ihm zu führen, sondern ringt jetzt mit aller Konzentration darum, sich verständlich zu machen. Aber Harry kann ihn einfach nicht verstehen! Er versucht, ihm das klarzumachen, er brüllt es ihm zu, aber er sieht, dass der Mann ihn ebenso wenig hören kann wie er ihn. Und währenddessen wird es immer dunkler, so als ob sich ein riesiger Schatten langsam über ihnen ausbreitete –

Sirius! Erst in diesem Augenblick, als er vor dem Kettenkarussell stand, mit nassen Füßen und die Nase betäubt vom Duft des Grillhähnchens, erst da begriff er, dass er den Mann aus seinem Traum tatsächlich kannte. Dass es Sirius war, derselbe, an den ihn Alfies Geschichte neulich abends erinnert hatte. Im Traum war er viel jünger gewesen, als er ihn gekannt hatte, aber er war es doch.

Dieser Bogen! Nichts, worüber man nachdenken sollte. Von diesem Bild, was immer es bedeuten mochte, strömte eine Kälte aus, vor der er nur davonlaufen wollte. Das alles lag hinter ihm und war aus und vorbei. Die Realität, das war Simon, der eben das Karussell in Gang setzte, um irgendwas zu überprüfen; das war Mrs O'Connor, die gerade die Zuckerwattemaschine in der Bude hinter ihm einschaltete; das war das Paket mit Hähnchenstücken, die kalt werden würden, wenn er sich jetzt nicht ein bisschen beeilte –

Aber da blieb ein unbehagliches Gefühl zurück. Etwas an diesem Traum stimmte nicht. Etwas daran machte es ihm unmöglich, ihn einfach in jenes große dunkle Haus zu verbannen, in das er seine Vergangenheit gesperrt hatte. Er ging langsam aus der Pfütze heraus und dachte nach. Dann hatte er es.

Ich hab Sirius doch nicht gekannt, als er so jung war. Ich konnte gar nicht so von ihm träumen!

Und deshalb ist das auch kein Traum. Deshalb ist das – eine Botschaft?

Es kommt nicht aus meinem Kopf. Er versucht, mir etwas zu sagen! Er ruft mich!

Das Kettenkarussell vor ihm kam quietschend zum Stillstand, und die leeren Sitze schwangen nach. Harry ging weiter, und ihm war, als müsse er mit jedem Schritt gegen einen Morast ankämpfen, der ihn festhalten wollte. Vielleicht ist es gerade an der Zeit für Botschaften, dachte er säuerlich. Zeit für die erste alljährliche Erinnerung?!

James!", brüllte Mr Kravic, der drüben den Kopf aus dem Wagen streckte. „Was ist nun, bringst du das Zeug heute noch mal?"

Die Realität, dachte Harry. Da war sie. Meldete sich gerade im richtigen Moment zurück. Es wurde wirklich Zeit, dass der Betrieb hier losging.

Aber es war etwas wach geworden in ihm, das sich hartnäckig weigerte, wieder einzuschlafen. Und als der nächste Ruf kam, da war er schon eher bereit zuzuhören –

oooOooo

Harry hatte ihn gesehen und sofort erkannt. Er war gerade dabei, Fahrchips aus den schmuddeligen Kinderhänden einzusammeln, die sich ihm ringsum entgegenstreckten, als sein Blick auf den langen Typen mit dem roten Haar und der schlabbrigen Kleidung fiel, der vor der Achterbahn stehen geblieben war. Harrys Herz machte einen Hupfer. Beinahe hätte er die Chips fallen lassen. Den kannte er! Das war – Ron!

Das Karussell fuhr an, und Harry stand immer noch da und starrte, und dann drehte sich der Lange um und sah ihm genau ins Gesicht. Es war Ron.

Harry zog die Baseballkappe hastig noch tiefer in die Stirn, dann sprang er zur Seite, bevor die rollenden Fahrzeuge ihn erwischen konnten. Weg hier! Der durfte ihn nicht entdecken! Er hatte keine Ahnung, warum er davon so fest überzeugt war, aber mit ein, zwei Sprüngen war er die Stufen zu dem kleinen Wagen hinaufgejagt, wo Mr Kravic hinter Schaltpult und Kasse saß. Aus diesem sicheren Winkel beobachtete er dann, wie sein Freund aus einem anderen Leben unentschlossen weiter vor der Achterbahn herumlungerte. Ob der ihn auch entdeckt hatte?

