Kapitel 3
Ich fühle mich sicher. Sicher auf meine ganz eigene Art, denn komplett sicher fühle ich mich nie, doch genug abgeschottet von der Außenwelt und der Realität. Ich habe meine enge Jeans an, meine schwarzen Turnschuhe und meinen übergroßen Pullover, die Kapuze tief in meinem Gesicht.
Ich steige die Treppen hinauf und bin mir sicher nicht beobachtet zu werden, Valentina kontrolliert, dass die Videokameras ausgeschaltet bleiben. Ich bin wie ein Geist, sie gibt mir über Funk durch, wo die Agents entlanglaufen und ich wähle den Weg, auf dem ich die wenigsten Personen treffe.
Schließlich bin ich im Keller angekommen und die Wache fragt mich, was ich hier unten suche. Mit einem gezielten Karatekick unter das Kinn liegt er regungslos am Boden und ich fühle den Puls. Da er noch einen besitzt, entscheide ich kurz, aber er ist der Mühe nicht wert. Ich steige schnell die Treppen herunter und gelange zu den 24-Stunden-Haftzellen.
„Hast du mich vermisst?", frage ich und die Person, die auf der Bank liegt, öffnet ihre Augen. Ich wedele mit dem Schlüssel in meinen behandschuhten Händen, die ich gerade dem Polizisten abgenommen habe.
Sie lächelt und steht auf. „Ich wusste, du würdest kommen", flüstert sie und strahlt mich an.
Ich erkenne die Liebe in ihren Augen und erinnere mich an unser letztes Mal, wie wir aneinander gekuschelt lagen, die Zeit war uns egal gewesen, wir hatten bestimmt über eine Stunde bewegungslos verharrt, uns angeschaut, uns aneinander geschmiegt.
Sie ist hübsch, das muss ich zugeben, aber einfach zu naiv und leichtgläubig. Ich schließe die Zellentür auf und sie fällt mir direkt um den Hals.
Ich küsse sie lange und intensiv und lasse mir alle Zeit der Welt, dass Messer unter meinem Pullover, welches in meiner Jeans steckte, hervorzuziehen. Sie hat die Augen geschlossen, ein fataler Fehler. Ich höre auf sie zu küssen und streiche mit meiner linken Hand eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.
Sie grinst und küsst mich erneut, ich achte auf ihre offenen Augen, die sich plötzlich weiten, als ich ihr eiskalt das Messer in den Rücken stoße, hinunterziehe und es durch das warme Fleisch gleiten lasse. Sie sackt langsam zu Boden, ich fange sie auf und lege sie hin.
„Warum?", flüstert sie und das Blut verteilt sich auf dem kalten Steinboden.
„Ich kann keine Risikos eingehen", erkläre ich sachlich, aber freundlich. Ich streiche erneut ihre Haare aus dem Gesicht, sie ist wahrhaftig bildhübsch, aber einfach nicht mein Typ.
„Ich liebe dich", sagt sie und ich erkenne den Schmerz in ihren Augen.
„Ich weiß. Und du warst mir eine loyale Schülerin. Aber du bist Jane zu nahe gekommen. Jane ist für mich. Du durftest ihn verführen, aber nur, um ihn aufzulösen. Um ihn bereit zu machen", für eine längere Beziehung, denke ich mir.
Sie starrt mich mit ihren wunderschönen Augen an, die erstarren und der Lebensfunke erlischt. Ihr Blick wird starr und ich schaue mich um. Ich streife das Messer an ihrer Kleidung ab und zügig verlasse ich das Gebäude.
Diesmal bin ich nicht blutverschmiert, meine Tochter leitet mich durch die Räume. Erst als ich wieder im Auto auf dem Weg nach Hause sitze, genieße ich meine letzte Tat.

Es ist später Abend und ich bin wirklich überrascht, als ich auf meinem Computerbildschirm sehe, dass Jane sein Haus verlässt. Sofort aktiviere ich den Peilsender und werde noch erstaunter, da Jane sich in einer Kneipe in der Innenstadt niederzulassen scheint.
Der Tod von Lorelei hat ihn sehr mitgenommen, obwohl sie für mich gearbeitet und Jane ihr das wohl nie verziehen hat, hatten sie doch eine wundervolle Nacht miteinander verbracht und er bestimmt auch Gefühle für sie entwickelt.
Aber es ist Freitagabend, meine Tochter ist auf einer Party bei Freunden und wird wohl nicht vor vier Uhr morgen früh nach Hause kommen. Warum sollte ich dann nicht auch etwas Spaß haben? Ich schminke mich nicht viel, ziehe auch nicht die nuttigsten Klamotten an, die ich sonst trage, sondern bin einfach nur eine einsame Frau, auf der Suche nach etwas Unterhaltung diese Nacht.
