+ I'm only happy when it rains +
Auf der I-35 von Kroner, Kansas nach Oklahoma City
Kaum hatten sie die Grenze von Kansas nach Süden hin hinter sich gebracht zogen sich die Wolken über ihnen zusammen um ihnen dann eimerweise Regen auf den Asphalt zu klatschen.
Er prasselte mit solcher Gewalt auf ihre Windschutzscheibe nieder, dass Mulder gezwungen war, mitten auf der Interstate in einer Vollbremsung den Wagen zum Stehen zu bringen. Sie konnten nicht einmal mehr die Motorhaube ihres Mietwagens sehen, geschweigedenn irgendwelche Umrisse auf der Straße vor ihnen ausmachen. Glücklicherweise waren sie vollkommen alleine unterwegs, außer einem Traktor und einem LKW war ihnen noch kein anderes Fahrzeug begegnet.
Strafend blickte Mulder, als er den Wagen auf den Seitenstreifen gelenkt hatte, zu Scully hinüber und sie erwiderte achselzuckend seinen Blick.
„Was?" fragte sie nur ein wenig gereizt und er schüttelte schweigend den Kopf und wandte den Blick wieder ab.
„Nichts", gab er zur Antwort, weil er wusste, andernfalls würde eine hitzige Diskussion losgehen, darüber wie er sie, ohne sie über den „Fall" aufzuklären, nach einem 6-stündigen Flug nach Kansas City wortlos in ein winziges Propellerflugzeug gezerrt hatte.
Und wie er damit mit ihr nach Kroner geflogen war, einer Gegend, die dem Wort Einöde seine Definition verliehen haben musste, wo sie statt eines Falls nichts weiter als ein gebrochenes Herz und einen egozentrischen Einbeinigen vorgefunden hatten. Sie war die ganze Zeit über gereizt gewesen, vor allem, weil es ihre Kreditkarte gewesen war, die sie für ihre Unkosten genutzt hatten. Aber nur, weil sie sich geweigert hatte, auf FBI – Kosten einen Fall aufzuklären, den es per definitionem überhaupt nicht gab. Es war ihre eigene Sturheit gewesen, aber er hatte es wie üblich ausbaden müssen. Genauso, wie es ihr Dickschädel gewesen war, weswegen sie jetzt in einem Mietwagen nach Oklahoma City fuhren, um dort einen noch schnelleren Rückflug zu bekommen anstatt bis morgen zu warten. Ob das an dem einen Motelzimmer lag, das sie sich hätten teilen müssen?
„Mulder, wenn ich Sie erinnern darf: Sie waren es, der die Idee zu dieser Reise hatte. Und hätten Sie mich vorher etwas genauer über diesen so genannten 'Fall'informiert, hätten wir uns das gesamte Theater sparen können", antwortete sie angesäuert und beide blickten mit vor der Brust verschränkten Armen nach vorne, wo der Regen sich noch immer in Sturzbächen aus dem Himmel ergoss.
Die Tropfen prasselten so laut auf das blecherne Autodach, dass sie einander fast anschreien mussten.
„Ja, aber Sie waren es, die darauf bestand, diesen Rückweg zu wählen. Wir hatten dank Holman doch prima Wetter in Kansas, der Flug morgen früh zum Flughafen von Kansas City wäre vollkommen entspannt gewesen."
„In der klapprigen alten Cessna, deren Pilot permanent den Höhenmesser mit der Tankanzeige verwechselt hat? Nein, danke", gab sie pampig zur Antwort.
Mulder nickte eingeschnappt und ließ sich in seinem Sitz zurückfallen.
„Gut. Aber dann warten wir. Ich hab keine Lust auf eine weitere Begegnung mit einer verirrten Kuh. Ich will sehen, wo ich hinfahre", antwortete er und biss sich grimmig auf der Unterlippe herum.
Ihr Blick hatte ebenfalls die Finsternis des verregneten Himmels angenommen und sie atmete übertrieben laut aus.
„Kann ohnehin nicht lange dauern. Da hinten ist schon wieder Licht am Horizont", versuchte sie einzulenken, um die schlechte Stimmung nicht vollkommen eskalieren zu lassen.
„Das sind Blitze, Scully", tönte es noch immer gereizt zurück und sie schnaubte.
Den Kopf schüttelnd stützte sie ihren Ellbogen gegen die kühle Seitenscheibe und legte ihren Kopf in ihre Hand.
Sie konnte sich denken, warum er so gereizt war.
Denn sie war aus demselben Grund nicht minder missgelaunt.
Die Geschichte von Holman und Sheila hatte ihnen mehr als deutlich vor Augen geführt, was sie so erfolgreich zu verdrängen wussten: Dass sie eines Tages diesen Schritt wagen mussten, weil alles andere in Verbitterung, Einsamkeit und Frustration enden würde.