Als die Bahn gegenüber ihre Fahrt beendete und die Leute aus den Wagen strömten, verschwand Ron in der Menge. Und das war gut so, denn auch die Karussellrunde war zu Ende, und Harry musste jetzt wieder raus, die Chips für die nächste Fahrt einsammeln.

Danach war er den ganzen Nachmittag über nicht mehr bei der Sache. Er hatte Angst, dass Ron plötzlich vor ihm stehen könnte – und zugleich war da etwas wie Enttäuschung darüber, als das nicht geschah.

Das dunkle Haus: Auf einmal fiel Licht durch die Ritzen zwischen den Läden. Jemand hatte drinnen Licht gemacht –

Erst diese Drachenshow-Geschichte. Dann der Traum. Und jetzt marschierte plötzlich Ron hier auf. Das war doch kein Zufall mehr!

Die manipulieren mich schon wieder, dachte er. Anscheinend kann ich ihnen nicht entkommen.

Er starrte in das endlose, sinnlose Rundherum der Fahrzeuge, das von einem der hirnlosen Songs begleitet wurde, die er jetzt seit Monaten ertrug, ohne je wirklich hingehört zu haben. Wie war das? I just call to say I love you? Na, wie passend! Seine Vergangenheit klopfte an, und das hätte ihr Willkommensgruß sein können.

Wie auch immer. Ich hab den Hörer jedenfalls wieder aufgelegt, dachte Harry grimmig.

oooOooo

Ron Weasley hatte sich stundenlang unentschlossen auf dem Jahrmarkt herumgetrieben. Hin und wieder war er in sicherer Entfernung an dem Karussell vorbeigegangen. Ginny hatte sich nicht geirrt – der Typ in gammligen Jeans und blauem Karohemd, der seine Kappe so tief in die Stirn gezogen hatte, dass er vermutlich kaum noch was sehen konnte, das war Harry. Kein Zweifel. Er sah dünner aus und älter und so braungebrannt, wie jemand, der normalerweise eher blass war, eben werden konnte, und das war wohl nicht so verwunderlich, wenn er die ganze Zeit mit diesem Jahrmarkt rumgezogen war. Aber er ging wie Harry, und außerdem hatte er ihn, Ron, vorhin eindeutig erkannt. Und sich schleunigst verdrückt.

Harry wollte nicht gefunden werden, so viel war klar. Und nach dieser Erkenntnis hätte er eigentlich verschwinden sollen, oder? Er hatte das sogar versucht. Es war längst dunkel geworden, und der Rummelplatz verlor allmählich jeden Reiz für ihn – da hatte er sich eine Tüte gebrannte Mandeln geholt und war zu dem Rover zurückgeschlendert, den er zwei Straßen weiter geparkt hatte. Fest entschlossen, den verbesserten Unsichtbarkeits-Servoantrieb einzuschalten und sich davonzumachen, war er in den Wagen gestiegen. Und da war er dann sitzen geblieben, hatte Mandeln gekaut und darüber nachgedacht, wie es Harry wohl hierher verschlagen haben mochte. Wie es ihm hier gehen mochte –

Er war damals so sauer auf Harry gewesen – dass er einfach so abgehauen war, sich feige und ohne ein Wort davongeschlichen hatte. Und dann kam nie wieder ein Lebenszeichen von ihm. Wie konnte der so was machen, nachdem sie so viele Jahre befreundet gewesen waren? Nach allem, was sie zusammen erlebt hatten? Irgendwie hatte ihm seine Wut sogar geholfen, sich in die Prüfungsvorbereitungen zu verbeißen und mit seinem verschwommenen Plan, zur Aurorenausbildung zugelassen zu werden, endlich ernst zu machen. Aber er hatte sich auch Sorgen um Harry gemacht. Und ihn ganz schlicht und einfach vermisst.

Als Ginny dann Samstagnacht mit ihrer überraschenden Entdeckung herausgerückt war – da hatte er dieser Spur einfach folgen müssen. Den Jahrmarkt zu finden, war erstaunlich leicht gewesen.

Die Mandeltüte war leer. Und vom Rummelplatz kam keine Musik mehr herüber, stellte er fest. Schon seit einiger Zeit waren keine Leute mehr vorbeigekommen.

„Also, was mach ich jetzt?", fragte er laut in die – übrigens ziemlich noble – Muggelkutsche hinein, an der sein Vater seit einigen Monaten im Schuppen daheim liebevoll herumbastelte.