Ich hoffe, Jane wird nicht misstrauisch, ich sehe zum Glück etwas älter aus, als ich wirklich bin. Ich schaue in den Spiegel und mich lächelt eine siebenundzwanzig jährige Frau an. Ich streichele meinen Bauch und erinner mich daran, wie ich mit zehn Jahren von Zuhause weggelaufen bin, weil mein Mann mich geschwängert hatte.
Er war schon immer brutal gewesen, hatte mich damals entführt, aber nach drei Monaten habe ich ihn dann wiedergefunden und als er sah, dass ich ein Kind von ihm in mir trug, hatte er mich aufgenommen. Wir lebten zusammen, er war nur acht Jahre älter gewesen als ich und wir starteten ein neues Leben.
Trotz der Geburt unseres Kindes und meiner Arbeit als „Kellnerin" nachts, schaffte ich es irgendwie, meine Schule zu beenden. Fünf Jahre nach Valentina's Geburt kehrte ich in meine Heimatstadt im Norden Mexikos zurück und brachte meine Eltern um, der Mord meiner Mutter war der erste Red John Mord, den ich alleine beging.
Als mein Mann, er war zwar gewalttätig und ich glaube, ich habe ihn nie wirklich geliebt, gesehen hatte, dass ich durch meinen Abschluss eine Chance auf ein Studium hatte, willigte er ein und ich wurde wegen ihm zur Forensikerin, falls doch mal Spuren am Tatort auftauchten, bestand die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Beweise zugeschickt kam und dass ich behaupten konnte, ich hätte sie verunreinigt und dann genügend Zeit, um sie auszutauschen.
Es war ein perfekter Plan gewesen und auch der Tod meines Mannes, wir heirateten an Valentinas zehntem Geburtstag, änderte nichts daran.
Ich hinterlege meiner Tochter einen Zettel und verlasse das Haus erneut. Ich komme um halb elf in der Bar an und sehe Jane wie ein nasser Sack am Tresen hocken. Er starrt in ein Glas mit, so schätze ich mal, Whiskey und ich möchte gar nicht erst raten, das wie vielte es bereits ist.
Ich habe etwas Mitleid mit ihm und im Spiegel an der Wand erkenne ich die Rötungen um seine Augen. Ich nähere mich von hinten und frage ganz unschuldig:
„Ist hier noch frei?"
Er nickt und ich setze mich. Ich bestelle ein Bier und drehe mich zu ihm um. „Sie sehen aus, als hätten sie wirklich eine schlimme Woche hinter sich", bemerke ich und lächele ihn an.
Er nickt und trinkt sein Glas aus, nickt zum Barkeeper. Er bringt Whiskey und das Bier. „Eine gute Freundin von mir ist gestorben…"
„Das tut mir Leid…es ist nicht nur das, habe ich recht?"
„Ich möchte sie da nicht mit reinziehen. Es ist viel zu kompliziert und…deprimierend", er nimmt einen kräftigen Schluck.
„Erzählen sie. Ich bin eine geduldige Zuhörerin."
„Wie alt sind sie?"
„Siebenundzwanzig."
„Dann sollten sie ihre Gedanken nicht mit so etwas verschwenden. Sind sie frisch getrennt?"
Ich schaue ihn erstaunt an, gespielt erstaunt natürlich.
„Ihre rechte Hand. Sie trugen bis vor kurzem noch einen Ring."
„Ich habe ihn erst vor ein paar Tagen abgetan…Mein Mann wurde vor ein paar Monaten ermordet."
„Das tut mir leid."
Ich schüttele meinen Kopf: „Wir hatten vorgehabt, uns zu trennen. Das war ein ziemlich schwieriger Fall, weil wir uns nicht mehr verstanden haben."
„Sie wurden des Mordes beschuldigt?"
Ich nicke.
„Und, haben sie dazu beigetragen?"
Ich lache. „Nein, leider nicht, muss ich zugeben. Was ist mit ihnen?" Meine Miene wird ernst. „Sie tragen einen Ring, aber sie scheinen nicht mehr verheiratet zu sein. Was ist passiert?"
Ich frage mich selbst, warum ich so einfühlsam bin. Liegt es an seinen wunderschönen, hellbraunen Augen, an seinem charmantem Lächeln oder an seiner goldenen, wuscheligen Mähne? Ich bin so faszinierend von ihm, ich könnte so in dem Ozean seiner Ausstrahlung dahin schmelzen.
Er seufzt und fängt an, mir seine Geschichte von Anfang an zu erzählen. Langsam schießen ihm die Tränen in die Augen, er möchte sie abwischen, doch ich halte ihn davon ab.
„Lassen sie ihren Gefühlen freien Lauf. Sollen wir an einen ruhigeren Ort gehen?", schlage ich vor und er stimmt zu.
Und bitte schreibt mir Reviews!