Zugegeben…bei ihnen würde es nicht anfangen zu hageln. Oder zu blitzen. Es würden auch sicherlich keine herzförmigen Hagelkörner vom Himmel herabfallen, oder gar Rosenblätter. Aber Emotionen fanden immer ihren Weg nach draußen, früher oder später. So wie auch in diesem Moment.
Scully wusste, dass es eine Selbstlüge war, sich einreden zu wollen, sie wären nicht längst mehr als Freunde. Es war bereits so offensichtlich, dass selbst die schlichten Einwohner einer Kleinstadt im mittleren Westen es auf den ersten Blick sahen. Wie konnten sie beide es dann Tag für Tag bewusst immer wieder übersehen?
Aber sie waren beide Feiglinge.
Er war vielleicht noch ein wenig feiger als sie…
Sie warf ihm einen giftigen Blick zu, den er mit einem müden Seitenblick quittierte bevor er das Radio einschaltete und dann die Augen schloss um ihr mit seiner Ignoranz zu zeigen, wie wenig er von ihrer Idee, einen früheren Flug von einem anderen Flughafen, als dem ihrer Hinreise, zu wählen, hielt.
Sie wandte den Blick wieder ab und sah nach draußen in die unendlichen verregneten grauen Weiten der Felder, die von den schweren Regenschauern zu einer matschigen Pampe gepeitscht wurden.
Das Wasser lief zäh an der Seitenscheibe herab wie Zuckersirup.
Mulder hatte die Augen geschlossen, um nicht immer und immer wieder ihr Gesicht ansehen zu müssen, das vor lauter Wut ganz angespannt war, und aus dem ihre Blicke wie Blitze der Verdammnis in seine Richtung schossen. Er wollte ihr Gesicht aber auch aus einem anderen Grund nicht ansehen. Einerseits weil er sich beruhigen wollte, weil er ihr die Schuld dafür gab, dass sie nun vermutlich auch ihren Flug in Oklahoma verpassen würden und er ihr nicht Sachen an den Kopf werfen wollte, die er später bereuen würde. Zum anderen, weil es ihm den Verstand raubte, immer und immer wieder zusehen zu müssen, wie sie sich, wie immer wenn sie angespannt war, mit der Zunge über ihre Lippen fuhr. Über die Lippen, denen er bereits so nahe gekommen war, dass sie die seinen gestreift hatten, und von denen seine Blicke seitdem magisch angezogen wurden.
Es war überhaupt nicht von Bedeutung, dass es nie zu diesem Kuss gekommen war. In ihren Köpfen hatte er längst stattgefunden, ließ sich diese Möglichkeit, die sich zwischen ihnen nun auftat, überhaupt nicht mehr wegdenken. Im Gegenteil: diese Idee drang sich ihm förmlich auf. Plötzlich sah er jede Sommersprosse, die in der Sonne auf ihrem makellosen Gesicht aufleuchtete, er sah jede Veränderung ihrer Garderobe oder Frisur. Er sah, wenn sie Lippenstift trug, und wenn nicht. Er spürte ihre Blicke, die ihm folgten, als wären sie ebenso magisch von ihm angezogen, wie seine von ihr. Und manchmal ertappte er sich dabei, wie er zu erkennen versuchte, welche Farbe ihr BH unter ihrer Kleidung hatte.
Holman hatte Recht gehabt: Sie schmachteten einander an.
Und das war es, was ihn so wahnsinnig machte: Dass es für jeden da draußen so einfach und offensichtlich zu sein schien.
Aber das war es nicht.
Weil sie nicht einfach war.
Und…das musste er zugeben: seine Persönlichkeit hatte auch ihre Ecken und Kanten.
Sie mussten eine ganze Weile in dem strömenden Regen dort gestanden und der Country-Musik schweigend aus dem Radio gelauscht haben, denn als der Regen schließlich leiser wurde und die Wolken den Himmel freigaben, war dieser längst dunkel geworden.
Mulder räkelte sich und unterdrückte ein Gähnen. Als er zur Seite sah, stellte er fest, dass sie tief und fest eingeschlafen war.
Er lächelte. Der Beifahrersitz war für sie das, was seine Couch für ihn war. Nie blieb sie länger als eine Stunde wach wenn er fuhr. Oft fand er das schade, weil ihnen dadurch schon so viele Stunden verloren gegangen waren, in denen sie miteinander hätten reden können. Aber gleichzeitig gab ihm das die Gelegenheit, die Person, die sich hinter diesem ihm so wohlbekannten Gesicht verbarg, genauer zu betrachten. Es war unglaublich, wie vertraut einem jemand werden konnte, der als vollkommen Fremder in das eigene Leben getreten war. Manchmal fiel es ihm schwer, sie als ein eigenständiges, von seinem Ich getrenntes Individuum wahrzunehmen, weil sie ihm so nahestand, als wären sie eins.
Und dann wieder gab es Momente, an denen sie nicht weiter voneinander entfernt sein konnten. So wie vorhin.