Er wollte mit ihm reden. Wie sehr, das hatte er erst gemerkt, als er ihn da vorhin wiedergesehen hatte. Unmöglich, jetzt einfach unverrichteter Dinge zum Fuchsbau zurückzukehren!

Er warf die leere Tüte auf den mit dickem, dunkelblauem Samt überzogenen Beifahrersitz, stieg aus, knallte die Tür zu und machte sich auf den Weg zurück zum Rummelplatz. Da würde er ihn schon finden –

oooOooo

Harry sah sie herankommen, und in der Schrecksekunde, in der er begriff, dass es fürs Weglaufen jetzt zu spät war, hatte er plötzlich wieder das dunkle Haus vor Augen – nur dass es nicht länger dunkel war: Die bisher fest verschlossene Tür stand jetzt weit offen, und in dem hellen Lichtschein, der herausfiel, kam Ron auf ihn zu.

„Er sucht 'nen Harry – sieht aber so aus, als ob er dich meint, James", sagte Simon, als er Sekunden später in die Runde um den Grill trat. „Kinderkarussell, Brille, komische Narbe auf der Stirn, schwarze Haare – da ham wir nur einen, sag ich, aber der heißt James!"

Über den flackernden Schein des Grills hinweg sahen Ron und Harry sich an.

„Na, was is' – kennste den?", fragte Barry freundlich.

Harry gab sich geschlagen. „Ja. Klar."

„James, wie?", sagte Ron mit einem zweifelnden Grinsen und kam zu ihm herüber. „Du hast ja wohl ein Rad ab."

Die anderen verloren das Interesse. Die Sesshaften langweilten sie. Man verdiente sein Geld mit ihnen, aber sie lebten in ihrer Welt und die Fahrenden in einer anderen, fertig. Wenn James mit dem Typen reden wollte – seine Sache. Sie jedenfalls wandten sich wieder ihrem Bier, den Karten und ihren Gesprächen zu.

„Komisch", sagte Ron. „Als ich das letzte Mal mit dir geredet hab, war auch so'n Jahrmarkt um uns rum." Das war ihm erst in diesem Moment aufgefallen.

Und da hatte auch Harry auf einmal den Fliegenden Holländer vor Augen – das Geisterbahn-Schiff von Fred und George, und wie es um die Türme von Hogwarts geflogen war –

Er nickte Ron zu. „Also gut", sagte er ungelenk und räusperte sich. „Wenn du mit mir reden willst, dann komm eben mit." Er merkte, wie unfreundlich das klang, aber das konnte er nun mal nicht ändern. Mit Ron zu reden, war wie ein Schock, irgendwie so, als liefe die Zeit auf einmal rückwärts oder so. Unwirklich.

Einen enthusiastischen Empfang hatte Ron zwar nicht erwartet, aber jetzt schwankte er doch, ob er sich nicht einfach wieder umdrehen und weggehen sollte. Allerdings hatte er das Gefühl, dass Harry genau darauf spekulierte. Was die Sache entschied.

Er folgte ihm also auf diesem schlammigen Weg, zwischen den Wohnmobilen hindurch, bis sie auch die letzten Transporter hinter sich gelassen hatten und plötzlich auf einem dunklen Kinderspielplatz standen. Harry setzte sich auf ein Schaukelbrett.

„Nett hier", sagte Ron und setzte sich auf die zweite Schaukel daneben. Sie war nass vom Regen, aber das merkte er zu spät.

„Um die Zeit ist fast nie einer hier", sagte Harry. „Manchmal 'n paar Leute zum Knutschen." Er musste dieses Gefühl abschütteln! Diese – Taubheit im Kopf –

Sogar seine Stimme klang irgendwie fremd, fand Ron. Er fühlte sich sehr unbehaglich, während Harry da in der Dunkelheit neben ihm hin und her schwang. Verdammt, wie sollte er jetzt bloß anfangen?

„Wie hast du mich gefunden?", fragte Harry nach einer Weile, während Ron noch immer verzweifelt nach dem ersten Wort suchte.

„Hab ich gar nicht. Ginny war's. Sie hat dich gesehen, als der Jahrmarkt noch in – in Wolverhampton war."

„Ginny", sagte Harry nachdenklich, und Ron kam es so vor, als müsste er in seinen Gedanken tatsächlich nach Ginny suchen. „Ich hab sie nicht gesehen."

„Sie hat sich nicht getraut, dich anzusprechen. Was weiß ich."

„Und jetzt?"

„Wieso bist du hier? Was machst du denn hier?"

„Na ja – arbeiten. Leben eben. Hab ja nicht so viel gelernt, womit ich was anfangen könnte."

„Und wieso nennst du dich James?"

„Ist mein zweiter Name."

Das war zwar keine Erklärung, aber Ron fragte nicht weiter danach. Irgendwie passte es. Das war nicht mehr der Harry, den er gekannt hatte. Auf einmal fragte er sich selbst, was er eigentlich hier machte.

Harry schwang inzwischen so hoch, dass seine Schuhe die Zweige des Baumes berührten, der neben der Schaukel stand. Zwischen den Blättern konnte Ron den Nachthimmel sehen, sogar ein paar Sterne. Von den Wohnmobilen drangen gedämpft Musikfetzen aus einem Radio, ein Auflachen, eine singende Männerstimme herüber.

„Interessiert's dich gar nicht, warum ich hier bin?", fragte er und rettete sich aus seiner Befangenheit in Angriffslust. „Und kannst du vielleicht mal mit dieser blöden Schaukelei aufhören?"

„Wenn's sein muss", gab Harry friedfertig zurück. Und dann, wie zur Erklärung: „Schaukeln – hat was vom Fliegen. Oder?"

„Keine Ahnung. Sag mal, willst du nicht wenigstens wissen, wie es Hermione geht? Ich meine, nachdem du sie –" Er brach ab. Nachdem du sie einfach verlassen hast, hatte er sagen wollen. Aber das kam ihm auf einmal zu melodramatisch vor. Und was hatte der da gesagt vom Schaukeln und Fliegen –

„Das ist alles so weit weg", unterbrach Harry seine Gedanken. „Ich kann mich kaum noch dran erinnern. An damals. An früher. Ich versuch auch, möglichst nicht dran zu denken."

Ron hatte indessen mit leisem Entsetzen festgestellt, dass Harry ihm leid tat. Fliegen – das konnte er ja nicht mehr! Und auch sonst eigentlich gar nichts. Was für ein Mist. Sie hätten ihn einfach in Ruhe lassen sollen! Wieso war er bloß hierher gekommen?!

„Alle wollen wissen, wie es dir geht. Wo du bist. Was du machst", sagte er schließlich. „Ich mein, wir haben dich jedenfalls nicht vergessen. Auch wenn du damals einfach so abgehauen bist wie – wie ein mieser Idiot eben. Tolle Art, sich zu verabschieden, übrigens! Briefe! Hermione hat – na ja. Ist ja jetzt auch egal. Dir sowieso, wie es aussieht!"

Harry schwieg. Ja, da war es – ganz weit entfernt, wie durchs falsche Ende eines Fernglases betrachtet: Rötliche Glut im Kamin eines behaglichen, vertrauten Raumes – die Fensterbank – die Pergamentrolle, auf die er seinen Abschied irgendwie in geschriebene Worte bringen musste –

Er wünschte sich auf einmal mit brennender Heftigkeit, einfach in das Stückchen dunklen Sternenhimmel hinauffliegen zu können. Jetzt. Weg von diesem Gespräch. Weg von Ron und den Erinnerungen!

„Tut mir wirklich leid", sagte er schließlich, als das mit dem Fliegen erwartungsgemäß nicht klappen wollte. „Es ging irgendwie nicht anders."

„Klar wär' das anders gegangen! Du hättest uns sagen können, dass du gehen willst! Du hättest uns wenigstens mal einen Brief schreiben können in der ganzen Zeit. Wir wussten ja nicht mal, ob du noch lebst!" Aua. Das klang jetzt wirklich melodramatisch. Ron hatte es allmählich satt. „Hörst du mir eigentlich zu?!"

„Klar."

Dieser Blödmann! Ron stand auf. Das hatte einfach keinen Sinn. Der war doch nicht mehr zu erreichen. „Also, ich glaub, ich geh jetzt wieder."

Die Taubheit in Harrys Kopf war nun weg. Das dunkle Haus war auch weg, weil er jetzt nämlich selbst in der Tür stand und hineinsah. Ein bisschen geblendet von der Helligkeit dadrin, aber das war es nicht, was so wehtat, dass es ihm die Luft abschnürte. Er presste die Augen zusammen, als könnte er das Bild dadurch vertreiben. Sollte Ron doch gehen – er hatte ihn nicht gebeten, hierher zu kommen und von diesem Zeug anzufangen, richtig? Er hatte – Pläne! Brimmer von der Achterbahn hatte ihm für den Winter Arbeit zugesagt. Er hatte so was wie eine Zukunft, oder?