Als er sich wieder nach vorne wandte um den Schlüssel im Zündschloss umzudrehen, fiel sein Blick auf den dicken Filzstift, mit dem sie den Weg auf der Landkarte vorgezeichnet hatte, die nun schlapp in ihrem Schoß lag und ihre Beine nahezu bis hinunter auf die Knöchel verdeckte.
Ein diabolisches Funkeln schlich sich in seine Augen als er nach dem Stift griff und seine Rache dafür, dass sie nun eine Nacht auf dem Flughafen in Oklahoma City verbringen würden, in die Tat umsetzte.
Er hatte gerade erst sein Werk beendet und den Wagen angelassen, als Scully durch die einsetzende Bewegung wach wurde.
Einen Moment lang blickte sie sich desorientiert um.
Als sie jedoch das Profil ihres Partners erblickte fiel ihr wieder ein, wo sie waren. Und ihr fiel auch wieder ein, warum sie schlechte Laune hatte.
Doch die war wie weggeblasen, als sie ein versöhnliches „Na? Gut geschlafen?" von der Seite hörte. Sie nickte ein leises „Mhm" in seine Richtung. Er wandte den Blick für einen Moment von der Straße und musterte sie mit einem vergnügten Ausdruck in seinem Gesicht.
„Keine merkwürdigen Träume von Werwölfen? Oder anderen...haarigen Wesen" fragte er scheinheilig und Scully runzelte die Stirn.
„Nein...?!" antwortete sie gedehnt und sah nach draußen in die Dunkelheit der beginnenden Nacht.
Sie hatte keine Lust, sich damit auseinanderzusetzen, was nun wieder in seinem Kopf vor sich ging. Es war anstrengend, sich immer und immer wieder auf ihn einzulassen ohne dass es irgendwo hin führte. Außer, dass es sie hierher geführt hatte…nach Kansas.
Mulder räusperte sich geräuschvoll und sie sah ihn irritiert an. Er rieb sich demonstrativ das Kinn und seine Oberlippe, während er sich bemühte, nicht zu grinsen und gleichzeitig konzentriert auf die Fahrbahn zu blicken, die durch nichts weiter erhellt wurde, als durch die Schweinwerfer ihres Mietwagens.
Scully sah ihn verständnislos an, hatte aber eine böse Ahnung, die sie die Sichtblende des Beifahrersitzes hinunterklappen ließ, hinter der sich ein Spiegel versteckte.
„Mulder!" entfuhr es ihr empört als sie den mit schwarzen Filzstift eingezeichneten Vollbart in ihrem Gesicht sah und schüttelte den Kopf. „Was zum - ?" setzte sie an, verstummte aber, als sie aus ihrer Tasche eine Flasche Handdesinfektion und ein paar Taschentücher hervorkramte, um sich Mulders Kunstwerk aus dem Gesicht zu wischen.
„Lassen Sie doch, steht Ihnen gut", grinste er schelmisch und das kindische Leuchten in seinen Augen stimmte sie beinahe versöhnlich.
„Finden Sie", schoss sie zurück, jedoch nicht ohne Belustigung in der Stimme und rubbelte sich die letzten Reste der Farbe über der Oberlippe weg.
Schweigen kehrte ein.
Aber dieses Mal war es ein entspanntes Schweigen voller Hoffnung, dass sie beide doch irgendwann herausfinden würden, wie sie den Weg, den sie eingeschlagen hatten, zu Ende gehen konnten.
„Kindskopf", brummte sie unter ihrem entfernten Bart hervor als sie die Taschentücher in den Aschenbecher gestopft hatte und die Sichtblende wieder hochgeklappt hatte.
„Dickkopf'", entgegnete er unter einem Tarnhusten und Scully rümpfte die Nase vergnügt.
Vielleicht war der Ausflug nach Kansas gar nicht so eine schlechte Idee gewesen, dachte sie. Sie war nun schon fast dankbar dafür, dass das Schicksal einen Weg gefunden hatte, sie daran zu erinnern, dass sie sich nicht nur eingebildet hatte, dass da etwas zwischen ihr und Mulder zu blühen begonnen hatte. Und dass dieses Etwas es wert war, erforscht zu werden. Fast liebevoll sah sie ihn von der Seite an und spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, die er zum Glück in der Dunkelheit und beide Augen fest auf die Fahrbahn gerichtet, nicht sehen konnte.
„Sheilas Lippenstift stand Ihnen auch nicht schlecht….", fügte sie nach einer ganzen Weile belustigt hinzu und Mulder musste sich schwer zusammenreißen, die Straße im Auge zu behalten.
Hätte ER das Wetter bestimmen können, hätte der Regen sofort wieder eingesetzt um sie beide noch eine Weile länger im diesem dunklen Nirgendwo zwischen Feldern, Farmen und Kühen festzuhalten, wo es kein Nord, kein Süd, kein Ost, kein West, kein Vorwärts und kein Rückwärts gab.
Wo es nur sie beide gab, gefangen in einem Augenblick ohne Konsequenzen.
The End