„Tja, dann mach's gut, Mann!", sagte Ron und gab sich keine Mühe, seinen Ärger zu verbergen.

„Warte!", sagte Harry und stoppte die Schaukel abrupt mit beiden Füßen. „Hör mal, Ron – kennst du einen – ich meine, erinnerst du dich an – ähm – an Sirius?"

Ron lachte ungläubig auf. „Was soll der Quatsch? Klar erinnere ich mich an Sirius! Sag mal, irgendwie hast du ja wohl –"

„Den gibt es also wirklich?", fragte Harry. „Ich dachte schon – na ja, ich war mir nicht so ganz sicher, ob –"

„Er war dein Pate, Mann! Du kannst doch nicht Sirius vergessen haben!"

„War?"

„Er ist tot – komm schon, Harry – das ist nicht witzig! Sirius ist seit über zwei Jahren tot. Du warst dabei, als er starb."

„Tot –" Harry wiederholte das Wort, als müsste er es ausprobieren.

Ron war einigermaßen fassungslos. „Hey, das kann ja wohl nicht sein, Mann! Du bist grad mal ein Jahr weg! Und mich hast du ja auch direkt erkannt, heut Nachmittag!" Was sollte das sein – Gedächtnisschwund, ein Amnesiafluch, oder was? Quatsch. Der wollte ihn wahrscheinlich immer noch abwimmeln. Keiner konnte doch sein Leben einfach so vergessen!

Vor Harrys Augen aber stand auf einmal wieder der Bogen, und diesmal ließ sich die Erinnerung nicht mehr abblocken. „Er ist nicht tot!", sagte er trotzdem. „Er redet mit mir, im Traum. Ich meine, er will mir was sagen, aber ich kann's nicht hören!"

„Na, wie du schon sagst, im Traum." Ron stieß das leere Schaukelbrett an. Jetzt! Jetzt würde er es doch noch versuchen. „Harry, Mann, willst du nicht mitkommen? Die sind alle ganz scharf drauf, dass du zurückkommst – du kennst ja meine Mum – wenn ich denen sag, dass ich mit dir geredet hab, und dich nicht mitbringe – ich mein, die flippen aus!"

Harry sah ihn nicht an. Er saß ganz still auf der Schaukel und dachte nach. Hatte er ernsthaft überlegt, ob es Sirius wirklich gab?! Aber es machte einen großen Unterschied, ob man allein über irgendwelche Erinnerungen nachgrübelte, oder ob man diese Erinnerung von jemandem bestätigt kriegte. Mit jemandem darüber zu sprechen – das machte alles anders!

Jetzt auf einmal stand er wieder mittendrin in dem, was bis vorhin nur ein dunkles Haus gewesen war, das er weit hinter sich gelassen hatte. Und da zeigte sich, dass es gar kein dunkles Haus war, sondern die Wirklichkeit. Sogar hier, auf diesem düsteren kleinen Kinderspielplatz irgendwo in der Muggelwelt war es Wirklichkeit!

Er scharrte mit den Schuhen im von Unkraut überwachsenen Sand unter der Schaukel. Er musste jetzt den Boden unter seinen Füßen spüren.

„Harry! Hallo, hast du mich gehört?"

Oh Mann. Ob es einen Weg zurück gab? Ob er wieder dazugehören konnte? Gerade hatte er sich für einen Moment wieder – na ja, irgendwie ganz gefühlt, wie er selbst eben! Wie jemand, der einfach so lachen konnte. Wie jemand, der wusste, woher er kam –

Er sah auf und in Rons fragendes, zweifelndes Gesicht und dann irgendwie durch es hindurch, in eine Küche, in der sich eine Menge Leute um den Esstisch drängten. Diese Erinnerung war überwältigend, er konnte sie sogar riechen: Kochende Kartoffeln und frisch aufgegossenen Tee. Und Rons Mum war da, die ein Blech voller Zimtschnecken in den Backofen schob.

„Die Pullover. Jedes Jahr zu Weihnachten einen neuen –", murmelte er, und zögernd breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus.

„Genau! Und zum Geburtstag!"

„Hackbraten – und die Zwiebelsuppe – sogar besser als in – in Hogwarts –"

„Also, ich würd sagen, dein Gedächtnis funktioniert doch einwandfrei!" Ron lachte vor plötzlicher Erleichterung. „Ich wette, sie hat dir mindestens drei neue Pullover gestrickt in diesem Jahr. Für den Fall, dass sie dir an deinem Geburtstag zufällig begegnet. Oder zu Weihnachten."

„Die wissen, dass du hier bist?"

Ron nickte. „Die würden sich furchtbar freuen, wenn du – na ja, mal wieder vorbeisiehst."

„Echt komisch, dass du gerade jetzt hier auftauchst", sagte Harry nachdenklich und stand auf. „Vor ein paar Tagen – ich glaub, da hätt ich nicht mal mit dir geredet. Ich wollte mit dem ganzen Kram nichts mehr zu tun haben. Aber dann hat einer von den Leuten was gesagt –" Er brach ab. Drehte in Gedanken versunken die Schaukel, bis sich die Ketten verknäulten. „Das hat mich plötzlich an etwas erinnert. Etwas Wichtiges. Etwas in – in eurer Welt, meine ich."

„Das ist doch auch deine!"

„Sicher? Warum bin ich dann hier?"

„Weiß ich doch nicht, warum du meintest, du müsstest abhauen!", sagte Ron grob. „Du warst ja immer schon ein bisschen blöd."

„Ich kann nicht mehr zaubern", sagte Harry klar und deutlich. Als wäre ihm das gerade wieder aufgegangen.

„Na und?", gab Ron zurück. „Das konnte Filch auch nicht, oder? Ich mein, vielleicht ist es 'ne Krankheit, oder? Vielleicht kann man's sogar heilen!" Er hatte so oft darüber nachgedacht in diesem vergangenen Jahr! „Kommst du nun endlich mit? Oder – oder findest du – bist du jetzt hier zu Hause?" Es fiel ihm schrecklich schwer, diese Frage zu stellen, aber es musste sein.

Harry drehte immer noch die Schaukel. Er schüttelte den Kopf. Zu Hause? Nee. Das eigentlich nicht. Aber konnte er das wirklich machen – zurückgehen? Ein Besuch, korrigierte er sich in Gedanken. Nur ein Besuch, mehr nicht. Vielleicht frag ich nach, wegen diesem Bogen. Vielleicht klär ich das noch irgendwie. Und dann –

„Dein Dad ist doch noch beim – beim Ministerium, oder?"

„Klar. Wieso?"

„Ich muss ihn was fragen."

Ron seufzte tief auf. „Heißt das, du kommst mit?"

Harry ließ die Schaukel los, und sie sahen beide zu, wie das Brett wie wild im Kreis wirbelte, als sich die verknäulten Ketten wieder aufdrehten. „Hier hält einen keiner fest, nicht wenn's wichtig ist", sagte Harry schließlich. „Die Leute sind in Ordnung. Sie fragen nicht viel."

„Ist das ein Ja?"

„– im Gegensatz zu dir", sagte Harry grinsend. „Ja, das war ein Ja. Ich hol meine Sachen – ist nur ein Rucksack. Und dann –"

„Dads Auto. Ich hab zwei Straßen weiter geparkt. Inzwischen darf ich ganz offiziell damit fahren. Und – fliegen!"

„Der – Ford Anglia? War der nicht – haben wir den nicht –"

Ron betrachtete seinen alten Freund mit einem Blick, in dem sich Hilflosigkeit und traurige Besorgnis mischten. „He Mann, sag, dass du mich nur verarschst!", sagte er schließlich rüde. „Du kannst das doch unmöglich alles vergessen haben!"

Harrys Grinsen verblasste. „Ich brauch'n bisschen Zeit", murmelte er. „Irgendwie kommt's mir so vor, als wär ich gerade – na ja, geweckt worden. Alles ist so – durcheinander." Er sagte nichts von dem durchdringenden Gefühl, das auf einmal an seinen Nerven zerrte: dass das hier nur ein Traum war, Ron und all das, woran er sich plötzlich zu erinnern glaubte. Ein schlechter Traum, aus dem er verschwitzt und unglücklich erwachen würde.

Er fröstelte wieder. Und in der Düsternis des nächtlichen Kinderspielplatzes überkam ihn plötzlich noch einmal der Drang, dem er am Nachmittag instinktiv und ohne Zögern gefolgt war: einfach abzuhauen. Sich in der Sicherheit des Wohnwagens zu verstecken und zu warten, bis dieser komische Besucher endlich gegangen war und ihn mit seinem Gerede verschonte.

Die Türen wieder zuhauen. Das dunkle Haus hinter sich lassen, und diesmal endgültig. Aber er konnte es nicht.

Ich will zurück, dachte er beinahe verzweifelt. Oh Mann, ich will zurück!